(317) Helge liebte den Hüpfball, den ihm sein Onkel Björn geschenkt hatte.

Helge liebte den Hüpfball, den ihm sein Onkel Björn geschenkt hatte. Er war orange und hatte einen blauen Plastikgriff, an dem sich Helge festhalten konnte. Vorne drauf war das Bild eines Stierkopfes. Der Stier sah wild aus, schnaubte und heißer Atem kam ihm aus den Nüstern. Darüber stand in großen Buchstaben ‚Pon-Pon‘. Der Ball war recht groß und ging Helge bis zur Hälfte der Oberschenkel. Er liebte es, auf dem weichen, nachgiebigen Gummi zu sitzen und beim Hüpfen zu spüren, wie der Ball unter seinem Gewicht nachgab und dann zurückfederte. Dieses instabile Gefühl auf dem Ball gefiel ihm.

Seine Mutter hatte ihm verboten, mit dem Ball vor dem Haus zu spielen, auch nicht im Vorgarten. Sie hatte Angst, er könnte die Kontrolle verlieren und dann auf die Straße stürzen, ein Auto käme und dann… Deshalb hüpfte Helge damit im Hinterhof des Elternhauses. Es gab einen kleinen Garten, den sein Vater angelegt hatte und in dem er Tomaten und Salat anpflanzte. Ein Pfad ging um den Garten herum bis zu dem Schuppen, der hinten an der Mauer unter den tief hängenden Ästen einer Tanne versteckt lag. Auf der anderen Seite war ein Rasen, der ziemlich eben war und auf dem man ganz gut im Kreis um die Wäschespinne herum hüpfen konnte. Der Garten war vollständig mit einer hohen Mauer umgeben und deshalb war es immer sehr ruhig dort, bis auf das Geräusch des Hüpfballs, wenn Helge damit seine Runden drehte.

Einmal, da waren seine Eltern zu einem nicht allzu weit entfernten Ort weggefahren. Sie sahen sich eine Schrankwand an, die sie gebraucht kaufen wollten. Es war wohl eine gute Gelegenheit, aber sie waren sich nicht sicher, ob ihnen das Möbelstück auch gefallen würde. Helge blieb alleine zu Hause, aber sein Onkel Björn sollte kurz darauf kommen, um den Rasen zu mähen. Helges Mutter wollte zuerst auf ihn warten, aber sein Vater meinte, man könne sich auf Björn verlassen. Und wirklich, eine Viertelstunde, nachdem die Eltern weg waren, kam Björn. Zuerst alberte er mit Helge herum, wie er es immer tat. Dann holte er den Benzinrasenmäher aus dem Gartenschuppen. Es war heiß und er zog sein Hemd aus. Während Helge mit seinem Hüpfball den Parcours um das Gartenstück herum und bis zum Schuppen abhüpfte, drehte Björn seine Runden mit dem Rasenmäher. Zwischendurch machte er mal Pause und Helge musste ihm eine Flasche Mineralwasser aus dem Haus holen. Björn trank gierig davon und schüttete sich auch ein wenig davon über den Kopf und in den Rücken. „Das ist gut zur Abkühlung“, meinte er und reichte Helge die Flasche wieder zurück. Dann fuhr Björn weiter seine konzentrischen Runden um das Rasenstück, bis der letzte Grashalm auf die richtige Höhe zurechtgeschnitten war.

Während Helge weiter hüpfte, ging Björn in den Gartenschuppen. Normalerweise holte Helges Vater dann immer den Rechen, um das Gras zusammen zu harken. Aber Björn kam zunächst nicht wieder raus. Dann aber steckte er den Kopf aus der Schuppentür und rief Helge zu: „Kannst du mal kommen, Junge. Du kannst mir bei etwas helfen.“ Helge ließ den Hüpfball liegen und lief zum Schuppen unter den tief hängenden Ästen der Tanne.

(318) Willst du noch ein Bier, Björn?

