(67) „Krass“, meinte Claudia.

„Krass“, meinte Claudia. „Naja, warum sollte der alte Herr anders sein“, warf Jacqueline ein. „Aber das war richtig gemein von euch. Ihr seid Schweine.“ Stefan und Oliver feixten. Stefan nahm einen Schluck aus der Flasche. „Unser Vater hatte es bestimmt auch nicht leicht, bei unseren Großeltern.“ – „Bestimmt nicht, und das hat er an uns weiter gegeben. Ich glaube nicht, dass wir etwas gemacht haben, das er zu seiner Zeit nicht auch gemacht hätte“, fügte Stefan hinzu.

„Wie sind denn eure Großeltern?“, fragte Jacqueline. „Härtegrad Elf“, erwiderte Stefan. Oliver nickte.

Josef und Maria Rehberg lebten streng nach der Bibel und hatten die Furcht vor Gott zum Leitmotiv ihres Daseins auserkoren. So hatten sie ihre Kinder erzogen und, wenn sie Gelegenheit dazu hatten, auch ihre Enkel. Werner Rehberg hatte seine Eltern mit der Zeit nur noch sporadisch besucht. Er war zwar erwachsen, hatte ein erfolgreiches Leben und wurde von vielen Menschen respektiert, allein seine Eltern sahen in ihm nur einen armen Sünder, der den Weg zu Gott verloren hatte.

„Sie waren Fundamentalisten, bevor es den Ausdruck gab“, klagte Stefan. „Schon als Kinder wollten wir nicht mehr hin, es war stinklangweilig und manchmal einfach unerträglich.“ – „Ein Spruch kam ständig wieder: ‚Ach Gott, wolltest du doch die Gottlosen töten!'“ – „Oh ja“, pflichtete Stefan bei, „Psalm 139. Der Klassiker.“

„Irgendwann, als sie nicht mehr so gut zu Fuß waren, haben sie sich einen Fernseher gekauft. In all den Jahren wurde er aber nur am Sonntagvormittag eingeschaltet, wenn die Übertragung der Messe lief.“

(68) „Sie hörten soeben die Übertragung der Heiligen Messe…“

„Sie hörten soeben die Übertragung der Heiligen Messe…“ Der Fernsehmoderator sagte noch seinen Abspann auf, als Pfarrer Gondorf schon in der Sakristei seine Stola abnahm. Trotz der Fernsehübertragung waren nicht übermäßig viele Gläubige in seine Kirche gekommen. Er würde sich vor dem Bischof verantworten müssen. Er konnte ihn schon jetzt hören. Dabei hatte er in allen Schulklassen für eine zahlreiche Teilnahme geworben.

Der Messdiener kam ihm in die Sakristei nach und richtete ihm aus, dass eine Familie ihn noch vor der Kirche zu sprechen wünschte. Gondorf seufzte. Das bedeutete nichts Gutes, dafür hatte er ein Gespür. Es war außerhalb der Norm und das verhieß Ärger, sinnloser Mehraufwand oder beides gleichzeitig. Er gab dem Messdiener die Kasel zum Weglegen und ging im Anzug, den er darunter trug, wieder zurück in die Kirche.

Ein paar Techniker rollten gerade die Kabel auf und nahmen die Scheinwerfer von den aufgestellten Gerüsten ab. Gondorf durchmaß die Kirche und trat hinaus ins Warme. Die Familie stand links vom Eingang und blickte ihm blinzelnd im Sonnenlicht entgegen. Down-Syndrom. Eines der Kinder hatte das Down-Syndrom. Das musste der Grund sein, dachte er sich. Besonderen Segen vielleicht. Die Familie kannte er vage, aber er hatte bisher noch nie direkt mit ihnen zu tun gehabt.

