(358) Ah, Schaffner 71.

„Ah, Schaffner 71. Danke, dass du so schnell gekommen bist. Nimm Platz.“ Dom Lex wies auf einen Stuhl und Schaffner 71 setzte sich. Dom Lex wühlte unter dem Papierhaufen auf dem Schreibtisch und fand das Blatt, nach dem er suchte. „Du weißt natürlich, worum es geht.“ – „Ich ahne es.“ – „Es geht um ihn. Diese undankbare Kreatur Matt Turner.“ – „Ja, in der Tat, er ist etwas anstrengend.“ – „Er ist einer von denen, bei denen es einem leidtut, dass die Hölle doch nicht gebaut wurde.“ – „Er braucht etwas mehr Zeit, Dom Lex.“ – „Nein, er passt nicht hierher, das ist klar. Er will nicht einfach nur sein, sondern er will ständig irgendetwas tun. Als ob nicht längst schon alles getan war, als wir anfingen zu denken. Ich habe Klagen über ihn ohne Ende. Alle fühlen sich unwohl, wenn er in der Nähe ist. Er missbraucht Menschen und Gegenstände. Hebt ständig Möbel hoch und zählt dabei. Und wenn er keine Möbel hat, dann nimmt er dafür Mitbewohner. Meistens etwas korpulentere, und die beschweren sich dann bei mir. Warum kann er Menschen nicht einfach stehen lassen?“ – „Ich weiß es nicht, Dom Lex. Er spürt diese Unruhe in sich…“ – „Unsinn. Er soll es genießen, statt auf einem Arm Liegestütze zu machen und ständig andere Menschen zu bitten, seinen Arm anzufassen und zu sagen, ob er immer noch so hart ist wie am Vortag. Er hat mich sogar schon deswegen gefragt – ich wäre fast im Erdboden verschwunden. Das ist alles eklig und es muss aufhören.“ – „Soll ich noch mal mit ihm reden? Ich denke, ich habe einen guten Einfluss…“ – „Nein, es hat jetzt ein Ende mit dem Reden, jetzt müssen wir agieren.“ Schaffner 71 schien alarmiert. „Du meinst doch nicht etwa…?“ – „Doch genau das. Wenn alles andere versagt hat, und das hat es, trotz all unserer Mühe, dann hilft nur noch die Reinkarnation.“ – „Autsch“, sagte Schaffner 71. „Er hat so tolle Muskeln, da schaut man gerne hin. Er wird uns fehlen.“ – „Mir nicht. Reinkarnation, die beste Art, solche Leute loszuwerden seit was weiß ich.“ – „Mir wird er fehlen. Naja, vielleicht lernt er ja etwas dazu.“ – „Und wir werden die Möglichkeit haben, das zu beurteilen. Das ist ja das Blöde an der Reinkarnation: Die Leute kommen immer wieder und dann muss man sie, meistens, wieder losschicken. Entweder man hat es drauf oder nicht.“ – „Wo willst Du ihn denn schicken?“

Dom Lex schaute in seinen Computer. „Er ist ja jemand, der Dinge gerne physisch hat…“ – „Ja.“ – „Und gerne auch dabei leidet, wenn er sich um seine körperliche Seite kümmert. Da muss es doch etwas geben…“ – „Du suchst jetzt etwas als Lastenelefant in Indien, oder so etwas?“ – „Gute Idee, aber es sollte etwas Besonderes sein.“ Dom Lex blätterte in seiner Datenbank. Dann stieß er einen spitzen Schrei aus und hob den Zeigefinger. „Ich habe es. Passt hervorragend. Wir machen ihn zu einem Tänzer. Modernes Tanztheater. Wenn das nicht physisch ist, dann weiß ich auch nicht. Und zwar ab morgen, denn da ist eine Stelle frei.“ Dom Lex griff nach einem Formularblock und füllte eine Seite aus. „Kannst Du ihn morgen dahin begleiten? Damit er unterwegs nicht noch auf Wolken Liegestütze macht, und abstürzt.“ – „OK, ich mache es. Wuppertal? Oh je, das ist eine Strafe.“

(359) Als Matt Turner wieder zu sich kam, war er Danilo Petri…

Als Matt Turner wieder zu sich kam, war er Danilo Petri und konnte sich nicht mehr daran erinnern, jemals Matt Turner gewesen zu sein. Es war um ihn herum ganz dunkel und ein Sturm zog auf, man konnte die Spannung in der Luft spüren. Eine Wolke Glühwürmchen flog durch die Nacht.

