(338) Commissario Capo Milian wurde von einem Diener in ein Separee geführt.

Commissario Capo Milian wurde von einem Diener in ein Separee geführt. Bei vertraulichen Themen traf sich Primo Dirigente Catenaccio gerne mit seinen Untergebenen in seinem Club. Es war informeller, wenn auch für Milian nicht weniger unangenehm. Natürlich ging es um die Todesfälle in der Diskothek Life.

Amando Catenaccio kam herein. Er war ein schmaler, großer Mittvierziger, dem man politische Ambitionen nachsagte. Polizeiarbeit schien ihn nur am Rande zu interessieren. Sein Image in der Presse lag ihm allerdings am Herzen. Er setzte sich Milian gegenüber und sagte erst einmal nichts, beobachtete seinen Untergebenen, bis dieser spürte wie ihm der Hemdkragen enger wurde. „Was hat es auf sich mit den Toten in der Diskothek?“, fragte Catenaccio schließlich. Milian führte aus, dass es keine Anzeichen für ein Verbrechen gab. Catenaccio unterbrach ihn. „Das glauben Sie doch selbst nicht. Dreihundert Menschen sterben nicht in der gleichen Sekunde und alles ist normal. Sie müssen etwas Besseres bringen.“ Wieder schaute Catenaccio Milian intensiv an und wartete. „Die Presse wird auch etwas anderes finden, womit sie sich beschäftigen kann…“ – „Reden Sie doch keinen Schwachsinn, Milian. Im Life sind mehr Leute gestorben als bei der bisher größten Discokatastrophe in Brasilien. Das vergessen die Zeitungen nicht. Sind Sie mit dem Fall überfordert?“ Milian protestierte, sagte, dass er alles im Griff habe. „Kann es eine Seuche sein, eine Krankheit… Durch die Klimaanlage… Legionärskrankheit, AIDS… was weiß ich?“ Milian verneinte, alles war überprüft worden. „Verfolgen Sie überhaupt noch irgendeine Spur?“ Da er nichts Besseres hatte, erzählte Milian von den drei Rätseln, die Commissario Borgese aufzuklären suchte. Da war zum einen der Mann an der Bar, der als einziger Mensch lebend gefunden wurde. Als die Rettungskräfte in den Hauptraum mit den Leichen kamen, saß er neben seiner Frau und hatte einen Lachkrampf. Wahrscheinlich als Schockreaktion. Er war untersucht worden und man hatte keinerlei physiologische Besonderheit an dem Mann feststellen können. Er war immer noch in Beobachtung. Milian hatte vorgeschlagen, ihn in Schutzhaft zu nehmen, allerdings wollte kein Richter dem Vorschlag zustimmen. Dann gab es einen Pudel, der ebenfalls lebend in der Disco gefunden wurde und bei dem man nicht feststellen konnte, wem er gehörte. Schließlich berichtete er von dem verschwundenen Bullenreiter, von dem man Fingerabdrücke und eine DNA-Probe hatte. Man hatte ebenfalls herausgefunden, dass er im Derby Hotel eine Nacht gewohnt hatte, aber nach dem Zwischenfall in der Disco dort nicht mehr gesehen wurde.“ – „Aber das ist doch hervorragend, Milian. Das ist unser Mann. Das werde ich an die Presse geben. Wir haben einen Verdächtigen.“ Milian wollte einwenden, dass man dem Mann aber nichts nachweisen konnte, da kriminaltechnisch überhaupt kein Verbrechen stattgefunden hatte. Aber er hielt den Mund, denn Catenaccio mochte es nicht, wenn man seine Schlussfolgerungen anzweifelte.

(339) Niemand wollte sich um den Pudel kümmern…

Niemand wollte sich um den Pudel kümmern und so hatte Commissario Borgese ihn erst einmal aufgenommen. Er nannte ihn Barbone. Borgese hatte seit seiner Kindheit Erfahrung mit Hunden und Barbone war sehr angenehm und sehr gelehrig. Vor allem war er gut erzogen und legte sich auf Befehl von Borgese hin und muckste sich nicht, bis der Commissario es ihm erlaubte.

Der Zwischenfall in der Disco lag drei Wochen zurück und es gab immer noch keine Erklärung. Wenn Barbone sprechen könnte, würde er vielleicht auch nichts beitragen können, es war alles zu vertrackt. Mittlerweile waren einige Rückmeldungen gekommen wegen der Fingerabdrücke und der DNA-Probe des Bullenreiters. Borgese saß am Schreibtisch und schaute die Faxnachrichten durch. Als er die Meldungen gelesen hatte, griff er zum Hörer und bat Commissario Capo Milian auf einen Sprung bei ihm vorbeizukommen.

