(348) Die Selbsthilfegruppe schien keinen positiven Einfluss auf Eugene und Grace gemacht zu haben.

Die Selbsthilfegruppe schien keinen positiven Einfluss auf Eugene und Grace gemacht zu haben. Cliff beobachtete sie im Rückspiegel und sie schienen gedankenverloren, schauten jeder auf seiner Seite zum Fenster hinaus. Andere Paare, die Cliff aus dem Haus kommen sah, schienen freudiger. Am besten drauf schienen die Pfleger, die sich abklatschten, bevor sie mit ihren Sportwagen wegfuhren.

Sie waren schon fast eine Stunde an der Küste entlang gefahren, als Grace plötzlich und unvermittelt sagte: „Ich will nicht mehr.“ Cliff schaute starr nach vorne. Er hörte Eugene einmal tief durchatmen und dann fragte er: „Was willst du nicht mehr?“ – „Alles. Diese Nachmittage sind schrecklich und es vergiftet jeden Moment, den ich mit dir verbringe.“ Eugene schien getroffen. „Aber ich mache das doch wegen dir.“ – „Nein. Du machst es nur für dich. Du machst alles nur für dich. Und wir alle sind nur Figuren auf deinem Schachbrett. Wir schieben dich zwar, aber in Wirklichkeit hast du uns alle in deiner Hand.“ Dann war es einige Zeit still, bis Eugene wieder sagte: „Es tut mir leid, dass du es so siehst. Da es Empfindungen sind, kann ich wohl nicht viel machen, um dich vom Gegenteil zu überzeugen.“ Cliff hätte am liebsten gesagt, dass er etwas sagen sollte, gerade weil es Empfindungen waren, aber da war nicht sein Job. Dann wandte sich Grace direkt an ihn: „Sagen Sie, kommen wir irgendwann an einem Bahnhof vorbei?“ Während Cliff im Navi nachschaute, schwieg Eugene. Entweder er wollte sehen, wie weit sie gehen würde oder er war froh, dass sie aussteigen wollte. „Mystic, in fünf Meilen. Von dort gibt es eine Amtrak-Verbindung nach New York.“ – „Da lassen Sie mich raus, bitte.“ Eugene widersprach nicht und so fuhr Cliff zum Bahnhof in Mystic, Connecticut. Grace stieg aus, nahm ihre Tasche aus dem Kofferraum und verschwand in dem kleinen Bahnhof.

Eugene schaute ihr nach und Cliff sagte solange nichts. „Soll ich jetzt weiter nach New York fahren?“, fragte er schließlich. „Nein“, Eugenes Stimme krächzte etwas. Fahren Sie zurück nach Osten. Newport, Rhode Island. Ich will jetzt nicht nach New York zurück.“ – „Eine bestimmte Adresse?“ – „Kommt. Fahren Sie erst mal los.“ Während Cliff den Wagen wendete, suchte Eugene auf seinem Smartphone. Als er gefunden hatte, wonach er suchte, wählte er eine Nummer. Es war ein Hotel und er fragte, ob es freie Zimmer gab. Dann ließ er sich die Adresse geben und wiederholte sie in Cliffs Richtung. „2 Sunnyside Place. Das Architects Inn.“

Als Cliff die Adresse eingegeben hatte, sagte das Navi, dass sie eine Stunde brauchen würden. „Das ist ein altes Hotel in Newport. Da war ich schon einmal. In besseren Zeiten.“ Etwas später fragte Eugene: „Müssen Sie direkt nach New York zurück oder kann ich Sie für ein paar Tage verlängern? Sie würden mich dann auch etwas mit dem Rollstuhl herumschieben, wenn das ok ist?“ Cliff sagte, dass das kein Problem sei und er seinen Boss informieren würde.

(349) Früher kam ich oft nach Newport zum Segeln.

