(307) Als der Armeebus in der Kaserne im Wemyss Way ankam…

Als der Armeebus in der Kaserne im Wemyss Way ankam, begann für Garrett Hanson der Wettlauf gegen die Zeit. Der nächste mögliche Bus fuhr um 20:40 Uhr am Busbahnhof ab und bis dahin brauchte man zu Fuß gute 15 Minuten. Mit dem Auto wäre es natürlich schneller, aber Garrett hatte kein Auto. Autostopp, das hatte die Erfahrung gezeigt, war ebenfalls keine gute Lösung, denn wenn kein Auto kam, konnte er die verlorene Zeit nicht mehr aufholen und wenn er beim Autostoppen lief, hielt kein Auto an. Aber erst einmal musste er hinauf auf seine Stube und sich umziehen. Dabei schaute er ständig auf die Uhr. Als er fast fertig war, kam ein Caporal vorbei und er musste seinen Schrank noch einmal sorgfältiger aufräumen. Garrett flitzte wieder die Treppe hinunter und dann draußen zum Tor der Kaserne. Vor ihm stand schon ein Dutzend anderer Soldaten, die ebenfalls so schnell wie möglich ins Wochenende wollten. Keine Möglichkeit zu fragen, ob sie ihn vorbei ließen. Wieder schaute er auf die Uhr. Als er endlich durch die Schranke durch war, war es 20:28 Uhr. Jetzt musste er laufen, was das Zeug hielt. Erst St. Martin’s Hill hoch und dann wieder runter.

Er hatte Jenny vor einem Monat bei einem Ausgang in London kennengelernt. Dann hatte er sich vor zwei Wochen noch einmal mit ihr getroffen und dabei das ganze Wochenende mit ihr verbracht. Und er hatte bei ihr und mit ihr geschlafen. Eigentlich war dieses Wochenende erst das dritte Mal, dass sie sich sahen. Er wusste nicht, ob es etwas Ernstes war. Aber wenn er an ihren Körper dachte, dann war es ihm auf jeden Fall ernst damit, den Bus nach London nicht zu verpassen. In Canterbury hatte er bisher noch nie Sex gehabt und es gab keine Anzeichen, dass sich dies ändern würde.

Als er unten an dem neuen Gebäude der Universität vorbeikam, war er etwas außer Puste und es war ihm heiß. Er lag gut in der Zeit und ging ein wenig langsamer. Immerhin war es ein positives Zeichen, dass sie ihn zu ihren Freunden mitnahm. Natürlich hätte er sich vorstellen können, das ganze Wochenende mit ihr allein im Bett zu verbringen.

Als er am Kreisverkehr ankam, schaute er wieder auf die Uhr, und es war später, als er erwartet hatte. Er fing wieder an zu Laufen. Dann hinein in die enge Ivy Lane mit ihren niedrigen Ziegelsteinhäusern. Bei der Unterführung unter dem großen St. Georges‘ Roundabout konnte er sich wieder etwas Zeit nehmen. Vor dem Fenwick Kaufhaus merkte er, dass er nur noch drei Minuten hatte. Falls seine Uhr richtig ging. Oder die des Busfahrers, dachte er. Letzter Sprint. Der Bus stand da und es stiegen noch Leute ein. Er war gerettet. Er schickte ihr eine SMS, dass er um 22:20 Uhr in Victoria Coach Station ankommen würde.

(308) Nach dem verlorenen Tag, den er mit dem Sondierstöckchen im Wald verbracht hatte…

Nach dem verlorenen Tag, den er mit dem Sondierstöckchen im Wald verbracht hatte und dem Wettlauf gegen die Zeit, um den Bus noch zu erreichen, war Garrett erschöpft. Er fand eine freie Sitzreihe hinten im Bus und legte sich hin. Er wollte unbedingt fit sein, wenn er in 100 Minuten in London ankommen würde. Bevor der Bus St. Peter’s Roundabout erreicht hatte, war Garrett bereits eingeschlafen.

Er träumte, dass er den Bus nicht erwischt hatte und dass es auch keinen anderen mehr geben würde. Er musste Autostopp versuchen. Er ging an der M2 entlang und die Autos schossen an ihm vorbei. Keiner wollte ihn mitnehmen. Erst da fiel ihm auf, dass er auch nicht seine Jeans und seine rote Jacke anhatte, sondern einen pinkfarbenen Frauenbadeanzug und an den Füßen türkisfarbene Laufschuhe. Er hatte, stellte er fest, sogar Brüste, allerdings bemerkte er beim Betasten, dass sie nicht echt waren, sondern nur mit Papiertaschentüchern ausgestopft. Auf dem Kopf trug er einen Haarreif, an dem ein Paar pinkfarbener Hasenohren befestigt war. Den Haarreif warf er in den Graben. In der anderen Hand hielt er den Griff eines himmelblauen Rollkoffers, auf dem quer drüber sein Sondierstöckchen festgeschnallt war. Trotz der nackten Beine und Schultern war ihm nicht kalt.