„Willst du noch ein Bier, Björn?“ Ulrich Mahler hielt seinem Bruder eine Flasche hin. „Danke“, sagte Björn und legte die Grillzange zur Seite, bevor er die Flasche ergriff. Die Hitze des Sommers war jetzt ein wenig abgeklungen, aber man konnte immer noch gut draußen grillen, auch spät am Abend. Ulrich musste sich eingestehen, dass sein älterer Bruder sehr viel besser Grillen konnte als er. Seine Holzfällersteaks waren eine Klasse für sich. Anke brachte eine große Schüssel mit Salat und stellte sie auf den Tisch. „Damit es auch etwas gibt für die, die sich nicht nur von Fleisch ernähren“, sagte sie. „Wo ist Helge?“, fragte Ulrich. Anke seufzte. „Er ist auf seinem Zimmer. Will nicht runterkommen. Kinder sind schon schwierig. Du hast es gut, Björn.“ Björn grunzte zustimmend und nickte. „Er benimmt sich in letzter Zeit recht seltsam“, Ulrich schüttelte den Kopf. „Die Sache mit dem Hüpfball tut mir wirklich leid, Björn. Hatte ich Dir ja schon gesagt. Ich habe ihn noch einmal gefragt, wie das passiert war. Und dann sagte er mir, dass er damit auf einen spitzen Stein gehüpft sei und der Ball sei unter ihm explodiert. Dabei habe ich mir den Rest ja angeschaut. Da war ein Stich drin, wie mit einem Messer. Ganz glatt, nicht wie bei einem Stein. Ich habe dann angeboten, ihn zu flicken, aber das wollte er nicht. Naja, ich habe es trotzdem gemacht, aber er schaut den Ball nicht mehr an.“ Björn nahm jetzt die Steaks vom Feuer und legte sie auf die Teller. Ulrich schlug Ketchup aus der Flasche drauf und nahm sich ein paar Blatt Salat.

„Es ist wahrscheinlich nur eine Phase“, warf Anke ein und nahm ihrerseits so viel Salat, dass sie das kleine Steak damit fast verdeckte. „Dafür wird er jetzt so langsam erwachsen. Sein Zimmer ist in letzter Zeit immer sehr gut aufgeräumt. Wenn ich mal etwas nicht genauso einsortiere, wie es sein soll, dann macht er es selbst und ist dabei ganz vorwurfsvoll. Ich hoffe, er wird später nicht so ein Pingel.“ – „Nee, das glaube ich nicht“, antwortete Ulrich kauend. „Das hat dann auch Grenzen. Ich habe ihn gestern gefragt, ob er mir denn auch mal hilft, den Gartenschuppen aufzuräumen. Jetzt, wo er so ordentlich geworden ist, könnte ich seine Hilfe dabei sehr gut gebrauchen. Aber er hat fast einen Wutanfall bekommen. Wollte nicht helfen und wollte nicht mal sehen, ob es noch Zeug gibt, das er behalten wollte und ich nicht.“

Björn räusperte sich und warf ein: „Ja Kinder, das ist wohl alles etwas schwierig.“ Dann trank er den letzten Schluck aus seiner Flasche. Ulrich warf Anke einen kurzen Blick zu und sagte dann. „Naja, es ist ja nicht alles negativ. Anke und ich wollten in zwei Wochen mal ein Wochenende für uns haben. Wir dachten, du könntest vielleicht herkommen und auf Helge aufpassen. Wir wollten dir jetzt nicht zu viele Horrorstorys von dem Jungen erzählen.“ Björn brauchte nicht lange nachzudenken: „Das geht klar. Macht euch keine Sorgen. Wozu hat man Familie?“

(319) Aber Frau Radtke, jetzt bleiben Sie doch mal sachlich.

„Aber Frau Radtke, jetzt bleiben Sie doch mal sachlich.“ Tillmann Zobel schaute in die Runde, um zu sehen, wer auf seiner Seite war und wer nicht. Seine Leute, alles Angestellte von Tele Sat Plus nickten zustimmend, sogar erleichtert, dass ihr Programmchef endlich eingriff. Die Kollegen von Frau Radtke waren unsicher. Natürlich mussten sie zu ihrer Chefin halten, aber auch ihnen ging Susanne Radtke zu weit. Bei der Besprechung zwischen dem Fernsehsender als Auftraggeber und der Produktionsfirma von Frau Radtke als Auftragnehmer ging es um eine neue Spielfilmproduktion zum Thema „Misshandelte Kindheit“. Die Idee kam nicht von Zobel, denn mit dem Thema war es schwer, Quote zu machen. Als Dokumentarfilm ja, aber als Fiktion unmöglich. Wer sich für das Thema interessierte, hatte an Fiktion immer etwas auszusetzen und wer sich nicht dafür interessierte, schaltete erst gar nicht ein. Das hatte Zobel auch gesagt, als Ingo Laurenz, der Chef des Senders mit der Idee gekommen war. Laurenz wollte sich damit bei den Politikern einschleimen, ohne darüber nachzudenken, dass das Zeug auch gesendet werden musste. Und mit der ganzen Aufmerksamkeit konnte man es nicht mal in der Nachtschiene begraben. Nein, es musste zur Prime Time kommen. Tragisch. Zobel wollte den Schaden begrenzen und der Produzentin ein Happy End aus den Rippen leiern. Und auch dazwischen ein paar heitere Momente. Am besten vor den Werbeblöcken. Das war doch nicht zu viel verlangt. Irgendjemand musste das Zeug ja bezahlen. Aber Frau Radtke schien auf einem Kreuzzug zu sein. Das Letzte, was sie ihm vorhielt, war, dass er auf der Seite der Täter stünde, so wie er sich benehme. Unglaublich. Wenn Zobel gewusst hätte, dass der Film für sie ein persönliches Anliegen sei, hätte er gleich eine andere Firma beauftragt. So wie sie ihn jetzt anschaute, mit weit aufgerissenen Augen, und diesem empörten Ausdruck um den Mund. Nick Predel, Zobels Assistent, deutete auf die Uhr. Die nächste Besprechung würde in fünf Minuten beginnen. Zobel nickte. „Also Frau Radtke. Bekomme ich jetzt mein Happy End? Der Junge kann doch zu einem erfolgreichen Erwachsenen werden. Insgesamt glücklich sein, aber es gibt etwas, was an ihm nagt. Er lässt sich erfolgreich therapieren und tut dann etwas, um misshandelten Kindern zu helfen. Damit kann doch jeder leben.“ Susanne Radtke schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich habe viele Gespräche mit Therapeuten geführt, Herr Zobel, und das was Sie hier zeigen ist pure Verdrängung. Sie wollen eine Misshandlung verdrängen!“ Zobel stand auf, dann auch Predel, Frau Radtke und alle anderen. Die Sitzung war vorbei. Zobel sagte mit ruhiger Stimme: „Sie sollten sich schon entscheiden, Frau Radtke, ob Sie mich lieber als Opfer oder als Täter hätten. Und jetzt muss ich gehen. Man wartet auf mich. Zaubern Sie mir ein Happy End hin. Mit Zuckerguss. Bitteschön.“

