(16) „Nur der Versicherungsvertreter!“

„Nur der Versicherungsvertreter!“ Seine Stimme überschlug sich vor Wonne. Einer legte das Gesicht in die Armbeuge, ein zweiter rieb sich die Augen. Ein dritter hielt die Hand vor den Mund. Ein weiterer prustete den Bierschaum aus der Tulpe. Kurzum, die ganze Gruppe fühlte sich durch Sergios Bonmot vom Vortag aufs Köstlichste amüsiert. Sergio Speranza genoss die Wertschätzung. Oft genug spürte er den Druck der Kollegen und hatte das Gefühl, ihren Anforderungen nicht zu genügen. Gestern hatte er einen guten Tag gehabt, aber oft genug waren seine Leistungen ungenügend im Vergleich zu denen der Anderen.

Antonio spielte mit dem dicken Siegelring, den ihm sein Vater vermacht hatte. Für Sergio war Antonio der Größte überhaupt. Er war sehr diskret mit seinen Erfolgen, aber Sergio wusste aus Gesprächen mit anderen, die enger mit ihm arbeiteten, dass Antonio alles zu Gold machte, was er anfasste. Renato hingegen war sehr offen und konnte einem den ganzen Abend davon erzählen, was er heute, gestern, vorgestern und all die Tage zuvor an tollen, bahnbrechenden Dingern gedreht hatte. Manches stimmte, manches weniger. Als Kind hatte er als Hütchenspieler gearbeitet. Bei Renato musste man daher auf der Hut sein, es war alles mehr Schein als Sein. Dann gab es noch Lupo, vor dem sich Sergio besonders in Acht nahm. Lupo war etwas langsam von Begriff, wurde aber sehr schnell gewalttätig, wenn es ihm selbst zu lange dauerte. Aber wer Lupo an seiner Seite hatte, brauchte so schnell nichts zu befürchten.

Es war schon eine seltsame Truppe. Auch wenn er häufig die Zielscheibe von Witz und Spott war und obwohl er sich manchmal nutzlos wie ein Blinddarm vorkam, fühlte sich Sergio dort sehr wohl.

(17) Sergio dachte zurück…

Sergio dachte zurück an seine Anfänge. Damals hatte er für Aldo gearbeitet, den Vater von Antonio. Sergio war stolz gewesen, als Aldo ihn bat, einen Auftrag für ihn zu erledigen.

„Komm her mit deiner Taschenlampe. Ich zeige dir etwas.“ Sergio senkte den Lichtkreis, um den Weg vorbei an den gestapelten Kartons zu finden. „Licht! Ich stehe im Dunkeln! Nein, nicht ins Gesicht. Willst du mich blenden?“

Sergio unterdrückte einen Schmerzensschrei, als er mit dem Fuß gegen eine Holzpalette stieß. Aldo öffnete den Karton und sprach: „Hier, auf diese Lieferung hat die ganze Stadt gewartet. Bekannt aus Film und Fernsehen. Und du wirst sie verkaufen.“

Sergio beugte sich vor und leuchtete erwartungsvoll in den Karton. Er war randvoll mit einzeln verpackten Röntgenbrillen. Anstelle der Gläser hatten sie Kartonscheiben mit einer roten Spirale und den Worten ‚X-Ray Spex‘. In der Mitte befand sich jeweils ein Loch zum Durchschauen. Sergio war verblüfft. Das sollte sein erster Auftrag sein? Aldo schaute ihn mit leuchtenden Augen an. Sergio lächelte ihn an. Er würde Aldo nicht enttäuschen.

Den ganzen Abend überlegte er, wie er die Dinger am besten verkaufen konnte. Scherzartikelläden fielen ihm ein. Nicht schlecht wegen der großen Abnahmemengen. Aber man würde ihm Fragen stellen… Das gleiche auch bei Kostümverleihern, Optikern und anderen Geschäften. Nein, er musste an den Endverbraucher heran. Dann kam ihm die Idee.