Garrett hatte keine andere Wahl, als mit dem Autostoppen weiter zu machen. Immer noch hielt keiner an. Als er sich auf die Fahrbahn stellte, um ein Auto zum Anhalten zu zwingen, wechselte es unter lautem, eindringlichem Hupen die Fahrbahn und rauschte an ihm vorbei. Wütend schleuderte er den Rollkoffer in die Büsche.

Doch dann fuhr ein Talbot Avenger an ihm vorbei, die Bremslichter leuchteten auf und der Wagen kam zum Stehen. Garrett lief hin und öffnete die linke Hintertür, als er merkte, dass ein Beifahrer dabei war. „Hallo“, sagte er. Die Fahrerin und ihr Beifahrer drehten sich zu ihm. „Ist Ihnen nicht kalt, junger Mann?“, fragte der Beifahrer. „Nein, Sir, ich bin hart im Nehmen“, antwortete Garrett. Die Fahrerin legte einen Gang ein und fuhr wieder los. „Ich heiße Garrett Hanson von den Argyll and Sutherland Highlanders“, stellte er sich vor. „Aha, neue Uniform nehme ich an“, bemerkte der Mann. „Wir sind Fay Wright und Damien McDermott. Vom English Heritage“, sagte die Fahrerin. „Wir sind auf dem Weg zurück nach London. Wo möchten Sie hin?“ – „Das trifft sich sehr gut. Genau dorthin will ich auch. Ich habe das Wochenende frei und treffe in London meine Freundin Jenny.“ – „Interessant“, sagte McDermott. „Das hätte ich gar nicht von Ihnen gedacht.“ Garrett wollte nachfragen, was er sich denn gedacht hatte, als dichter schwarzer Rauch unter der Motorhaube hervorquoll und an der Windschutzscheibe hängenblieb. Fay fuhr das Auto auf den Pannenstreifen. „English Heritage, pah“, giftete McDermott. „Mit einem ausländischen Modell wäre uns das nicht passiert. „Ich schau mal nach“, sagte Garrett und stieg aus.

(309) Das leise Zischen des Heizkörpers verlor sich in der Helligkeit der weichen Schneelandschaft.

Das leise Zischen des Heizkörpers verlor sich in der Helligkeit der weichen Schneelandschaft. Erik Danner schaute über seinen Schreibtisch hinweg nach draußen. Er hatte gerade gelesen, was er am Vorabend geschrieben hatte und er war nicht zufrieden. So war es immer, bis er etwas gefunden hatte, woran er sich festhalten konnte. Wie ein Haken, den er in die glatte Felswand einschlug und der ihm beim Aufstieg Halt gab. So war es bei den drei Büchern gewesen, die er bisher veröffentlicht hatte. Alles Krimis mit Thrillerelementen. Das letzte Buch, ‚Tabakspuren‘, war recht erfolgreich gewesen. Bei dem neuen Buch wollte sein Verleger richtig Geld in Marketing investieren. Das erhöhte auch den Druck, aber damit konnte Erik umgehen. Bevor er sich ganz dem Schreiben widmete, war er Industriekletterer gewesen. Als das zweite Buch gut lief, hatte er gekündigt. Es war nicht üppig, aber er brauchte nicht viel zum Leben.

Draußen hatte es wieder angefangen zu schneien. Danner goss sich Pfefferminztee aus der Thermos nach. Fay und McDermott waren als Charaktere nicht schlecht. Sie waren verschieden und doch waren sie aufeinander angewiesen. Es gab eine Spannung, ob etwas zwischen Ihnen passieren würde. Aber es war unklar, was mit ihnen geschehen sollte. Das Spannungselement konnte nicht darin bestehen, dass ein Mann in einem Bunnykostüm sie verschwinden ließ oder dass sie von einem Akkordeonspieler terrorisiert wurden. Aber es ging ja erst einmal nur darum, die Möglichkeiten kreisen zu lassen. Dann würde sich eine Route auftun, die er mutig besteigen konnte.

Das Telefon klingelte. Normalerweise stöpselte er es aus, wenn er schrieb, aber er hatte es wohl diesmal vergessen.

