(37) Guiseppe rührte in seiner Espressotasse.

Guiseppe rührte in seiner Espressotasse. Dabei beobachtete er ständig das Kommen und Gehen auf dem Bürgersteig vor dem großen Fenster des Cafés. Er trug seinen Glücksanzug, dunkel mit hellen Streifen. Er fand, dass er darin unwiderstehlich aussah. Seine Krawatte saß wie eine Eins und die Goldringe an seinen Fingern schienen das Lokal mit Sonnenstrahlen zu erleuchten. Am Revers trug er eine rote Nelke. Frauen mochten es, wenn ein Mann sich Mühe gab.

„Na, Nina, wie wär’s mit uns beiden? Hast du es dir jetzt endlich überlegt?“, frage er, als die junge Kellnerin mit ihrem vollen Tablett an ihm vorbeikam. Unentwegt schaute er weiter nach draußen. Den Löffel klopfte er dezent am Tassenrand ab und legte ihn daneben.

„Ich bin noch unschlüssig“, meinte Nina. „Mein Mann muss erst noch mit seinem Steuerberater sprechen.“ – „Liebe und Steuern“, dozierte Guiseppe, „sollte man niemals mischen. Schau mich an! Ich zahle keine Steuern, aber ich habe so viel Liebe zu geben.“ Plötzlich sprang er auf, rannte aus dem Café und hob eine Decke auf, die einer jungen Mutter aus dem Kinderwagen gefallen war. „Bella, du hast etwas verloren!“ Sie drehte sich um, er kam nah, sehr nah, und übergab ihr die Decke. „Willst du nicht einen Caffè mit mir trinken? Du riechst gut.“ Die Frau nahm die Decke und schob eilig ihren Kinderwagen weiter. Guiseppe kehrte an seinen Platz zurück. Giulio, der ihn die ganze Zeit vom Tresen aus beobachtet hatte, setzte sich zu ihm. „Guiseppe, du bist ja immer noch ein toller Hecht bei den Frauen. Wie machst du das nur?“ Guiseppe lächelte geschmeichelt, zuckte mit den Schultern und spreizte dabei seine Unterarme weg. „Wie alt bist du jetzt? Wir kennen uns schon so lange und ich weiß es gar nicht. Ich bin jetzt 73, und du? “ Guiseppe zeigte stolz mit dem Finger nach oben. „Unglaublich. Weißt du, wenn ich in all den Jahren eines gelernt habe, dann ist es die Bedeutung von Würde. Weißt du, ich will nicht, dass sich meine Enkel irgendwann für ihren Nonno schämen müssen. Verstehst du? Es gibt niemand mehr, der uns sagt, was wir zu tun haben. Und ich will dir das auch nicht sagen. Aber denk an deine Enkelkinder.“ Giulio legte seine Hand kurz auf die von Guiseppe, schaute ihm in die Augen und kehrte dann wieder hinter den Tresen zurück.

(38) Guiseppe saß mit Laura am großen Tisch…

Guiseppe saß mit Laura am großen Tisch im Esszimmer und hatte einen großen braunen Briefumschlag vor sich liegen. Der Umschlag war recht zerknittert und verschlissen. Darin bewahrte er die einzigen Familienfotos auf, die er besaß. Ein sehr altes, von seinem Vater, als der noch ein junger Mann war. Dann eines von ihm mit seiner Frau, Guiseppes Mutter. Die beiden zusammen mit den fünf Kindern, darunter auch der kleine Guiseppe in kurzen Hosen. Dann eines der Mutter, ganz in schwarz gekleidet und mit großer Trauer um die Augen.

Guiseppe hatte Laura gefragt, ob sie mal Fotos von ihren Urgroßeltern sehen wollte. Es hatte ihm gutgetan, als sie begeistert reagiert hatte.

„Was ist mit deinem Vater passiert, Nonno?“, fragte Laura.