„Ich hoffe, Sie haben etwas Wichtiges und wollen mir nicht nur den Pudel vorführen“, sagte Milian, als er die Tür hinter sich zuzog. „Das habe ich“, antwortete Borgese. „Wir haben heute Morgen Rückmeldungen aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien erhalten wegen der Spuren des Bullenreiters. Der Mann wird dort ebenfalls gesucht.“ – „Ha! Ich wusste es“, sagte Milian triumphierend. „Wer ist es?“ – „Nun, darin liegt die Schwierigkeit.“

Borgese erklärte, dass es bei den Fingerabdrücken oder bei den DNA-Spuren Zusammenhänge mit anderen Todesfällen in diesen Ländern gab. Allerdings waren die Todesfälle zwar mysteriös, aber es war in allen Fällen nicht gesichert, dass es Fremdeinwirkung gab. In Berlin war ein Mann an Herzinfarkt gestorben und in einem Zimmer aufgefunden worden, das von außen versperrt war. In Heidelberg starb eine Frau an einem Schlaganfall, aber sie hatte vor dem Tod Geschlechtsverkehr gehabt und es gab dafür niemand, der in Frage kam. Der Tote in Coventry, auch hier ein Schlaganfall, fuhr im Wagen und es war jemand bei ihm gewesen, der im Anschluss an den Tod einfach verschwand. Der Tote in Lille musste sich gewehrt haben, denn er hatte Haut unter den Fingernägeln, starb aber an einem Herzinfarkt. „Heißt das, unser Bullenreiter hat die Möglichkeit, Leute umzubringen und es dann nach einem natürlichen Tod aussehen zu lassen?“, fragte Milian. Borgese fand, dass dies ein voreiliger Schluss war. „Erst einmal sind das nur Indizien.“ Es klopfte an der Tür und ein Kollege überreichte Borgese ein gerade hereingekommenes Fax. Der Commissario bedankte sich, schaute kurz darauf und sagte: „Noch eine Rückmeldung. Diesmal aus den USA.“ Er las aufmerksam weiter und pfiff leise durch die Zähne. „Was?“, fragte Milian ungeduldig. Auch Barbone hob den Kopf und schaute Borgese aufmerksam an. „Die DNA Spuren des Bullenreiters wurden im Zusammenhang mit dem Tod von James Leavelle in Dallas gefunden.“ – „Ja und wer ist dieser James Leavelle? Muss man den kennen?“, fragte Milian. „Sie kennen zwar seinen Namen nicht, wissen aber, wer er ist. Unser Fall bekommt gerade eine neue Dimension.“

(340) Detective James Leavelle hatte ursprünglich vorgehabt, den Gefangenen…

Detective James Leavelle hatte ursprünglich vorgehabt, den Gefangenen durch eine Hintertür zum Auto zu bringen. Aber der Polizeichef wollte, dass die Presse ihn sah. „Ich möchte, dass die Journalisten bestätigen, dass wir ihn nicht misshandelt haben.“ Aber erst einmal sollte Oswald noch einmal im dritten Stock befragt werden. Leavelle und ein Kollege holten ihn ab und fuhren mit ihm im Aufzug hoch. Leavelle sagte zu Oswald: „Lee, wenn jemand auf dich schießt, dann hoffe ich, dass er genauso gut sein wird, wie du.“ Worauf Lee Harvey Oswald antwortete „Ach was, niemand wird auf mich schießen.“

Als die Befragung durch die Geheimdienstagenten geendet hatte, brachten Leavelle und sein Kollege Oswald wieder in den Keller, von wo aus er mit einem gepanzerten Wagen ins Gefängnis gebracht werden sollte. Es war 11:10 Uhr. Oswald zog einen schwarzen Pullover an und wurde mit Handschellen an Leavelles linkes Handgelenk gefesselt. Und man legte ihm noch ein weiteres Paar Handschellen an.

Im Keller warteten Fotografen und Fernsehkamerateams auf Oswald. Es gab sogar eine Direktübertragung, denn das Interesse der Öffentlichkeit an dem Mörder von John F. Kennedy war immens. Als Leavelle mit Oswald in den Flur trat, wurden die Journalisten aktiv. Aus den Augenwinkeln bemerkte der Detective einen Mann auf sie zukommen. In zwei Schritten löste er sich aus dem Pulk der Fotografen und feuerte seine Pistole ab, bevor jemand die Möglichkeit hatte, zu reagieren. Instinktiv hatte Leavelle versucht, seinen Gefangenen aus der Schusslinie zu ziehen, aber er konnte ihn nur etwas drehen.