„Hallo Dad!“ – „Hallo Greta.“ Danners Tochter rief ihn nur an, wenn sie etwas brauchte. Eigentlich nahm er sich immer wieder vor, öfters mal selbst den Kontakt zu suchen und eine Beziehung zu ihr aufzubauen, damit er nicht jedes Mal mit den Augen rollen musste, wenn sie ihn anrief.

„Was gibt es, mein Schatz?“ – „Bei mir vor dem Haus lungert ein Mann rum. Ganz dick und hässlich. Er starrt immer zu meinem Balkon hoch.“ – „Hat er versucht, reinzukommen? Hat er dich belästigt?“ – „Er starrt die ganze Zeit hoch, das ist eine Belästigung.“ – „Hast du deine Mutter angerufen? Die wohnt doch praktisch nebenan.“ – „Sie ist im Urlaub. Redet Ihr eigentlich gar nicht mehr miteinander?“ – „Nicht, wenn es sich vermeiden lässt. Wo ist sie denn?“ – „In Vietnam.“ – „Aha. Mit ihrem Psychotherapeuten?“ – „Mit ihrem neuen Mann, der zufälligerweise Psychotherapeut ist. Ja, mit ihm.“ Danner stöhnte. Seine Tochter sagte nichts mehr. Sie wusste genau, wie sie ihn unter Druck setzen konnte. „Na gut. Ich komme vorbei und schau mir den Typen an. Aber erst heute Nachmittag. Ich muss hier auch noch etwas tun.“ Sie wollte weiter betteln. „Sperr einfach die Tür zu und geh nicht hinaus. Er wird ja nicht an der Fassade hochklettern.“ – „Und wenn?“ – „Dann schließ auch die Fenster. Ich komme.“ Danner legte auf. Natürlich war es nicht in Ordnung, was er machte. Natürlich hatte sie alles Recht der Welt, ihn um Hilfe zu bitten. Aber er musste auch mal mit dem neuen Buch vorankommen. Er stöpselte das Telefon aus.

(310) Kaum saß Erik Danner wieder am Schreibtisch, klingelte es an der Tür.

Kaum saß Erik Danner wieder am Schreibtisch, klingelte es an der Tür. Zuerst wollte er das Klingeln einfach ignorieren, dann hörte er, wie das Schloss aufgesperrt wurde. Ein Blick auf den Kalender: Es war Dienstag und am Dienstag kam Ella Drescher, seine Putzfrau.

„Hallo Herr Danner. Sind Sie zuhause?“, flötete es vom Flur herein. Und dann stand sie schon in der Tür. Mitte Sechzig, kompakter aber energiegeladener Körper und einen neugierigen Blick. „Sie sollten mal lüften“, sagte sie, nachdem sie ihn begrüßt hatte. Bevor Danner irgendetwas sagen konnte, hatte sie schon das Fenster aufgerissen und ein eisiger Wind durchzog den Raum. Es war völlig sinnlos, mit Frau Drescher zu diskutieren. Und eigentlich hatte sie ja auch recht. Er hatte sie eingestellt, damit sein Haushalt nicht in völligem Chaos versank und genau darum kümmerte sie sich. „Ich gehe ins Wohnzimmer, damit Sie freie Bahn haben, Frau Drescher.“ Eigentlich saß er schon im Wohnzimmer, das er zu seinem Arbeitszimmer umfunktioniert hatte. Das Wohnzimmer, das er meinte, hatte der Architekt wohl als Kinderzimmer geplant. Er nahm seinen Laptop und sein Notizbuch und wollte sich verziehen. „Haben Sie heute schon Nachrichten geschaut, Herr Danner?“ Er schüttelte den Kopf. Er musste es sich anhören, denn sie blockierte die Tür zum Flur. „Da ist ein Junge vermisst und jetzt kämmen sie den Wald durch. Viele hundert Soldaten laufen da rum und suchen ihn. Dazu Helikopter und alles.“ – „Wo ist das denn?“, fragte er, nur um Interesse zu heucheln. „Weiß ich nicht, aber es sah unglaublich aus.“ Sie sah die benutzte Müslischale auf dem Schreibtisch und während sie sich darauf stürzte, setzte sich Danner ins Kinderzimmer ab.

Durch die Milchglastür sah er, wie Frau Drescher in ihrem rosafarbenen Arbeitskittel durch die Wohnung tobte und alles wieder sauber und ordentlich herrichtete. Ihre Haare hatte sie mit einem ebenfalls rosafarbenen Frotteetuch zusammen gebunden und durch das Milchglas sah es aus, als ob sie Hasenohren hatte.