Es stellte sich heraus, dass die Eltern wollten, dass ihr behinderter Sohn Messdiener werde. Damit hatte Gondorf nicht gerechnet und er wusste nicht, wie er reagieren sollte. Schweigen, dachte er sich, ist auf jeden Fall die falsche Antwort. Er blickte der Mutter gerade in die Augen und sprach: „Ich bin ja so froh, dass Sie alle gemeinsam mit diesem Anliegen zu mir kommen. Was ist unsere Kirchengemeinde, wenn nicht eine größere Familie?“ Das Gesicht der Mutter entspannte sich, der Vater schaute noch skeptisch. „Bisher hatte ich ja leider nicht die Ehre, Sie besser kennen zu lernen. Und dies ist eine gute Gelegenheit dafür. Kann ich Sie an einem der nächsten Tage zu Hause besuchen? Dann können wir alles im Detail besprechen. Wie wäre es mit Mittwochabend, sagen wir 19 Uhr? Wäre Ihnen das recht? Hervorragend. Danke für Ihren Besuch. Ich wünsche Ihnen allen zusammen noch einen gesegneten Sonntag.“ Er drückte die Hand von Vater und Mutter und fuhr den Kindern mit der Hand wohlwollend über den Kopf, bevor er wieder in die Kirche zurückging.

(69) „Und hiermit übergebe ich unser schönes, neues Gemeindehaus…

„Und hiermit übergebe ich unser schönes, neues Gemeindehaus seiner Bestimmung“, endete Rainer Rossbach, der Bürgermeister, unter dem Applaus der Anwesenden. Pfarrer Gondorf hatte bereits vorher die Räume eingesegnet und jetzt durften alle Anwesenden sich den neuen Treffpunkt des gemeinschaftlichen Lebens ansehen.

Es gab Getränke und eine Brotzeit für alle, gegen Spenden für die Missionsarbeit in Südafrika, wie Schwester Anna-Franziska betont hatte. In dem Festzelt im Innenhof war ein Tisch für die Honoratioren reserviert. Nach und nach fanden sich dort der Pfarrer, der Bürgermeister, die Mutter Oberin, Mitglieder des Gemeinderates, der Leiter der Pfadfinder und ein paar Lehrer ein. Rossbach war sehr stolz auf das neue Haus, das in Rekordzeit errichtet worden war, gegen die Stimmen der Opposition. Auch jetzt gab es noch keine Übereinstimmung, aber die Herren der gegnerischen Partei waren natürlich auch zu der Einweihung gekommen und ließen sich verköstigen.

Rossbach hatte es auch den Nachbargemeinden wieder einmal gezeigt, denn keine andere Gemeinde hatte ein derart großes und beeindruckendes Gemeindehaus vorzuweisen. Er stand auf, um sich unter seine Wähler zu mischen. Am Honoratiorentisch gewinnt man keine Wahlen, war sein Motto. Nachdem er einen Schwung Hände gedrückt hatte, bemerkte er, dass ihm ein älterer, aber ungemein sportlicher Herr folgte. Er wandte sich ihm zu und erkundigte sich, wie es ihm ginge und ob ihm das schöne neue Gemeindehaus auch gefiele. Der alte Mann nickte und antwortete, es gefiele ihm sehr gut. Ob denn der Herr Bürgermeister an den nächsten Tagen einen Moment Zeit für ihn hätte, fügte er hinzu. Vorsichtig befragte ihn der Bürgermeister, worum es ginge. „Um eine Erbschaftsangelegenheit“, antwortete Edgar Leitner, „um meine eigene.“ – „Natürlich, mein lieber Herr“, sagte Rossbach, „ich stehe Ihnen zur Verfügung. Wo kann ich Sie finden?“

(70) „Ich hatte ein erfülltes Leben.“

„Ich hatte ein erfülltes Leben. Solange ich auf die Geschichte meiner Familie zurückblicken kann, hatten wir immer außergewöhnliches Glück gehabt und so kam eines zum anderen. Wir sind sehr wohlhabend“, erklärte Leitner. „Ich habe keinen Erben und möchte deshalb mit meinem Geld Gutes tun, wenn ich selbst einmal nicht mehr bin.“ Rossbach lehnte sich im Sessel nach vorn und sprach: „Lieber Herr Leitner. Ich denke, ich spreche im Namen aller Bürger unseres Städtchens. Wir sind alle sehr stolz auf Sie und würden uns außerordentlich geehrt fühlen, wenn wir dazu beitragen könnten, Ihren Namen zu bewahren.“ – „Das haben Sie sehr schön gesagt, Herr Bürgermeister. In der Tat geht es mir um den Namen meiner Familie. Ich habe mir etwas überlegt.“