„Früher kam ich oft nach Newport zum Segeln.“ Cliff fuhr Eugene mit sehr langsamer Geschwindigkeit durch den Ort, damit der alte Mann seine Erinnerungen auffrischen konnte. „Ich war ein sehr guter Segler. Crazy Gene, nannte man mich, weil ich oft Manöver machte, die für andere zu waghalsig waren. Aber es war alles kalkuliert. Na ja, alles kann man nicht kalkulieren. Aber was soll’s. Da, das da ist Gooseberry Beach. Hier kam ich oft zum Schwimmen, damals. Newport war so etwas wie meine zweite Heimat. Sehen Sie, da rechts. Unglaubliche Sicht aufs Meer, herrschaftliche Häuser. Auf der anderen Seite gibt es die richtig großen Residenzen. Die Vanderbilts haben da unglaubliche Dinger hingesetzt. Ich war in solchen Häusern auch eingeladen damals. Nicht nur zu den großen Empfängen, auch privat. Mal zu einer kleineren Geburtstagsfeier oder so was. Aber das war dann auch schon eine Riesensache. Es gibt einen Spazierweg, der zwischen dem Meer und diesen Villen entlang geht. Lustig, der heißt Cliff Walk, genau wie Sie. Der Spazierweg ist ganz toll, vielleicht können Sie mich da entlang schieben und ich kann Ihnen zeigen, was es da so gibt. Sie müssen da vorne rechts, dann links. Und noch mal rechts. Tolle Häuser sind das. Da ganz hinten, da wo die Straße am Meer endet, da geht der Weg los. Oh, das geht ja nicht.“ Mit dem Blick folgte Cliff dem Schild ‚Cliff Walk‘ und sah, dass der Weg über kleinere Felsbrocken führte und damit für einen Rollstuhl unpassierbar war. „Soll ich Sie tragen?“, fragte Cliff. „Das würden Sie tun? Nein, das geht nicht. Ich bin viel zu schwer und es ist auch gefährlich. Wenn wir ins Rutschen kommen, da wären wir beide tot. Aber setzen Sie mich auf die Bank da vorne. Ich würde gerne aufs Meer hinausschauen.“ Cliff wendete den Wagen und setzte ihn, soweit es ging, zurück vor die Bank. Dann hob er Eugene aus dem Wagen und setzte ihn auf die Bank. Er gab ihm eine Decke für die Beine. „Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir. Sie können auch gerne rauchen, wenn Sie den Rauch nicht in meine Richtung blasen.“

Der Himmel über dem Meer war bewölkt und hatte seine schmutzigblaue Färbung nur durch den Widerschein des Meers. Rechts von der Straße stand ein riesiges schiefergedecktes Haus, das aber unbewohnt schien. Eugene wusste nicht, wer darin wohnte. „Es hat sich so viel geändert seit meiner Zeit. Nur das Meer sieht immer noch genauso aus. Ach könnte ich noch einmal segeln. Ich würde hinausfahren und nie wieder an Land gehen.“ Es klang bitter. Sie starrten beide auf das Meer hinaus. Cliff hatte eine Zigarette angezündet und hielt sie so, dass der Rauch Eugene nicht erreichte.

Plötzlich schreckte Eugene hoch. „Schauen Sie mal, da hinter den Felsen im Meer. Ich beobachte den jungen Mann schon die ganze Zeit. Erst schaute er aufs Meer. Jetzt scheint er hinein zu gehen. Mit Kleidern. Ich glaube, der will sich umbringen… Wir müssen etwas machen. Rennen Sie hin!“ Cliff sah den jungen Mann jetzt auch. Er trug eine braune Cordhose und ein hellblaues Hemd. Er stand schon bis zu den Knien im Wasser und schien nach einem Halt zu suchen, um weiter hinein zu gehen. Cliff sprang auf, warf die Zigarette weg und lief die schmale Felszunge zum Meer hinunter in Richtung des Selbstmörders.

(350) Wenn Kai Wunderlich es in New York schaffte, dann würde ihm die Welt offen stehen.

Wenn Kai Wunderlich es in New York schaffte, dann würde ihm die Welt offen stehen. Das hatte der Professor an der Kunsthochschule mal gesagt. Der Professor war aus seiner persönlichen Mittelmäßigkeit nie herausgekommen und war immer noch froh, wenn irgendein Sparkassenverband ihn buchte, um eine triste Schalterhalle aufzuwerten. Kai Wunderlich hatte andere Ambitionen. Er wollte es wirklich in New York schaffen. Nach dem Studium hatte er sich bei Verwandten Geld geliehen und war nach New York geflogen. Einen Monat lang pilgerte er mit seinen mitgebrachten Fotoarbeiten von einer Galerie zur nächsten. Er hatte bei den wichtigsten angefangen, aber erst als er bei Nummer 37 seiner Prioritätenliste angelangt war, wollte überhaupt jemand sich mal Teile seines Portfolios ansehen. Trotzdem war niemand an den Arbeiten oder an ihm interessiert. Ein paar Mal gab es eindeutig zweideutige Annäherungsversuche, aber Kai wollte seine Kunst und nicht seinen Körper verkaufen. Wenigstens bekam er Gründe für die Absagen genannt. Seine Arbeiten seien in den USA unverkäuflich; sie seien nicht frisch; man habe alles schon mehrmals vorher gesehen, und zwar besser.

Kai machte Kassensturz und gab sich drei Monate Zeit, es zu schaffen oder wieder nach Deutschland zurückzukehren und sich und der Welt einzugestehen, dass er versagt hatte.

