(276) Carlheinz Förster tätschelte die Zucchini.

Carlheinz Förster tätschelte die Zucchini. Zärtlich strich er mit den Händen über die kühle, glatte Haut der Frucht. Er hatte sie gerade noch einmal gemessen: 139 Zentimeter. Sieben Zentimeter mehr als gestern. Fast schon so groß wie sein bisher größtes Exemplar vor zwei Jahren. Das waren damals 163 Zentimeter. Das Wachstum war zuerst langsam, aber irgendwann ging es ganz schnell. Einmal hatte eine Frucht elf Zentimeter an einem Tag zugelegt. Letztes Jahr war allerdings ein Desaster gewesen: sehr feucht und die Blütenblätter waren früh gewelkt. Er hatte es versäumt, sie abzuknipsen, und deshalb hatte ein Pilz die ganze Ernte dahingerafft. Dieses Jahr sah es sehr gut aus. Er hatte auch darauf geachtet, dass die Befruchtung gut funktionierte. Mit einer männlichen Blüte hatte er die Staubfäden selbst über die Narbe der weiblichen Blüte gestrichen. Das war bestimmt ein Schlüssel zum Erfolg. Das und das regelmäßige Wässern. Sein Ziel war es über 239 Zentimeter zu kommen, der jetzige Weltrekord. Förster wollte mit seiner Zucchini ins Guinness Buch der Rekorde.

Plötzlich riss ihn ein gewaltiger Krach aus seinen Gedanken. Er sprang auf und sah wie ein feuerrotes Motorrad mit einer Frau auf dem Sozius die Straße heraufpreschte und mit vollem Karacho an ihm vorbeischoss. Förster reckte protestierend die Faust und wollte dem Fahrer schon Verwünschungen hinterherschreien. Er hielt aber inne, denn fast wäre er auf die Zucchini getreten. Bestürzt hockte er sich wieder davor und befühlte den festen Fruchtkörper. Nein, es war noch einmal gut gegangen. Nicht auszudenken, wenn er wegen diesem Rüpel darauf getreten wäre.

Falls es dieses Jahr nicht klappen würde, wusste er nicht, ob er sich die ganze Mühe noch ein weiteres Mal antun würde. Seit der Aussaat im April hatte er die Pflanzen zweimal am Tag gegossen und ständig nach ihnen geschaut. Er wusste, dass Dorette wenig Verständnis hatte, sie sagte aber nichts. Ein weiteres Jahr würde sie bestimmt nicht stillhalten. Schon seit Längerem war es ihr Traum, im Frühling nach Santorin zu fahren. Dann sei die Landschaft wenigstens noch grün, hatte sie gesagt. Das war natürlich nicht vereinbar mit einem ernsthaften Zucchinianbau. Etwas anderes wäre es natürlich, nach Santorin zu fahren und das Guinnessbuch mit seinem Rekord dabei zu haben. Das hatte doch nicht jeder. Der jetzige Rekordhalter war Gurdial Singh Kanwal, ein nach Kanada ausgewanderter Inder. Wenn er den Rekord geknackt hatte, würde er mal Herrn Kanwal anschreiben, dachte Förster. Vielleicht könnte er ihn auch in Kanada besuchen. Das würde vielleicht auch Dorette interessieren. Nach Kanada fliegen und mit einem anderen Zucchini-Rekordhalter fachsimpeln. Aber zuerst hieß es weiterarbeiten. Förster stand auf und holte den Gartenschlauch. Dieser idiotische Motorradrowdy, dachte er noch. Das hätte ins Auge gehen können. Unverantwortlich.

(277) Es war noch zu früh, um feiern zu gehen.

Es war noch zu früh, um feiern zu gehen. Leon hatte bestimmt, dass sie um 23 Uhr aus dem Haus gehen würden und jetzt war es erst 22 Uhr. Sie saßen in Leons Zimmer, tranken Bier und schaufelten Chips in sich hinein. Leons Eltern waren bei Verwandten und daher war er noch entspannter als sonst. Er blätterte in einer Zeitschrift und Dennis hatte sich aus dem Regal das Guinness Buch der Rekorde gegriffen.