Leitner erzählte, dass ein Großteil des Vermögens der Familie in den Kolonien entstanden war. Die Leitners waren aber sehr moderate Kolonialherren gewesen, keine Beteiligungen an Massakern, Sklavenhandel oder dergleichen. Handelsleute ja, Unmenschen nicht. Aus der Zeit gebe es eine Vielzahl von Artefakten, die teilweise katalogisiert, teilweise noch nicht, aber alle hervorragend konserviert seien. Zusammen mit einer erklecklichen Geldsumme wolle er diese Artefakte unschätzbaren Wertes der Gemeinde stiften. Der Bürgermeister wartete auf das Wort „Museum“ und kurz darauf fiel es auch. Ein Leitner-Museum solle es werden, ja warum denn nicht in diesem tollen neuen Gemeindehaus, das eigentlich doch etwas zu groß war für seine Zwecke, aber das würde sich noch ergeben. Der Bürgermeister bekräftigte noch einmal seine große Freude über die Möglichkeit, einen so erfolgreichen Sohn der Gemeinde zu ehren, wies gleichzeitig aber auch auf die bescheidenen Geldmittel der Stadt hin. Deshalb sei eine finanzielle Hilfe von großer Bedeutung. Er könne sich aber sehr gut vorstellen, im Gemeindehaus ein Leitner-Museum einzurichten.

Natürlich wäre es ihm lieber gewesen, die Erbschaft für die Gemeinde zu sichern, ohne die Einrichtung eines Museums zu versprechen. Aber so waren die Spielregeln. Man würde sehen.

(71) Als jungem Bürgermeister war Rossbach…

Als jungem Bürgermeister war Rossbach vor vielen Jahren ein grober Schnitzer unterlaufen. Es hatte ihn den Bürgermeisterposten gekostet, wenn auch nur für eine Legislaturperiode. Rossbach hatte damals eine Spende akquiriert, mit der ein Freibad gebaut werden konnte. Als Dank für die Spende hatte er im Gemeinderat durchgesetzt, dass die Anlage nach dem Vater des Spenders benannt werden sollte. Das Freibad wurde gebaut und eingeweiht. Am fünften Tag verunglückte der siebzehnjährige Sohn des Spenders tödlich auf der großen Wasserrutsche. Er war sehr fett gewesen und in der Halbröhre stecken geblieben. Um wieder in Schwung zu kommen, hatte er sich an den Streben über ihm hochgezogen. Leider war im gleichen Augenblick eine weitere Person die Rutsche heruntergekommen und hatte ihn angestoßen. Der Spendersohn blieb mit dem Hals zwischen zwei Streben hängen und erstickte, bevor man ihn befreien konnte. Zwar war er auch vollkommen betrunken gewesen, aber das interessierte später niemanden. Der Architekt der Rutsche wurde vom Spender zur Rechenschaft gezogen und der Bürgermeister auch. Die Gemeinde musste hohen Schadensersatz zahlen. Zudem fanden später viele Wähler, dass die Benennung des Freibads von schlechtem Geschmack zeugte und der Bürgermeister sich habe instrumentalisieren lassen. Die Vorwürfe waren einer abstruser als der andere.

Seitdem war Rossbach bei allen Schenkungen, Erbschaften und dergleichen sehr vorsichtig, vor allem wenn Bedingungen daran geknüpft waren.

„Wie verbleiben wir?“, fragte Edgar und stand auf. Der Bürgermeister erhob sich ebenfalls: „Wäre es Ihnen recht, wenn ich Ihnen einen Mitarbeiter schicke, der in kulturellen Dingen sehr bewandert ist? Er könnte sich die Artefakte einmal genau anschauen.“ – „Das scheint mir eine gute Vorgehensweise“, antwortete Edgar und verabschiedete den Bürgermeister an der Tür. Als er wieder allein war, grinste er in sich hinein. Er war gespannt, welche Klimmzüge die Gemeinde machen würde, wenn sie bemerkte, dass ein Teil der Artefakte die Geschichte der Schwulenbewegung in Deutschland seit 1945 reflektierte.

(72) Die Silikonbänder verhinderten, dass die halterlosen Strümpfe rutschten.

Die Silikonbänder verhinderten, dass die halterlosen Strümpfe rutschten. Edgar machte zur Probe ein paar Kniebeugen. Ja, sie hielten. Dann zog er die Inline-Skates an, setzte den Hut auf und betrachtete sich im Spiegel. Mit dem rosa Cowboyhut und den großen verspiegelten Brillengläsern würde man ihn nicht so schnell erkennen. Sonst trug er nur noch eine Fliege um den Hals und einen luftigen Minirock. Es war nicht seine erste Teilnahme am Christopher Street Day, allerdings sein erster ohne Unterwäsche. Die letzten Wochen hatte er sich im Sportstudio sehr bemüht, um seinem ohnehin straffen Körper den letzten Schliff zu geben.