Am nächsten Tag wartete Sergio gegen Mittag vor dem größten Jungengymnasium der Stadt. Er trug einen schwarzen Hut, eine dunkle Sonnenbrille und einen schwarzen Mantel. Die Röntgenbrillen hatte er am Innenfutter des Mantels befestigt. Es sah zwar etwas abgedroschen aus, aber er rechnete sich aus, dass gerade dies zum Verkaufserfolg führen würde. Kurz nachdem die Schulglocke geklingelt hatte, kamen die ersten Jungen herausgeströmt. Er stellte sich ihnen in den Weg und flüsterte, „Röntgenbrillen. Ich verkaufe Röntgenbrillen. Damit sieht man durch Kleidung hindurch.“ Schnell hatte er einen ganzen Trupp um sich geschart und die Verkäufe liefen gut. Er schärfte den Jungs ein, ja nicht stehen zu bleiben und vor allem die Brillen nicht sofort auszupacken, sondern erst Zuhause, an einem ruhigen Ort, um sich erst einmal an die Brille zu gewöhnen.

Am Nachmittag wiederholte Sergio die Aktion an einer anderen Jungenschule, dann war er ausverkauft. Aldo würde stolz auf ihn sein.

(18) ‚Ruhiger Ort‘, dachte Ulli…

‚Ruhiger Ort‘, dachte Ulli, ‚da weiß ich genau das Richtige.‘ Zuhause würde er keine Ruhe haben. Ein Bruder und eine Schwester – das war alles andere als ruhig. Mit den Fingern befühlte er die Schachtel in seiner Manteltasche. Eine Röntgenbrille! In den Comiczeitschriften seines älteren Bruders hatte er Anzeigen dafür gesehen. Ein Mann trug die Brille und grinste, während er eine Frauensilhouette betrachtete. Man konnte sich denken, warum der Mann grinste.

Auf dem Nachhauseweg malte Ulli sich aus, was er alles damit anschauen wollte. Oder besser: wen er alles damit anschauen wollte. Er dachte an die dralle Nachbarin, der er so gerne beim Fensterputzen zuschaute, weil ihre Brüste sich durch die kreisenden Armbewegungen so seltsam bewegten. Oder die Französischlehrerin… Bei dem Gedanken wurde ihm ganz heiß. Bestimmt war er jetzt ganz rot im Gesicht. So konnte er auf keinen Fall nach Hause gehen, seine Mutter würde sofort merken, dass etwas nicht stimmte und ihn ausfragen. Am besten, er begab sich sofort an seinen Lieblingsplatz auf dem Speicher des Hauses, in dem seine Familie und er im zweiten Stockwerk wohnten. Er öffnete die Haustür einen Spalt und horchte hinein. Es war ruhig und er schlüpfte hindurch. Auf Zehenspitzen und mit angehaltenem Atem schlich er zum Aufzug. Er stieg ein, drückte den obersten Knopf und kauerte sich ganz nach hinten in die Ecke, damit keiner, der im Treppenhaus unterwegs war, ihn durch das Gitter sehen konnte. Der Aufzug fuhr gemächlich nach oben, ruckelte ein Mal und hielt dann inne. Ulli erhob sich, blickte kurz um sich und stieg aus. Die Tür zum Speicher war nicht verschlossen, er brauchte den Schlüssel gar nicht aus dem Versteck zu nehmen. Er stieg die steile Treppe hoch und schaute vorsichtig über den Rand des Treppenschachts. Er erkannte einen Lichtschein im hinteren Teil des Speichers. Das war ungewöhnlich, denn diese Räume wurden nicht genutzt. Er stellte seinen Schulranzen auf den Boden und schlich näher. Gedeckt von einem Balken lugte er um die Ecke und sein Herz blieb stehen. Eine Frau mit langen blonden Haaren kehrte ihm den Rücken zu. Sie war dabei, ihren Büstenhalter einzuhaken, der Reißverschluss ihres Kleids war im Rücken offen, Darunter trug sie Netzstrümpfe und Schuhe mit hohen Absätzen. Ullis Gedanken schlugen Purzelbäume. Er nahm die Schachtel aus der Manteltasche, öffnete sie und zog die Brille heraus. Setzte sie auf. Durch die kleinen Löcher sah er wenig und er versuchte, den Kopf etwas weiter nach vorn zu strecken. Dabei stieß er eine leere Flasche um, die auf dem Boden stand. Er blieb wie angewurzelt stehen. Die Frau drehte sich ruckartig um. Durch die Brillenlöcher erkannte er, dass es ein Mann war. Es war Herr Schröder vom dritten Stock! Mit langen blonden Haaren und in Frauenkleidern! Herr Schröder riss sich die Perücke vom Kopf und kam auf ihn zu. Ulli lief weg, zerrte sich die Brille von der Nase, griff nach seinem Ranzen und raste die Treppe hinunter.

