(47) „Ich habe über deine Darbietung…

„Ich habe über deine Darbietung in der U-Bahn gelesen. Verdient man damit eigentlich Geld?“, erkundigte sich Buttface. Buttface hieß eigentlich Jasper, aber Michael hatte ihn Buttface genannt, als er bereits Englisch sprach und Jasper noch nicht. „Es war eine Performance“, antwortete Michael, „und ja, man verdient damit Geld.“

Die beiden Halbbrüder sahen sich selten. Aber auch das schien noch zu oft. In Interviews gab Michael an, als Einzelkind aufgewachsen zu sein, was auch der Wirklichkeit entsprach. Michaels Vater hatte Jaspers Mutter geschwängert und sich danach nur sporadisch um seinen zweiten Sohn gekümmert.

Jasper war bei seiner Mutter aufgewachsen, hatte einen vernünftigen Beruf erlernt (Perückenmacher) und eine Frisörin namens Greta geheiratet. Michael fand, dass Jaspers Leben ein einziges Klischee war. Er wohnte am gleichen Ort, an dem er gezeugt, geboren und zur Schule gegangen war. Greta kannte er aus seiner Ausbildung und die beiden hatten sich sofort füreinander bestimmt gefühlt. Nach der Hochzeit hatte Greta aufgehört zu arbeiten, denn so war es üblich in der Kleinstadt, in der sie lebten. Jaspers Tage waren organisiert. Mittwoch im Schützenverein, Donnerstag Gemeinderatssitzung. Greta war im Komitee der katholischen Landfrauen und aktiv bei anderen mildtätigen Vereinen. Alle respektierten die beiden. Sie hatten zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, Geige und Klavier, Fußball und Ballett. Jedes Jahr ein Mal Sommer- und ein Mal Winterurlaub.

Michaels Leben hingegen war Chaos und Mangelwirtschaft. Er hatte schon seit Jahren das Gefühl, stets nur dieselben Ideen zu recyceln. Er war Performance-Künstler geworden, weil er nicht das Talent hatte, etwas Kreatives mit seinen Händen anzufangen. Die Rezensionen seiner Werke durch Kritiker blieben ihm rätselhaft, aber er nahm sie als Ausgangspunkt, um neue Performances aus ihnen abzuleiten. Wenn ein Kritiker schrieb, dass es ‚polymorph-soziopathische Zugänge‘ zu seinem Werk gab, dann würde Michael in seiner nächsten Performance versuchen, diese Zugänge, oder was er darunter verstand, umzusetzen. Er selbst führte das, was er tat, nur fort, weil ihm die Fantasie ausgegangen war, etwas anderes zu tun.

Das Gekabbel mit seinem Halbbruder war so etwas wie die letzte Scholle Heimat, die ihm geblieben war.

(48) Jasper starrte auf den Monatsbericht…

Jasper starrte auf den Monatsbericht, den ihm seine Buchhalterin auf den Schreibtisch gelegt hatte. Die billigen Asienimporte würden ihn noch umbringen. Wieder ein Kunde, der seine Bestellungen eingestellt hatte, weil er günstigere Perücken aus Fernost beziehen konnte. Zwar kein großer Kunde, aber ein weiterer Beweis, dass sich der Trend verstärkte. Bei seinen wichtigsten Kunden konnte Jasper den Preisnachteil noch durch besondere Anstrengungen bei Entwicklung und Service wettmachen. Bei Standardware musste er passen und auf den Umsatz verzichten. Leider, denn dadurch drückten ihn die Fixkosten und er musste in anderen Segmenten wachsen. Hinzu kamen die ständig steigenden Lohnkosten, die sich in der Abrechnung immer weiter ausbreiteten. Kein Vergleich zu dem, was er bei der Unternehmensgründung vorgefunden hatte. Von einem einfachen Zweithaar-Salon hatte er den Sprung in die industrielle Fertigung geschafft und beschäftigte jetzt 127 Mitarbeiter. Wahrscheinlich würde er sich verkleinern müssen und künftig verstärkt auf Vertrieb statt auf Produktion setzen. Die Margen würden sinken, der Druck auf Vertriebserfolge nochmals steigen und er würde Mitarbeiter entlassen müssen. Im Hinblick auf die kommenden Verhandlungen mit chinesischen Produzenten hatte Jasper bereits vor sechs Monaten Tommy Li, einen beflissenen chinesischstämmigen Studienabgänger, als Assistenten eingestellt.

