(6) Nach dem Spaßbad in Espoo jetzt Heinola…

Nach dem Spaßbad in Espoo jetzt Heinola. Nächstes Jahr würde man sie wahrscheinlich zum Frauentragen nach Roinkainen schicken. Sonja Pekkanen ergriff den Zimmerschlüssel mit dem riesigen Kugelanhänger und stieg die Treppe hoch.

Reportage über die Sauna-WM in Heinola also. Das Konzept war einfach: Alle 30 Sekunden wurde ein halber Liter Wasser über die heißen Steine geschüttet und man wartete ab, wer es am längsten aushielt. Abwischen war verpönt und Alkohol war den 131 eingeschriebenen Teilnehmern während der Wettkämpfe verboten, zumindest theoretisch.

An den zwei Wettkampftagen im August schwoll die Bevölkerung von Heinola um elf Prozent an. Die Hotels waren ausgebucht und nur mit großer Anstrengung hatte Sonja noch ein Zimmer ergattern können. Die Pension war nicht sehr einladend, aber für zwei Nächte in Ordnung.

Sie hatte noch etwas Zeit und schaltete den Fernseher ein. Es lief ‚Lederstrumpf‘. Als sie Natty Bumppo erkannte, musste sie unvermittelt an ihre Schwester Marika denken. Am Ende hatte die Polizei befunden, dass der Tod des Vaters ein Jagdunfall gewesen sein musste, aber sie konnten Marika nicht finden, um sie selbst zu fragen. Nur Marikas Silberarmband mit dem eingravierten Namen hatte man gefunden. Sonja hatte der Polizei nichts erzählt. Es war eine Befreiung gewesen, dennoch dachte Sonja traurig an den Tag zurück, an dem sie ihre gesamte verbliebene Familie verloren hatte.

Vor der Bühne mit der verglasten Sauna drängten sich Hunderte Zuschauer und feuerten die Wettkämpfer an. Diese saßen stoisch in der gleichen Pose (Ellbogen auf den Knien, Oberarme senkrecht) auf ihren Plätzen und stierten durch die Fenster auf die Menge. Einer nach dem anderen erhob sich irgendwann ganz schnell und stürzte aus der Tür, um von der Menge johlend empfangen zu werden. Bis nur noch einer übrig blieb, der die Sauna aber ohne Hilfe verlassen musste, um nicht disqualifiziert zu werden.

Über einen Monitor im Pressebereich verfolgte Sonja das Geschehen auf der Bühne. Die Temperaturanzeige der Saunakabine zeigte 113°C. Sie wollte zwei Teilnehmer interviewen, den Sieger und den Verlierer, der als erster aus der Kabine geflüchtet war. Beide kamen, nachdem das Geschrei der Menge abgeebbt war. Sie trugen Bademäntel, unter denen ihre Körperbehaarung glitzerte und sahen so rot aus, als ob sie geradewegs aus der Hölle kämen. Sonja stellte sich vor und bat Mikko, den Sieger, und Aki, den Verlierer, sich neben sie zu setzen. Das Interview konnte beginnen.

(7) Aki sog die heiß-feuchte Luft ein…

Aki sog die heiß-feuchte Luft ein und seine Haltung entspannte sich, als er die Tür hinter sich verschlossen hatte.

„Hallo, ich bin wieder da, meine Liebe.“

Die Sporttasche stellte er auf den Stuhl im Flur und zog sich im Stehen die Schuhe aus. An der Garderobe hängte er die Kleidungsstücke auf, wie er sie nacheinander auszog: Hemd, T-Shirt, Hose, Socken und Unterhose. Dann nahm er einen Lendenschurz vom Haken, schlang ihn sich um die Hüften und verknotete ihn. Er öffnete eine Tür und trat in seinen Urwald ein. So nannte er die Sammlung von exotischen Pflanzen, die er in Treibhausatmosphäre in seinem Wohnzimmer aufzüchtete. Die paar Möbel, die in dem Zimmer standen, waren alle von Pflanzen überwuchert. Nur das Sofa, ein Stuhl, ein kleiner runder Tisch und der Fernseher waren frei von Blättern und Trieben. Mit der Fernbedienung schaltete er den Fernseher an. Im Zimmer nebenan war sein Schlafzimmer. Die Ranken der Philodendren hochhaltend, öffnete er die Tür und ging hinein. Auch hier war es heiß und schwül, aber es gab keine Pflanzen.