Er musste sich in der Zeit praktisch neu erfinden. Deshalb wollte er aus New York heraus, um sich nicht unbewusst den dort vorherrschenden Ideen anzuschließen. Er fuhr mit der Bahn die Ostküste hinauf und landete in Newport, Rhode Island. Der etwas morbide Glanz der goldenen Zeit, berührte ihn. Er fühlte sich gehetzt und einsam. Es kam ihm die Idee, diesen Zustand in einer Reihe von Selbstporträts zu dokumentieren.

Für ein Bild hatte er die Idee, sich ins Meer zu stellen, zuerst bis zum Nabel einzutauchen und sich dann mit Selbstauslöser so zu fotografieren, dass die Wasserlinie auf dem Hemd mit dem Horizont auf gleicher Ebene lag. Mit dem hellblauen Hemd wollte er sich oben mit dem Himmel verbinden und unten, durch das nasse Dunkelblau des Hemdes, mit dem Meer. Eigentlich eine Selbstmörderpose, und genau das hatte er auch im Sinn.

Es muss sehr authentisch ausgesehen haben, denn es kam sogar ein Typ angelaufen, der ihn retten wollte. Als das Missverständnis aufgeklärt war, mussten beide lachen. Der Typ, er stellte sich als Cliff vor, war mit einem alten behinderten Mann unterwegs, vielleicht war es sein Vater. Kai machte ein paar Fotos von den beiden, wie sie auf der Bank saßen und wie Cliff den Mann ins Auto trug. Zuvor hatte Cliff aber noch den Auslöser gedrückt, bei den Fotos von Kai im Meer. Es war recht schwierig, den Horizont mit der Wasserlinie im Hemd auszurichten, wenn man immer hin und hergehen musste, um es anzupassen. Außerdem war das Meer ziemlich kalt und die Steine glitschig. Mit Cliff ging es viel einfacher.

(351) Kai wachte auf. Da musste ein Geräusch gewesen sein…

Kai wachte auf. Da musste ein Geräusch gewesen sein… Normalerweise war die Pension, in der er wohnte, zwar schäbig, aber ruhig in der Nacht. Dann spürte er, dass etwas oder jemand auf seinem Bett saß! Er tastete panisch nach dem Lichtschalter und fand ihn schließlich. Die plötzliche Helligkeit ließ ihn blinzeln. Dann erkannte er, dass Andy Warhol bei ihm auf dem Bett saß. Er hatte eine Sonnenbrille auf und trug eine silberfarbene Perücke.

„Mr Warhol… ich dachte, Sie seien tot“, war das Erste, was Kai sich sagen hörte. „Äh… ich glaube ja.“ Etwas wie ein leichtes Lächeln umspielte Warhols Lippen, aber es konnte genauso gut ein Lichteffekt sein. „Wie kommen Sie hierher?“ – „Äh… darüber habe ich noch nicht nachgedacht.“ – „Wollen Sie mir etwas sagen? Ist das der Grund, warum Sie hier sind? Einen Ratschlag geben, als Künstler?“ – „Äh… Nein.“ – „Glauben Sie, dass ich es lassen und nach Deutschland zurückkehren sollte?“ Warhol schien die Frage zu überlegen. Seine Lippen bewegten sich, aber er sagte zuerst nichts. Dann kam es stockend: „Ob Sie es lassen und nach Deutschland zurückkehren…“ – „Ja? Soll ich? Was meinen Sie?“ – „Äh… ich glaube… Sag mir doch einfach, was ich sagen soll.“ – „Sie glauben, dass ich kämpfen soll? Um es in New York zu schaffen?“ – „Was?“

Kai fragte sich, ob Warhol ihn auf den Arm nahm. Er konnte wegen der Sonnenbrille nicht erkennen, ob Warhol ihn überhaupt ansah, während sie redeten. Er unternahm einen letzten Vorstoß. „Lohnt es sich, Kunst zu machen?“ – „Äh ja, das ist eine super Idee. Glaube ich. Irgendwie. Warum nicht?“

Kai hatte unterdessen heimlich nach seiner Kamera gegriffen und sie unter die Bettdecke gezogen. Während er weiter mit Warhol redete, entfernte er die Objektivkappe und schaltete die Kamera ein. Dann zog er sie blitzschnell hervor, richtete sie auf Warhol und drückte ab. Der Blitz überstrahlte alles im Zimmer und als Kai wieder sehen konnte, war Warhol weg. Schnell drückte er auf die Play-back-Taste der Kamera. Das letzte Bild zeigte nur eine Großaufnahme der Tapete hinter Warhol. Dabei hatte alles so echt ausgesehen. Er legte enttäuscht die Kamera beiseite, löschte das Licht und versuchte, wieder einzuschlafen.