Als seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah er, dass er Teil einer Gruppe von Männern und Frauen war. Sie standen im Kreis um eine andere Frau herum, die in ihrer Mitte auf dem Rücken lag. Ein rotes Kleid war neben ihr. Danilo half der jungen Frau, das Kleid anzuziehen, während die anderen wild umher gestikulierten. Sie war die Einzige, die ein rotes Kleid trug. Die anderen Frauen hatten weiße Kleider an, die von der Erde braune Flecken hatten. Die Männer, auch Danilo, hatten einen nackten Oberkörper und schwarze Hosen. Alle waren barfuß.

Dann wurde die Frau im roten Kleid von Danilo an den Schultern herumgeführt, so als ob er sie allen zeigen wollte. Sie blieb in der Mitte stehen und fing an zu tanzen. Alle anderen gingen im Kreis um sie herum, sei es, um sie zu schützen oder auch, um ganz genau zu sehen, was mit ihr passierte. Die Frau tanzte mit wilden Bewegungen in allen Richtungen umher. Sie schien wie besessen. Danilo legte sich auf den Rücken und streckte seine Arme nach oben aus, als ob er sie empfangen wollte.

Die Frau im roten Kleid tat so, als ob sie sich das Herz herausriss und es für alle sichtbar in die Höhe hielt. Aber ihre Hand war leer. Gleichzeitig schüttelte sie die Fäuste gegen den Himmel, als ob sie ihn verdammen wollte. Dann formte sie die Hände zu einem großen Kreis, den sie um sich herum wirbelte. Sie sah aus, wie ein Fisch, den man an Land geworfen hatte. Wild lief sie in alle Richtungen, immer wieder gebremst von den anderen, die im Kreis um sie herum standen. Es gab keinen Ausweg für sie. Mit hochgereckten Armen tanzte die Frau im Kreis herum. Ihr Tanz wurde immer ekstatischer, aber man fühlte den Schmerz, den sie dabei empfand. Ihre Hüften rotierten. Sie fiel auf die Knie und ihre Arme wirbelten immer noch um sie herum. Dann fiel sie vorneüber auf die weiche Erde, konnte sich wieder erheben. Wieder begann der gleiche ekstatische Tanz, aber er wurde langsamer, sie war schwächer geworden von der Anstrengung. Wie ein letztes Aufbäumen sah es aus. Dann fiel sie noch einmal flach hin. Wieder konnte sie aufstehen und bat mit ausgestreckten Armen um Gnade. Sie fühlte noch etwas Kraft in sich und schlug sich mit den Händen gegen die Brust. Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, ging ein paar taumelnde Schritte rückwärts, blieb stehen. Sie ruderte mit den Armen, schneller und dann in einem wirklich letzten kräftezehrenden Aufbäumen warf sie die Arme nach oben und fiel nach vorne, als ob man ihr die Beine weggezogen hätte. Alle beobachteten sie aus der Ferne, keiner ging zu ihr hin. Danilo konnte seine Arme wieder sinken lassen.

Es wurde dunkel. Es war vorbei.

(360) Bei den Proben hatte alles funktioniert.

Bei den Proben hatte alles funktioniert. Sie hatten immer wieder die gleichen Bewegungsabläufe wiederholt und alles, was eigentlich sehr spontan aussah und wie im Augenblick geboren, war genau so in der Choreografie festgehalten. Es gab so gut wie keinen Spielraum. Damit hatte Danilo ein Problem. Er hatte sich selbst mit Strawinskis Sacre du Printemps beschäftigt und eine andere Auffassung entwickelt. Für ihn war es ein ständig wiederkehrender Zyklus, der aber nur von einem der Teilnehmer geträumt wurde. Er fand, dass es durchaus sinnvoll war, in dem Opferteil seine eigene Rolle heraus zu isolieren. Er dachte sich den Tanz nur aus. Es war nicht richtig, dass seine Rolle nur einfach da lag und autistisch mit starr nach oben gereckten Armen auf etwas wartete, das am Ende nie kam. Nein, er wollte explizit zeigen, dass dies eine aktive Rolle war, die mit dem Opfer kommunizierte. Er wollte, um es kurz zu sagen, gemeinsam mit der Frau im roten Kleid tanzen. Natürlich würde sie am Ende tot umfallen, das war nun einmal die Prämisse von Strawinski. Sie war das Frühlingsopfer, das dem Ballett den Namen gab. Aber es gab keine Anweisung Strawinskis, dass sie alleine tanzen sollte.