„Philomena, ich bin wieder hier, mein Schatz.“ Er kippte die Abdeckplatte hoch, ergriff vorsichtig die Regenbogenboa und hob sie heraus. Sie war knapp über einen Meter lang, hatte einen kupferroten Untergrund und darüber schwarze Kreise. Ihre Schuppen hatten einen irisierenden Effekt und wenn das Licht günstig war, schillerten sie wie ein Regenbogen.

Aki trug Philomena ins Wohnzimmer und setzte sich dem Fernseher gegenüber auf die umrankte Couch. Sie schmiegte sich an seine nackte Brust und legte ihren Kopf in seine offene Hand. Zufrieden lehnte sich Aki zurück und schaute auf den Fernseher. Dort sah man einen Mann im Zug sitzen, auf seinem Schoß ein kleiner Mischlingshund. Der Hund stützte sich mit den Vorderbeinen auf den Fensterrahmen und betrachtete aus dem fahrenden Zug die Felderlandschaft.

(8) „Herr Kortz, was denkt Ihr Hund jetzt?“

„Herr Kortz, was denkt Ihr Hund jetzt?“

„Er freut sich darauf, dass man ihn im Fernsehen sieht.“

„Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass Ihr Hund Ihnen seine Gedanken überträgt?“

„Vor zwei Jahren. Ich beobachtete Ralf beim Fressen. Dann hob er seinen Kopf und blickte mich an. Obwohl der Napf noch halb voll war. Und dann vernahm ich seine Stimme, die mir dankte.“

„Sie hörten seine Stimme?“

„Nein, nein, Ralf kann natürlich nicht sprechen. Aber ich spüre seine Gedanken und was sie mir mitteilen.“

„Was hält Ihre Frau davon?“

„Nun, sie kann Ralf nicht verstehen. Das kann nur ich.“

„Glauben Sie, dass alle Hunde kommunizieren können?“

„Das kann ich nicht sagen. Ralf ist natürlich ein ganz spezieller Hund. Er ist sehr artikuliert. Andere Hunde haben es bestimmt schwerer, sich auszudrücken.“

„Was war das Eindrucksvollste, was Ralf Ihnen je sagte, pardon, zu verstehen gab?“

„Das war seine Dankbarkeit. Und dann hat er den Ausgang der letzten Bundestagswahlen vorhergesehen.“

„Ralf kann auch Hellsehen?“

„Er kann es auch nicht erklären, aber manchmal hat er Vermutungen, die dann auch eintreffen.“

„Und wo fahren Sie jetzt mit Ralf hin?“

„Zum Zirkus. Wir sind es Leid, dass wir immer angefeindet werden, sobald ich mit Ralf kommuniziere. Manchmal habe ich den Eindruck, es nur mit Zurückgebliebenen zu tun zu haben.“

Der Mann und sein Hund stiegen in Halberstadt aus dem Zug. Vor dem Bahnhof nahmen sie ein Taxi und fuhren vor die Stadt, zu einer Industriebrache, in der ein Zirkus sein Zelt aufgeschlagen hatte. Herr Kortz sprach Pawel an, der mit beiden Händen eine Holzwerbetafel vor sich trug. Pawel drehte den Kopf und zeigte mit dem Kinn in Richtung eines blauen Wohnwagens. Herr Kortz bedankte sich und ging zum Wohnwagen, klopfte an die Tür. Er musste kurz warten, erst öffnete sich nur das Bullauge, dann die ganze Tür. Ewald Kortz gab Ralf den Vortritt und trat dann auch hinein.

(9) Pawel klappte die Werbetafel auf…

Pawel klappte die Werbetafel auf und stellte sie neben das Kassenhäuschen hin. Mit kopfgroßen Wackersteinen fixierte er das Schild. Es zeigte auf beiden Seiten das Gleiche:

 ‚Sie werden Ihren Augen nicht glauben
Kuriositäten – Abnormitäten
Nellie, die Fischfrau
Rudolf, der Zyklop
Wanja, der Azteke
Mario, der Affenjunge‘

 Daneben, rechts und links, gemalte Bilder der genannten Attraktionen. Links oben eine Frau mit schuppig-grünem Oberkörper, der Unterleib steckte in einem Fischernetz. Dort, wo man ihre Brustwarzen erwartete, hatte der Maler die Schuppen ein paar Töne dunkler angemalt.