(320) Was für eine unglaubliche Zicke!

„Was für eine unglaubliche Zicke“, sagte Predel. „Vorsicht, Herr Predel, reden Sie nicht so über unser Kreativpersonal.“ Beide Männer lachten gedämpft, als sie den Flur hinuntergingen. „Was steht jetzt an?“, fragte Zobel. „Spacko Party“, sagte Predel. „Der Kontrast schlechthin“, entgegnete Zobel.

Spacko Party war der Arbeitstitel einer neuen Show, die Zobel selbst konzipiert hatte und bei der er großes Potenzial sah. Zwei Pilotfolgen waren bereits produziert worden und bei beiden hatte Zobel noch wesentliche Änderungswünsche gehabt. Jetzt wurde der dritte Pilot produziert und dieser sollte sendefähig sein. Aus naheliegenden Gründen war der Titel mittlerweile geändert worden. Die Produktion hieß jetzt ‚Tilt Space Party‘.

Im Grunde bestand die Idee darin, dass der Sender ausgelosten Zuschauern zu Hause eine Party spendierte und dort filmte. Aber natürlich war Zobels Konzept viel raffinierter. Es sollte unmittelbar die Gaffgier der Zuschauer ansprechen. Die Gastgeber der Party wurden nicht wirklich ausgelost. Unter allen Einsendungen wurde eine sehr genaue Selektion vorgenommen. Die Gastgeber sollten, nach Zobels Vorgaben, hedonistisch, exhibitionistisch und nicht allzu intellektuell orientiert sein sowie einen ausgewiesenen schlechten Geschmack besitzen. Auch der Freundeskreis der Gastgeber wurde untersucht, denn daraus kamen die Protagonisten der Show. Je größer die Übereinstimmung der Freunde mit den oben angeführten Kriterien, desto besser die Chance, ausgewählt zu werden. Es gab eine Abfolge von Telefonaten, Interviews und Hausbesuchen bei den Gastgebern im Vorfeld einer Produktion. Natürlich wurden mit allen Kandidaten Verträge abgeschlossen, zur Wahrung der Urheberrechte und um ihnen den Mund zu verbieten.

Es gab keinen Moderator, denn die Fernsehzuschauer sollten den Eindruck haben, dass die Party von den Gastgebern völlig eigenständig organisiert wurde. In Wirklichkeit war natürlich nichts dem Zufall überlassen. So wurde zum Beispiel der Freundeskreis mit Schauspielern ergänzt, um der Handlung mehr ‚gefühlte Spontanität‘, wie Zobel sagte, zu verleihen. Eine Redaktion überlegte sich Handlungselemente wie ‚Schaumparty im Schlafzimmer‘, ‚Sumoringer-Kostüme zum Aufblasen‘, ‚Mittelaltergelage‘ oder Ähnliches. Was davon umgesetzt wurde, hing von den Räumlichkeiten ab sowie von den geladenen und gecasteten Gästen. Zobel hatte die Produktion zuerst im Studio drehen wollen, dann verwarf er die Idee. Alle Folgen sollten wirklich bei den Gastgebern produziert werden. „Es sieht authentischer aus. Außerdem können wir den Leuten als Trostpflaster nachher eine neue Wohnungseinrichtung für drei Euro achtzig kaufen und die sind dann richtig zufrieden“, hatte Zobel seine Umentscheidung begründet. Nur bei einer Sache war Zobel sich nicht sicher: sollte die Produktion so aussehen, als ob Teilnehmer die Bilder selbst mit ihren Handykameras aufgenommen hatten oder sollte man es darstellen, als ob ein Kamerateam überraschend die Party besuchte. „Ich glaube, wir werden es einmal mit dem Überraschungsbesuch versuchen. Das kann man auch variieren“, sagte Zobel und Predel gab ihm recht.