„Mein Vater ist plötzlich krank geworden.“ – „Was hatte er denn?“ – „Er war im Kopf krank geworden. Vorher war er sehr gut zu uns gewesen und plötzlich war er wie ausgewechselt. Er schlug uns, auch meine Mutter. Er hörte auf zu arbeiten. Und irgendwann war er weg.“ – „Einfach weg?“ – „Ja, ich habe ihn nie wieder gesehen. Meine Mutter sagte uns Kindern, dass er weg musste, weil er es nicht mehr bei uns aushielt. Sie hat danach nie wieder gelächelt, war nur noch wie ein Geist. Viele Jahre habe ich auf der Straße nach meinem Vater Ausschau gehalten. Ich dachte, er müsste doch irgendwann wiederkehren, wenn es ihm besser geht. Dass er seine Familie nicht im Stich lassen konnte. Aber er kehrte nie wieder zurück.“

Laura legte ihren Arm um Guiseppe. „Papi ist auch weg, aber wir konnten uns noch von ihm verabschieden. Ganz weg, ohne zu wissen wo jemand ist, das muss fürchterlich sein.“ – „Ich habe mir geschworen, nie so zu werden wie mein Vater. Mich gehen lassen, abstürzen, auf andere abscheulich wirken… Ich habe dich sehr lieb, Laura. Dich und Karla. Ihr seid alles, was ich habe.“ Er legte seinen Arm um Laura und beide verharrten in ihrer Umarmung.

(39) In der Nacht hatte Guiseppe einen Traum.

In der Nacht hatte Guiseppe einen Traum. Er war noch ein Junge und es war lange, bevor sein Vater krank wurde. Der Sommer war fast vorbei und die Tage waren wieder kürzer geworden. Seine Eltern feierten ein Gartenfest. Die ganze Nachbarschaft war eingeladen sowie Familie, Freunde und Bekannte. Der Garten war mit Lampions beleuchtet. Es gab zu essen, zu trinken… Alle waren fröhlich und ausgelassen. Auch der kleine Guiseppe hatte von einigen Gläsern genascht, nicht sehr viel, aber er spürte den Alkohol in seinen Beinen und im Kopf. Um wieder etwas zu sich zu kommen, durchquerte er den Garten bis ganz nach hinten zu dem großen Abhang und wollte sich hinsetzen. Als er an seinem Lieblingsplatz ankam, saßen dort schon Dorothea und Loretta, zwei Freundinnen seiner Mutter. Er mochte beide sehr gern, denn sie waren immer schick gekleidet, hatten viel Zeit und dufteten sehr gut. Seine Mutter mochte die beiden auch, aber sie wollte sie auf keinen Fall allein mit ihrem Mann lassen. Sie meinte öfter, ohne dass Guiseppe es verstand, man könnte den beiden nicht über den Weg trauen. Dori und Lori, wie seine Mutter die beiden nannte, empfingen Guiseppe mit großem Hallo. „Endlich mal ein richtiger Mann“, sagte Dori. Worauf Lori ihn aufforderte, er solle doch mal seine Muskeln zeigen. „Hast du denn eine Freundin?“, bohrte Dori. „Dafür ist er doch noch zu jung.“ – „Aber du kannst doch bestimmt schon küssen?“ Guiseppe nickte. „Dann zeig mal.“ Guiseppe gab Dori einen Kuss auf die Wange. „Das war kein richtiger Kuss. Pass mal auf.“ Lori kicherte. Dori legte ihre Hände um seine Wangen und zog seinen Kopf zu ihrem. Guiseppe schien der Kuss eine Ewigkeit zu dauern. Es war, als ob Dori ihm gleichzeitig sein altes Leben aussaugte und ihm ein neues einflößte. Nach Dori wollte Lori sein Kennerurteil erhalten, wer von den beiden am besten küsse. Guiseppe war bald komplett schwindlig. Am Ende schärften ihm die beiden ein, dass er auf keinen Fall seiner Mutter oder sonst jemandem davon erzählen dürfe, sonst gäbe es Ärger. Davon war Guiseppe überzeugt.

(40) „Und so“, fuhr Guiseppe fort…

„Und so“, fuhr Guiseppe fort, „habe ich quasi meine Unschuld verloren. Der erste Schritt war getan. Und seitdem bin ich den Frauen verfallen.“

Adele, die ihm gegenüber saß, betrachtete ihn kritisch. Mit den Fingern ihrer rechten Hand drehte sie die Ringe an ihrer linken. Sie sagte nichts. Eigentlich hatte sie sich etwas vom Einkaufsstress erholen wollen. Und eigentlich wollte sie ihre Ruhe. Dann war dieser schrumpelige Westentaschencasanova aufgetaucht und hatte angefangen, sie mit Worten einzuspinnen. Einerseits war es nett, mal mit einem Mann zu reden, bei dem sie nicht die ganze Konversation allein bestreiten musste. Andererseits schien ihr Guiseppe mit seiner selbstsicheren Art eine wirkliche Plage zu sein. Er glaubte im Ernst, dass er Adele beeindrucken konnte. Er schenkte sich noch etwas Bier aus der Flasche nach.