Natürlich erzählte er niemand von diesen Überlegungen und deshalb gab es auch keine Möglichkeit, eine alternative Fassung mit den anderen Tänzern einzustudieren. Aber er musste es wagen und die erste Gelegenheit war die Premiere, denn niemand würde es wagen, ihn bei der Premiere zu unterbrechen. Diese 15 Minuten gehörten ihm.

Als Danilo sich bei der Premiere nicht mit ausgetreckten Armen hinlegte, dachten sie zuerst, er hätte sich geirrt und wiesen ihn mit Zischen auf den Fehler hin. Er aber tanzte einfach weiter. Dann wollten sie ihn mit ihren Körpern isolieren und von der Bühne drängen. Aber Danilo war einfach zu kräftig und wendig, als dass sie damit Erfolg hatten. Er tanzte sehr gut. Er hatte sich eine eigene Choreografie ausgedacht, die ganz genau mit den Bewegungen der Frau im roten Kleid harmonierte. Wenn sie bei ihrer Rolle blieb, dann würde es so klappen, als ob sie es schon hunderte Male probiert hätten. Bereits nach ein paar Figuren merkte Danilo, dass er gerade dabei war, etwas Neues zu erschaffen und dass es funktionierte. Allerdings war seine Partnerin nicht selbstsicher genug, um ihre Routine einfach fortzuführen, komme was wolle. Sie fing ebenfalls an, zu improvisieren, vielleicht, das musste man ihr guthalten, inspiriert von Danilos neuen Bewegungen. Jedoch zerstörten ihre Improvisationen seine Planungen und es kam zu Disharmonien. Er versuchte, diese Unwucht auszugleichen, indem er mit Improvisationen auf ihre einging, damit der Gesamteindruck immer noch stimmte. Aber das verursachte nur noch größeres Chaos. Als alles zu implodieren drohte, nahm der Dirigent eine gewaltige Abkürzung. Er ließ das Orchester unvermittelt die letzten Takte anstimmen, auf die alle Tänzer probegemäß antworteten. Es kam das letzte Tutti, alle fielen hin und der Vorhang fiel.

Die meisten Abonnementbesucher hatten bestimmt nichts von den Konflikten auf der Bühne bemerkt. Als der Vorhang geschlossen war, rotteten sich die anderen Tänzer wie ein Rudel Wölfe um Danilo herum zusammen. Es sah so aus, als ob sie ihn in Stücke reißen wollten.

(1) Fred Jung schreckte hoch…

Fred Jung schreckte hoch, als die Alarmglocke anschlug. Es war das erste Mal, dass sie in dieser Schicht ausrückten. Vorher war Fred an der Reihe gewesen, die Atemschutzgeräte zu überprüfen. Als er damit fertig war, hatte er sich für eine Pause hingesetzt und war eingeschlafen.

Bevor er vollends bei Bewusstsein war, saß er mit den Kollegen im Einsatzwagen. Über Sprechfunk erfuhr die Mannschaft, dass der Einsatz einem brennenden Postbriefkasten galt.

Mit Blaulicht fuhren sie durch den morgendlichen Berufsverkehr. Der Fahrer bahnte sich eine Gasse und wechselte von einer Fahrbahn in die andere. Die Männer im Einsatzwagen saßen dichtgedrängt und neigten sich im Block mal nach rechts, mal nach links.

Der Briefkasten stand an der Uferstraße, neben dem Fluss. Ein Menschenring hatte sich darum herum gebildet und zwischen ihnen stieg schwarzer Rauch auf. Als sie ankamen, sah Fred die Flammen aus den Schlitzen an beiden Seiten heraus züngeln. Er sprang mit den Kollegen aus dem Fahrzeug und jeder wusste sofort, was er zu tun hatte.

Freds Aufgabe bestand darin, die Schaulustigen flussaufwärts zu kontrollieren und zu verhindern, dass sie sich selbst oder die Löscharbeiten gefährdeten. Mit ausgebreiteten Armen und bestimmten Worten drängte er die Schaulustigen zur Seite. Der Mann vor ihm reckte den Hals und stellte sich auf die Zehenspitzen, um über Freds Schulter zu blicken. Eine Frau hatte sich geduckt und schaute unter seinem Arm durch. Auch zwei Streifenpolizisten waren angekommen und warteten, dass das Feuer gelöscht war, um mit ihren Ermittlungen zu beginnen.