(321) Eigentlich hatte René Schiffner sich vorgestellt, dass die ideale Kulisse für die ‚Tilt Space Party’…

Eigentlich hatte René Schiffner sich vorgestellt, dass die ideale Kulisse für die ‚Tilt Space Party‘ eine Szene aus ‚Counter Strike: Global Offensive‘ sein sollte. Er liebte dieses Videospiel und wusste, dass er damit seine Kumpels wirklich beeindrucken würde. Sandra, seine Frau, hatte Bedenken gehabt, aber es war ja schließlich sein Geburtstag. Er und Sandra hatten oft unterschiedliche Meinungen. Er liebte Videospiele, sie hasste sie. Sie war für die Einrichtung zuständig, er zeigte dafür wenig Dankbarkeit. Er kümmerte sich um das Auto, sie fand, dass er dafür zuviel Geld ausgab. Bei Filmen fanden sie einen Kompromiss bei Ghost Busters oder Herr der Ringe.

Doch dann kam es anders, weil der Fernsehsender meinte, dass die Deko aus Counter Strike in Renés kleinem Haus nicht umsetzbar sei und zudem völlig ungeeignet für eine Party. Stattdessen schlugen sie ihm ein Spiel vor, bei dem es darum ging einen eingeölten Kleinwüchsigen zu fangen und in einen Laufstall zu sperren. „Was ist ein Kleinwüchsiger?“, fragte René und Sandra sagte ihm, dass das ein Liliputaner sei. „Ist das nicht schwul?“, fragte René und Sandra versicherte ihm, dass sie das nicht glaubet. Und deshalb willigte René ein.

Um die Produktion spannender zu machen, brachte die TV-Crew zwei Schaumkanonen mit, die oben auf der Treppe und vor dem offenen Wohnzimmerfenster auf einem Gerüst aufgestellt wurden. „Das ist ja nur Seife“, sagte der Produzent. „Und wenn doch Schäden entstehen sollten, dann machen wir das neu. Natürlich. Sie sollten zur Sicherheit aber alle persönlichen Dinge in den Produktionscontainer stellen, der auf der Straße geparkt ist. Da passiert dann garantiert nichts.“

Für die Dreharbeiten war ein voller Tag reserviert. Aus Planungsgründen kam Renés Geburtstag dafür nicht in Frage, der war ein Monat später. „Aber das wissen die Zuschauer ja nicht“, erklärte der Produzent. Die Vorbereitungen für den Dreh fanden am Vortag statt. In allen Zimmern wurden mehrere steuerbare Kameras mit Mikrofonen angebracht und mit dem Regiewagen auf der Straße vernetzt. Zusätzlich gab es zwei mobile Kamerateams.

Als die Freunde von René und Sandra am Drehtag im Häuschen der beiden ankamen, waren sie von der technischen Ausstattung beeindruckt. René erzählte, dass er lieber eine Deko aus Counter Strike gehabt hätte, aber die Freunde sagten, das sei auch so voll in Ordnung. An seinem Geburtstag könne man ja einfach gemeinsam Counter Strike spielen, das würde alles aufwerten. Auch ein paar Schauspieler kamen dazu, aber nur für den Fall, dass irgendwelche Stunts notwendig sein würden, wie der Produzent versicherte, ohne darauf einzugehen, an welche Stunts er dachte. Als René zwei Schauspielerinnen begaffte, die unglaublich große Oberweiten hatten, knuffte ihn Sandra in die Seite.

Dann mussten sich alle in einer Reihe aufstellen und eine Produktionsmitarbeiterin inspizierte Gastgeber und Gäste. Manche mussten sich umziehen, andere bekamen interessante Requisiten oder Accessoires. Auch das dauerte eine geschlagene Stunde. In der Zeit gab es draußen im Garten in einem Zelt ein Buffet mit leckeren Happen. Als alle bereit und verköstigt waren, hielt der Regisseur, ein völlig humorloser Mann mit Halbglatze, eine Rede, in der er den Ablauf der Dreharbeiten erläuterte. „Also, das wird eine lustige Party, Leute“, sagte er mit monotoner Stimme und dann ging es tatsächlich los.