Jasper fuhr mit dem Finger unter seine Perücke und kratzte sich am Kopf. Anfangs war es ein Jux gewesen, um einem Kunden zu beweisen, dass Jasper seine Perücken für das Beste hielt, das es auf dem Markt gab. Er hatte sich sein volles Haar von Greta wegscheren lassen und zu einem wichtigen Termin sein eigenes Spitzenmodell getragen. Das war zu seinem Markenzeichen geworden und er konnte es sich nicht mehr leisten, seine Haare wachsen zu lassen. Bei Verkaufsgesprächen führt er manchmal die Perücken für seine Kunden selbst vor. Greta war anfangs wenig begeistert gewesen, hatte dann aber einen erotischen Kick in seiner Glatze gefunden und wollte seitdem nur noch mit ihm schlafen, wenn er seine Perücke abgenommen hatte.

(49) Tommy Li war verwirrt.

Tommy Li war verwirrt. Die nette Sekretärin aus dem Vertrieb hatte ihn zu ihrer Geburtstagsfeier nach der Arbeit eingeladen, und er hatte gern zugesagt. Bisher hatten seine Kontakte mit den Kollegen nur aus rein geschäftlichen Begegnungen bestanden. Außerhalb des Unternehmens hatte er bisher gar keine Freundschaften geschlossen. Es war einfacher gewesen, den Abend in einem virtuellen Chatroom mit Chinesen aus Shanghai zu verbringen, als einen Menschen aus Fleisch und Blut zu treffen. Jetzt war er aber verwirrt, weil er nicht genau wusste, in welcher Kneipe die Feier stattfinden sollte. Leider hatte er auch keine Handynummer, unter der er nachfragen konnte.

Die Bürgerschänke schien ihm naheliegend, denn sie war nicht weit von der Firma entfernt und er kam öfter daran vorbei. Er drückte die Tür auf. Warme, feuchtgemütliche Luft empfing ihn. Das Licht war gedämpft, alle Tische schienen besetzt. Zögernd betrat er das Lokal und versuchte, sich zu orientieren. Kneipen waren nicht seine Welt. Nicht in China und hier schon gar nicht. Eine Kellnerin steuerte auf ihn zu: „Suchen Sie jemanden?“ – „Ja“, meinte er, „die Geburtstagsfeier…“ – „Gehen Sie nach hinten durch, da finden Sie Ihre Kollegen.“ Erleichtert folgte Tommy dem Fingerzeig der Kellnerin und gelangte in ein Hinterzimmer, wo ein Dutzend Männer und Frauen bei Bier und anderen Getränken saßen. „Hallo“, rief er freundlich und klopfte auf den Tisch, wie er es mal gesehen hatte. Die anderen begrüßten ihn und machten ihm einen Platz frei.

Sein Nachbar stellte sich vor, es war Rolf Happel aus der Buchhaltung. Er befragte Tommy, wie es ihm in der fremden Stadt ginge, ob er zurechtkäme, schon Freundschaften geschlossen habe, verheiratet sei, usw. Tommy antwortete bereitwillig und stieß jedes Mal mit den anderen an, wenn es erforderlich war. Die ganze Zeit über versuchte er vergeblich, die Kollegin ausfindig zu machen, die ihn zu ihrem Geburtstag eingeladen hatte. Er wollte ihr noch einmal gratulieren und ihr sein Geschenk, eine CD, überreichen. Plötzlich trat ein weiterer Chinese in den Raum und sah ebenfalls etwas verwirrt aus. Es stellte sich heraus, dass Tommy Li bei der falschen Geburtstagsfeier gelandet war, bei der aber auch ein chinesischer Kollege erwartet worden war. Tommy konnte sich europäische Gesichter nur schwer merken und es ging den Europäern wohl nicht anders mit chinesischen.

(50) „Für mich sah er genauso aus wie unser Chinese“…

„Für mich sah er genauso aus wie unser Chinese“, erzählte Rolf seiner Frau Andrea am nächsten Morgen beim Frühstück. Gemeinsames Frühstück war für Rolf ein sehr wichtiges Ritual. Andrea hätte eigentlich noch gern weiter geschlafen, denn Hunger hatte sie so früh am Morgen nie und sie brauchte nicht zur Arbeit zu gehen. Sie hätte sehr gerne gearbeitet, aber Rolf war dagegen.