Hinter seinem Rücken hörte Fred das Zischen des Handfeuerlöschers. Er fragte sich, warum jemand einen Briefkasten in Brand steckte. Wahrscheinlich Teenager, dachte er.

Einige Passanten gingen jetzt weiter – was immer sie erwartet hatten, es war nicht eingetreten. Andere würden so lange hier stehen bleiben, bis die Feuerwehr wieder abgerückt war.

Weiter hinten hupte ein ungeduldiger Autofahrer und bald würde der Verkehr der Pendler wieder fließen.

(2) Sepp Brandel räusperte sich…

Sepp Brandel räusperte sich und raschelte mit dem Tagesspiegel. Er hatte die Zeitung angehoben, als wollte er der Welt draußen vor der Windschutzscheibe die Schlagzeile des Tages verkünden: ‚Queen Mum im Alter von 101 Jahren verstorben‘.

Hubert Schwarz nahm die Zigarette aus dem Mund und strich sich über den Stoppelbart, während er den Rauch zum Seitenfenster hinaus blies. „Warum die Straße komplett sperren? So ein Schwachsinn.“ – „Brennen tut‘s draußen, nicht bei uns. Es läuft nix davon.“ – „Wir haben heute noch viel zu tun.“ – „Da, jetzt geht es doch weiter. Kein Grund zum Stress.“

Hubert schmiss die Zigarette aus dem Fenster. Der Feuerwehrmann, der den Verkehr gestoppt hatte, nahm es kopfschüttelnd wahr, trat aber zur Seite und gab die Straße wieder frei.

Zehn Minuten später kamen sie am Wertstoffhof an. „Fahr nach hinten durch“, befahl Sepp, „zwischen Holz und Papier. Da ist was frei.“ Hubert manövrierte den Lieferwagen in Stellung. Sepp zog sich die Handschuhe an und ging um den Wagen. Er öffnete die Doppeltür und schaute prüfend ins Innere. „Du nimmst die Bettteile, die kommen in den Sperrmüll“, wies er Hubert an. „Die Stühle auch. Die Kommode nehmen wir gemeinsam danach. Ich schau nochmal die Bücher durch, ob davon noch etwas zu gebrauchen ist.“

Hubert hatte schon angefangen, die Seitenteile des Betts aus dem Stapel zu ziehen und neben dem Wagen aufzustellen. Sepp öffnete die Schiebetür an der Seite und beugte sich über die Bananenkiste mit den Büchern des alten Herrn. Einige hob er heraus, fächerte sie auf, schüttelte sie und legte sie zur Seite. Beim dritten Buch fiel ein Foto heraus und flatterte auf den Asphalt. Sepp hob es auf. Ein alter Abzug, in Schwarz-Weiß und ziemlich vergilbt. Rechts ein Mann mittleren Alters im dunklen Anzug mit feiner dünner Krawatte, einer runden Brille, den Arm etwas angewinkelt, in der Hand eine qualmende Zigarette. Er grinste wie ein Schuljunge, den man bei etwas Verbotenem erwischt hatte. Er schaute zwar in die Kamera, aber das Grinsen musste mit der Frau links neben ihm zu tun haben. Sie war viel jünger als er. Sie trug einen schulterfreien, tief ausgeschnittenen schwarzen Samtbody, weiße Manschetten an den Handgelenken, am Hals einen Kragen mit angedeuteter Fliege und auf dem Kopf einen Haarreifen mit Hasenohren. Sie zeigte ein offenes Lächeln und schien glücklich.

(3) Mit siebzehn Jahren war Herbert Jost…

Mit siebzehn Jahren war Herbert Jost in die Staaten ausgewandert. Als Hitler Reichskanzler wurde, lebte er bereits zwei Jahre drüben. Von Amerika hatte er geträumt, seit er denken konnte. Englisch hatte er sich selbst beigebracht mit Heften der Popular Mechanics, die ihm sein Onkel Heinrich sporadisch schickte. Verschlungen hatte er die Zeitschriften, die seine Erwartungen von Amerika prägten.