Auf der anderen Seite ein schnauzbärtiger, kräftiger Mann mit einem großen Auge mitten auf der Stirn, darunter zwei weitere, allerdings verschlossen. An den Handgelenken trug er verzierte Lederarmbänder und in einer Hand hielt er einen riesigen Vorschlaghammer.

Links unten ein Wesen unbestimmbaren Alters und Geschlechts mit einem auffallend kleinen Kopf, das selbstvergessen lächelte. Die Haare waren aus der hohen schrägen Stirn nach hinten gekämmt und hingen als langer Pferdeschwanz über den Rücken.

Rechts unten ein kleiner Junge im Lendenschurz, der am ganzen Körper eine dichte rotbraune Behaarung trug. Im Gesicht zeigte er einen Ausdruck unendlichen Staunens.

Pawel nickte zufrieden und schlurfte wieder in das Zelt, denn er musste die Manege noch für die Abendvorstellung herrichten.

Kurze Zeit später öffnete sich die Tür des blauen Wohnwagens und Herr Kortz stieg die kurze Treppe wieder herunter. Ralf folgte ihm. Herr Kortz blickte traurig herüber und schüttelte den Kopf. Ralf wedelte mit dem Schwanz und bleckte die Zähne, als ob er lächelte.

(10) Es war stickig unter der Maske…

Es war stickig unter der Maske, aber Mario war es seit jeher gewohnt. Natürlich fiel er auch damit auf, aber mit der Maske litt sein Marktwert nicht. Nervös blinzelte er durch die Schlitze nach rechts und links und drückte sich an die Hauswand. Leider war es noch hell, das machte die Sache nicht einfacher, aber er hatte einfach hinaus gemusst. In dem Wohnwagen, den er mit Rudolf und Wanja teilte, hatten sie sich wieder einmal gestritten. Weil es ihm keinen Spaß mehr machte, Wanja zu quälen, hatte sich Rudolf Mario vorgeknöpft und ihn abwechselnd gekitzelt und an den Haaren gezogen. Es schmerzte jetzt noch.

Er bog um die Ecke und schreckte zurück. Vor ihm stand eine Gruppe Kinder. Sie starrten ihn an. Mario hörte nur das Pochen seines Herzens in seinen behaarten Ohren. Die Kinder, alles Buben, starrten zurück. Einer von ihnen stemmte die Hände in die Taschen seiner Lederjacke und kam auf Mario zu. „Was haben wir denn da?“

Ermutigt kamen seine Kumpanen ebenfalls näher. Mario drückte sich an die Hausmauer. Der mit der Lederjacke streckte seine Hände aus, ergriff beide Zipfel von Marios Gesichtsmaske und zog sie ihm vom Kopf. Mario schloss die Augen und hörte nur das kurze, kollektive Einatmen. Er spürte eine Hand, die die Haare an seiner Wange berührten, erst vorsichtig, dann zupften, fester und… Mario schrie leise auf, dann kam noch eine Hand und noch eine, und sie rissen an seinen Haaren, im Gesicht, am Hals, sein Umhang fiel herunter, jetzt an den Armen, Händen und Beinen. Er sank heulend auf die Knie und rief nach Rudolf.

Plötzlich ein Tumult, Füße scharrten, die Bande lief davon. Es war wieder still. Mario öffnete zögernd die Augen und sah einen sehr großen Mann mit blankpolierten Schuhen, karierten Hosen, einer langen Jacke im gleichen Muster und einem Hut mit einer langen Feder. Er beugte sich zu Mario herunter und besah ihn sich durch ein Monokel. „Und wer bist du?“ – „Mario.“ Er schaute auf die Schuhe, in denen er sich gespiegelt erkannte. „Mario, der Affenjunge.“

„Nein, du bist kein Affe, du bist ein Mensch!“, stellte Dr. Zonas fest und betrachte Mario eingehend aus nächster Nähe, als ob er auch den kleinsten Zweifel an dieser Aussage beseitigen wollte. „Ein Mensch!“, bekräftigte er noch einmal. „Und jetzt gehen wir ein Eis essen. Du magst doch Eis? Alle Menschenkinder mögen Eis.“

(11) Zu Marios Erleichterung…

Zu Marios Erleichterung war in der Eisdiele wenig los. Nur die Eisverkäuferin schaute ihn an mit der Mischung aus Mitleid und Abscheu, die er sehr gut kannte. Im Zirkus war das anders, da war er an seinem Platz. Hier draußen nicht.