Tumult brach aus im Flur und Leavelle brachte Oswald in einen anderen Raum. Er nahm dem Gefangenen die Handschellen ab und sah, dass die Verletzung sehr ernst war. Oswald wurde völlig weiß im Gesicht und seine Augäpfel rollten hin und her. Leavelle begleitete den Verletzten im Krankenwagen und bemerkte, während der Fahrt, dass Oswald unvermittelt erstarrte und seufzte. Sein Tod wurde festgestellt, als sie im Krankenhaus ankamen. Es war dann 13.30 Uhr.

Bereits am nächsten Tag begleitete Leavelle einen weiteren Gefangenentransport, nämlich den von Jack Ruby. Ruby war es gewesen, der Oswald erschossen hatte. Der Detective kannte ihn flüchtig, weil er einmal wegen eines Raubüberfalls in einem von Rubys Clubs ermittelt hatte. Er hatte am Vortag geglaubt, dass ihm das Gesicht bekannt vorkam, konnte es aber nicht einordnen.

Ruby stieg in den Gefangenentransporter ein und legte sich sofort, ohne dass man es ihm befohlen hatte, flach auf den Boden des Wagens. „Was tust du da, Jack?“, fragte Leavelle. „Jemand will mich vielleicht erschießen“, antwortete Ruby. Das brachte Leavelle zum Lachen. Er sagte: „Jack, niemand wird Zeit darauf verschwenden, dich zu erschießen.“

Der Transport endete ohne Zwischenfälle.

(341) Als Kennedy ermordet wurde, war Lorne Bellows 13 Jahre alt und in der Schule.

Als Kennedy ermordet wurde, war Lorne Bellows 13 Jahre alt und in der Schule. Der Schulleiter kam und holte alle Kinder in die Kantine, wo ein Fernseher stand. Später gab es schulfrei. Einige Lehrerinnen weinten.

Bellows dachte an diesen Tag zurück, als er am 25. Dezember 1991 die 7. Avenue hochging. Im Omni Park Central Hotel fand eine Versteigerung von Americana statt. Bellows war Antiquitätenhändler und besaß auch eine eigene kleine Sammlung. Bei den wichtigen Stücken konnte er aber nicht mit den reichen Sammlern mithalten. Meistens nahm er im Auftrag von anderen an Auktionen teil und bot für sie. Aber das war ok, denn er interessierte sich mehr dafür, die Artefakte zu sehen und in der Hand zu halten, als sie wirklich zu besitzen.

Bei der Auktion im Hotel gab es mehrere interessante Stücke: ein Pass von Bugsy Siegel, dem Mafiaboss; ein paar Zeichnungen von Enrico Caruso; einige Notenblätter aus der Hand von Fats Waller und ein Brief von Martin Luther King. Bellows Augenmerk galt allerdings Losnummer 97: dem Colt Cobra, mit dem Jack Ruby den Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald ermordet hatte. Rubys Bruder ließ die Waffe versteigern, weil er das Geld brauchte, um Steuerschulden zu begleichen. Bellows‘ Auftraggeber war sehr an der Waffe interessiert und hatte ihm freie Hand gegeben bis zu einem Limit von 200.000 Dollar. Neu kostete die Waffe 550, gebraucht und in gutem Zustand 300 Dollar. Aber das hier war nicht irgendeine Waffe. Außerdem war vor ein paar Tagen der JFK-Film von Oliver Stone aufgeführt worden. Das hatte das Interesse noch einmal angeheizt. Es war gut möglich, dass bei der Auktion einige Leute mitbieten würden, die sonst nicht mal auf die Idee kämen.

Bellows hatte das Hotel erreicht und ging hinein. In dem Salon, wo die Auktion stattfand, erkannte er viele der Anwesenden. Einige waren Händler, andere Sammler und es gab auch welche, wie er selbst, die beides waren. Er hielt etwas Smalltalk mit einigen, aber keiner wollte über die Stücke in der Auktion reden.