Am nächsten Morgen schaute er sich das Foto noch einmal an und fand, dass es sehr interessant aussah. Er untersuchte die Tapete in seinem Zimmer. Sie hatte ein organisch anmutendes Muster, die man immer wieder anders interpretieren konnte, je länger man darauf starrte. Kai suchte sich weitere interessante Stellen auf der Tapete aus und machte Bilder davon in Großaufnahme. Vielleicht hatte der Besuch von Warhols Geist doch etwas bewirkt.

(352) Kai, ich möchte dir Kenneth Marrs vorstellen.

„Kai, ich möchte dir Kenneth Marrs vorstellen. Kenneth schreibt für das Feuilleton der Sunday Post.“ Elizabeth McGraw positionierte Kai Wunderlich vor den Kunstkritiker und enteilte wieder zu den anderen Vernissagegästen. Als Kai ihr sein neues Portfolio vorlegte, hatte ihn die Galeristin vom Fleck weg gesigned. Als Titel für die erste Ausstellung hatte sie ‚Muster der Einsamkeit‘ gewählt.

„Gratulation, Kai“, sagte Kenneth mit monotoner Stimme. Er hatte einen sehr markanten Schädel und eine Kinnpartie, bei der man annehmen musste, dass er zum Frühstück Stahlstäbe zermalmte. „Danke!“ Kai hatte ein rotes Gesicht, von der Aufregung, dem Wein, den vielen Menschen… „Erzählen Sie mir etwas, das nicht im Flyer steht“, Marrs trank von seinem Weißwein und beobachtete Kai über den Glasrand. Kai dachte nach. Den Text für die Ausstellungsunterlagen hatte Elizabeth geschrieben. Sie stellte ihn als einen tiefgründigen Philosophen dar, der mit seinen europäischen Wurzeln den Sinn von menschlichen Beziehungen hinterfragte und Muster aufdeckte, die in allen Beziehungen herrschten. Es war gut geschrieben und klang auch plausibel. Eigentlich sollte Kai von diesem Kurs nicht abweichen, so war es verabredet. Andererseits wäre es auch ein Zeichen von Dummheit, Marrs mit den gleichen Sprüchen zu antworten. „Ich will in den Bildern, meine Gefühle zeigen. Ich möchte, dass der Betrachter das erlebt, was ich gespürt habe, als die Bilder entstanden sind.“ – „Interessant“, sagte Marrs ungerührt. „Aber das ist ja wohl der Grund für jede Art von Kunst, nicht wahr. Angefangen bei Höhlenmalereien, auf denen Mammuts erlegt wurden. Aber keine Panik, wenn Sie es in Worten ausdrücken könnten, würden Sie ja keine Bilder malen, nicht wahr? Dafür sind wir Schreiberlinge ja da.“ Marrs zwinkerte ihm zu. Elizabeth stand weit weg und kümmerte sich um einen Sammler, der sich auf den silbernen Knauf seines Spazierstocks stützte und das Bild von Cliff und seinem Vater anschaute. „Die klaustrophobischen Tapetenbilder haben mir Angst gemacht“, fuhr Marrs fort. „Wenn es die anderen Aufnahmen mit Menschen nicht gäbe, ich würde mir ernsthaft Sorgen um Sie machen. Wo haben Sie diese unglaubliche Tapete gefunden?“ Kai war erleichtert, dass Marrs ihm konkrete Fragen stellte. Wenigstens dabei brauchte er sich nicht zu verstellen. „In einer kleinen Pension in Newport, Rhode Island. Kurz nachdem mir Andy Warhol im Traum erschienen war.“ Als Marrs darauf mit „Interessant“ antwortete, wurde Kai bewusst, dass er Warhol nicht hätte erwähnen dürfen. Das hatte Elizabeth ihm auch eigens eingetrichtert. Warhol durfte nicht erwähnt werden. Marrs schien über den Fauxpas amüsiert. „Das scheint vielen Künstlern so zu gehen in letzter Zeit. Warhol als Legitimationsmaschine für Schrott. Nicht Ihren Schrott im speziellen, verstehen Sie mich nicht falsch. Schrott halt. Erst gestern musste ich eine ganze Ausstellung ansehen, bei der die Concorde als Siebdruck in vielen Farbvariationen auf Leinwand gebannt war. Futter für Zahnarztwartezimmer, wie das meiste von Warhol selbst. Aber das können Sie alles am Sonntag nachlesen.“

(353) Nachdem er in mehreren aufeinanderfolgenden Ausgaben der Sunday Post die Weinerlichkeit der zeitgenössischen Kunst angeklagt hatte…