Mit der Bahn nach Hamburg, mit dem Schiff nach New York und an der Freiheitsstatue vorbei, die er bereits von innen kannte, bevor er sie zum ersten Mal erblickte. Onkel Heinrich war sehr autoritär und sprach auch nach einunddreißig Jahren in Brooklyn noch ein grauenvolles Englisch. Aber er unterstützte Herbert und war stolz auf seinen Neffen, als der ein Stipendium für Ingenieurswissenschaften am MIT bekam. Nach dem Studium zog Herbert nach Chicago. Heinrich hatte er danach nur noch ein Mal besucht und an manchen Tagen belastete ihn deswegen sein schlechtes Gewissen.

Seine Frau Hetty lernte Herbert bei einem Firmenpicknick kennen, sie war die Schwester eines Kollegen. Zwei Monate später heirateten sie, ein Jahr danach kam der Junge, dann das Mädchen und als sie fünf Jahre verheiratet waren, starb Hetty. Herbert konnte nichts mit den Kindern anfangen und gab sie an seinen Schwager und dessen Frau weiter. Er vertiefte sich in seine Arbeit und wurde sehr erfolgreich dabei. Das Unternehmen beförderte ihn zum Leiter der Abteilung für Forschung und Entwicklung und an Freitagnachmittagen versuchte er sich mit anderen Abteilungsleitern beim Golf. Jeden zweiten Sonntag besuchte er seinen Schwager und die Kinder.

An einem runden Geburtstag nahmen ihn Ted Burke (Abteilungsleiter Produktion) und Willy Palmer (Abteilungsleiter Einkauf) mit in den Playboy Club von Chicago. Willy war Keyholder und kannte sich aus. Ted und Herb waren beide zum ersten Mal da und bekamen vor Staunen den Mund nicht zu. Mit den Mädchen in den Hasenkostümen allein im gleichen Raum zu sein – bereits das verursachte ihnen Schwindel. Wenn sie von den Bunnys angesprochen wurden, wurde es noch schlimmer und sie verwandelten sich in linkische Pubertierende. Erst nach dem zweiten Cocktail fühlten sie sich besser und glitten in einen weichen Watterausch hinein. Willy schob ein Mädchen an Herberts Seite und winkte den Clubfotografen herbei. Bevor Herbert sich versah, zündete das Blitzlicht. Später drückte ihm Willy den Abzug in die Hand, haute ihm auf die Schulter und feixte, „Now, old boy, wasn’t that a great birthday.“

Manchmal, wenn er allein war, betrachtete Herbert das Bild. Ein paar Jahre später zog er nach Deutschland zurück und schickte seinen amerikanischen Kindern jedes Jahr eine Weihnachtskarte und manchmal einen Brief. Manchmal schrieben sie zurück.

(4) „Mom, wann fahren wir?“

„Mom, wann fahren wir?“ Billy Jost war ganz aufgeregt, heute war sein Tag. „Gleich Billy. Setz dich schon mal ins Auto.“ Billy lief hinaus. Margaret kehrte zurück ins dunkle Wohnzimmer. Sie stellte sich hinter Frank, der im Sessel saß und einen handgeschriebenen Brief las. Sie legte ihre Arme von hinten um seinen Hals. „Wann hattest du ihn zum letzten Mal gesehen?“ – „Als er zurück nach Deutschland zog. Das war in Chicago. Ich war 23.“ Er legte den Brief auf den Tisch. Tränen liefen aus seinen Augen, sein Mund war verzogen. „Ich weiß nicht, warum ich weine.“ Margaret streichelte seinen Nacken. Er umklammerte ihren Schoß.

„Was hat Daddy? Warum weint Daddy?“ Billy war unbemerkt wieder hereingekommen.

Später waren sie doch noch losgefahren. Margaret hatte es versprochen, aber eigentlich auf Frank gesetzt. Aber Frank war nach dem Tod seines Vaters zu geschockt. Margaret musste also mit Billy zum Schießen gehen.

Der Schießclub ‚Miller Time 163′ lag außerhalb der Stadt. Schon von weitem hörte man das Ballern. Margaret kannte Bob Miller, den Betreiber, vom Sonntagsgottesdienst. Ein netter, wenn auch einfältiger Kerl. Genauso wie sein Hund Matt.