 

(19) Er lief weiter…

Er lief weiter, aus dem Haus heraus, dann nach rechts, Richtung Bahnhof. Hinter sich hörte er das Geklapper der Schuhe von Herrn Schröder. Ulli rannte in die Unterführung. Es wurde dunkel und der Bürgersteig fühlte sich an wie geschmolzener Teer im Sommer, in dem er steckenblieb, so sehr er sich auch anstrengte. Und ständig das Staccato der Absätze hinter ihm. Rechts öffnete sich eine Passage, die er noch nie gesehen hatte. Er lief hinein. An den Wänden wuchs grünes Moos, das in der Dunkelheit von selbst leuchtete. Die Passage führte ihn jetzt in einer Linkskurve weiter nach unten. Im Gang hörte er Herrn Schröder immer noch, obwohl das Moos die Geräusche hätte schlucken müssen. Vor ihm wurde es wieder heller und der Gang mündete jetzt in einen runden Innenhof. Über ihm ragten die Mauern sehr weit nach oben, viel höher als die seines Elternhauses. Und die Fenster waren ziemlich klein und schienen blind zu sein. Er drehte eine Runde im Hof, suchte einen Ausgang. Das Geklapper näherte sich. Es gab keinen anderen Ausgang – nur den, durch den er gekommen war. Und aus diesem schoss jetzt Herr Schröder mit irren Augen, langen roten Krallen an den Händen und mit Bocksfüßen. Sein Gesicht war blutrot und glänzte im Licht, das von oben in den Hof drang. Schröders Züge waren zu einer Fratze verzerrt und er hatte lange Zähne, wie der Säbelzahntiger im Naturwissenschaftlichen Museum. Er umschlich Ulli, der sich mit drehte, um ja Herrn Schröder nicht im Rücken zu haben. Dann erblickte er eine grüne Holztür, wo vorher keine gewesen war. Er drehte noch eine weitere Runde mit Herrn Schröder, der die Tür wohl nicht gesehen hatte. Dann wandte sich Ulli blitzschnell um, lief zu der Tür, hoffte, dass sie nicht verschlossen war und – sie war es nicht. Er kniff die Augen zu, schlüpfte durch und drückte die Tür fest wieder hinter sich zu.

(20) Als Ulli die Augen wieder öffnete…

Als Ulli die Augen wieder öffnete, stand er vor einem großen, geschmückten Weihnachtsbaum. Die Kerzen waren angezündet, unter dem Baum lagen mehrere lange Geschenkpakete. Es roch nach Lebkuchen. Ulli drehte sich um. Hinter ihm war eine grüne Holztür. Erschrocken trat er einen Schritt zurück. Die Tür blieb aber still und vor allem verschlossen.

„Ulli“, rief eine Stimme hinter ihm, „was starrst du die Tür an. Komm, es ist Bescherung!“ Seine Mutter war ins Wohnzimmer gekommen und strahlte ihn an. Hinter ihr stand sein Vater und lächelte ebenfalls. Sein Bruder und seine Schwester kamen auch herein und setzten sich auf das Sofa vor den Weihnachtsbaum.