„Verstehen Sie mich nicht falsch. Natürlich nicht allen Frauen. Sie müssen Klasse haben. Das gewisse Etwas, ich kann es nicht beschreiben.“ Adele schwieg weiter. Frauen, die gar nichts sagten, waren Guiseppe unheimlich. „SIE haben Klasse, große Klasse. Das habe ich sofort gesehen, als Sie hereingekommen sind. Es war, als ob sich das Licht veränderte, als ob Sie gleich im Scheinwerferlicht standen.“

„Sie finden also, dass ich Klasse habe?“, fragte Adele freundlich. Guiseppe nickte, erleichtert, dass sie endlich am Gespräch teilnahm. „Wie können Sie das denn abschätzen?“

Getrieben von einer freudigen Erregung, die nur sie spürte, nahm Adele die Bierflasche, die vor Guiseppe stand, setzte die Öffnung an ihre Lippen und trank sie in einem Zug aus. Guiseppes entgleistes Gesicht freute sie. „Ich muss jetzt wieder los. Danke für die Einladung. Auf Wiedersehen.“ Adele griff ihre Handtasche und verließ das Café.

(41) Beschwingt spazierte Adele weiter.

Beschwingt spazierte Adele weiter. An einem Schuhladen erblickte sie sich im Schaufenster in der verspiegelten Säule. Sie lächelte sich an. Diesem alten Chauvinisten hatte sie es gezeigt. Sie stutzte und drehte sich um. Genau, das war Rita, die gerade mit mehreren Einkaufstüten bepackt hinter ihr vorbeiging. „Wohin des Weges, Frau Leitner?“, rief sie ihr nach. Rita blieb stehen. „Adele!“, freute sie sich und breitete die mit Einkaufstaschen behängten Arme aus, so als ob sie wegfliegen wollte. „Werden die Waren knapp oder hast du Angst vor der Inflation?“, meinte Adele, als sie Rita auf die straffen Wangen küsste. „Eine Haut wie ein Kinderpopo“, fügte sie hinzu. „Aber fünf Mal teurer“, gluckste Rita. „Du siehst aber auch ganz zufrieden aus.“ – “ „Man tut, was man kann und schaut nicht, wie die Jahre fliegen. Aber mal ehrlich, für wen kaufst du so viel Zeug ein?“ – „Ich liebe Shopping! Wenn es mir schlechtgeht, hebt es meine Laune ungemein. Wenn es mir gutgeht, dann wird’s noch besser. Ich weiß, wir sind da anders, du und ich.“ – „In der Tat. Wie geht es Edgar?“ – „Edgar geht es blendend. Er ist seit einer Woche in London und wenn er zurückkommt, bin ich schon bei den Frühjahr-Sommer-Défilés in Paris. Letztes Jahr wollten wir zusammen Urlaub machen. Es war eine Katastrophe. Wir waren beide am Ende und mussten uns erst einmal voneinander erholen.“

Rita machte eine kurze Pause und fragte Adele: „Und du? Hat sich bei dir irgendwas ergeben? “ – „Wenn du, wie ich vermute, Männergeschichten meinst, muss ich dich enttäuschen. Es hat sich bei mir nichts geändert, ich komme immer noch sehr gut ohne sie zurecht. Diese haarigen Biester!“

(42) Rita und Adele kannten sich…

Rita und Adele kannten sich seit über 30 Jahren. Damals waren sie beide Krankenschwestern in einem Provinzkrankenhaus im Norden gewesen. Rita stammte aus einer Arbeiterfamilie, Adeles Vater war Notar. Durch die Zusammenarbeit lernten sie sich schätzen und waren, trotz ihrer unterschiedlichen Hintergründe und Charaktere die besten Freundinnen geworden. Rita war in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem materielles Eigentum sowohl ein Ziel war als auch eine Anzeigetafel für den aktuell erreichten Spielstand. Am Besitz konnte man sich mit anderen messen. Ganz anders bei Adele. Wohlstand war in der Familie vorhanden, die geistige Fortbildung stand im Vordergrund. Während Rita ihr Gehalt in Windeseile in Kleidung und Makeup anlegte, hegte Adele keine besonderen Wünsche und sammelte einen Gutteil ihres Gehalts bei der Bank an. Später hatte Adele sich in Abendkursen zur Physiotherapeutin ausbilden lassen und betrieb, nachdem sie das Krankenhaus verlassen hatte, eine kleine Praxis für Krankengymnastik. Rita hatte sich im Krankenhaus in den reichen Edgar verliebt. Während der zwei Wochen, in denen Edgar im Krankenhaus bleiben musste, war er den Anwerbungsversuchen von Rita schutzlos ausgeliefert. Auch als er bereits entlassen war, war sie es, die am Ball blieb und Edgars Herz immer stärker für sich in Besitz nahm. Kurze Zeit später war Rita am Ziel ihrer Kampagne: Edgar machte ihr eines Nachmittags einen Heiratsantrag unter der großen Eiche im Krankenhauspark. Kurz darauf heirateten sie, trotz der großen Widerstände in Edgars Familie und er führte sie in den internationalen Jetset ein.