Danner wollte arbeiten, aber die bloße Anwesenheit von Frau Drescher blockierte ihn. Er seufzte und beschloss zu Greta zu fahren. Wenn er zurückkäme, wäre auch Frau Drescher weg und er würde seine Ruhe wieder haben. Er informierte Frau Drescher, die gerade im Wohnzimmer aufräumte und brach auf.

Auf dem Abspielgerät lagen zwei DVDs und zwei Hüllen. Frau Drescher entzifferte die Titel und schob ‚Tommy‘ in die Tommy-Hülle und ‚Clockwork Orange‘ in die Clockwork Orange-Hülle. Der Mann war vielleicht viel gescheiter als sie, aber ohne ihre Arbeit wäre er völlig aufgeschmissen. Im eigenen Dreck würde er ersticken. Das gleiche dachte sie auch, als sie in der Küche das schmutzige Geschirr sah. Neben dem Herd lag säuberlich ein Stapel von Plastikhüllen, die vorher Steaks enthalten hatten. Im eigenen Dreck ersticken, dachte sie noch einmal. Und ernähren konnte er such auch nicht vernünftig. Man konnte doch nicht ausschließlich von Steaks leben.

(311) Als Danner bei dem Apartmenthaus ankam, in dem Greta wohnte, schaute er sich um.

Als Danner bei dem Apartmenthaus ankam, in dem Greta wohnte, schaute er sich um. Er sah niemand, der davor oder auf der anderen Straßenseite herumlungerte. Greta war nervös, weil sie im letzten Jahr ihres Studiums war und intensiv das Examen vorbereitete. Englische Literatur war ihr Thema. Da konnte es schon mal vorkommen, dass man überreagierte, dachte Danner, als er sich an der Sprechanlage identifiziert hatte und der Summer ertönte. Oben musste er noch einmal läuten und sagen, wer er war, bevor sie ihn hereinließ. „Ich habe niemand unten gesehen“, sagte Danner. Greta war wirklich sehr aufgeregt. Sie umarmte ihn und sagte, dass sie froh war, dass er sofort gekommen war. „Ja klar“, meinte er beiläufig.

Er und seine Tochter hatten ein Abkommen. Sie fragte ihn nicht nach dem Fortschritt seines neuesten Buches und er fragte sie nicht, wie ihr Studium lief. Jeder erzählte nur dann etwas, wenn er oder sie es für notwendig hielt. „Magst du einen Tee?“ Er nickte und setzte sich im Wohnzimmer auf die Couch. Auf dem niedrigen Tisch lag ein Fotobuch über England vom English Heritage. Er blätterte es auf. „Bist du jetzt in Canterbury fertig oder musst du noch einmal hin?“, rief er in die Küche. „Ich bin fertig. Außer, ich hänge noch ein PhD dran. Aber keine Angst, das habe ich nicht vor.“ – „Ich rede dir da nicht rein, Greta. Wenn du jemand findest, der es dir finanziert…“ – „Nein, ich will jetzt arbeiten. Es reicht jetzt mit der Büffelei.“ Greta kam mit einem Tablett herein und stellte Tassen, Milch und Zucker auf den Tisch. „Warst Du mal in Denge?“, fragte er und zeigte ihr die Seite im Buch. „Nein, wegen dieser Betonschüsseln? Warum? Schreibst du darüber?“ – „Vielleicht kann ich es verwenden, ich weiß es noch nicht.“ – „Da! Da ist er wieder!“ Greta stand am Fenster und deutete nach unten. Danner warf das Buch auf das Sofa und sprang auf. Sie zeigte auf einen Mann mit einem beträchtlichen Bauchumfang, der auf dem Bürgersteig gegenüber stand und heraufschaute. Neben ihm stand ein Rollkoffer. „Das ist der Mann! Er schaut wieder rauf!“ Danner sagte nur „Bleib hier, ich gehe runter“ und stürmte aus der Wohnung. Der Aufzug kam nicht und so lief er, so schnell er konnte, die Treppe hinunter. Aber Danner hätte sich nicht beeilen brauchen, der Mann stand immer noch da und schaute nach oben. Danner überquerte die Straße. Oben konnte er Greta hinter dem Fenster sehen. Er winkte ihr zu. Sie winkte zurück. Dann winkte der fremde Mann ihr ebenfalls zu. Er nahm wohl an, dass der Gruß ihm gegolten hatte. Der Mann war altmodisch und etwas ärmlich gekleidet, allerdings sehr sauber. Er trug eine grüne Strickjacke, die seinen massigen Leib umfasste, darunter ein weißes T-Shirt und an den Beinen eine graue Anzughose. Danner stellte sich vor ihn und fragte: „Was machen Sie hier?“ Er tilgte jegliche Aggressivität, die er durchaus verspürte, aus seiner Stimme, denn er wusste nicht, wie der Unbekannte reagieren würde.