Kurz bevor die Versteigerung begann, rief Bellows seinen Kunden, Neal Reeves an, um ihm zu sagen, dass er im Auktionssaal saß. Reeves bestätigte ihm das Limit und wünschte ihm Glück. Während die Auktion so langsam vor sich hin plätscherte, hielt Bellows die Augen geschlossen und döste vor sich hin. Erst als die 97 drankam, öffnete er die Lider einen Spalt und war hoch konzentriert. Zuerst ließ er anderen Bietern den Vortritt. Er registrierte, wo sie saßen, ob er sie kannte, und für wen sie wohl arbeiteten. Ein Bieter war besonders aktiv. Auch er hatte einen Sammler im Hintergrund, schätzte Bellows. Als die Gebote bei 150.000 Dollar lagen, schaltete sich Bellows ein. Andere Bieter stiegen aus, jetzt waren nur noch er und der andere im Spiel. Der Preis kletterte weiter. Dann bot der Fremde 220.000 Dollar und Bellows war draußen. Er brauchte nicht bei seinem Kunden nachzufragen, denn Reeves war bei seinen Limits immer äußerst diszipliniert. Erst als das Bieten vorbei war, rief er Reeves an und bedauerte, dass es nicht geklappt hatte. „Nächstes Mal haben wir mehr Glück“, sagte Reeves knapp und legte auf.

(342) Neal Reeves war ein sehr geduldiger Sammler.

Neal Reeves war ein sehr geduldiger Sammler. Obwohl er selbst schon 71 Jahre alt war, tröstete er sich jedes Mal, wenn ihm ein besonders tolles Stück entgangen war, dass es am Ende doch bei ihm landen würde. Wenn sich eine Gelegenheit bot, überlegte er mit kühlem Kopf, wie viel das Stück ihm wert war. Diese Grenze überschritt er nie und besuchte nie selbst eine Auktion oder führte Verhandlungen. „Bei Auktionen würde ich vor Aufregung sterben und bei Verhandlungen würde die Gier irgendwann siegen, und ich würde zu viel bezahlen.“ Deshalb wählte er sich Mittelsmänner aus, die in seinem Auftrag handelten.

Es gab eine Reihe von besonderen Stücken, die Reeves noch gerne besitzen wollte. Viele davon, wie zum Beispiel der Zylinderhut, den Abraham Lincoln bei seiner Ermordung dabei hatte, waren einfach unerreichbar. Bei anderen Stücken brauchte er Geduld. Highlights seiner Sammlung waren ein Gebiss von George Washington, das aus Walrosszahn gefertigt war; ein Zwicker von Teddy Roosevelt und eine Zigarettenspitze von FDR.

Ein erreichbarer Traum von Neil Reeves war es, eine Robe von Hyram Wesley Evans zu erwerben. Evans war von 1922 bis 1939 als Imperial Wizard der Anführer des Ku Klux Klan. Unter seiner Leitung erreichte der Klan seine größte Bedeutung mit 6 Millionen Mitgliedern in 1924. Gleichzeitig begann der Niedergang, denn am Ende von Evans‘ Amtszeit waren es nur noch weniger als 30.000.

Evans war ein ausgebildeter Zahnarzt, dem Geld aber mehr bedeutete als Zahnmedizin und Rassismus. Er war durch und durch korrupt und nutzte den Klan als Vehikel, um sich selbst reich zu bereichern. Seine letzte Amtshandlung als Imperial Wizard bestand darin, den Hauptsitz der Organisation, den Peachtree Street Palace in Atlanta, an die katholische Kirche zu verkaufen. Diese ließ das Haus abreißen und baute auf dem Grundstück die Kathedrale von Christus König. Danach musste Evans abtreten. Er hatte gute politische Kontakte, die es ihm erlaubten, ohne Ausschreibung Asphalt an den Staat Georgia zu verkaufen. 1966 starb er schließlich.

Reeves war weder Rassist noch Anhänger des Klans. Er sammelte ganz Unikate, die mit der Geschichte der Vereinigten Staaten zusammenhingen.

Bereits mehrere Male hatte Reeves Evans‘ Nachkommen wegen der Robe angeschrieben, aber er bekam keine Antwort. Er war überzeugt, dass es in irgendeinem Lagerraum der Familie noch Artefakte aus der Glanzzeit des Klans geben musste und dass dabei ganz sicher auch eine Robe samt Haube sein musste. Wahrscheinlich wäre es sinnvoll, jemand wie Bellows nach Atlanta zu entsenden. Bellows könnte sich ein bisschen vor Ort umhören, mit Dienstboten reden, Mint Juleps auf der Veranda trinken – diese Art von Dingen.