Nachdem er in mehreren aufeinanderfolgenden Ausgaben der Sunday Post die Weinerlichkeit der zeitgenössischen Kunst angeklagt hatte, veröffentlichte der Kunstkritiker Kenneth Marrs in der Ausgabe vom 21. Oktober eine Streitschrift mit dem Titel „Mehr Muskeln für die Kunst“. „Es ist das Privileg der Kunst, Positionen zu beziehen, die anders sind, als die vorherrschenden Strömungen in der Gesellschaft. Künstler mögen dabei ihre ganz persönlichen Ansichten vertreten, ohne irgendwelche Zwänge oder Zensuren. Allerdings ist es auch die Pflicht des Publikums, die Gesellschaft vor einem Überhandnehmen von zersetzenden Ansichten zu schützen.“ So die Ausgangsthese von Marrs. Er fuhr fort, in dem er sagte, dass er sich bewusst sei, dass man ihn mit diesen Aussagen schnell in die extremistische Ecke stecken würde, gab aber zu bedenken: „Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, und das ist auch gut so. Es gibt Wirtschaftslenker, die mit ihren unermüdlichen Ideen die Grundlage der Gesellschaft und deren Wohlstand immer wieder erneuern. Dynamik wird als eine positive Kraft gesehen, die erneuert und aufbaut. Nur in der Kunst gilt eine virile Entwicklung von Idealen als eine ideologisch verwerfliche Position. Bewundert werden die Künstler, die mit ihren Schwächen hausieren gehen. Diese Diskrepanz zwischen unserem wirtschaftlichen und unserem künstlerischen Dasein führt zu unüberbrückbaren Spannungen, die eben nicht zu einer Verbesserung des Diskurses führen, sondern zu der Glorifizierung von Schwächlingen. Wir brauchen nicht den Mahner in Sack und Asche, der immer nur zeigt, in welchen Sackgassen wir uns gerade befinden. Wir brauchen den starken Künstler, der mit wehender Fahne und stolz geschwellter Brust vorne steht und der Gesellschaft den Weg weist. Wir brauchen Mut, damit es vorangeht. Wir brauchen letztendlich mehr Muskeln in der Kunst.“

Dieser Artikel von Kenneth Marrs löste einen Sturm in den Feuilletons anderer Blätter aus. Man warf ihm vor, sich die Ansichten und das Vokabular der Nazis zu eigen zu machen. Eine Karikatur zeigte den Quadratschädel von Marrs auf einem idealisierten muskulösen Männerkörper, der einer Skulptur von Arno Breker nachempfunden war. Der Karikaturist hatte allerdings die Unterschenkel durch dünne Holzlatten ersetzt. Darunter Marrs‘ Aufruf in Fett: „Mehr Muskeln“. In Fernsehtalkshows wurde er verhöhnt und immer wieder kam das Thema auf Arno Breker, weil es das Naheliegendste war. Marrs wurde zu seinen Ansichten zu Breker gefragt und er sagte, dass man Breker bewundern könne, ohne ein Nazi zu sein. Andere Diskussionsteilnehmer stellten das infrage und die Talk-Runde endete in der verbalen Diarrhöe. Falsche Freunde von Marrs versorgten in den nächsten Tagen gegnerische Journalisten mit Privatfotos eines Picknicks, auf denen Marrs mit nacktem Oberkörper zu sehen war. Seine spindeldürren Arme und seine Hühnerbrust sorgten nach der Publikation für weiteren Spott. Während Wochen noch wurde in den Feuilletons über Muskel-Marrs gelästert.

(354) Die Fehde gegen Kenneth Marrs, oder Muskel-Marrs wie ihn alle nunmehr nannten, fand kein Ende.

Die Fehde gegen Kenneth Marrs, oder Muskel-Marrs wie ihn alle nunmehr nannten, fand kein Ende. Es rächte sich, dass er sich vorher jede Menge Feinde gemacht hatte. Schließlich wurde es dem Verleger zu bunt und er beauftragte den Chefredakteur, Marrs zu feuern. „Die Kunst, Marrs, ist eine ernste Sache“, sagte der Chefredakteur bedauernd. „Sie haben aktuell ein massives Glaubwürdigkeitsproblem und das überträgt sich auf die Zeitung. Der Verleger ist besorgt und schließlich geht es auch um die Arbeitsplatzsicherheit der Kollegen. Ich hoffe auf Ihr Verständnis.“ Marrs hatte kein Verständnis, aber auch keine Wahl. Er akzeptierte die magere Abfindung, denn es war besser, als wenn er dagegen prozessierte. Er war arbeitslos.