(312) Ich versuche, mich zu erinnern.

„Ich versuche, mich zu erinnern“, antwortete der Unbekannte und ließ Greta Danner, die immer noch am Fenster stand, nicht aus den Augen. „Woran?“, fragte Erik Danner verblüfft. „Genau das will ich ja wissen“, antwortete der Mann. „Aber sie beunruhigen meine Tochter. Wer sind Sie?“ – Der Mann schaute Danner hoffnungsvoll an. „Dann hat sie mich also erkannt?“ – „Naja, Sie stehen ja ständig hier.“ – „Nein, von früher. Wer bin ich?“

Nachdem Danner noch einige Zeit vergeblich auf den Mann einredete, nahm er sein Mobiltelefon und rief die Polizei. Als der Streifenwagen kam und zwei Polizisten ausstiegen, bemerkte der Unbekannte sie nicht einmal. „Aha“, sagte der eine Polizist, „Matthias Hohner. Mal wieder.“ – „Sie kennen den Mann?“, fragte Danner. Er erklärte die Situation noch einmal. Er zeigte nach oben zu seiner Tochter, die immer noch am Fenster stand und nach unten winkte. Wieder winkte Matthias Hohner zurück.

„Herr Hohner, Sie kommen jetzt mit uns mit“, sagte der andere Polizist. „Nein“, sagte Hohner. „Ich will wissen, wer diese Frau ist.“ – „Sie ist meine Tochter“, sagte Danner, „und sie will nichts mit Ihnen zu tun haben.“ – „Aber wer bin ich?“. Danner wandte sich an den ersten Polizist. „Ist er verrückt?“ Der Polizist wog den Kopf hin und her. „Er ist verwirrt. Er ist in dem Krankenhaus da vorne untergebracht, aber von Zeit zu Zeit büxt er aus. Eigentlich harmlos, aber man weiß es nicht.“ Hohner diskutierte mit dem anderen Streifenbeamten und wehrte sich, als dieser seinen Koffer nehmen wollte, um ihn in den Kofferraum zu legen. „Wir haben ihn vor etwa drei Monaten im Park gefunden und er wusste nicht, wer er war. Er hatte keine Papiere dabei und auch sonst nichts. Nur den Koffer mit dem Akkordeon.“ Jetzt erkannte Danner, dass der Rollkoffer die Form eines Akkordeons hatte. „Und weil auf dem Akkordeon die Marke stand, Matthias Hohner, haben wir ihm das Pseudonym gegeben. Nur bis herauskommt, wer er denn eigentlich ist.“ Der andere Polizist hatte einen Schokoriegel aus dem Wagen geholt und hielt ihn Hohner hin. Hohner wollte danach greifen, aber der Polizist zog den Riegel wieder weg. „Wenn Sie mit uns kommen, Herr Hohner, dann bekommen Sie den Riegel. Aber Sie müssen schon nett mit uns sein. Wir bringen Sie wieder in Ihr Zimmer zurück.“ Hohner schaute nach oben, aber Greta war nicht mehr am Fenster. Dann blickte er wieder zum Polizisten, der den Schokoriegel hochhielt. „Na gut“, sagte er und setzte sich auf die Rückbank des Wagens. Der Polizist gab ihm den Riegel und schloss die Tür. Sie legten noch das Akkordeon in den Kofferraum und verabschiedeten sich von Danner. Als der Streifenwagen losfuhr, schaute Hohner aus der Rückscheibe Danner an. Er winkte ihm zu. Danner winkte zurück. Dann war der Wagen weg und Danner ging wieder hoch zu seiner Tochter.

(313) Als Matthias Hohner wieder auf seinem Zimmer war, unternahm er einen weiteren Versuch.

Als Matthias Hohner wieder auf seinem Zimmer war, unternahm er einen weiteren Versuch. Er öffnete den Akkordeonkoffer, nahm das Instrument heraus und legte sich die Tragriemen an. Er setzte sich auf den Stuhl und nahm das Akkordeon auf den Schoß. Es war ein Hohner Atlantic mit 41 Tasten.