(343) Reeves hatte gerade Bellows nach Atlanta geschickt, als die Sache mit dem Elektrischen Stuhl reinkam.

Reeves hatte gerade Bellows nach Atlanta geschickt, als die Sache mit dem Elektrischen Stuhl reinkam. Es war nicht das erste Mal, dass ihm ein solches Stück angeboten wurde. Die meisten waren allerdings mehr oder weniger plumpe Fälschungen gewesen. Die richtig bekannten Elektrischen Stühle hatten eigene Spitznamen wie Old Sparky aus Sing Sing, Old Smokey aus New Jersey, Gruesome Gertie aus Louisiana oder Yellow Mama aus Alabama. Diese Stühle wurden, nachdem sie nicht mehr gebraucht wurden, in Museen ausgestellt. Eine Ausnahme war Yellow Mama, die nur eingemottet wurde, weil in Alabama ein Todeskandidat theoretisch, neben der tödlichen Injektion, auch den Tod durch Strom wählen konnte. Die Stücke, die unter der Hand angeboten wurden, kamen, so wurde behauptet, aus kleineren Gefängnissen, bei denen der Stuhl ausgetauscht worden war und ein Gefängniswärter sich den alten Stuhl gesichert hatte.

Natürlich war ein Elektrischer Stuhl für einen Americana-Sammler wie Reeves etwas Besonders und natürlich wollte er sich die Gelegenheit nicht durch die Lappen gehen lassen, ohne den Stuhl vorher zu prüfen. Der Anbieter, ein Mann namens Wyatt Cockburn, sagte, dass er bereits mehrere Angebote habe. Da Bellows nicht verfügbar war, beschloss Reeves, eine Ausnahme zu machen und sich das Teil selbst anzusehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Stuhl eine Fälschung war, erschien ihm hoch.

Reeves besorgte sich einen Mietwagen und fuhr die 300 Meilen nach Punxsutawney in Pennsylvania. Cockburn, ein großer schweigsamer Mann in einem schwarzen glänzenden Jogginganzug traf er vor einer Lagerhalle aus Wellblech. Innen stand eine große Holzkiste, von der Cockburn ein Seitenteil abnahm und das Stück herauszog.

Der Stuhl war aus dicken gehobelten Eichenbrettern zusammengebaut. An den Armlehnen, der Basis und um die Lehne herum gab es Lederriemen. Für den Kopf war oben an der Lehne eine Stütze angebracht. In der Sitzfläche befand sich eine herausnehmbare Holzplatte. Oben an der Lehne kamen zwei Metallbügel heraus, um die Schultern des Gefangenen zu fixieren. Auf den ersten Blick sah der Stuhl echt aus. Er hatte genau die richtige Patina und Abnutzung, wie man es erwarten würde und es gab keine Anzeichen, dass es eine Filmrequisite war. Die Elektroden fehlten, das war aber bei vielen Stühlen der Fall, denn oft waren diese Teile an den Wänden fixiert und nicht am Stuhl. Reeves zückte eine Lupe und sah Cockburn fragend an. Der Verkäufer nickte zustimmend. Mit großer Sorgfalt analysierte Reeves den Stuhl. Er suchte nach Indizien, dass der Stuhl wirklich das war, was Cockburn behauptete. An der in der Sitzfläche eingelassenen Platte sah er Verfärbungen, die auf eine nachlässig entfernte Flüssigkeit schließen ließen. Reeves war auf den Knien und beugte sich ganz tief nach unten, um die Metallschellen zu untersuchen, mit denen die Füße des Gefangenen gehalten wurden. Die Ränder der Bügel sahen recht scharf aus und mussten einem Gefangenen ins Fleisch geschnitten haben, wenn er unter Strom wild um sich zuckte. Dann sah Reeves ein aufgerolltes bräunlich-fleckiges Blatt, das hinter der Schnalle festgeklemmt war. Er berührte es mit dem Zeigefinger und unter seinem Blick durch die Lupe zerbröselte es bei der Berührung in mehrere Teile. Erst dann erkannte Reeves, dass es sich um ein abgerissenes Stück Haut handelte.

(344) Mr Reeves, ich habe Kontakt zu den Erben des Imperial Wizard!

„Mr Reeves, ich habe Kontakt zu den Erben des Imperial Wizard!“ Bellows klang sehr erfreut am Telefon. Reeves hatte ihn vergessen. Seit er an dem Elektrischen Stuhl ein Hautstück eines Exekutierten entdeckte, hatte er sich verändert. Er konnte nicht still sitzen und Kopfschmerzen plagten ihn. Reeves sagte Bellows, dass er die Aktion abblies. Es sei etwas dazwischen gekommen. Nachfragen von Bellows wich er aus und legte auf.