Zuerst wurden René und Sandra gedreht, wie sie auf die ersten Gäste warteten und so taten, als ob sie die letzten Vorbereitungen erledigten. „Sehr gut“, rief der Regisseur, nachdem sie von allen Seiten dabei gefilmt worden waren. „Jetzt kommt die erste Gästegruppe. Auf drei.“

(322) „Das Taxi kommt gleich“, sagte René schuldbewusst.

„Das Taxi kommt gleich“, sagte René schuldbewusst. Sandra rumorte noch im Schlafzimmer und packte Sachen ein. Alle anderen waren abgezogen. Die ‚Tilt Space Party‘ hatte einen grauenvollen Ablauf genommen. Die Schaumkanonen der Produktionsgesellschaft hatten das ganze Haus mit Schaum gefüllt und durch die Feuchtigkeit hatten sich an vielen Stellen die Tapeten gelöst und die Wandfarbe sah völlig verdreckt aus. Beim angekündigten Spiel mit dem eingeölten Liliputaner, der sich im Schaum versteckte und aalgleich verschwinden konnte, hatte es einen tragischen Unfall gegeben. Achim Schilling, Renés fetter Gamerfreund, wollte sich auf den Kleinwüchsigen werfen, konnte aber nicht sehen, wohin er sprang. Als er aus dem Gleichgewicht kam, hielt er sich am Treppengeländer fest, dessen Halterungen brachen. Das Geländer stürzte auf halber Länge herunter und ausgerechnet auf den Kleinwüchsigen. Im Schaum sah man es nicht sofort und erst, als ein Kamerateam auf ihn trat, bemerkte man, dass etwas schiefgelaufen war. Der Produzent rief einen Krankenwagen. Um Platz für den Krankenwagen zu schaffen, sollte der Regielastwagen, der vor dem Haus hielt, umgeparkt und gewendet werden. Dabei stieß das riesige Fahrzeug gegen einen Pfosten des Carports, das einstürzte und Renés Wagen unter sich begrub. Unglücklicherweise war der Carport auch fest mit dem Hausdach verbunden und so wurde das Haus weit über die Hälfte abgedeckt. Die ganze Zeit über liefen die Kamerateams herum und filmten, was das Zeug hielt. Wenigstens kam die Feuerwehr recht schnell, als es zu regnen begann und konnte das Dach mit Planen abdecken. Der Produzent sagte, dass der Fernsehsender selbstverständlich für alle Schäden aufkommen würde. Er schien nicht einmal traurig zu sein, dass die Produktion der Party so teuer geworden war.

Nachdem Sandra den Schock etwas verwunden hatte, stellte sich die Frage, wo sie wohnen würden, bis die Renovierung abgeschlossen sein würde. Sandra rief ihre Eltern an, die aber keine Möglichkeit sahen. Dann sagte Achim Schilling, dass er ihnen die Hälfte seine Zweizimmer-Wohnung abtreten würde. „Wenn man ein bisschen aufräumt, kann es sehr gemütlich werden“, meinte er. René war gerührt und bedankte sich. „Wir können ja dann auch etwas Counter Strike spielen“, fügte Achim hinzu.

Sandra fand die Idee grauenhaft, wie sie René sagte, als Achim schon vorausgefahren war, um das Gröbste aufzuräumen. „Wohin denn sonst? Achim ist ein Freund, ein Klasse Typ. Den im Team zu haben, ist nie verkehrt.“ Dann verlor Sandra die Nerven. „Das ist hier kein verdammtes Videospiel“, schrie sie. „Das ist die Wirklichkeit, du Kindskopf!“ René hätte ihr gerne mit dem Gamerscherz geantwortet, dass die Realität zwar eine tolle Grafikauflösung habe, die Story aber sehr zu wünschen übrig ließe. Aber das wäre jetzt nicht gut angekommen. So hielt er den Ball flach und bestellte ein Taxi, während sie das Notwendigste zusammensuchte.

(323) Wenigstens hat er sie noch nicht geschwängert!

„Wenigstens hat er sie noch nicht geschwängert!“ Hansjörg Weber war sehr aufgebracht. Er saß auf seinem Sessel im Wohnzimmer und starrte grimmig auf die Sombreros, die ihm gegenüber an der Wand hingen. Er und Annemarie hatten sie aus dem Urlaub in Spanien mitgebracht. Annemarie saß auf dem Sofa und vor ihr stand immer noch das Telefon, über das sie eben mit ihrer Tochter Sandra gesprochen hatten. „Ja, er ist nicht wirklich der Schlaueste…“, sagte Annemarie. „Er ist ein vollendeter Idiot“, fuhr ihr Hansjörg dazwischen. „Vielleicht trennt sie sich jetzt endlich von dieser Missgeburt und kommt zur Vernunft. Es gibt doch wirklich genug Männer, die ihr etwas bieten können.“ Hansjörg streifte die Pantoffeln ab und legte die Füße auf den Lederschemel, der vor ihm stand.