Zuerst fuhr er in den Urlaub nach Marokko, konnte die Zeit aber nicht genießen, weil er sich Sorgen um die Zukunft machte und sich ständig einredete, dass er besser täte, nach einem Job zu suchen. Seine Ex-Frau machte sich auch Sorgen, denn sie fürchtete um die ihr zustehende Unterstützung. Ihre ständigen SMS ließen ihn nicht zur Ruhe kommen und so brach er den Urlaub ab. Er machte eine Runde bei allen Zeitungen, die einen Feuilletonteil unterhielten. Aber es war, als ob er auf dem Weg in einen Hundehaufen getreten wäre. Man empfing ihn zwar, aber nur in nicht-einsichtbaren Räumen und war froh, wenn er schnell wieder weg war. Niemand wollte derzeit Kenneth Marrs im Impressum aufführen.

Anscheinend galt das aber nur für die arrivierte Presse. Eines Tages fand Marrs in seinem Briefkasten ein Schreiben eines gewissen Frederick Brooks, der ihm Arbeit anbot. Brooks war der Herausgeber einer Bodybuilder-Zeitschrift namens ‚Musculus‘. „Ich finde Ihre Gedanken zum Thema Muskeln in der Kunst sehr treffend, mein lieber Mr Marrs. Es wäre mir eine Ehre, wenn Sie auf freiberuflicher Basis Artikel für uns schreiben würden.“ Nach der bisher erfahrenen Ablehnung fand Marrs den Brief als wohltuend, war aber gleichzeitig auch bedrückt, dass er von einem Absender kam, dem er vor Kurzem nicht einmal geantwortet hätte. Während Marrs seine Finanzen überprüfte, rief wieder seine Frau an und mahnte die monatliche Zahlung an. Er sagte ihr, dass er gerade ein neues Jobangebot erhalten hatte. Damit war die Entscheidung zugunsten von Musculus also getroffen. Er traf sich mit Brooks, einem kahlköpfigen, beidarmig tätowierten Muskelprotz, der jedoch über eine sehr melodische Stimme verfügte. Wegen Brooks‘ netten und verbindlichen Umgangsformen war das Treffen für Marrs eine Wohltat, nach all den Schmähungen, die er im rauen Kunstbetrieb hatte erfahren müssen. Brooks akzeptierte die zwei Bedingungen, die Marrs stellte: er verlangte einen Vorschuss und er wollte seine Artikel unter Pseudonym veröffentlichen, um nicht alle Brücken hinter sich einzureißen. Das verstand Brooks und fragte, ob Marrs sich schon einen Künstlernamen überlegt hatte. Marrs sagte, dass er an ‚Arnold Breaker‘ gedacht hatte. „Das ist ok, guter Name“, meinte Brooks, „das erinnert vage an Schwarzenegger.“ Er reichte Marrs seine riesige Hand und Marrs war erstaunt, wie zart sein Händedruck war.

(355) Marty Turner war ein aufstrebender Stern am Bodybuilderhimmel.

Marty Turner war ein aufstrebender Stern am Bodybuilderhimmel. Die Träger seines Muscleshirts waren von den ausgeprägten Schultermuskeln völlig angespannt. Marrs, der Turner mit seinem Diktiergerät gegenübersaß, fühlte sich wie ein halber Mensch. Der Bodybuilder hatte sein Training für das Interview unterbrochen und saß, immer noch schweißglänzend, mit Marrs in der Ruhezone des Studios. Mit einem Frotteehandtuch trocknete er sich ab, als Marrs seine erste Frage stellte.

„Mr Turner…“ – „Nennen Sie mich Matt. Alle nennen mich Matt.“ – „Gut. Matt, was mir beim Bodybuilding auffällt, ist, dass es darum geht, einzelne Muskelgruppen jeweils kontrastreich hervorzuheben. Sehen Sie da auch eine Nähe zur Bildhauerei, wo der Künstler versucht, die Binnengliederung des Körpers in einzelne Muskelstränge und -pakete akribisch darzustellen?“ Turner hielt mit dem Abtrocknen inne, faltete das Handtuch zusammen und drapierte es über sein Knie. „Muskeln definieren ist nichts weniger als Fett verbrennen und dazu musst du mehr Energie verbrauchen als du zu dir nimmst.“ – „Interessant, Matt. Führt das dazu, dass man als Sportler von Muskeln nicht genug kriegen kann?“ – „Aha, ich verstehe, Mann. Sie spielen jetzt auf Doping an. Lassen Sie mich dazu eins sagen: Alle Gerüchte, dass ich irgendwelche Mittel zu mir nehme, sind einfach gelogen. Ich habe noch nie nachgeholfen. Alles was Sie hier sehen, ist das Ergebnis von harter, ausdauernder Arbeit. Konzentriert, wie unter einer Glocke. Jeden Tag. Und das gilt für den Side Chest, den Side Triceps oder den Most Muscular.“ Turner phrasierte den letzten Satz, indem er die jeweiligen Posen einnahm. Bei der Most Muscular-Pose verzerrte er sein Gesicht und schaute Marrs dabei grimmig an. Marrs fummelte an seinem Schreibblock herum, auf dem er seine Fragen aufgeschrieben hatte. „Sehr gut, Matt. Beeindruckend. Wirklich. Aber zurück zu meinen Fragen.“ Er wollte Turners Unterstützung zurückgewinnen und suchte eine einfache Frage. „Was sind Ihre Ziele?“ Das war auch bei Künstlern immer eine Frage gewesen, um sich aus der Schusslinie zu begeben. Turner war ebenfalls von der Frage beglückt. „Ich will Mr Universum werden, ganz klar. Letztes Jahr hat nur wenig gefehlt. Ich will es jetzt wissen.“ Marrs nickt glücklich, das Interview lief wieder besser. Er fragte Turner nach den Fortschritten, die er seither erzielt hatte und der Bodybuilder erzählte entspannt, wie er sich immer weiter entwickelte.