Bei vielen Fragen hatte Rolf fertige Antworten parat und war selten bereit, seine Meinung zu ändern. Sollten Ehefrauen arbeiten? Nein. War es erforderlich, gemeinsam zu frühstücken? Unbedingt. Sollte ein Arbeitstag eine genau bemessene Dauer haben? Natürlich. Sie sah ihm zu, wie er in sein Marmeladenbrot biss. Es würde sie nicht verwundern, wenn Rolf für alle Lebensfälle detaillierte Checklisten angelegt hätte.

Rolf und Andrea hatten sich in der Schule kennen gelernt. Er war in der Klasse recht unbeliebt gewesen, als Kriecher und Petze verschrien. Während der Ausbildung hatten sie sich aus den Augen verloren, durch Zufall wiedergetroffen und dann hatte ihr Rolf sehr konsequent den Hof gemacht. Am Ende hatte sie ihn geheiratet. Sie bauten ein Haus und je länger sie zusammen waren, desto stärker langweilte sich Andrea. Sobald Rolf zur Arbeit gefahren war, würde sie sich wieder ins Bett legen. Damit wäre wenigstens ein Teil des Vormittags vorbei. Für den Nachmittag würde sie sehen. Sie stellte sich vor, dass ein Anruf sie nachher aus dem Schlaf reißen würde. Ihr Mann sei bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen. Ein Ordner auf den Kopf gefallen? Sich einen spitzen Bleistift in den Finger gerammt und an akuter Blutvergiftung umgekommen? Nein, Arbeitsunfall war kaum denkbar. Verkehrsunfall auf dem Arbeitsweg, das war wahrscheinlicher. Sie lächelte versonnen. Rolf merkte es und lächelte zurück. Sie hörte auf zu lächeln.

Er stand endlich auf, nahm seine Butterbrote, küsste sie auf die Stirn und weg war er. Nachdem sie gehört hatte, dass der Wagen rückwärts aus der Auffahrt gefahren war, kehrte sie ins Schlafzimmer zurück und legte sich ins Bett. Betäubt von ihrer Langeweile schlief sie bald wieder ein.

(51) Sie befand sich in einem Park…

Sie befand sich in einem Park, mitten in einer Stadt. Jetzt konnte sie erkennen, es war London. Sie war vor langer Zeit mit ihrer Schulklasse dort gewesen. Der Park in ihrem Traum sah aus wie der Hyde Park. Sie war allein. Als sie sich umschaute, merkte sie, dass kein anderer Mensch in der Nähe war, soweit sie auch blicken konnte. Es waren auch keine Autos unterwegs, dabei hatten sie diese Ecke als sehr verkehrsreich in Erinnerung. Die Baumwipfel waren in grauweiße Wolken gehüllt. Aus der Tiefe des Parks rollten weitere Nebelschwaden auf sie zu. Es fröstelte sie.

Plötzlich merkte sie, dass sie doch nicht allein war. Auf einer Holzkiste stand Rolf. Er hatte graue Haare, sein Schnurrbart hatte sich altmännerhaft gelichtet und seine Haut war faltig geworden. Es war eine gealterte, dünnere Fassung von Rolf auf der Kiste. Um den Hals trug er ein Schild mit der Aufschrift: ‚Jetzt oder nie. Hören Sie mir zu. Ich bin sehr schlau, ich weiß alles.‘ Rolf beobachtete sie vorwurfsvoll. Sie stellte sich vor ihn und schaute ihm in die Augen. Dann hob sie die Arme und schubste ihn hinterrücks von der Kiste. Als er aus dem Gleichgewicht geriet, fing er an, mit den Armen zu rudern. Er versuchte, sie zu greifen, es gelang ihm aber nicht. Sein Fall geschah wie in Zeitlupe. Sein Mund öffnete und schloss sich, seine Augen waren angsterfüllt. Er kippte immer weiter nach hinten, lag waagerecht in der Luft und fiel auf die Erde. Durch den Aufprall zerschmetterte er in viele Einzelteile, wie die Tasse, die ihr gestern auf den Fliesenboden gefallen war. Sie hatte ihren Arm schützend vor ihr Gesicht gehoben und als sie ihn wieder herunternahm, war der Nebel weg. Sie hörte Geräusche, der Verkehr hatte eingesetzt. Sie erkannte Mütter mit ihren Kindern, andere Passanten und durch die Baumwipfel schien die Sonne in mildem Herbstgelb.