„Aber, waren wir nicht vielleicht etwas zu hart eben?“ Annemarie stand auf und stellte das Telefon zurück auf die Zierdecke auf den Beistelltisch neben dem Sofa. „Unsinn. Sie muss auch etwas lernen. Unser Haus war ihm ja nie gut genug, diesem René. Die Nase hat er über unseren Fernseher gerümpft und dann schließt er noch so ein Idiotenspiel da dran. Nachher war alles verstellt. Kannst du dich noch erinnern? Am Ende mussten wir den Fernsehtechniker holen, damit er es wieder in Ordnung bringt.“

„Ich glaube ich brauche jetzt etwas Starkes. Willst Du auch etwas?“ – „Gib mir einen Brandy.“ Annemarie öffnete das Barfach des Wandschranks und füllte ein Schnapsglas mit Grand Marnier für sich und einen Schwenker mit Cardenal Mendoza für Hansjörg. Sie reichte ihm sein Glas und beide tranken einen Schluck.

„Was sie jetzt wohl unternimmt? Ich komme mir ganz schlecht vor, sie so abgewiesen zu haben…“ – „Wir haben sie nicht abgewiesen. Wir haben den Trottel abgewiesen. Ein Riesenunterschied. Wenn Sandra gesagt hätte, ‚Unser Haus ist eingestürzt, kann ich bei Euch eine Zeit lang wohnen?‘, dann hätten wir sie natürlich mit offenen Armen empfangen. Aber sie wollte ja diesen Heini mitbringen. Ich habe ihr gesagt, komm doch allein. Aber nein, sie hat ihren Sturkopf und knüpft ihr Schicksal an das von diesem Versager. Das sollte ihr jetzt mal zu denken geben. Wenn sie jetzt gleich noch einmal anruft, und sagt, ob sie denn alleine kommen darf, werden wir ihr natürlich sagen, dass sie uns immer willkommen ist. Zu jeder Tages- und Nachtzeit.“ Sie hingen ihren Gedanken nach und tranken eine Weile schweigend. „Meinst Du Tele Sat Plus wird ihnen den Schaden ersetzen?“, fragte Annemarie. „Wer weiß, ob das überhaupt etwas mit dem Fernsehsender zu tun hat. Vielleicht hat der Trottel das Haus ja selbst in die Luft gejagt. Er mag doch so gerne Kriegsspiele. Das kommt ihm wahrscheinlich recht, einen Kriegsschauplatz direkt zu Hause zu haben. Dem ist alles zuzutrauen, glaub mir.“

(324) Achim Schilling wohnte in einem Kaninchenstall.

Achim Schilling wohnte in einem Kaninchenstall. In einer von unzählig vielen Wohneinheiten in einem riesigen Gebäude, das den Charme eines Parkhauses besaß. Der Aufzug war kaputt und so mussten René und Sandra ihre Koffer die Treppen hoch bis in den sechsten Stock schleppen. Am Ende des langen dunklen Flures sahen sie Licht aus einer offenen Wohnungstür. Als sie eintraten, kam Achim aus dem Bad. In der Hand hielt er eine Rolle Küchenpapier. „Ich habe noch etwas die Armaturen poliert, damit Ihr euch auch wirklich wohlfühlt.“ Sandra schaute sich die Wohnung an. Von dem kleinen Flur gingen vier Türen ab. Das Wohnzimmer war ein langer Schlauch an dessen Ende ein Schreibtisch stand mit einem riesigen Bildschirm, davor ein Chefsessel auf Rollen. Ein Bücherregal beherbergte hauptsächlich DVDs und Spielhüllen. Ein Sofa gegenüber einem großen Flachbildfernseher. Der Raum war schon lange nicht mehr gelüftet worden. Vorhänge gab es keine und die Fenster blickten auf heruntergelassene Rollläden. Im Schlafzimmer lag ein Berg Wäsche auf dem Bett in Naturkiefer. Vor dem Kleiderschrank ein weiterer Haufen Kleidung, der vor sich hin muffelte. Im Bad roch es nach Schimmel. Im Abfluss der Badewanne lag ein Klumpen Haare und der Duschvorhang, ehemals weiß, hatte gelbliche Verfärbungen. Ein weiteres Schlachtfeld war die Küche. Sie war so klein, dass nur eine Person darin stehen konnte. Im Abfluss stapelte sich das Geschirr und wartete auf eine gnädige Seele. Dann war Sandra wieder im Flur und starrte René mit düsterem Blick an. Ihr Ehemann hatte seinen Mantel ausgezogen und über einen Karton gelegt, in dem früher mal der Flachbildschirmfernseher gewesen war. Achim ging in die Küche und er klapperte in dem schmutzigen Geschirr herum.