Martha, die Haushälterin, brachte Gebäck. Auch sie sah glücklich aus, wischte sich die Hände an der Schürze und stellte sich neben dem Baum auf.

„Erst singen wir noch ein Lied“, entschied die Mutter. „Nichts würde mir mehr Freude machen.“ – „Gerne, Mutter“, sagte Gregor, Ullis Bruder. Und Grete fügte hinzu: „Ja, natürlich.“

Sie sangen gemeinsam „Stille Nacht“. Grete zwinkerte Ulli zu, während sie sangen und Vater legte den Arm um seine Kinder. Martha hatte für ihr Alter noch eine sehr gute Stimme und die Mutter nickte ihr anerkennend zu.

„Das war schön“, seufzte die Mutter glücklich und räusperte sich. „So, und jetzt dürft ihr eure Geschenke auspacken.“ Doch bevor es dazu kam, musste die Mutter noch ein Unglück verhindern. Eine Kerze war den Tannenzweigen zu nahe gekommen und ein paar Nadeln hatten zu brennen angefangen. „Aus, aus, du kleine Kerze!“, scherzte die Mutter und löschte das Feuer.

Gregor saß auf den Knien vor dem Weihnachtsbaum, nahm die Pakete in die Hand, las den Namen vor, der fein säuberlich in einer Ecke aufgeschrieben war und gab das Paket an seinen Empfänger weiter. Alle Kinder hatten ein längliches Paket erhalten, der Vater bekam einen Würfel und die Mutter eine Kugel. Die Kugel war eine Salatschleuder, wusste Ulli, und der Würfel eine Schreibtischgarnitur. Die anderen Pakete kannte er nicht, denn sie waren ja von den Eltern.

Säuberlich öffneten die Kinder ihre Pakete. Jedes der Kinder bekam einen schönen Walther Karabiner 43 und alle freuten sich riesig.

Nach der Bescherung verabschiedete sich Martha. Das war in Ordnung, denn schließlich war Weihnachten.

(21) Es war kalt, dunkel und nass.

Es war kalt, dunkel und nass. Außerdem war Martha Gaus später dran, als sie es geplant hatte. Jetzt war es nicht sicher, ob sie noch Lebensmittel kaufen konnte im Laden an der Ecke. Mit schnellen Schritten eilte sie voran. Im Laden war noch Licht an, vielleicht hatte sie ja Glück.

Der Ausländer war gerade dabei, die Gemüsekisten hinein zu tragen. Er wollte wohl gerade schließen. „Halt“, rief sie, „ich brauche noch etwas.“

Der Ausländer drehte sich zu ihr. „Keine Eile, wir haben noch geöffnet.“ – „Aber Sie schließen doch gerade“, antwortete sie, etwas trotzig. Sie betrat an ihm vorbei den Laden und stellte sich vor die Käsetheke. „Viel ist ja nicht mehr da“, bemerkte sie. „Es tut mir Leid, aber es ist Weihnachten und es waren heute viele Kunden da…“, entschuldigte er sich. „Ach ja, Weihnachten“, meinte sie ironisch, „das entschuldigt wohl alles heute.“ Der Ausländer schwieg und ging wieder nach draußen, um einen weiteren Karton herein zu holen. „Sie sind ja doch am Schließen“, rief sie ihm nach. „Es besteht überhaupt keine Eile, suchen Sie in Ruhe, was Sie brauchen“, bekräftigte er.

Sie drehte sich abrupt um und wandte sich zum Kühlregal. Sie nahm einen Liter Magermilch und eine Schachtel mit Käseecken zum Schmieren. Beides stellte sie vor die Kasse.