Reeves saß in seinem Büro und seine Sammlung war um ihn herum in Vitrinen ausgestellt. Die Vorhänge waren zugezogen, weil viele Dokumente, die in den Vitrinen lagen, lichtempfindlich waren. Es war insgesamt eher dunkel in diesen Räumen. Nur durch kleine, akkurat platzierte Scheinwerfer stachen die Sammlungsstücke heraus und kamen zur Geltung.

Den mit Sicherheit echten Elektrischen Stuhl hatte Reeves nicht gekauft, obwohl der geforderte Preis in Ordnung war. Sein Blick wanderte hin und her. Er fühlte sich nicht mehr wohl in dem Zimmer oder mit seiner Sammlung. In einer Vitrine stand ein Rahmen, der mit rotem Samt ausgeschlagen war. In der Mitte ein schwarzer Smith & Wesson Revolver, mit dem der Feigling Bob Ford 1882 Jesse James abgeknallt hatte. Eine Vitrine weiter hing die gelblich-grüne Totenmaske von Dillinger, einer von mehreren Abgüssen. Ein anderer davon hatte hinter J. Edgar Hoovers Schreibtisch im FBI-Hauptquartier gehangen. Für Hoover musste es die ständige Bestätigung eines großen Triumphs gewesen sein. Reeves schien es, als ob das augenlose Gesicht Dillingers ihn anschaute.

Sein Blick wanderte weiter und blieb an einer Autotür hängen. Es war die Fahrertür des Ford V8 von Bonnie und Clyde, durchlöchert von unzähligen Schüssen. Reeves hatte hinter die Tür eine Lampe anbringen lassen, sodass man das Licht sah, wie es durch die Einschusslöcher schien.

„Es kann so nicht weiter gehen“, sagte Reeves zu sich selbst. Er zog die Vorhänge auf. Durch das helle Tageslicht musste er die Augen zukneifen. Er öffnete das Fenster und ein Windstoß fuhr ins Zimmer, wirbelte einige Papiere auf seinem Schreibtisch auf. Reeves steckte den Kopf nach draußen und schaute abwärts. Aus der Höhe des 29. Stockwerks sahen die Menschen unten auf der Straße unbedeutend aus. Er hob den Blick und sah in der Ferne die Freiheitsstatue. Sie war kleiner als seine Hand, aber unerreichbar weit weg. Er genoss für einige Minuten das Licht, den gedämpften Lärm und das Streicheln des Windes.

Als er sich wieder an den Schreibtisch setzte, nahm er die Karte eines Boardmitglieds der Smithsonian Institution aus einer Schublade. Man hatte schon öfters angefragt, seine Sammlung zu erhalten, und bis jetzt hatte er immer abgelehnt. Er griff zum Telefonhörer.

(345) Aus dem Wagen stieg Rauch auf, aber die sechs Männer schossen weiter.

Aus dem Wagen stieg Rauch auf, aber die sechs Männer schossen weiter. Als ihre Gewehrmunition zu Ende war, nahmen sie die Schrotflinten. Und als auch die Schrotpatronen alle waren, zogen sie ihre Revolver. Erst, als sie keine Munition mehr hatten, wurde es still. Von der Schießerei waren sie nachher noch längere Zeit wie taub.

Der Wagen war völlig durchlöchert und bevor sie sich näherten, warteten sie zur Sicherheit. Aber es geschah nichts. Als sie an den Wagen herantraten, sahen sie, dass Clyde Barrow, der Fahrer, und seine Beifahrerin Bonnie Parker tot waren. Bonnie lehnte gegen Clyde und ihr Blut vermischte sich beim Herunterlaufen mit seinem. Die Männer hatten ihr Ziel erreicht. Sie trennten sich, vier fuhren nach Gibsland, um ihren Chefs telefonisch Bericht zu erstatten. Die anderen beiden blieben am Ort des Hinterhalts.