Er öffnete die Tür und rollte in den Hauptraum der Kneipe zurück, wo er mit großem Hallo begrüßt wurde. Einige fühlten nach, wie es denn unterwäschetechnisch bei ihm aussah. Er ließ es geschehen und genoss es.

Später skatete er im Tross des Umzugs durch die Straßen. Wenn er schnell wendete, flog sein Minirock etwas hoch und am Gesichtsausdruck der Zuschauer konnte er erkennen, ob sie etwas gesehen hatten.

Er fühlte sich glücklich. Alles in seinem Leben hatte sich früher oder später zum Besten gewendet. Das Familienvermögen, die Ehe mit Rita, ihre zugegebenermaßen teure Übereinkunft… Es gab nichts, was er hätte ändern wollen. Außer seiner eigenen Sterblichkeit. Aber wer hatte diesen Wermutstropfen nicht in seinem Glas?

Er hatte sich Gedanken über sein Ableben und sein Erbe gemacht. Natürlich würde er dafür sorgen, dass Rita noch viele Jahre ihre Shopping-Expeditionen durchführen konnte. Für den Rest seines Vermögens suchte er noch nach Möglichkeiten, wie er etwas Bleibendes und gleichzeitig Sinnvolles hinterlassen konnte. Er hatte sich bereits viele Alternativen überlegt, war aber bisher stets zu der Erkenntnis gelangt, dass nichts wirklich bleibend war. Gerade wenn etwas nützlich war, wurde es schnell verbessert, überholt und geriet in Vergessenheit. Genau wie sein Auftritt bei der Parade. Für ihn würde es auf ewig ein Lebenshighlight bleiben, aber alle anderen würden es in Kürze vergessen haben.

(73) Jonathan las den Text noch einmal, den er eben geschrieben hatte.

Jonathan las den Text noch einmal, den er eben geschrieben hatte.

‚Die drei alten Männer saßen im Schatten der Bäume, abseits des großen Treibens, und spielten Schach, wie an jedem Nachmittag. Jedes Jahr brachte einer von ihnen die Frage auf, ob man es am Tag der Schwulenparade nicht besser lassen sollte. Der Fragesteller war nicht jedes Mal derselbe und es gab auch kein System dafür, wer die Frage stellte. Auf jeden Fall antworteten die jeweils anderen, dass man natürlich Schach spielen würde, auch an dem Tag. Und so kam es, dass sie auch an diesem Tag an einem kleinen runden Betontisch saßen, auf dem ein Schachspiel aufgestellt war. Jeder brachte seinen eigenen Klappstuhl mit. Zwei von ihnen hatten einen roten Klappstuhl, einer einen blauen. Das Schachspiel hingegen benutzten sie schon so lange, dass es nicht mehr klar war, wem es gehörte. An jedem Tag nahm es ein anderer mit zum Aufbewahren. Manchmal nahm derselbe Spieler das Schachspiel an zwei aufeinanderfolgenden Tagen mit nach Hause. Aber auch darin war keine Systematik zu erkennen. Sie saßen in Drittelstellung um den Tisch herum und wenn die Spieler wechselten, wurde nur das Spiel etwas gedreht. Zwei von ihnen spielten jeweils und einer schaute zu. Jeder Spieler saß an seinem Platz und kehrte am nächsten Tag auch wieder an diesen Platz zurück. Für einen flüchtigen Passanten sah es wie vom Zufall geordnet aus, wie die drei Männer an ihrem schmucklosen Betontisch saßen. Vielleicht war es anfangs auch Zufall gewesen, der sich aber über die Jahre so oft wiederholt hatte, dass ihre Handlungen zu einem festen Ritual geworden waren.

Der Mann, der gerade am Zug war, schob seinen Strohhut in den Nacken. Er trug jeden Tag einen Strohhut. Sein Gegenspieler trug wie üblich eine Schiebermütze und der Zuschauer war barhäuptig. Dafür war er der einzige der drei, der rauchte.‘

(74) Jonathan sicherte und schloss die Datei.