„Gibt’s denn wenigstens noch Brot?“, fragte sie. „Leider kein frisches Brot. Aber wie wäre es mit Knäckebrot?“ – „Das geht nicht“, schrie sie ihn an, „ich trage ein Gebiss. Ich kann das Zeug nicht essen!“ – „Entschuldigung, das wusste ich nicht.“ Er tippte die beiden Artikel in die Kasse, auf der oben eine einsame Weihnachtskugel festgeklebt war. Sie zahlte, schob die Waren in ihre Handtasche und ging aus dem Laden.

„Frohe Weihnachten“, rief er ihr nach. Sie blieb einen Moment stehen, atmete tief ein und aus, schüttelte den Kopf und ging weiter.

(22) Martha schämte sich für ihren Jähzorn.

Martha schämte sich für ihren Jähzorn. Nicht nur, dass sie den einzigen Händler in der Nachbarschaft, der überhaupt noch geöffnet hatte, abstrafen musste. Sie hatte auch ihr Weihnachtsmahl auf einen Liter Milch und ein paar Würfel Schmelzkäse reduziert. Hätte sie wenigstens etwas von dem Gebäck mitgenommen.

Sie schaltete den Plattenspieler ein. Mozart war genau das Richtige, um ruhiger zu werden. Sie legte eine Platte mit der Missa Solemnis auf. Sie setzte sich auf das Sofa, zog das alte Fotoalbum aus dem Bücherregal und schlug es auf einer beliebigen Seite auf. Da standen ihr Bruder und ihre kleine Schwester neben ihr auf einem Sprungbrett über einem kleinen Schwimmbecken. Es war ihre Erstkommunion gewesen und der Pool gehörte zu einem alten Fachwerkhotel, wo die Feier stattgefunden hatte. Ihr verrückter Onkel hatte das Foto geschossen. Ihre Mutter wusste natürlich nichts davon, sonst hätte sie derart gezetert, dass bestimmt ein Unglück passiert wäre. Dann hätte sie sagen können, sie habe es ja kommen sehen.

Eigentlich war die Feier der Höhepunkt ihrer Jugendzeit gewesen. Das war, bevor das Unternehmen ihres Vaters Bankrott ging und die Familie auseinanderbrach. Vorher war alles unbeschwert gewesen, nachher vieles unerträglich. Sie musste früh arbeiten gehen, ohne richtige Ausbildung. Sie heiratete, um versorgt zu sein und als sie glaubte, aus dem Gröbsten heraus zu sein, starb ihr Mann. Sie besah sich die Gesichter der Kinder auf dem Sprungbrett, das sich bereits bedenklich nach unten zur Wasseroberfläche bog. Die Augen waren frisch, klar und hoffnungsvoll. Ihr Bruder hatte den Mund offen, wahrscheinlich hatte er gerade eine geistreiche Bemerkung gemacht. Die kleine Schwester hielt sich fest an Marthas Hand.

Mit dem Fotoalbum auf den Knien schlief sie ein, ihr Kopf gestützt von der Lehne des alten, verschlissenen Sofas, auf dem sie schon als Kind gesessen hatte.

(23) Das deutsche Paar, das vorhin…

Das deutsche Paar, das vorhin im Hotel eingecheckt hatte – hatte es ihn erkannt? Walter Gaus bedeuteten die Gesichter der beiden nichts. Dennoch, die Frau hatte ihn etwas merkwürdig angesehen und es war ihm, als ob sie hinter seinem Rücken tuschelten. Was sollte es schon bedeuten? Es war nicht alles glatt verlaufen in seinem Leben und er hatte oft den Kürzeren gezogen. Aber es gab in Wirklichkeit im Leben ja auch nichts zu gewinnen. Keinen Hauptgewinn und keine Trostpreise.

Walter schloss die Tür zu seinem Hotelzimmer auf und überlegte, ob er die Möbel etwas verschieben sollte. Nein, das würde passen. Es versprach, ein angenehmer Abend zu werden. Die beiden jungen Damen, die er an der Strandpromenade kennen gelernt hatte, besaßen für ihn genau die richtige Mischung aus Naivität und klaren kaufmännischen Vorstellungen. Es war schön für ihn zu erkennen, dass es keinen Mangel an großen blonden Frauen gab.