„Weißt Du wie lange die längste Zucchini der Welt war?“, fragte Dennis. „Du wirst es mir sagen“, murmelte Leon und blätterte um. „Zwei Meter 39! Unglaublich. Das ist ja so lang wie ein Elefantenpimmel!“ – „Höre ich da Neid heraus?“ – „Quatsch. Stell Dir mal vor. Müsstest du um den Bauch wickeln.“ Sie lasen weiter. Leon schaute auf die Uhr. Noch fast eine Stunde. Aber es wäre nicht cool, jetzt zu sagen, dass sie aufbrechen würden, da Dennis die Order einfach so akzeptiert hatte. Bescheuert auch, dass sein Fernseher kaputt war. Sie könnten ins Wohnzimmer gehen, aber er hatte keine Lust, noch die Krümel wegzusaugen, bevor die Eltern zurückkamen.

„Hier hör dir das mal an: ‚Der weiße Hai ist der gefährlichste Hai.‘ Blablabla. Jetzt wird es interessant: ‚Von den Opfern von Attacken waren 93% Männer, 5% Frauen und bei den restlichen 2% konnte das Geschlecht nicht festgestellt werden.‘ Hat der Hai den Schwanz abgebissen.“ – „Na schon ein bisschen mehr, sonst könnte man es ja noch feststellen.“ – „Stimmt. Und die Brust. Das könnte man sonst ja auch feststellen.“ – „Und die Bartstoppeln.“ – „Vielleicht sind die Leichen auch zu lange im Meer getrieben und dann haben noch andere Fische dran geknabbert.“ – „Oder sie haben sich aufgelöst“. – „Oah, schon freakig. Kommt so ein Hai und reißt dich auf, dann fressen andere Fische Teile ab und dann löst du dich auf.“ – „Vielleicht wurde es bei den Funden auch einfach nicht angegeben. Von wann sind die Zahlen?“ Dennis schaute nach. „Die sind von 1900 bis 1999.“ – „Naja, da hat man das Geschlecht nicht immer dazu geschrieben und das kannst Du jetzt auch nicht mehr rausfinden.“ – „Vielleicht waren es ja Zwitter.“ – „Jaja, jetzt geht wieder die Samstagnachtfantasie mit dir durch.“ Dennis klappte das Buch zu und schaute auf die Uhr. „Wollen wir nicht jetzt losgehen? Ich langweile mich. Oder wenigstens Fernsehen. Auf dem Gerät deiner Eltern.“ Leon schaute auch auf die Uhr. „Ja, bis wir da sind, ist ja auch später. Wir können los.“

Sie tranken ihr Bier aus und schoben sich noch eine Handvoll Chips in den Mund. Als Dennis seine Jacke anzog, schob Leon die leeren Flaschen unters Bett. Er durfte sie nicht vergessen, denn es würde wieder Zoff geben, wenn seine Mutter sie beim Sauber machen fand. Er wollte sie aber auch nicht in Dennis‘ Anwesenheit wegbringen.

Dann gingen sie nach unten in die Garage. Am Wochenende durfte Leon das Auto seiner Mutter nutzen. Dennis hatte er gesagt, dass es sein Auto war, das er manchmal an seine Mutter verlieh. Auf jeden Fall war es besser als bei Dennis, der sogar am Wochenende mit dem Fahrrad unterwegs war.

(278) Leon Preuss prahlte gerne mit dem Mercedes W163, der aber eigentlich seiner Mutter gehörte.

Leon Preuss prahlte gerne mit dem Mercedes W163, der aber eigentlich seiner Mutter gehörte. Das wusste nur keiner. Der Wagen war zwar nicht das neueste Modell, aber es war ein SUV und sah recht bullig aus. Seine Mutter hatte ihn ausgewählt, weil sie sich darin geschützter fühlte. Leon fühlte sich darin männlicher.