Marrs hatte den Eindruck, dass er sich jetzt wieder den Fragen widmen konnte, die ihn eigentlich interessierten. „Sehen Sie denn eine geistige Verwandtschaft mit den alten Griechen, mit ihrer ausgeprägten Körperlichkeit? Wie stehen Sie zu dem griechischen Ideal?“

„Jetzt hören Sie mal mit ‚griechisch‘ auf, Mann. Ich bin kein so einer. Du denkst, weil hier jemand seine Haut zeigt und gut drauf ist, kannst du bei dem landen. Hier geht es um Training, Disziplin, der Kampf mit dir selbst… Du hast ja keine Ahnung, du Schwuchtel!“ Turner stand auf, warf Marrs das nasse Handtuch ins Gesicht und stürmte aus der Ruhezone hinaus.

(356) Turner war mit seinen Brustmuskeln unzufrieden.

Turner war mit seinen Brustmuskeln unzufrieden. Sie waren der Schwachpunkt seines ansonsten rundum gestählten Körper. In seinen Augen waren sie das Hindernis, das ihn vom Mr Universum-Titel trennte. Er hatte daher beschlossen, mit einem High Intense-Trainingsprogramm Fortschritte zu erzwingen. Konkret hieß das, dass er sich 180 Kilo auflegte und 50 Wiederholungen im Bankdrücken anstrebte. Das war zwar recht extrem, aber es brachte einen unglaublichen Aufbau.

Er legte sich auf die Flachbank unter die Hantelstange und rief Heath und Nate herbei, die als Spotter fungieren sollten. Spotter standen an jeder Seite der Hantel und sollten sie auffangen, falls sie dem Heber entfallen sollte. Bei 180 Kilo war das nur vernünftig.

Turner schlängelte sich auf der Bank hin und her, um eine günstige Lage zu finden. Die Füße drückte er fest auf den Boden. Dann ergriff er die Hantel, die in der Halterung hing. Er zog die Schulterblätter nach hinten, bis sie flach auflagen. Dann spannte er die Arme an und gleichzeitig auch die Rückenstrecker. Seine Lendenwirbelsäule hob sich etwas von der Bank. Er vergewisserte sich, dass Nate und Heath bereitstanden, die Händen nach vorne unter die Enden der Hantelstange ausgestreckt, als ob sie eine Räuberleiter bilden wollten. Er nickte ihnen zu und hob die Hantel aus der Halterung, ließ sie fast bis auf Brusthöhe sinken und presste sie dann nach oben, bis zum höchsten Punkt. Heath und Nate sagten gleichzeitig „Eins“ und dann war Turner schon wieder auf dem Weg nach unten.

High Intense war eine teuflische Trainingsmethode. Am Anfang hatte man den Eindruck, als ob man ewig weitermachen könnte. Aber ab der fünften Wiederholung fing die Zeit bereits an, sich zu dehnen. Man nahm jede Bewegung viel intensiver wahr. Wenn die Spotter „fünfzehn“ sagten, dann klang es wie bei einer Schallplatte, die viel zu langsam abgespielt wurde. Bei 25 fingen die Muskeln an zu brennen. Man könnte sich ohne Weiteres vorstellen, dass die Arme wirklich Feuer gefangen hätten und dann würde man unweigerlich scheitern. Es ging nur, wenn man an etwas anderes dachte.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht drückte Turner das Gewicht immer wieder nach oben und die Spotter zählten mit. Für sie war es ein monotones Geschäft, dessen einzige Variation darin bestand, dass Turner mit jeder Wiederholung etwas langsamer wurde. Bei 37 wurde es Matt Turner schwarz vor Augen, das konnte beim High Intense-Programm auch dem Durchtrainiertesten passieren. Dafür gab es ja die Spotter. Allerdings glitt die Hantel so schnell aus Turners Händen, dass Heath nicht schnell genug war und Nate das Gewicht alleine nicht halten konnte. Die 180 Kilo prallten in Form der Hantelstange auf Turners Brustkorb. Die Spotter hoben die Hantel schnell wieder hoch. Turner konnte sich noch aufsetzen, sie gaben ihm eine Flasche mit Wasser, aber dann rutschte er seitwärts von der Bank.