Hohner löste die Haltegurte am Balg und zog das Instrument auseinander. Er griff in die Tasten und Knöpfe und versuchte zu spielen. Aber es kam nur ein klägliches Fauchen aus dem Akkordeon. Er drückte und zog den Balg hin und her, aber es ertönte alles, nur keine Musik. Traurig steckte er den Gurt wieder fest und stellte das Akkordeon zurück in den Koffer. Gerade in dem Augenblick kam Schwester Helene mit dem Essen herein. Sie betreute Hohner, seit er mit seiner Amnesie in das Heim eingeliefert worden war. „Ging es nicht?“ Hohner schüttelte traurig den Kopf. „Das tut mir leid“, sagte Schwester Helene. „Vielleicht ist es ja auch nicht Ihr Instrument. Es wurde bloß in Ihrer Nähe gefunden. Ich glaube, mit dem Akkordeonspielen ist es wie mit dem Radfahren. Wenn man es einmal kann, verlernt man es nicht.“ Sie stellte das Tablett auf den Tisch und ging wieder hinaus.

Hohner setzte sich an den Tisch, goss Kaffee aus der Kanne in die Tasse und biss in das Wurstbrötchen. Eigentlich gefiel ihm der Name ‚Matthias Hohner‘ gut. Er gab ihm Kraft. Es war unglücklich, dass der Grund für diesen Namen anscheinend nichts mit seinem Leben zu tun hatte. Er trat mit dem Fuß nach dem Koffer und er fiel um. Er konnte sich gut vorstellen, dass er in einem früheren Leben, lustvoll auf Veranstaltungen Akkordeon gespielt hatte. Vielleicht sogar in einem Orchester. Zumindest war die Hohner Atlantic, so sagte man ihm, ein beliebtes Orchesterinstrument.

Nachts hatte er öfters einen Albtraum, in dem er mit umgeschnalltem Akkordeon in einem verlassenen Haus war, und man zwang ihn zu spielen. Er ging durch das Haus und musizierte was der Balg hergab. Und irgendwann wachte er auf und es schien ihm, als ob er noch die letzten Noten des gespielten Liedes hörte. Herr Mahler, ein verrückter Zausel, der auch im Heim wohnte, hatte ihn gefragt, was ein Optimist sei. Hohner hatte mit den Schultern gezuckt. „Ein Akkordeonspieler mit einem Pager“, hatte Mahler gesagt und vor Lachen geprustet. Hohner hatte den Witz nicht verstanden. Was war denn ein Pager?

Aber er war definitiv kein Akkordeonspieler. Wer war er nur? Auch die junge Frau, war ihm bekannt vorgekommen. Aber alle anderen mussten wohl recht haben, dass er sie noch nie gesehen hatte. Er konnte ja nicht der Einzige sein, der die Wahrheit kannte und alle anderen irrten sich. Es war wahrscheinlich anders rum. Er sollte das Akkordeon verkaufen. Vielleicht hatte Herr Mahler ja Verwendung dafür. Optimist zu sein, war ja nicht schlecht. Herr Mahler würde bestimmt auch einen Pager finden.

(314) Während der Abspann von ‚Der Partyschreck lief, wischte sich Helge Mahler die Lachtränen aus den Augen.

Während der Abspann von ‚Der Partyschreck lief, wischte sich Helge Mahler die Lachtränen aus den Augen. Auch Matthias Hohner hatte sich gut amüsiert, wenn auch wohl weniger als Mahler. Sie saßen im Gemeinschaftsraum der Krankenstation. Die anderen Bewohner hatten sich bereits zurückgezogen, weil sie Schwierigkeiten hatten, dem Film zu folgen. „Waren Sie schon mal auf Partys, Hohner?“, fragte Mahler und schaltete den Fernseher auf stumm. Hohner fand die Beiläufigkeit, mit der Mahler alles beherrschte, bemerkenswert. Wahrscheinlich würde Mahler sogar Akkordeon spielen können. Auf dem Bildschirm liefen jetzt die Nachrichten. Männer schüttelten sich gegenseitig die Hände und sprachen vom Bildschirm, aber ohne dass man ihre Worte hören konnte.