„Ich kann hier nicht bleiben“, sagte Sandra. „Wir haben nichts anderes“, antwortete René. „Ich kann trotzdem nicht bleiben, ich kriege hier keine Luft.“ – „Wir werden ein bisschen aufräumen und dann geht das.“ Sandra schüttelte den Kopf. „Wo sollen wir denn schlafen?“ – „Auf dem Sofa. Da hatte ich ja schon mal übernachtet, als es so spät geworden war. Kannst du dich erinnern? Das Sofa ist sehr bequem.“ – „Es geht nicht. Dann such ich mir etwas anderes.“ – „Gehst du zu deinen Eltern?“ – „Vielleicht.“ René überlegte. „Nee, ich bleibe hier.“ Sandra nickte. Sie hatte Tränen in den Augen. „Nicht weinen, Sandra. Das mit dem Haus geht in Ordnung.“ Sandra nahm ihren Koffer und wandte sich zum Gehen. „Dann telefonieren wir morgen?“ Sie nickte wieder und ging zur Tür hinaus. Erst als sie weg war, fiel René ein, dass er ihr den Koffer nach unten hätte tragen können.

„Frauen sind ja unglaublich pingelig“, meinte Achim. „Wenn nicht alles picobello ist, dann motzen sie nur rum.“ Sie bestellten sich eine Pizza. „Bis der Bote damit hier ist, können wir locker einen oder zwei Deathmatches machen. Zum Warm werden. OK?“ – „Gute Idee“, sagte René und nahm seinen Laptop aus der Umhängetasche.

(325) Haben Sie ein Zimmer für mich?

„Haben Sie ein Zimmer für mich?“ Herbert Martens blickte von dem Taschenfernseher auf und sah die junge Frau vor seinem Tresen stehen. Er zog den Stöpsel aus dem Ohr und stand auf. „Willkommen im Hotel Admiral. Sie haben keine Reservierung?“ Die Frau schüttelte den Kopf. Sie sah aus, als ob sie geweint hatte. „Geht es Ihnen nicht gut?“ Sie atmete tief ein und aus. „Es geht.“ Dabei sah sie aus, als ob sie gleich wieder losheulen würde.

Martens war seit dreizehn Jahren Nachtportier. Nicht immer im Admiral, es waren auch schon bessere Häuser dabei gewesen. Aber er hatte ein Gespür für Leute entwickelt. Sein Instinkt sagte ihm, dass die Frau sich gerade von einem Mann getrennt hatte und etwas haltlos in der Nacht unterwegs war. Dabei sah sie ganz normal aus, nicht so kaputt, wie andere Frauen in ähnlicher Situation. Er war überzeugt, dass sie hinreißend aussah, wenn sie nur etwas lächeln würde.

Martens tat so, als ob er im Hotelregister nachschaute, ob er noch freie Zimmer habe. „Was brauchen Sie denn? Einzel- oder Doppelzimmer.“ – „Einzelzimmer, bitte. Nur für eine Nacht.“ Das war die Hoffnung von verletzten Frauen, dachte Martens. Eine Nacht und dann wird sich alles wieder einrenken. Das tat es nie. Die Wunden waren dann vielleicht etwas verschorft. Bereit für den nächsten Hieb. Eine Nacht war nie genug. „Ja, das geht. Ich kann Ihnen ein schönes Zimmer geben. 53 Euro die Nacht, ohne Frühstück. Frühstück gibt es ab sieben Uhr, kostet elf Euro extra. Kann ich einen Ausweis sehen? Für die Registrierung.“ Sie kramte in ihrer Handtasche zwischen den zerknüllten Papiertaschentüchern, und reichte ihm ihren Ausweis. Sandra Schiffner geborene Weber, 23 Jahre, verheiratet. Ein Schwein, eine solche tolle Frau zu verstoßen. Martens notierte Namen und Ausweisnummer in das Register. Vom Schlüsselbrett hinter sich nahm er Nummer 313. „Ich zeige Ihnen das Zimmer.“ Martens verriegelte den Haupteingang und geleitete Sandra zum Aufzug. Als die schwere Metalltür zufiel, standen sie ziemlich nahe nebeneinander in dem engen Raum. Martens drückte auf die 3 und die Kabine ruckte los. Er konnte den Geruch von Sandra wahrnehmen. Nicht eine mit Parfüm verfälschte Version, sondern ihren wahren Duft. Er mochte es, wie sie roch. Dann blieb die Kabine stehen und Martens schwang die Tür auf. „Nach rechts“, sagte er und ließ ihr den Vortritt. Er wuchtete den schweren Koffer aus dem Aufzug und ging an ihr vorbei den Flur hinunter. Sie folgte ihm. Hoffentlich bemerkte sie nicht, dass er eine kahle Stelle am Hinterkopf hatte. Er probierte seit Kurzem ein Mittel dagegen aus, aber es schien nicht zu wirken. Aber wichtig waren ja nicht die Äußerlichkeiten. Mit dem Schlüssel öffnete er die Tür und machte das Licht an. Eine wenig helle Deckenlampe tauchte das Zimmer in ein Licht, das die Schäbigkeit von Einrichtung und Wänden kaschierte. Er hievte den Koffer auf die Ablage. Sie stellte ihre Handtasche auf das Bett und zog den Mantel aus. Martens hatte gleich einen Kleiderbügel bei Hand und nahm ihr den Mantel ab, hängte ihn auf. „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“ Sie schüttelte den Kopf. „Nun, Sie wissen, wo Sie mich finden. Rufen Sie die 17 an und schon bin ich da. Auch wenn es nur zum Reden ist.“ Er platzierte den Schlüssel neben sie auf das Bett und ging hinaus.