(43) Die beiden Damen gingen über einen Platz…

Die beiden Damen gingen über einen Platz mit einem Rasenfleck in der Mitte. Darauf lag ein Paar, das heftig miteinander knutschte. Das Mädchen trug einen Bikini und der Junge hatte einen nackten Oberkörper. Es war nicht klar, bis wohin die beiden gehen würden. Adele kicherte und meinte: „Das ist nun wirklich ein Zeichen des Alters, wenn ich sage, dass es das zu unserer Zeit nicht gegeben hätte.“ – „Ich bitte dich, natürlich gab es das, halt nur nicht in der Öffentlichkeit.“ – „Da hat die Menschheit damals nichts Wesentliches versäumt.“ – „Das stimmt“, pflichtete Rita ihr bei. Nach einer Pause fuhr sie fort: „Es gibt etwas, das ich dir, das ich noch keinem bisher erzählt habe. Als Edgar auf meiner Station war… im Krankenhaus… während der Nachtwache… Na du weißt schon…“ Adele blieb stehen. „Rita, aber natürlich wusste ich das. Das machte die Runde bei den Kolleginnen, es war einfach nicht zu übersehen. Und alle haben ihren Spaß daran gehabt. Aber alle haben sich mit dir gefreut, als mehr daraus wurde.“ – „Alle wussten davon?“ Rita war verblüfft und empört zugleich. „Und du hast mir nie etwas davon gesagt!“- „Ich war deine beste Freundin, und du hast mir auch nie etwas davon erzählt. Jetzt erzählst du und ich erzähle. Ich schätze, damit sind wir quitt.“

Rita lachte. „Ja, du hast Recht. Das ist alles Schnee von gestern. Aber von meiner Hochzeitsreise mit Edgar weißt du auch nicht alles.“ – „Du hattest mir erzählt, dass es traumhaft schön war, die Sonne, die Palmen und der Strand…“ – „Von dem dunklen Kapitel hatte ich dir nicht erzählt.“

(44) Es war an ihrem fünften Tag…

Es war an ihrem fünften Tag in Acapulco gewesen. Am Abend zuvor waren Edgar und Rita tanzen gewesen und erst weit nach Mitternacht ins Hotel zurückgekehrt. Beide waren ziemlich verkatert. Rita wollte zu den berühmten Klippenspringern von La Quebrada fahren. Sie hatte Fotos davon in einer Illustrierten gesehen und war von dem Mut der Springer fasziniert. Am Tag vorher hatten sie sich mit einem anderen Touristenpaar verabredet, um gemeinsam mit einem Mietwagen dorthin zu fahren und von da aus noch etwas weiter an der Küste entlang.

Edgar fühlte sich aber nicht wohl. Er saß mit Rita auf ihrem Privatbalkon beim Frühstück und machte ein gequältes Gesicht. Ob sie sich vorstellen könne, die Klippenspringer ohne ihn anzuschauen? Rita war enttäuscht, weil sie die Show am liebsten mit Edgar gemeinsam erlebt hätte. Andererseits hatten sie sich mit dem anderen Paar verabredet, und es wäre unfreundlich gewesen, so kurzfristig abzusagen. „Heute Nachmittag geht es mir bestimmt wieder besser und wir gehen abends sehr fein essen“, versuchte Edgar sie zu trösten. Rita machte sich fertig, verabschiedete sich von Edgar und fuhr mit dem Aufzug in die Lobby, wo sie das andere Paar traf.