Dr. Zonas hatte ihnen beiden einen Eisbecher gekauft (Kirschen und Málaga). Sie saßen sich gegenüber an einem roten Plastiktisch und löffelten. Nachdem Dr. Zonas fertig war und den Mund abgewischt hatte, lehnte er sich zurück, ließ seinen Blick nach draußen schweifen und seufzte erleichtert.

„Das war gut. Genau das brauchte ich. Ist die Welt nicht schön? Mario, hast du schon mal ein Foto gesehen von unserem Erdball, aus dem Weltall gesehen?“ Mario nickte. „Und, ist er nicht zauberhaft?“ Mario nickte wieder. „Ich glaube, die Erde hat etwas Besseres verdient als uns Menschen. Wir zerstören alles. Wo wir hinkommen, verschmutzen wir die Natur, rauben Tieren ihren Lebensraum und verseuchen diesen Planeten.“

Mario wusste nicht, was er darauf antworten sollte und so nickte er wieder.

„Wäre die Erde nicht viel besser dran, wenn es uns Menschen nicht gäbe? Wir sind das Heruntergekommenste, was man sich vorstellen kann. Meinst du nicht auch?“

Mario schob seinen leeren Eisbecher von links nach rechts und tat so, als ob er überlegte.

„Kennst du Jim Jones?“ Mario schüttelte den Kopf. „Jim Jones hatte eine Lösung für die Welt. Er hatte zwar die richtige Idee, dachte aber zu klein und scheiterte an der Umsetzung. Er brauchte 23 Jahre nach der Gründung seines Volkstempels, bevor er zur Tat schritt, und dann blieb es bei lächerlichen 900 Toten. Trotzdem: auch große Ideen müssen nicht beim ersten Versuch gelingen. James Warren Jones sollte uns allen ein Vorbild sein. Da, wo er mit seiner Limonade gescheitert ist, müssen wir ansetzen. Ich habe…“

Er hielt inne, seine Augen waren wie festgefroren und starrten nach draußen. Mario schaute auf zu Dr. Zonas und folgte seinem Blick. Auf der Terrasse saß eine Taube auf einer Stuhllehne. Mario hatte Mitleid mit Tauben, seit er vor zwei Jahren bei einer Show mitgemacht hatte, in der auch Rumba der Wilde auftrat und bei jeder Vorstellung einer Taube den Kopf abbiss. Dr. Zonas saß da wie versteinert.

(12) „Nein, Kinder, ihr müsst…

„Nein, Kinder, ihr müsst zusammenbleiben. Jonas, nimm die Hand von Maria. In Zweierreihen. Wir gehen jetzt zu den großen Tieren.“ Ida Lenser war jetzt schon erschöpft, dabei hatte sie den Vergnügungspark gerade erst mit ihrer Schulklasse betreten. Sie hatte schlecht geschlafen, wie so oft in letzter Zeit. Ihre Ehe mit Conrad war nie einfach gewesen, aber jetzt ging es klar dem Ende zu. Alle hatten sie gewarnt vor dem Eigenbrötler, dem seine Comic-Sammlung mehr bedeutete als alles andere.

„Schaut mal. Was ist das hier? Das ist eine Taube.“ Die Kinder wiederholten „Taube“ mit ihr. Wenigstens waren sie lieb und freuten sich wirklich darüber, heute in den Park zu gehen. In ein paar Jahren würde das ganz anders sein. Ida mochte die Kleinen am liebsten.

„Und jetzt machen wir eine Pause. Setzt euch auf die Bänke und schaut nach, was eure Mütter euch eingepackt haben.“

Sie hatte überhaupt keinen Zugang mehr zu Conrad. Er war wie ein Kind, zwar pflegeleicht und nett, aber sie brauchte einen Ehemann.

Die Kinder aßen Brote und Obst aus Plastikdosen. Dazu tranken sie Cola. Vor den Bänken war eine riesige, hässliche Taube aufgestellt, bestimmt einen Kopf größer als Ida. Hinter dem Kopf trug sie einen Sattel. „Möchte jemand von euch mal auf der Taube sitzen und runter schauen?“, erkundigte sich Ida und blickte von einem Kind zum anderen.

„Jonas möchte“, Maria kicherte und zeigte auf Jonas, der sie die ganze Zeit geärgert hatte. Jonas starrte sie entsetzt an und machte abwehrende Handbewegungen.