(326) Sandra Schiffner hatte das Gefühl am Tiefpunkt ihres Lebens angelangt zu sein.

Sandra Schiffner hatte das Gefühl am Tiefpunkt ihres Lebens angelangt zu sein. Ihr Haus wurde zerstört. Ihre Eltern weigerten sich, sie aufzunehmen. Ihr Ehemann ließ sie im Stich. Sie musste in einem heruntergekommenen Hotel übernachten, in dem sie sogar noch von dem abgehalfterten Nachtportier angebaggert wurde. Es war alles, dass er nicht noch gefragt hatte, ob er ihr beim Ausziehen helfen konnte, dachte sie, als sie ihr Nachthemd anzog. Als sie im Bett lag, fiel ihr ein, dass sie kein Buch mitgenommen hatte. Sie war zu aufgewühlt, um gleich einzuschlafen, also schaltete sie den Fernseher ein. Schließlich blieb sie bei einer Dokumentation über nordkoreanische Propaganda hängen. An einer Stelle wurde ein Videoclip gezeigt, auf dem Kim Jong-il auf einem Pferd ritt. Dazu spielte ein koreanisches Lied, dessen Text als Übersetzung eingeblendet wurde. Im Wesentlichen sagte das Lied, dass große Stürme kamen, wenn General Kim Jong-il laut rief. Der Geliebte Führer saß auf einem Schimmel und trug eine dicke schwarze Sonnenbrille und weiße Handschuhe. Danach folgten Aufnahmen von Massenveranstaltungen in großen Stadien, bei denen das Publikum gemeinsam Bilder und Schriftzeichen durch hochgehaltene Farbpappen darstellte. Durch die hypnotische Wirkung der Bilder wurde Sandra müde. Sie machte den Fernseher und das Licht aus und legte ihren Kopf auf das fremde Kissen. Bald war sie eingeschlafen.

Herbert Martens schaute auf seinen Taschenfernseher, als die automatische Tür aufging. Erst als er die Huftritte hörte, schaute er auf und konnte seinen Augen nicht trauen. Ein Schimmel stand in der Lobby und darauf saß ein kleiner Mann in Uniform mit kurz geschnittenen Haaren und einer Sonnenbrille. Mit einem weißbehandschuhten Zeigefinger deutete er auf Martens. Der Nachtportier war aufgesprungen. Er konnte dem Blick von Kim Jong-il, denn er war es wirklich, nicht lange standhalten, dann brach er weinend zusammen und flehte um sein Leben. Durch einen weiteren Fingerzeig bedeutete der Generalissimus, dass Martens sich durch den Seitenausgang entfernen sollte. Als der Nachtportier weg war, stieg der General mit dem Pferd die Treppe hoch, bis in den dritten Stock. Er fand Zimmer 313 und dann stand er auch schon im Zimmer, hoch zu Ross. Er wies Sandra an, bei ihm aufzusteigen, und sie schmiegte sich an seine starken Schultern.

Der General streichelte kurz ihre Hand mit seinem Baumwollhandschuh und dann wurde es hell im Zimmer. Nicht nur das Fenster fiel aus der Wand, nein, die ganze Fassade des Hotels fiel herunter. Vor Sandras Augen erschien der Himmel, der gerade von der Morgensonne geküsst wurde. Das Pferd tat einen Satz und sprang aus dem Zimmer. Aber es fiel nicht hinunter, sondern glitt sanft durch die Luft. Ganz sachte setzte es auf dem Asphalt auf und galoppierte die Straße entlang in Richtung der aufgehenden Sonne.