Jonathan sicherte und schloss die Datei. Es reichte für heute. Jetzt wollte er sich amüsieren. Ein paar Tausend seiner Gehirnzellen hatten ihren Lebenswillen verloren und warteten nur darauf, einen Abgang zu machen. Er klappte den Laptop zu. Am liebsten schrieb er nur mit einer Unterhose bekleidet. Er roch, zuerst unter seiner rechten, dann seiner linken Achsel, dann an dem T-Shirt, das er sich überzog. Das T-Shirt trug das Logo der Rolling Stones. „Warum nicht“, hätte Jonathan auf Anfrage geantwortet, „solange ich mir die Musik nicht anhören muss.“ Er stieg in seine Skinny Jeans und zog den Gürtel mit den Pyramidennieten fest. Dann verließ er die Wohnung, eierte auf seinen ausgelatschten Chuckies die Treppe hinunter und stand schließlich auf dem kleinen Platz mit den Bäumen und dem mittlerweile verwaisten Betontisch. Er tat, als ob sich überlegte, wohin er gehen wollte. Aber die Wahl war natürlich schon längst gefallen, weil er jeden Abend im ‚Two Step Posse‘ abhing.

Keiner wusste, warum das ‚Two Step Posse‘ ‚Two Step Posse‘ hieß. Als man auf die Kneipe aufmerksam geworden war, hieß sie bereits so und vorher hatte es niemand bemerkt. „Posse ex machina“, nannte Jonathan die Kneipe. ‚Posse‘ klang bei ihm wie ‚Pussy‘, es war wahrscheinlich gewollt.

Als er zur Tür hereinkam, stürzten sich gleich seine zwei Groupies auf ihn, Letty und Betty. Letty, eine zierliche, beidarmig tätowierte blondierte Japanerin, heute in tigergemusterten Satinbelltops mit gematchtem Muskelshirt. Betty, ein spitznasiges Gothgirl mit einladendem Hintern und vollem Kussmund. Er hatte beide vor ein paar Tagen kennen gelernt und irgendwie waren die beiden an ihm kleben geblieben. Jonathan legte seine Arme um die beiden, pflückte seine Zigarette aus dem Mund, atmete den Rauch aus, um ihn gleich wieder durch die Nase zu inhalieren. Sein T-Shirt rutschte hoch und Betty spielte an den Haaren, die von seinem Nabel südwärts wuchsen. „Ey, was geht’n hier?“, nuschelte Jonathan. Letty antwortete: „Ey, hier geht doch nichts.“ Betty lachte und schob ihre Finger eine Etage tiefer.

(75) Sie pflanzten sich auf eines der Sofas

Sie pflanzten sich auf eines der Sofas, die nach unten durchhingen und scheinbar nur noch aus kompostierten Kissen bestanden. Ein Beamer warf Skateboard-Videos an die Wand gegenüber und auf die Typen, die davor standen, sich aber von den Bildern nicht beeindrucken ließen. Der Kleidung nach zu urteilen waren die Skateboarder aus einer anderen Zeit. Jonathan blieb an den Stunts hängen. Bewegte Bilder forderten seine ganze Aufmerksamkeit. Ein Skater nahm Anlauf und fuhr mit seinem Board eine abschüssige Straße hinunter, auf einen Sportwagen zu, der quer über die Straße geparkt war. Kurz davor sprang er ab, über den Wagen. Das Skateboard fuhr unter dem Wagen durch. Auf der anderen Seite landete der Skater wieder darauf und fuhr weiter. Fade to Black, dann nochmal das Ganze in Zeitlupe. Anschließend ein Bündel von 360°-Drehungen, die sehr clever ineinander geschnitten waren. Jonathan hatte Lust, mal etwas über Skateboarder zu schreiben. Sein letztes Stück über die Schachheinis war lahm. Er hatte über sie geschrieben, weil er sie jeden Tag sehen konnte, wenn er auf der Suche nach Inspiration aus dem Fenster schaute. Irgendwie war es auch egal. Zu Ende gedacht, war alles langweilig.