Billy bekam eine Kel-Tec P-11, laut Bob eine „absolut kindgerechte Pistole“. Margaret suchte sich, ohne groß darüber nachzudenken, eine SIG Sauer P239 aus. Die Sicherheitseinweisung von Bob war sehr kurz gewesen. Schallschutz, Sicherheitshebel, heißer Lauf, nur in Richtung Zielscheibe abdrücken und selbst nicht vor den Zielscheiben herumlaufen.

Billy hyperventilierte fast. Mit beiden Händen hielt er das Schießeisen und kniff angestrengt ein Auge zu. Bobs ruhige Hand stützte seinen Arm. „Stell dich fest auf beide Beine, Billy. Denk an John Wayne. So ist es gut. Arme locker lassen. Schau auf die Zielscheibe. Hast du sie fest im Blick?“ Billy nickte heftig. Seine Knie zitterten. „Jetzt den Finger auf den Abzug legen. Noch nicht drücken. Spürst du den Abzug? Wenn du das Ziel im Visier hast, halt‘ den Atem an und drück‘ ab.“

Das Knallen von den Nachbarständen verstummte, es wurde still. Billy hatte den Kreis der Zielscheibe vor Augen und sie schien auf ihn zuzukommen. Er hielt den Atem an. Die Ränder seines Blickfelds zentrierten sich auf die Zielscheibe wie in einer Zoombewegung. Er drückte ab. Der Rückstoß zog ihm den Arm hoch, aber er merkte es nicht mehr. Schlaff hing sein Körper in Bobs Händen. Margaret schrie auf und knallte ihre Pistole auf den Schießtresen. Dabei drückte sie auf den Abzug. Der Hammer schlug auf die Patrone, das Schwarzpulver entzündete sich und explodierte. Die Kugel schraubte sich durch den Lauf, verließ ihn und sauste durch den Raum. Sie traf Matt am Hals, zerfetzte die Schlagader, riss die Luftröhre auf und durchtrennte beim Verlassen das schwarze Lederhalsband. Matt röchelte, fiel um und sein Fell tränkte sich mit Blut.

(5) Mit ihren Stiefeln drückte Marika Pekkanen …

Mit ihren Stiefeln drückte Marika Pekkanen das Holzscheit tiefer ins Feuer. Es knisterte und Funken sprühten in den blauen Nachthimmel, an dem viele Sterne funkelten.

„Das ist eine heftige Geschichte, Bob. Der arme Matt.“

Bob brummte zustimmend und nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche. Er hatte Matt gemocht. Ein treuer Hund und ein wahrer Freund. Morgen würde er sich einen neuen holen. Der Junge war danach schnell wieder ok gewesen. Die Aufregung hatte ihn ohnmächtig werden lassen. Margaret war außer sich gewesen. Der Junge, der Schuss, der Hund. Fast wäre auch sie zusammengeklappt, aber ihre Angst um Billy hatte es verhindert. Ein aufregender Tag. Er war froh, jetzt bei Marika zu sein. Im Schein der Flammen blickte er zu ihr hinüber. Sie sah gut aus, wie sie in ihrer verdreckten Jeans auf der Decke saß und in den Feuerkreis starrte.

Vor einem Jahr hatte er sich ein Herz gefasst und ihr einen Heiratsantrag gemacht. Sie warf ihn mitten in der Nacht aus der Hütte. Erst als er ihr eine Ithaca M37-Flinte mitbrachte, ließ sie sich besänftigen. Marika lebte von der Jagd, darin war sie sehr gut. Einen Teil der Beute verkaufte sie in der Stadt. Viel brauchte sie nicht zum Leben. Sie war nordeuropäisch, Schwedin oder sowas. Vor ein paar Jahren war sie herübergekommen. Zum ersten Mal war er ihr begegnet, als sie bei ihm Munition kaufte. Dann hatte sie ihn mal im Wagen mitgenommen, als er eine Panne hatte. So waren sie sich näher gekommen. Und irgendwann hatten sie Sex gehabt am Lagerfeuer. Sie war anders als alle Frauen, die Bob vorher gekannt hatte. Viel wusste er nicht über sie und er hätte nicht erklären können, warum sie in dieser Hütte allein leben wollte. Er stellte sich die Frage auch nicht. Aber er wusste, dass er jetzt nirgendwo anders sein wollte als mit ihr am Feuer vor ihrer Hütte.

Er betrachtete den kleinen Hügel frisch umgegrabener Erde, unter der Matt lag, und trank noch einen Schluck.