Hohner schüttelte nachdenklich den Kopf. „Ich kann mich nicht erinnern.“ – „Das ist ja wie ein roter Faden bei Ihnen“, scherzte Mahler und klopfte sich auf den Schenkel. „Und Sie?“, fragte Hohner zurück, eher um zu abzulenken, als dass es ihn wirklich interessierte. „Oh ja, auf Hunderten von Partys war ich schon. Auf allen möglichen Partys: Geburtstagspartys, Cocktailpartys, Tanzpartys, After-Work-Partys, Toga-Partys…“Er wurde leise. „… Sexpartys!“ Er schaute nach, ob das Besagte bei Matthias Hohner etwas bewirkte. Hohner bemerkte es und tat erstaunt. Er hatte nicht richtig hingehört, denn er beobachtete eine Maschine auf dem Bildschirm, die immer die gleichen Löcher in Blech drückte. Bei vielen Worten fragte sich Hohner, ob er sie schon gehört hatte und ob ihm der Zusammenhang noch einfiel. Und wenn er sich dann eingestehen musste, dass er es nicht wusste, war sein Gesprächspartner bereits ein paar Sätze weiter und Hohner hatte den Anschluss verpasst. „Hier auf der Etage müsste man auch mal so etwas organisieren.“ – „Sie meinen eine Geburtstagsparty?“ – „Mensch Hohner, jetzt seien Sie mal nicht so langatmig. Wer redet denn hier von Geburtstagspartys…“ – „Ich dachte, Sie hätten…“ – „Ein bisschen mehr Konzentration, wenn ich bitten darf. Es geht hier um Sexpartys, oder wie man diskreter sagt: ‚Kuschelpartys!“ – „Hier auf dem Stockwerk?“ – „Ja, das wäre doch mal eine angenehme Abwechslung.“ – „Kuscheln mit Schwester Helene?“ Mahler erschrak richtig, als Hohner dies sagte. „Schwester Helene!“ Sofort senkte er seine Stimme wieder. „Hohner, Sie haben ja alles vergessen. Müssen wir bei den Blumen und den Bienen anfangen?“ Hohner schaute ihn fragend an. „Blumen und Bienen? Klapperstorch? Nie gehört? Nein, sagen Sie nichts.“

Mahler überlegte, ob er Hohner in dieses Neuland einführen sollte. Er hatte eh‘ nichts Besseres zu tun. „Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass es Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt?“ Hohner dachte nach und zeigte dann auf seine Brust. „Ja, Hohner, das ist doch schon mal ein guter Anfang. Das heißt ’sekundäres Geschlechtsmerkmal‘. Oder, wie wir Experten es nennen, ‚Titten‘.“ – „Titten“, wiederholte Hohner lächelnd, während auf dem Bildschirm eine Militärübung der nordkoreanischen Armee gezeigt wurde.

(315) Mahler wurde mit heruntergelassener Hose erwischt.

Mahler wurde mit heruntergelassener Hose erwischt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Schwester Helene stand zur falschen Zeit in der Tür und schaute ihn streng an. Seine Erektion war ihm augenblicklich vergangen und er hob sich halb aus dem Sessel, um die Hose wieder hochzuziehen. „Herr Mahler…“, sagte Schwester Helene mit gespielt müder Stimme. „Was hat der Doktor Ihnen gesagt?“ Mahler wusste nicht, ob er so tun sollte, als ob er nicht wüsste, was sie meinte, oder gleich in Büßerstellung gehen. Er entschied sich, wider besseres Wissen für Ersteres. „Was meinen Sie, Schwester Helene?“, fragte er und seine Stimme überschlug sich etwas. Er musste sich mehrmals räuspern, bevor er die Frage wiederholen konnte. Währenddessen hatte Schwester Helene die Tür geschlossen und hatte sich auf ihn zubewegt. Mahler saß auf einem Stuhl vor dem Fenster, im Erker, weil er sich dort etwas Diskretion erhofft hatte. Aber Schwester Helene ließ sich nicht beirren. Sie hob die Broschüre hoch, die Mahler auf den Boden hatte gleiten lassen. „Was haben wir denn da?“, fragte sie. Es war eine Werbebeilage für Korsagen aus der Tageszeitung. Normalerweise wurden alle Presseerzeugnisse, die Mahler in die Hände bekommen könnte, durchschaut und alles, was ihm beim Masturbieren helfen könnte, wurde entfernt. Diese Werbebeilage, fand Schwester Helene, hatte man sträflicherweise vergessen, denn es war offensichtlich, dass sie Mahler in die Hände spielen würde. Auch das im wahrsten Sinne des Wortes. „Ich glaube, Schwester, das ist eine Reklame“, meinte Mahler. „Wollen Sie sich etwas zum Anziehen kaufen?“, fügte er etwa keck hinzu. Schwester Helene zerriss die Broschüre und stopfte sie in die Tasche ihres Kittels. Mahler senkte die Mundwinkel. Er zuckte zusammen, als er dem Blick der Schwester folgte. Er ruhte auf einem hellblauen Müllsack, der neben dem Kleiderschrank lag. Mahler wollte aufspringen und sich schützend über den Sack werfen, aber das scharfe „Was ist denn das?“ der Schwester nagelte ihn in seinem Stuhl fest. „Ich weiß nicht“, sagte er mit ganz transparenter Stimme. In zwei Schritten stand Schwester Helene über dem Sack. Beherzt griff sie hinein und zog weitere Werbebeilagen heraus, die Mahler über die letzten Wochen mit großem Einsatz angesammelt hatte. Den Müllbeutel hatte er sich aus dem Lager organisiert und er benutzte ihn, um seine Schätze hinter dem Kleiderschrank zu verstecken. Ein alter Trick, den Schwester Helene gut kannte, aber die letzten Zimmervisitationen hatte eine neue Kollegin gemacht, mit der Helene auch ein paar Worte reden musste. Alle Süchtigen versteckten Dinge. Flaschen bei Alkoholikern, Zigaretten bei Rauchern und Pornozeug bei Sexsüchtigen. Nun ja, es war kein explizites Pornozeug, aber der Arzt war sehr klar gewesen. Sie griff wieder in den Beutel und, Mahler musste sich abwenden, brachte seinen größten Schatz zutage: einen Versandkatalog für Automobilzubehör. Mahler schluchzte, als Schwester Helene den Sack mit Inhalt zusammenknüllte und mit ihm das Zimmer verließ.