Betty war von einem Ghetto-Touri angequatscht worden. Er sagte ihr, dass der Mann neben ihr (also Jonathan) ihm irgendwie bekannt vorkam. Wer das denn sei? Betty lächelte nur blöd zurück und kuschelte sich wieder an Jonathan. Letty brachte noch Biere, die sie auf seine Rechnung gekauft hatte. „Im Ernst“, der Touri machte noch einen Anlauf, „wer ist das?“ Betty drehte sich zu Jonathan: „Wer bist du? Der Typ hier will wissen, wer du bist. Und ich will es verdammt noch mal auch wissen.“ Jonathan wandte sich kurz weg von den flimmernden Bildern zu dem Touri. „Bist du von der Polizei?“, fragte er zurück. Der Banker schüttelte den Kopf. „Dann is‘ ja gut“, entgegnete Jonathan. „Wenn du willst, kannst du mitkommen, wir gehen gleich noch mal woanders hin. Hier geht heute nix mehr.“ Anton, der Banker und Teilzeit-Ghetto-Tourist, sagte nur: „OK, gute Sache.“

(76) „Los, besorg‘ uns mal ein Taxi“

„Los, besorg‘ uns mal ein Taxi“, befahl Jonathan und Anton machte sich auf die Suche. Jonathan gluckste und flüsterte halbleise zu Betty und Letty, „jede Wette, das ist ein Banker.“ Anton kam mit dem Taxi an. Jonathan nannte dem Fahrer eine Adresse in den südlichen Vororten („Magnolienstraße 173“) und dann fuhren die vier los. Anton auf dem Beifahrersitz, Jonathan hinten in der Mitte, Betty links und Letty rechts.

Sie fuhren zu einem Haus, das in der folgenden Woche abgerissen werden sollte. Heute fand darin die letzte Party statt. Wenn Abriss, dann wenigstens aus gutem Grund, war das Motto des Abends. Es gab auch ein Thema: ‚Hemd oder Hose‘. Jeder Teilnehmer musste sich entscheiden, ob er lieber mit nacktem Oberkörper oder ohne Hose hinein wollte. Das galt aber nur für Männer, Frauen durften auch so hinein. Jonathan hatte seine Hose ausgezogen, seine zerrissenen Y-Briefs behielt er an. Anton hatte unter den spöttischen Blicken von Jonathan und den Mädels etwas gezögert. Dann legte er kurz entschlossen seinen speckig-weißen Oberkörper frei. Betty biss ihm in die Brust und er jaulte auf. Im Orbit seiner Brustwarze erkannte er den Abdruck ihrer Zähne.

Die Musik war ok, vor allem war sie zum Schneiden laut. Frauentechnisch war wenig los, es waren hauptsächlich Slummer unterwegs. Dafür gab es Alkohol in Mengen und in allen Varianten. Jonathan schnappte sich eine Flasche Gin, trank einen Schluck und bedeutete Anton, den Kopf mit offenem Mund nach hinten zu lehnen. Mit einem schmutzigen Finger am Flaschenhals dosierte er die Ginabgabe in Antons Mund. Anton verschluckte sich und musste husten.

Alle lagen herum auf Matratzen und Decken. Die Tapeten rollten sich in den meisten Räumen von den Wänden. In der holzgetäfelten Küche hatten ein paar Idioten mit dem Abbruch angefangen und rissen die Bretter von den Wänden. Einer hatte sich einen Nagel in den Fuß gejagt, saß auf der Erde und schüttete Wodka auf die blutende Wunde. Ein Ledermantelträger mit gepiercten Nippeln verkündete, dass hier nichts mehr gehe. Er fahre zurück zur Bar der Herzen. Betty und Letty hakten sich bei ihm ein, denn er hatte ein Auto und schien noch fahrtüchtig zu sein. Jonathan schickten sie Luftküsse durch den Raum, aber der saß in der Ecke und rauchte stoisch seine Kippe weg, Anton erwartungsvoll an seiner Seite. „Wie heißt du eigentlich, du Banker?“, fragte Jonathan eine halbe Flasche Gin später. „Anton“, lallte Anton. „Bescheuerter Name, ich nenn dich An…thrax“, nuschelte Jonathan zurück und pennte ein. Als er aufwachte, merkte er, dass Anton neben ihm lag und schlief, sein Kopf lag auf Jonathans Oberschenkel. Er weckte Anton mit einem derben Wisch der Hand über den Kopf. „Hey“, muckte Anton auf. „Verzieh dich von meinem Knie.“ Anton erkannte die Lage und ruckte hoch. Es schien leerer als vorhin, vielleicht auch, weil die meisten Slummer in der Horizontalen waren. Die Musik war immer noch gleich laut. Durch die Beatpausen flogen fetzenartig Geräusche einer Auseinandersetzung am Eingang herüber.