Sie wachte auf. Sogar in ihren Träumen ließ Rolf ihr keine Ruhe.

(52) Als der Anruf kam…

Als der Anruf kam, war Rolf Happel gerade dabei gewesen, den Lagebericht für den Jahresabschluss zu korrigieren. Dr. Jansen wollte ihn sofort sprechen. Das war ungewöhnlich. Happel nahm seine Kladde, die Mappe mit den letzten Unternehmensberichten sowie den Entwurf des aktuellen Jahresabschlusses. Bei unerwarteten Gesprächen mit Jansen war es besser, gegen alles gewappnet zu sein.

Dr. Jansens Sekretärin gab die Tür ins Allerheiligste mit einem Nicken frei. Happel klopfte, wartete einen Augenblick und trat ein. Dr. Jansen schrieb gerade etwas auf und schien ihn nicht zu bemerken. Happel räusperte sich dezent. „Setzen Sie sich, Herr Happel. Ich bin gleich bei Ihnen.“ Happel nahm Platz am Besprechungstisch und ordnete seine Unterlagen. Dr. Jansen schraubte seinen Füllfederhalter zu und blickte über seine randlose Halbbrille. Happel bemerkte eine kleine geplatzte rote Ader im gelblichen Weiß von Dr. Jansens rechtem Auge.

„Was haben Sie sich dabei gedacht, Herr Happel?“ Der Ton war schroff, es sollte schmerzen. Happel schluckte. „Was meinen Sie, Herr Dr. Jansen?“ Dr. Jansen schüttelte den Kopf und schaute einen Augenblick aus dem Fenster. „Sie haben sich vorgestern mit den Wirtschaftsprüfern getroffen, richtig?“ – „Ja, zur Besprechung des Jahresabschlusses.“ – „Dabei haben Sie ohne Not Umbuchungen vorgenommen, die mich, mich persönlich, eine halbe Million kosten werden, richtig?“ – „Wir hatten leider keine Wahl, Herr Dr. Jansen…“ – „Ich habe da anderes gehört. Die WPs wären durchaus bereit gewesen, eine andere Sicht der Dinge zu akzeptieren, aber Sie haben das nicht weiter verfolgt, richtig?“ – „Nun, die Steuergesetzgebung…“ – „…ist an dem Punkt flexibel. Jetzt hören Sie mal zu, Happel. Dass Ihr Beruf eine gewisse Genauigkeitsliebe voraussetzt, damit kann ich leben und begrüße es auch. Ihre persönlichen Vorlieben enden aber dort, wo mein Geld beginnt. Können Sie das nachvollziehen?“ – „Ja, natürlich, aber…“ – „Sie gehen jetzt zurück an Ihren Schreibtisch und betrachten diesen Jahresabschluss noch einmal mit meinen Augen. Ich will, dass Sie die erforderlichen Änderungen vornehmen. Die WPs erwarten Ihren Anruf mit Vorschlägen. Das war’s, danke.“ Happel stand verdattert auf, bündelte seine Unterlagen in beiden Händen und schlich zur Tür. „Happel, vergessen Sie nie, wer Ihren Gehaltscheck unterschreibt.“

Happel erkannte den Anflug eines schadenfrohen Lächelns auf den Lippen der Sekretärin und verließ die Geschäftsführungsetage rasch. Er mochte Dr. Jansen nicht und für seine Kollegen empfand er ebenfalls meistens Abneigung. Er fühlte sich von allen gegängelt und beklagte innerlich den Mangel an Respekt, der ihm entgegengebracht wurde. Er dachte an Andrea und sehnte den Moment herbei, an dem er sein Büro verlassen konnte, um zu ihr nach Haus zu fahren. Er seufzte.