(316) Eigentlich mochte Mahler seinen Arzt, Dr. Axel Nergitz, sehr gerne.

Eigentlich mochte Mahler seinen Arzt, Dr. Axel Nergitz, sehr gerne. Er war immer verständnisvoll und schien genau zu wissen, wie Mahler sich fühlte. Schwester Helene hatte ihn beim Doktor verpetzt und jetzt musste er den Arzt sehen, obwohl eigentlich keine Therapiesitzung fällig war. Mahler klopfte wie immer, von innen kam ein angenehmes ‚Herein‘ und er ging in Dr. Nergitz‘ Behandlungszimmer. Der Arzt las ein Papier an seinem weißen Schreibtisch und Mahler setzte sich in den Stuhl gegenüber. Das Zimmer hatte weiße Wände und sogar einen weißen Teppich. Nur ein großes Bild mit einem wilden Farbmuster hing an der Seite. Wenn er hier warten musste, schaute Mahler sich immer das Bild an. Er versuchte, etwas darin zu erkennen, aber es sah immer nur wirr aus.

Dr. Nergitz, ein Mann ohne Alter mit einem grau melierten Vollbart, legte das Papier weg und schaute Mahler an. „Wie geht es Ihnen?“, fragte der Doktor. Mahler erzählte mit ausschweifenden Worten, wie es ihm ging, erwähnte allerdings mit keinem Wort, dass Schwester Helene ihn wieder beim Masturbieren erwischt hatte. Das würde noch früh genug kommen. „Herr Mahler“, unterbrach ihn Dr. Nergitz, „Sie sind ja nicht freiwillig hier. Es ist eine Bewährungsauflage. Und ich muss dem Richter mitteilen, wie Ihr Zustand ist. Das wissen Sie, oder?“ Mahler nickte. Sein Hals war plötzlich trocken, aber Dr. Nergitz würde es nicht gut finden, wenn er jetzt nach einem Glas Wasser fragen würde.

„Möchten Sie ein Glas Wasser?“ Der Arzt schien seine Gedanken lesen zu können. Mahler nickte wieder und Nergitz drehte ein vor ihm stehendes Glas um und befüllte es aus einer Karaffe mit Wasser. Mahler trank fast die Hälfte aus dem Glas. Der Arzt fuhr fort. „Es ist so, als ob Sie den Ernst der Lage noch nicht verstanden hätten, Herr Mahler. Der Rückfall, ich rede davon, dass Sie vor dem Fenster masturbiert haben und vom Inhalt der Plastiktüte… Was kann ich machen? Wollen Sie ins Gefängnis gehen?“ Mahler schüttelte vehement den Kopf. „Aber Sie müssen auch etwas verändern wollen. Sie lassen mir keine Wahl.“ Der letzte Satz erschreckte Mahler. Es klang, als ob der Arzt die Therapie für beendet erklärte und empfahl, ihn gleich ins Gefängnis zu stecken. „Wollen Sie mir etwas sagen?“, fragte Dr. Nergitz, jetzt etwas freundlicher. Mahler sagte, dass es ihm leidtat, auch weil alle sich um ihn bemühten. „In den letzten zwei Wochen habe ich mich an etwas erinnert. Von vor langer Zeit. Das bedrückt mich sehr. Vielleicht ist das auch der Grund…“ – „Wollen Sie jetzt darüber reden?“ Mahler nickte. Dr. Nergitz schaute ihn ganz genau an, als ob er sich versichern wollte, dass Mahler es auch ernst meinte. Dann ging er zur Tür und bat seine Assistentin, seinen nächsten Termin zu verschieben. Er setzte sich mit dem Schreibblock auf dem Knie auf Mahlers Seite des Schreibtisches. „Dann erzählen Sie, Herr Mahler. Wir haben alle Zeit der Welt.“