Schnell machte die Nachricht die Runde in der ländlichen Gegend und es kamen Schaulustige zu dem völlig zerstörten Ford V8. Die beiden Männer, die die Leichen bewachen sollten, waren schnell völlig überfordert. Die Menge begnügte sich aber nicht damit, die Leichen anzugaffen, sondern viele von ihnen wollten Souvenirs mitnehmen. Die meisten begnügten sich damit, Patronenhülsen einzusammeln, die überall herumlagen oder Glassplitter, die weit gestreut hatten. Andere wollten wesentlich mehr. Eine Frau schnitt eine Haarlocke von Bonnies Kopf, an der Blut klebte, das noch nicht einmal eingetrocknet war. Eine andere riss ein Stück von Bonnies Kleid ab. Ein Mann ging so weit und zückte sein Taschenmesser, weil er Clydes Abzugsfinger abschneiden wollte. Erst als die andern Männer mit Verstärkung zurückkamen, konnten sie wieder Ordnung herstellen. Der Leichenbeschauer sprach von einer zirkus-ähnlichen Situation, die er bei seinem Eintreffen vorfand.

Im Kofferraum des Wagens fanden die Gesetzeshüter ein stattliches Waffenarsenal. Automatische Waffen, abgesägte Schrotflinten, Handfeuerwaffen und tausende Schuss Munition. Daneben auch 15 Nummernschilder aus verschiedenen Staaten.

Der Wagen wurde nach Arcadia abgeschleppt, wo es einen Bestatter gab, der sich um die Leichen kümmerte. Innerhalb von Stunden wurde die 2000-Seelen Stadt von über 10.000 Besuchern überrannt. Die Preise für Bier verdoppelten sich im Handumdrehen und jeder wollte in der Situation sein Geschäft machen.

Der 34er Ford V8 wurde Jesse Warren, dem er gestohlen worden war, zurückgegeben. Warren verkaufte den Wagen für 3000 Dollar und danach wurde er auf Jahrmärkten ausgestellt. Schließlich wurde er für 250.000 Dollar vom Primm Valley Resort and Casino in Nevada gekauft, wo er auch heute noch hinter Glas steht.

Nächste Woche in ‚Berühmte Todesfahrzeuge‘: Der 1938er Cadillac, in dem General Patton zu Tode kam.

(346) Und noch ein Wagen, aus dem ein junger, athletisch aussehender Mann ausstieg…

Und noch ein Wagen, aus dem ein junger, athletisch aussehender Mann ausstieg und im Haus verschwand. Cliff Reynolds legte das Magazin weg und schaltete das Autoradio ein. Wahrscheinlich würde er noch einige Stunden auf seine Kunden warten müssen. Aber so war der Job eines Chauffeurs. Bei seinen Kunden, die sich als Eugene und Grace Scott vorgestellt hatten, konnte die Frau wohl nicht fahren. Eugene war gelähmt und Cliff hatte ihm beim Einsteigen aus dem Rollstuhl helfen wollen. Das wollte Eugene aber nicht und dann hatte Grace ihm geholfen. Grace war um die dreißig und, wie Cliff fand, eine ziemlich heiße Nummer. Eugene musste viel Geld haben, denn neben seiner Behinderung war er dreißig Jahre älter als sie und generell recht missmutig. Sie hatten ihm während der Fahrt erzählt, dass sie auf dem Weg zu einem Treffen mit einer Selbsthilfegruppe seien. Cliff, der einen Onkel hatte, der unter Kinderlähmung litt, sagte, dass das bestimmt sehr hilfreich sei.

Aus dem Gespräch seiner Kunden entnahm er, dass Eugene eine Firma gegründet hatte, die sehr erfolgreich war. Nebenbei hatte er eine große Leidenschaft: alte Rennwagen, mit denen er früher Rennen fuhr, die er aber jetzt nur noch anschaute. Cliff fragte sich, ob die Lähmung von einem Autounfall herrührte. Natürlich fragte er nicht, denn es war nicht einmal gestattet, dass er sich anhörte, was seine Kunden erzählten.

Das Treffen fand in einer großen Villa in einem Park statt. Es war offensichtlich kein Treffen von armen Leuten. Wieder half Grace Eugene in den Rollstuhl, den Cliff aus dem Kofferraum genommen hatte. Sie fuhr ihren Ehemann die Rampe hoch ins Haus. „Sie warten hier?“, fragte sie und Cliff nickte.

Zuerst standen nur zwei Autos auf der großen Schotterfläche vor dem Haus und dann kamen noch vier weitere dazu. Die anderen Teilnehmer an dem Treffen waren alle ohne Fahrer gekommen, es war jedes Mal die Frau gewesen, die den Wagen steuerte und dann ihren Mann im Rollstuhl ins Haus schob. Cliff überlegte, dass das Leben seines Onkels bestimmt viel netter wäre, wenn er auch eine so schöne Frau hätte, die ihn zu Selbsthilfegruppen fuhr. Aber sein Onkel vegetierte nur vor sich hin und ging gar nicht mehr aus dem Haus. Es würde schon sehr viel Geld notwendig sein, um seinem Onkel eine Frau zu beschaffen.