Zuerst fuhren die drei mit dem Mietwagen an der Bucht entlang nach Westen. Als sie gerade am Hafen vorbeikamen, machte das Auto einen Ruck und der Motor verendete mit einem langgezogenen Röcheln. Startversuche brachten nichts. Kräftige Hände halfen, den Wagen in eine Parkbucht zu bugsieren. Die beiden Frauen beschlossen, mit einem Taxi ins Hotel zurückzufahren, während der Mann sich um einen Ersatzwagen kümmern wollte.

An der Hotelzimmertür hing noch das „Do not disturb“-Schild. Rita öffnete die Tür, trat ein und blieb abrupt stehen. Edgar lag auf dem Bett und blickte sie entgeistert an. Zwischen seinen Beinen hockte der Poolboy mit Edgars Glied in der Hand. Einen langen Moment lang rührte sich keiner der drei. Dann lief Rita aus dem Zimmer, Edgar sprang aus dem Bett, um ihr nachzulaufen, verhedderte sich aber im Laken und schlug auf den Boden. Der Poolboy verharrte auf dem Bett.

(45) „Edgar ist schwul?“

„Edgar ist schwul?“ Adele war perplex. „So einfach ist es nicht“, antwortete Rita. „Ich bin verwirrt“, gestand Adele, „warum seid Ihr zusammen geblieben? Wie konntest du ihm das verzeihen? Wie konnte er dir danach noch in die Augen blicken?“

Rita war aus der Honeymoon Suite ausgezogen und da sie auf die Schnelle nichts Besseres fand, nahm sie ein Zimmer im Hotel gegenüber. Edgar war zerknirscht. Er versuchte, mit ihr zu reden, aber sie ließ ihn nicht an sich heran. Sie erlaubte ihm nicht einmal, in ihr Hotel zu kommen.

Rita dachte nach und spielte alle möglichen Szenarien durch. Sie war natürlich gekränkt und fühlte sich in mehrfacher Hinsicht betrogen. Ihre Arbeit als Krankenschwester hatte sie aufgegeben und ihre skeptischen Eltern hatte sie vor der Hochzeit beschwichtigt. Es gab für sie kein Zurück.

Nach drei Tagen und sieben Stunden ließ sie Edgar rufen und nahm ihn ins Verhör. Anfangs war er zögerlich, gab ihr dann aber bereitwillig Auskunft über seine sexuellen Präferenzen (er war bi), seine Haltung ihr gegenüber (er liebte sie, wollte ihr aber nicht treu sein), seine wirtschaftliche Situation (vorher hatte sie es nur geahnt, jetzt erklärte er ihr, welche Besitztümer seine Familie hatte, welche Einkünfte er daraus bezog und dass er der Haupterbe des Familienvermögens sein würde). Dann schickte sie ihn wieder weg und fügte hinzu, er solle am nächsten Tag wiederkommen.

Am Tag darauf diktierte sie ihm ihre Bedingungen. Sie wollte lebenslänglich ein jährliches Budget, das der Hälfte seines derzeitigen Einkommens entsprach. Das Geld sollte zu ihrer freien Verfügung sein und sie wollte die Freiheit, ihr Leben zu gestalten, wie sie es wollte. Sie wollte keine Kinder. Sie und Edgar würden eine offene Beziehung führen, aber nach außen äußerste Diskretion wahren.

Edgar war zuerst erleichtert, dann erfreut über die Wendung. Er versprach, ihre Bedingungen zu erfüllen.

„Das war der Anfang einer wunderbaren Ehe“, lachte Rita, „ich bin dem Poolboy zu großem Dank verpflichtet. Er hat auch ein großes Trinkgeld von mir bekommen.“

Plötzlich warf sich ein knäueliges Etwas in ihren Weg. Rita und Adele sprangen auseinander. Aus dem grünbraunen Wollbündel schob sich ein schmutziger Arm mit einem Messingteller und eine Stimme krächzte „Hunger. Ich habe Hunger!“

Rita nahm alle Einkaufstaschen in die knäuelferne Hand und schritt erhobenen Hauptes weiter. Adele schaute hinunter, dann verschämt weg und folgte Rita. Ein paar Schritte weiter drehte sie sich um und blickte zurück. Das Wollknäuel hatte sich aufgerichtet und nahm das Oberteil ab. Darunter kam der Kopf eines gutaussehenden Mannes zum Vorschein, der überhaupt nicht verwahrlost oder schmutzig schien. Aus einem Hauseingang kamen zwei Figuren auf ihn zu, die eine trug eine Kamera.