(53) „Du bist jetzt 31, richtig?“

„Du bist jetzt 31, richtig?“ – „Vater, bitte nicht schon wieder.“ Monika Jansen hatte ihren Vater fünf Monate nicht gesehen und fand, dass er älter geworden war. Seine Augen waren unterlaufen und sahen müde aus, als er sie über die traurige Halbbrille ansah. „Ich bin froh, dich zu sehen. Für die Dreharbeiten bin ich noch zwei Wochen hier, es wäre schön, wenn wir uns öfters sehen könnten.“ – „Monika, du solltest Zuhause wohnen…“ – „Vater, das geht nicht, ich muss mit der Crew zusammenbleiben. Es ist meine erste große Chance beim Film und ich will es nicht mit dem Regisseur verderben, weil ich Extrawünsche habe.“ Ihr Vater dachte nach. Sie war sich sicher, dass er später die gleiche Frage noch einmal stellen würde. Er war ein Starrkopf und musste stets seinen Willen durchsetzen. Allerdings hatte sich ihre Hartnäckigkeit auch weiter entwickelt, seit sie auf eigenen Beinen stand. Sie wusste, dass sie ihm nicht nachgeben würde.

Der Hauptgang wurde serviert. Steak für ihn, Hähnchenbrust mit gedünstetem Gemüse für sie. Seit sie sich erinnern konnte, wählte ihr Vater dieses Restaurant, wenn er mit Geschäftspartnern, Freunden oder Familienmitgliedern essen wollte. Er hätte mittlerweile den Betrieb mehrfach kaufen können. Carlos, der Kellner hatte sie gleich erkannt und ihr gesagt, dass er sich freute, sie wieder zu sehen. Auch sonst schien die Zeit still gestanden zu sein. Die Kunden waren die gleichen, die Einrichtung auch und ebenso die Speisekarte.

„Wie geht es in der Firma?“, fragte sie. Sofort bedauerte sie die Frage, als er ausholte und über Mitarbeiter, Wettbewerber und Kunden sprach, als ob sie alle immer noch kennen müsste. Dazwischen ließ er anklingen, dass die Zukunft des Unternehmens nicht gesichert sei, was Monika aber geflissentlich überhörte. Beim Nachtisch erkundigte er sich, worum es bei dem Film ging, den sie gerade drehte. Ihrer Erklärung schien er nicht aufmerksam zu folgen. Als sie geendet hatte, wies er darauf hin, dass ihr Schlafzimmer vorbereitet sei und sie jederzeit dort einziehen könnte.

(54) Bei dem Film, in dem Monika spielte…

Bei dem Film, in dem Monika spielte, drehte sich anfangs alles um Wanja, den Azteken. Wanja war ein Freak, eine Jahrmarktsattraktion, der unter Mikrozephalie litt – sein Schädel war unnatürlich klein. Eine Herausforderung für den Maskenbildner und den Kameramann. Die Geschichte konzentrierte sich allerdings eher auf seinen Manager, Howard Maxwell, der Wanja durch halb Europa karrte und in Zirkusveranstaltungen zur Schau stellte.

Monika spielte Lola, eine von Maxwells Geliebten, der aber in der Geschichte eine Schüsselrolle zukam. So hatte es ihr zumindest der Regisseur verkauft. Sie war sich jetzt nicht mehr so sicher. Die Produktion war für sie eine Gelegenheit, ein größeres Publikum zu erreichen. Vorher hatte sie fast nur in Theaterproduktionen gespielt. Ihre Kritiken waren zwar durchweg sehr gut gewesen, aber am Theater gab es wenig Gelegenheit, bekannter zu werden.

Maxwell wurde gespielt von Horst Meinholt, einem bereits etablierten Filmschauspieler, der für entsprechende Resonanz beim Publikum sorgen sollte. Meinholts Name war auch der wesentliche Grund, warum sie Lola spielen wollte. In den bisherigen Szenen hatte Monika allerdings den Eindruck, dass man ihre Rolle beliebig hätte besetzen können, denn die Herausforderungen waren gering. In Szenen mit Wanja war sie chancenlos gegen dessen Exzentrik und perfekte Maske. In den Szenen mit Meinholt fühlte sie sich wie das Schönchen vom Dienst. Aber es war eine Gelegenheit für sie, ein zweites Standbein neben dem Theater aufzubauen.

(55) Monikas wichtigste Szenen entstanden…

Monikas wichtigste Szenen entstanden, als Wanja gestorben war und Maxwells ungeduldige Gläubiger ihm gefährlich auf die Pelle rückten. Er musste eine neue Einnahmequelle finden. Lola war zu diesem Zeitpunkt seine Geliebte. Sie inspirierte Maxwell zu einer Idee für eine neue Attraktion: „Lalo, halb Frau, halb Vogel“.