Dann wurde es verwirrend für Cliff, als nacheinander sechs weitere Autos ankamen, aus denen die besagten jungen, athletischen Männer stiegen. Ob das Trainer waren, die mit den Krüppeln Übungen machten? War ja alles sehr personalintensiv, dachte Cliff. So was konnten sich nur die Reichen leisten. Er stellte den Sitz etwas nach hinten, machte das Radio aus und stellte seinen Handywecker auf eine Stunde später. So konnte er ein bisschen die Augen schließen und war nachher umso frischer.

(347) Trotz des Reichtums war ein Leben im Rollstuhl voller Entbehrungen.

Trotz des Reichtums war ein Leben im Rollstuhl voller Entbehrungen. Neben den Autorennen fehlte Eugene Scott der Sex am meisten. Natürlich war er von der Taille aufwärts immer noch Herr seiner selbst, aber das war nur ein schwacher Trost. Seine Lenden waren verdorrt und damit auch die Lust, selbst aktiv zu werden. Er schaute allerdings gerne zu. Vielleicht aus Masochismus, denn es machte ihm umso schmerzlicher klar, dass er nur ein Krüppel war. Sollten die Psychologen sich doch damit abgeben. Eugene war niemand, der seine Gefühle hinterfragte, er agierte.

Nachdem er sein Problem erkannt hatte, suchte er nach einer Lösung. Und als er eine Lösung hatte, setzte er sie um. Es dauerte einige Zeit, bis er es geschafft hatte. Grace war zuerst gar nicht einverstanden gewesen, aber Eugene war es nicht gewöhnt, dass man seine Wünsche nicht erfüllte. Weder vor dem blöden Unfall mit dem Maserati T61, noch danach.

Seine Lösung sah folgendermaßen aus: Eugene suchte andere Männer, die reich waren und aus diversen Gründen an einen Rollstuhl gefesselt waren. Außerdem sollten sie schöne, junge Ehefrauen haben. Eigentlich suchte er Männer, die seine Situation spiegelten. Er fand elf. Lustig, dachte er, wenn wir nicht alle im Rollstuhl säßen, könnten wir Soccer spielen. Aber das war ja erst die Eintrittshürde. Er musste sie davon überzeugen, bei seinem Plan mitzumachen. Danach blieben fünf übrig. Das war die sogenannte Selbsthilfegruppe. Die Aktivitäten der Gruppe bestanden darin, dass die Herren sich zusammen mit ihren Frauen an wechselnden Orten trafen, sich dazu Callboys mieteten und dabei zusahen, wie ihre Frauen Sex hatten. Abseits von dem sexuellen Teil der Treffen tauschten sich die Männer auch über sonstige Fragen des Alltags oder des Geschäftslebens aus. Dabei entstanden ganz wunderbare Freundschaften. Einer der Männer, ein Viehbaron namens Earl Walker, der etwa 10 Jahre älter war als Eugene, wollte nur bei seiner Frau zusehen und war auch dagegen, dass andere dabei waren. Das war in Ordnung, fand Eugene. Wenn man die Regeln zu streng auslegte, sprangen die Leute ab.

Einmal rollte Eugen auf Earl zu, der traurig vor dem prasselnden Kamin saß. Die anderen schauten gerade bei einer hoch komplizierten Gruppenperformance der Frauen mit den Callboys zu. „Na Earl, was machen die Rinderpreise?“ Earl winkte ab. „Ich bin froh, wenn es hier vorbei ist.“ Eugene war erstaunt über die weinerliche Stimme Earls, ein Mann der im Laufe seiner aktiven Zeit bestimmt Tausenden von Kälbern sein Brandzeichen aufgedrückt hatte und sich währenddessen freute, weil es nach Steak roch. „Es macht mich fertig, wenn sie von diesem Muskelpaket gefickt wird.“ Das Feuer prasselte munter im Kamin und konsumierte die Holzscheite. Eugene hätte am liebsten gesagt, dass er es pervers von Earl fand, zu den Treffen zu kommen und es dann nicht einmal zu genießen. Aber er wollte den alten Mann nicht kränken. Dennoch: wenn Earl seine Meinung nicht änderte, dann sollte er nicht mehr kommen. Ein fauler Apfel verdarb die ganze Ernte.