Er zog die Vorhänge zu und nahm den Diaprojektor aus seinem Koffer. Er hatte den beiden versprochen, ihnen seine Aufnahmen von Kirchenkunst zu zeigen. Eigentlich hatten sie einander gleichermaßen missverstanden und doch aufs Beste Einverständnis erzielt.

Bereits die Pleite des Betriebs, den er von seinem Vater übernommen hatte, war ihm wie eine Befreiung vorgekommen. Der Bankrott wiederum hatte zur Scheidung geführt. Das Geld, das er vorher in die Schweiz gebracht hatte, ohne dass Marion davon wusste, hatte zu seinem Wohlgefühl beigetragen. Danach, so schien es ihm, war er endgültig im Leben angekommen.

Er zog sich um, in dem Seidenpyjama fühlte er sich unwiderstehlich. Im Bad strich er mit der Bürste über sein volles Haar und lächelte sich an. Es klopfte. Er zog seinen Morgenmantel über und öffnete die Zimmertür.

„Das ist die große Rosette der Kathedrale von Reims“, erklärte er, nachdem er das Dia gewechselt hatte. Er nahm sein Glas Champagner und prostete den jungen Frauen rechts und links von sich zu. Eine trug ein Blumenkleid mit einem schwindelerregenden Dekolleté. Beide hatten nackte Arme, die er durch den Seidenstoff spürte, wenn sie sich an ihn schmiegten, um seinen Erklärungen zu folgen.

„Am Außenbau gibt es 211 mittelgroße Skulpturen und im Innenraum noch einmal 191. Die Kathedrale ist in der Tat ein bildhauerisches Gesamtkunstwerk“, erklärte er. Die Dame mit dem tiefen Dekolleté hatte ihre Hand auf seinen Oberschenkel gelegt und streichelte ihn langsam bis hin zur Leistengegend. Die andere fuhr mit der Hand zwischen die Knöpfe der Pyjamajacke und fasste ihn an die behaarte Brust. Er legte das nächste Dia ein, lehnte sich nach hinten in den Sessel und schloss die Augen. Von der weißen Wand schaute der lächelnde Engel auf ihn herab.

(24) Es war ein optimaler Wurf gewesen.

Es war ein optimaler Wurf gewesen. Die Bowlingkugel schlug schräg genau zwischen die Eins und die Drei ein. Die Pins krachten zu den Seiten weg. Strike! Und damit ein Wild Turkey. Es war zwar nur ein freundschaftliches Spiel mit Ted und den Myers, aber Marion konnte nicht anders. Sie drehte sich um und kehrte zu dem Tisch zurück. Ted klatschte ihr Beifall und Rachel und Bob fielen ein.

„Meine Weltmeisterin“, sagte Ted und schaute sie verliebt dabei an. „Yes, Sir, General Lewis“, antwortete Marion, deutete ein Salutieren an und setzte sich.

Nachdem Walter die Firma gegen die Wand gefahren und sie im Stich gelassen hatte, um sich mit Flittchen an der Riviera zu vergnügen, hatte sie ihr Leben noch einmal von Neuem beginnen müssen. Die Kinder hatte sie zu ihrer Schwester gegeben, sie erinnerten sie so sehr an Walter, dass es sie krank machte. Es war nicht einfach gewesen, denn noch nie zuvor hatte sie für sich selbst sorgen müssen. Zuerst arbeitete sie als Aushilfsbedienung in einem Delikatessenladen. In Abendkursen lernte sie Englisch, Stenographie und Maschineschreiben. Später hatte sie als Sekretärin für die US Army gearbeitet und dabei Ted Lewis kennen gelernt, einen Brigadier-General.