Die beiden stahlen dazu einen ausgewachsenen Strauß aus dem Antwerpener Zoo, in dem gerade Bauarbeiten stattfanden. Lola taufte den Strauß auf den Namen „Mr Magic“. Maxwell ließ ein Kleid von Wanja umnähen und auf Lola samt Mr Magic anpassen. Die Nummer funktionierte wie folgt: Maxwell kündigte dem Publikum ein noch nie dagewesenes Geschöpf an. Eine Frau wie aus der griechischen Mythologie: halb Frau und ab der Taille (dabei zwinkerte er) die Beine eines Vogels. Dann zog er an einer Goldkordel und ein roter Samtvorhang öffnete sich. Dahinter war Mr. Magic und auf ihm saß Lola. Lolas Kleid endete dort, wo die Beine von Mr. Magic aus seinem Rumpf ragten. Der Hals von Mr. Magic führte unter dem Kleid an Lola hoch, der Kopf verschwand unter einem Sonnenschirm, den Lola in der Hand trug und kokett drehte. An strategischen Stellen hatte Maxwell das Kleid unterfüttern lassen, damit es aussah, als ob Lola Riesenbrüste hätte und ihre Nippel erigiert seien – er meinte, dass dies das hauptsächlich männliche Publikum sehr ablenken würde. Mr. Magic stand still, sobald man ihm einen engen Sack über den Kopf gezogen hatte. Aus der richtigen Perspektive und mit der richtigen Beleuchtung schien es wirklich so, als ob Lola die Beine eines Straußes hatte.

Am Ende von weiteren Verwicklungen wurde Maxwell in einem rosaroten Happyend von seinen Tricks geläutert und hatte sich richtig in Lola verliebt. Mr. Magic kehrte in den Zoo zurück und fand ebenfalls die große Liebe. Zumindest hatte es der Drehbuchautor so vorgesehen.

(56) „Es fühlt sich an, als ob ich…

„Es fühlt sich an, als ob ich auf einem abgenagten Hähnchengerippe säße“, beklagte sich Monika. Horst Meinholt nickte verständnisvoll.

Die Medien dichteten Meinholt einen Ruf an, nicht unähnlich dem von Maxwell: ein Macho mit einem ungeheuren Frauenverschleiß. Ständig auf der Suche, allzeit bereit. Diesem Image entsprach Meinholt auch, so lange Journalisten zugegen waren. Im kleinen Kreis, so Monikas bisherige Erfahrung, war er freundlich, unaufdringlich und sehr angenehm. Monika konnte sich ohne weiteres vorstellen, dass das Heißeste in Meinholts Bett eine Wärmflasche war. Drehte er aber auf und setzte seine Charmeur-Stimme ein, konnte man sicher sein, dass Publikum oder Journalisten in der Nähe waren.

„Und einen Straußenhals zwischen den Brüsten zu haben… Nun, ja, ich weiß nicht, was der Autor dabei geraucht hat…“ Sie war aufgeregt, Meinholt hatte ihr an Erfahrung so viel voraus. Jetzt saß sie mit ihm im Kaminzimmer dieses Hotels in einem denkmalgeschützten Fachwerkhaus, das ihr als Kind so imponiert hatte. Sie wollte aber nicht wie eine blasierte Nörglerin klingen. „Vor fünf Monaten habe ich an einer interessanten Theaterproduktion teilgenommen. Wir gaben ‚Wer hat Angst vor Virginia Woolfe‘ von Albee. Ich spielte Honey, die naive Ehefrau. Das Besondere an der Produktion war, dass es in einem Pflegeheim spielte und die beiden Paare im Greisenalter waren.“ – „Sehr beachtlich“, meinte Meinholt, „da ergeben sich ja ganz neue Möglichkeiten für das Stück.“ Er schien wirklich interessiert, stellte sie erleichtert fest. Eigentlich war die Produktion erbärmlich gewesen und der Regisseur hatte alle Darsteller mit seinen klamaukigen Gebissscherzen in die Verzweiflung getrieben. Die Inszenierung war zwei Mal aufgeführt und dann vom Intendanten beerdigt worden. Danach hatte sie erst einmal wieder von der Stütze gelebt, bis ihr Agent sie zum Vorsprechen für „eine Art Remake von Freaks“ schickte.