Bei der Obduktion wurde später festgestellt, dass die Hantelstange ihm auf den Brustkorb gefallen war und dabei mehrere Rippen gebrochen hatte. Splitter drangen in die Lunge ein und ließen beide Flügel kollabieren. Die eigentliche Todesursache war aber eine Ruptur der Herzaorta, die dem enormen Druck nicht standgehalten hatte.

(357) Als Matt Turner wieder zu sich kam, war alles um ihn herum weiß und warm.

Als Matt Turner wieder zu sich kam, war alles um ihn herum weiß und warm. Jemand beugte sich über ihn. Das Gesicht war zuerst verschwommen, dann erkannte Matt, dass es ein unbekannter Mann war. „Wo bin ich? Im Krankenhaus?“ – „Nein, einen Schritt weiter. Sie haben tolle Muskeln.“ – „Danke. Bin ich in der Reha?“ – „Äh nein. Falsche Richtung.“ Matt dachte darüber nach. „Wer sind Sie?“ – „Ich bin Schaffner 71. Ja, ich weiß, auf deutsch klingt das etwas blöd. Sie können 71 zu mir sagen. So nennen mich alle.“ – „Ich bin Matt.“ – „Ich weiß, Matt. Sie können aufstehen, wenn Sie möchten.“

Matt bewegte seine Arme zum Testen und setzte sich dann auf. „Ich kann mich nur noch erinnern, dass mir schwarz wurde vor Augen und dann habe ich mir noch gesagt, gut dass die Spotter da stehen. Schönes Zimmer.“ – „Danke, Matt. Ja, die Spotter… In Wirklichkeit war einer von ihnen nicht ganz bei der Sache.“ – „Das war bestimmt Heath. Der Junge hat den Kopf oft in den Wolken. Aber warten Sie… Wenn Heath nicht… Ich meine, das waren 180 Kilo… Bin ich… Bin ich… tot?“ – „Ich fürchte, so ist es, Matt.“ – „Und Sie sind…?“ – Ich bin 71, stets zu Diensten.“ – „Ein Engel? Bin ich hier im Himmel?“ Turner setzte sich auf. „Matt, Richard Feynman, ein guter Freund von mir, sagte einmal, dass er früh den Unterschied gelernt hatte, zwischen etwas wissen und den Namen von etwas wissen…“ – „Ich verstehe das alles nicht. Wo bin ich und was mache ich hier?“

„Nun, Matt, das ist der richtige Moment, um dir ein paar Dinge zu erzählen.“ Schaffner 71 setzte sich zu Matt Turner auf die Liegebank. „Du bist jetzt tot. Aber das ist kein Grund traurig zu sein, denn das ist eigentlich etwas ganz Schönes. Alles, was dich früher genervt hat und dein Leben vergiftet hat – das alles gibt es nicht mehr. Du wirst niemals mehr Schmerzen, Hunger, Durst, Einsamkeit oder Verzweiflung spüren. Deine Tage werden so rein sein wie eine geschlossene Schneedecke in den Bergen, auf die eine aufgehende Sonne ihre glitzernden Strahlen verteilt. Du hast dir früher vielleicht einmal gesagt, alles wird gut. Nun, hier ist der Ort, an dem alles gut geworden ist. Es wird niemals besser werden als hier.“

„Dann ist das also das Paradies hier?“, fragte Matt. „Ob du es Himmel nennst oder Paradies – das ist einerlei. Es ist der schönste Ort, an dem du je sein wirst.“ – „Gibt es denn hier einen Kraftraum?“ – „Kraftraum? Zur spirituellen Erbauung?“ – „Nein, einen Raum mit Geräten… Hantelbank, Beinpresse, Butterfly…?“ 71 musste lachen. „So etwas brauchst du nicht mehr. Hier ist alles Kraft. Du wirst sehen.“     – „Aber, was ist mit dem Masseverlust? Bei mir geht das sehr schnell. Ich muss da dran bleiben! Das ist wie ein Gummiballon, einmal reingepiekst und schon geht langsam die Luft raus.“