Sie hatten geheiratet, Alex wurde geboren, und nach Teds Pensionierung kehrte sie mit ihm zurück in die Staaten. Etwas enttäuscht war sie, als sie in Kalifornien am Tehachapi Municipal Airport ankamen. Aber das ausgezeichnete Ten Pin Bowling Center versöhnte sie schnell mit McFarland, Teds Heimatstadt.

Das Bowling hatte sie über Ted kennen gelernt und bereits nach einer kurzen Einweisung hatte sie ihn jedes Mal besiegt. Sie war ein Naturtalent. Bereits in Deutschland war sie in ihrem Bekanntenkreis unschlagbar gewesen. In den USA begann sie, aktiv an Wettkämpfen teilzunehmen und wurde fünf Mal zur Bowlerin des Jahres ernannt.

Bob setzte sich wieder, er hatte sein Spiel völlig versemmelt. Die beiden hinteren äußeren Pins waren nach dem ersten Wurf stehengeblieben. „Bedposts!“, jammerte Rachel. Mit dem zweiten Wurf hatte er gar nichts erreicht. Marion fand, dass Bob sich nicht genug Mühe gab.

(25) „Meine Kindheit war ganz ok…

„Meine Kindheit war ganz ok, glaube ich. Ich war eins dieser Soldatenkinder, wie es damals in Deutschland sehr viele gab. Immer zusammen mit anderen Soldatenkindern, in der Schule, beim Spielen, bei Ausflügen mit der Familie. Ein wenig anders war bei mir, dass meine Mutter Deutsche war. Aber dadurch hatte ich keinen besseren Kontakt mit Leuten außerhalb unserer Gemeinschaft. Ich sprach deutsch, nutzte es aber nie. Mittlerweile habe ich es komplett verlernt.

Mein Vater hatte sein ganzes Leben in der Army gedient, das formt natürlich. Disziplin ging ihm über alles, aber er war nicht übermäßig streng, da gab es ganz andere Fälle unter meinen Freunden. Ich glaube, ich habe ihn nie wirklich interessiert.“

„Warum glauben Sie, Alex, dass Sie ihn nicht interessiert haben?“, fragte Dr. Fisher, während er sich Notizen machte. Alex dachte nach und ließ derweil seine Augen über die schweren Samtvorhänge gleiten.

„Er ist immer ruhig geblieben, egal, ob ich etwas Tolles getan hatte oder etwas ausgefressen. Vielleicht war er auch zu alt. Anders meine Mutter. Sie regte sich hingegen sehr schnell auf. Und sie hatte nie Zeit. Sie war dabei, zu einer spitzenmäßigen Bowlerin zu werden, und das war ihr wichtiger als alles andere.“

„Wie fühlten Sie sich dabei, Alex?“

„Ich war stolz auf sie, niemand sonst hatte eine derart coole Mutter. Aber ich war auch einsam. Als wir in die Staaten übersiedelten, fühlte ich mich verloren. McFarland ist ein unglaublich langweiliges Provinzkaff. Außer einem Bowling Center und Maria’s Tacos Shawarma Pizza Restaurant gibt es dort nichts. Das war nicht meine Heimat, ich war etwas ganz anderes gewöhnt. Ich verlor alle meine Freunde, kam mitten im Jahr auf eine Highschool, wo ich niemanden kannte… Mein Vater war zwar jetzt im Ruhestand, fing aber mit Beratungsaufträgen an und war deswegen oft in L.A. Meine Mutter drehte jetzt richtig auf mit dem Bowling und war überhaupt nicht mehr greifbar. Einmal habe ich sogar versucht, Kontakt mit meiner älteren Halbschwester in Deutschland aufzunehmen, aber es erschöpfte sich nach zwei oder drei Briefen hin und her.“

„Wie erging es Ihnen sonst?“

„In der Schule wurde ich immer schlechter, ich konnte mich beim Lernen nicht konzentrieren. Stillsitzen war eine Qual. Und auf dem College haben die Probleme dann richtig angefangen.“