Zuerst schaute sie in einer Kneipe vorbei, dann in einer Bar, danach wollte Leon in die Disco. Dennis fuhr mit. Im Très Sound Party kannte Leon den Türsteher und konnte das Auto direkt neben dem Eingang abstellen. Auf der anderen Seite stand ein aufgemotzter Golf. „Wem gehört denn der Bauernporsche?“, fragte Leon. „Irgendein Typ. Heißt Louis. Kannte ihn noch nicht“, antwortete der Türsteher. Drinnen tranken Leon und Dennis erst mal einen Gin Tonic. Dann fragte Leon den Barkeeper, wer denn Louis sei. Der Barkeeper zeigte auf einen schmalen blond gelockten Typ, der mit zwei Mädchen herumschäkerte. „Lass mal“, sagte Dennis noch, aber da war Leon schon auf die Gruppe zugegangen. Dennis verzog sich auf die Toilette. Als er zurückkam, fing ihn Leon ab. „Wir machen ein kleines Wettrennen“, sagte er. „Echt?“, Dennis war nicht überrascht. „Jetzt?“ Da kam schon Louis mit den beiden Tussen. Leon stellte Dennis vor. Dennis verstand die Namen der Frauen nicht, sie hatten aber auch kein Interesse an ihm. „Wo?“, fragte Dennis, kannte aber schon die Antwort. „Am alten Steinbruch.“

Meistens gewann Leon diese Rennen, bei denen es darauf ankam, den schnurgeraden Verbindungsweg zwischen der Bundesstraße und dem Steinbruch möglichst schnell zurückzulegen. Verkehr gab es dort keinen, es war also recht ungefährlich. Wenn mal ein Pärchen zum Fummeln an den Steinbruch fuhr, wurde es von dem Motorenlärm und dem Reifenquietschen früh genug gewarnt.

„Bist du in Form?“, fragte Dennis auf der Fahrt zum Steinbruch. Leon nickte und beobachtete seinen Kontrahenten im Rückspiegel. Als sie von der Bundesstraße abfuhren, hielt Leon an, Louis stellte sich daneben. Dennis erklärte die Regeln. Eine der beiden Tussen, die Nicht-Freundin, erklärte sich bereit mit einem Taschentuch das Startsignal zu geben.

Als das geklärt war, stiegen die anderen wieder ein. Louis und Leon traten die Gaspedale im Leerlauf durch. Als die Tussi das Taschentuch senkte, fuhren sie mit vollem Karacho los. Leon kam besser weg, aber Louis musste einen voll durchgetunten Motor in seinem Golf haben. Er holte sehr schnell auf und fuhr mit Leichtigkeit am Mercedes vorbei. Dann musste Leon einen Fehler gemacht haben, denn Dennis sah, wie der Wagen von der Straße abkam und in sehr spitzem Winkel auf den Graben zusteuerte. Wenigstens verlor er auf dem Schotterstreifen Geschwindigkeit und als er schließlich mit einer Seite komplett im Graben hing und frontal gegen das Bewässerungsrohr stieß, war er schon recht langsam. Dennis registrierte die roten Bremsleuchten des Golfs; die Airbags, die sich aufblähten und den Prospekt, der von der Rückbank nach vorne flog und den Dennis reflexartig ergriff. Benommen schaute Dennis auf den Prospekt für Zanders Fitnessstudio und fragte erstaunt: „Seit wann interessierst du dich für Fitness in den Wechseljahren?“

(279) Unsere Trainingsmethode basiert auf den wissenschaftlichen Studien des schwedischen Arztes namens Gustav Zander.