Ida dachte: ‚Gute Idee, das wird ihm vielleicht etwas Respekt einflößen und er wird für den Rest des Tages den Ball flacher halten‘.

Sie nahm Jonas an der Hand und führte ihn zu der Taube. Er wehrte sich nicht wirklich, er schien etwas geschockt zu sein und schaute verstört nach oben zu dem Taubenkopf, der majestätisch über ihn hinweg sah. Ida griff ihn unter den Armen und hob ihn hoch in den Sattel. Sie legte ihm die Zügel in die Hände und trat zurück. Plötzlich fing Jonas an zu brüllen und zu weinen. Stocksteif saß er hinter dem Taubenkopf und sein Schädel verfärbte sich rot. Ida nahm ihn wieder herunter. Als Jonas Boden unter den Füßen hatte, holte er mit einem Bein aus und traf sie am Schienbein. Sie ohrfeigte ihn.

(13) Die Scheibenwischer versuchten…

Die Scheibenwischer versuchten gegen den schlagenden Regen anzukämpfen. Conrad Lenser lockerte die Krawatte und öffnete den obersten Hemdknopf. Bald würde er es geschafft haben. Er hielt sich etwas nach links, um das tiefe Schlagloch zu vermeiden, das nur aussah wie eine seichte Pfütze. Er bemerkte eine Silhouette in der Telefonzentrale, direkt neben der Einfahrt. ‚Ha‘, dachte er, ‚der sieht ja aus wie Clark Kent, der sich umzieht.‘ Als er näher kam, bemerkte er das rote Cape, dann das blaue Kostüm darunter. Er hatte den Wagen bereits halb in die Einfahrt manövriert und hielt direkt neben der Zelle an. Drinnen hing Superman, eine Seilschlinge um den Hals, das andere Ende war an der Zellendecke befestigt. Er spürte, wie das Blut seinen Kopf verließ. Das war sein Superman, seine lebensgroße Superman-Statue, für die er 1.999 Dollar bei Rubie’s Costume gezahlt hatte. Ida…! Sein Gesicht fühlte sich eiskalt an. Er stieg aus dem Wagen, ging herum und öffnete die Zelle. Superman stand auf dem Alukoffer mit Conrads kostbaren Erstausgaben, alles Sammlerstücke. Sie wollte ihn fertigmachen. Er schaute zum ersten Mal zum Haus hinüber. Ida beobachtete ihn mit überkreuzten Armen von der offenen Haustür aus.

Wie konnte das sein? Warum hatte sie nie etwas gesagt? Am Anfang hatte sie ein paar Bemerkungen gemacht, aber er hatte geglaubt, dass sich das mit der Zeit legen würde. Und irgendwann hatte sie aufgehört, wegen seiner Comics und seiner Sammelleidenschaft zu nörgeln. Sie hatte ihn in Ruhe gelassen.

Was jetzt? Er kam nicht gegen sie an. Sie wollte ihn nicht mehr ins Haus lassen. Es sei vorbei, teilte sie ihm mit. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Statue in den Wagen zu legen. Heimlich überprüfte er, ob der Regen Spuren hinterlassen hatte und war erleichtert, dass die Statue sich nicht etwa auflöste. Den Koffer legte er dazu und wollte so schnell wie möglich weg von Ida. Er merkte, dass er automatisch den Weg zu seinem Lieblings-Comichändler eingeschlagen hatte.

Ein Feuerwehrwagen überholte ihn mit Sirenengeheul und drehendem Blaulicht, dann noch einer. Conrad fuhr langsamer. Dann war die Straße gesperrt, ein Eckhaus brannte lichterloh. Die Feuerwehr hatte gerade mit den Löscharbeiten begonnen. Meterhoch schlugen die Flammen in den Abendhimmel. Er fuhr das Auto auf den Bürgersteig, um die Straße frei zu machen. Dann kurbelte er das Fenster hinunter und hörte das Prasseln und Krachen des brennenden Holzes. Der Rauch kitzelte ihn in der Nase, aber er war in seinen Gedanken ganz woanders.

(14) Conrad starrte über das Lenkrad…

Conrad starrte über das Lenkrad hinweg auf die rot-weißgestreifte Schranke mit dem Verbotsschild, das ihm den Weg blockierte. Die Feuerwehrleute waren alle an der Vorderseite des Eckhauses beschäftigt. Ständig liefen sie mit Schläuchen oder anderem Gerät hin und her.