‚Michael Spilt ist es innerhalb kürzester Zeit gelungen, mit spektakulären Performances und intensiv erfahrbaren Installationen zum viel beachteten Gesamtkunstwerk zu werden. Wie kein anderer versteht es der Künstler, Einflüsse aus dem Postminimalismus und der Body-Art der Siebzigerjahre in einen eigenen Kosmos zu überführen, in dem Selbstaufgabe und gezielte Überschreitung regieren.

Michael Spilt generiert in seinen Arbeiten Momente der Angst, des Verdrängens und der Abscheu. Sie stehen exemplarisch für die Strategie, polymorph soziopathische Zugänge in die künstlerische Produktion einfließen zu lassen. Die Signifikanz seiner Performances ist angebunden an private Narration und ein weites Spektrum subkultureller Assoziationsfelder. Dabei verwendet Spilt oft triviale Materialien, die durch seinen transformativen Umgang in eine nahezu klassische Ästhetik wieder eingeschrieben werden. Sie haben ihm auch den Spitznamen der „Moosmann“ eingebracht.

Seine Arbeiten kreisen um die Topoi Liebe, Hass und Tod. Moral unterliegt in seinen Arbeiten keiner Vereinnahmung durch wirtschaftliche, ideologische oder restriktive Zwänge, sondern ist vielmehr eine Verlockung, die Bedrängnis und Zerrissenheit im Dasein zu vergessen. Es ist weniger ein autobiografischer Reigen, denn ein Versuch, das Ephemere eines einzelnen Lebens zu vergegenwärtigen, wo der Tod als einzige Sicherheit und gleichzeitig größte Unbekannte ständig anwesend ist.

Michael Spilt illustriert die Gespaltenheit menschlichen Seins, einerseits die Begierde, die Welt obsessiv zu erleben, sich zu teilen, der Sehnsucht, einen Platz außerhalb seiner selbst zu geben, andererseits die unendliche Einsamkeit, die jeder Mensch kennt und immer wieder erlebt.‘

(46) Stevie und Crystal saßen an einem Ende…

Stevie und Crystal saßen an einem Ende des U-Bahn-Wagens, die Kamera war getarnt in einem Koffer eingebaut, nur das Objektiv hätte man erkennen können. Michael hatte sich auf einen der Plätze in der Mitte des Wagens gesetzt. Er trug das Graskostüm, eine Art Tarnbekleidung für Soldaten, die aber in der U-Bahn ihren ursprünglichen Zweck nicht erfüllte. Die Idee war es, von einer Endstation zur anderen zu fahren und dabei die Reaktionen der Mitreisenden zu filmen. Michael sollte sich dabei nur minimal bewegen, gerade genug, dass man ihn für ein lebendiges Wesen halten würde. Er selbst nahm seine Umgebung durch das Kostüm nur sehr schemenhaft wahr.

An einer Station stieg ein Mann ein und setzte sich neben ihn. Michael hörte, wie der Mitfahrer eine Zeitung entfaltete. Nach kurzer Zeit drang das Aftershave des Mannes durch das Graskostüm zu Michael durch. Es setzte sich in seiner Nase fest und augenblicklich fühlte er sich viele Jahre in die Vergangenheit versetzt.

Es erinnerte ihn an seinen Vater. Michael verfolgte auch damals schon eine Mission: er versuchte herauszufinden, wer seine Mutter war. Aufgewachsen war er in einem Haushalt, der für Außenstehende schwer durchschaubar war. Michael hatte nämlich zwei Mütter, die beide mit seinem Vater unter einem Dach lebten. Beide kümmerten sich zu gleichen Teilen um Michael. Lange Zeit war es ihm nicht gelungen, zu klären, welche von ihnen seine Mutter war. Alle Erwachsenen zuckten die Schultern und meinten, das sei nicht wichtig, schließlich liebten sie einander alle. Erst als eine der beiden Frauen starb, kam in der allgemeinen Trauer heraus, dass die überlebende Frau seine Mutter war. Michael hatte aber bereits gemerkt, dass er die verstorbene Frau lieber mochte und unbewusst gehofft hatte, dass sie es sei. Das Verhältnis zu seinen leiblichen Eltern kühlte danach sehr schnell ab.

Als er jetzt den Duft seines Vaters wahrnahm, fühlte er sich mit einem Mal völlig isoliert in seiner Verkleidung in dem U-Bahn-Wagen. Panik stieg in ihm hoch. Er dachte daran die Performance zu unterbrechen. Aber natürlich machte er weiter. Es waren genau diese Gefühlsregungen, die er bei seinen Performances erleben wollte.