Durch eine ruckartige Handbewegung entriegelte Conrad die Autotür, schob sie mit der Schulter auf und stieg aus. Er blickte zu dem brennenden Haus und bemerkte die Hausnummer, 503. Plötzlich belustigt wandte er sich zu Superman um, der ihn auf dem Rücken liegend von der umgeklappten Rückbank aus fragend ansah. „Ist das nicht unglaublich“, sprach er, „Clark Kents Appartementnummer. Hier bist du Zuhause.“

Conrad öffnete die Heckklappe und zog Superman an den Füßen aus dem Wagen. Er stellte ihn kurz auf den Boden und hievte ihn sich auf die Schulter. Das rote Cape hing ihm jetzt den Rücken hinunter, sodass er selbst aussah wie der Comic-Held.

Entschlossen schritt er auf das Haus zu. Das Glas der hinteren Terrassentür war von der Hitze aufgesplittert und Flammen leckten heraus. Mit jedem weiteren Schritt wurde es heißer. Aus der zerbrochenen Tür schlug ihm ein Höllenhauch entgegen. Drei Stufen zur Terrasse hoch, hier war die Hitze fast unerträglich. Er legte Superman auf den Rücken nieder und hob ihn dann an seinem Cape hoch. Zwei Mal schwenkte er die Puppe hin und her. Beim dritten Mal warf er sie durch die zerborstene Tür ins Innere des Hauses. Er blieb kurz stehen, bis er sicher war, dass der Nylonstoff des Capes zu brennen anfing. „Ich muss dich jetzt verlassen, Superman“, sagte er. „Nichts für ungut. Aber wir haben alle unsere kleinen Fehler.“

(15) Vor dem Haus stand Elsy Roberts…

Vor dem Haus stand Elsy Roberts, eine ergraute Mittvierzigerin, die mit den Tränen rang. Vor ihr Gene Cooper, ein Journalist des lokalen Wochenblattes, der sie zu den Ursachen des Feuers befragte. Ein Fotograf stakte zwischen den Schläuchen umher und suchte den besten Blickwinkel. Immer wieder verscheuchten ihn die Feuerwehrleute. Neben Frau Roberts war ein mittelgroßer, kompakter Mann im grauen Anzug mit rot gepunkteter Krawatte, einem Schnauzbärtchen und einer dunklen Sonnenbrille. Cooper fragte sich, ob er Frau Roberts Ehemann sein könnte, verwarf die Idee aber gleich wieder.

Im Hintergrund führte ein Feuerwehrmann einen Polizisten durch das Chaos. „Ein Irrer hat Superman in die Flammen geworfen“, berichtete der Feuerwehrmann. – „Superman?“ – „Eine Puppe. Lebensgroß. Aber wenn die in Flammen steht, siehst du keinen Unterschied…!“ – „Superman brennt doch gar nicht… Sorry, das war ein Scherz.“ – „Cornel lacht später, er hat Rauchvergiftung, sein Atemschutzgerät hat versagt…“

Der Journalist räusperte sich. „Frau Roberts, was ist passiert?“ Die Frau schluckte. „Es ist ein großes Unglück. Ich habe mein Zuhause verloren. Jetzt sitze ich auf der Straße.“ Cooper nickte mitfühlend. „Wie hat es denn angefangen, Frau Roberts?“ – „Auf einmal brannte es. Ich war in der Küche und machte mir etwas zu essen. Dann roch es verbrannt. Als ich dem Geruch nachging und die Kellertür öffnete, schlugen mir die Flammen entgegen. Und als ich in die Küche zurückkam, brannte es auch dort. Es ist furchtbar. Alles ist zerstört.“

„Finden Sie es nicht seltsam, dass der Brand an zwei Stellen gleichzeitig begann?“, hakte der Journalist nach. „Oh nein, ich glaube, das hat sich übertragen. Ich glaube, dafür gibt es auch einen Ausdruck,… wie war der doch gleich…“

„Funkenflug?“, fragte der Mann mit der Sonnenbrille hilfreich. „Ja, genau“, lächelte Frau Roberts mit tränenverschmiertem Blick, „Funkenflug, das muss es gewesen sein. Danke.“ – „Gerne zu Diensten.“

„Und Sie“, erkundigte sich Cooper, „wer sind Sie?“ – „Ich“, erklärte Sergio Speranza, „ich bin nur der Versicherungsvertreter.“