„Unsere Trainingsmethode basiert auf den wissenschaftlichen Studien des schwedischen Arztes namens Gustav Zander.“ Wenn Guillermo González, der Fitnesstrainer, den Namen ‚Zander‘ aussprach, klang es wie Thunder, und daher unbedingt dynamisch. Annegret Preuss folgte Guillermo, der sie in seinem rosa Trainingsanzug durch den Fitnesssalon führte und ihr die Philosophie des Ortes erläuterte. „Dr. Zander wanderte zuerst nach England aus, wo er ein berühmtes Buch über Fitness schrieb.“ In jedem Zimmer durch das sie gingen, standen Geräte, mit denen bestimmte Muskelgruppen gekräftigt wurden. Guillermo nannte immer jeweils, um welche Muskel es gerade ging, aber Frau Preuss hörte nicht zu. Sie fragte sich, ob sie am richtigen Ort war. Sie beschloss, Guillermos Redeschwall zu unterbrechen, um ihn darauf anzusprechen. „Guillermo, das gefällt mir gut, aber…“ Zu spät, Guillermo hatte nach ‚gut‘ eifrig genickt und hatte die Rede wieder an sich gerissen. Er leitete sie weiter in den nächsten Raum. Der Raum war menschenleer, aber es befanden sich drei riesige Geräte darin. Frau Preuss konnte nicht erahnen, wozu sie dienten. „Raten Sie mal, wozu diese Geräte dienen“, sagte Guillermo mit einem Blitzen in den Augen. Frau Preuss zuckte mit den Schultern. „Becken-boden-muskulatur!“ Bei Guillermo wurde das Wort selbst zur Dehnübung. Frau Preuss wurde indes rot im Gesicht. Wie sollte diese Maschine überhaupt funktionieren? Sie legte keinen Wert darauf, es von Guillermo herauszufinden. Vielleicht hatte sich Dr. Thunder mit der spanischen Inquisition zusammen getan. „Herr González…“, setzte sie noch einmal an. „Guillermo“, unterbrach Guillermo sie. „Guillermo“, antwortete Frau Preuss und wurde gleich wieder rot. Komisch, dachte sie, ich dachte, das hätte ich hinter mir gelassen. „Guillermo“, wiederholte sie, „ich suche eigentlich nach etwas, das mehr eine Erfahrung ist. Nichts, wo man nur ständig auf der Stelle bleibt. Etwas Spannendes…“ Guillermo schaute sie an und nach einiger Zeit sagte er: „Annegret, Sie sind sehr direkt. Ich schätze das an den deutschen Frauen. Und ich finde Sie auch attraktiv. Aber wollen wir uns nicht ein wenig besser kennenlernen? Ich… äh… bin noch nicht ganz so weit…“ Annegret Preuss brauchte ein paar Momente, bevor sie begriff, wovon Guillermo redete. Sie musste lachen, bei dem Gedanken mit dem Mann im rosa Trainingsanzug eine Affäre zu beginnen. Ihr Lachen verunsicherte Guillermo, der seine sorgfältig gepflegten Fingernägel prüfte. Als Frau Preuss sich eingekriegt hatte, fuhr sie fort. „Ich suchte nach einem Sport, der eine abenteuerliche Seite hat. Nichts, wo ich mich nur mit irgendwelchen Maschinen von Dr. Thunder abmühe. Und, nur zur Klarstellung: Ich meinte nicht Sex!“ Guillermo schaute etwas angewidert zu den Beckenbodentrainingsmaschinen und sagte dann: „Ich glaube, wir sind nichts für Sie. Warum versuchen Sie es nicht mit Boxen? Das soll, so sagt man mir, ziemlich abenteuerlich sein.“

(280) Frau Preuss hatte es auch mit Boxen versucht…

Frau Preuss hatte es auch mit Boxen versucht und es hatte ihr besser gefallen, als erwartet. Guillermo wäre sicher erstaunt gewesen, denn es war ihm bestimmt nur darum gegangen, ihr zu bedeuten, sie möge sich mal die Fresse polieren lassen. Im Schnupperkurs Boxen fand Frau Preuss heraus, wonach sie eigentlich suchte. Sie brauchte kontrollierte Aggression, um ihren aufgestauten Gefühlen freien Lauf zu lassen. „Nicht einfach nur auf die Kacke hauen“, sagte Ray Grabowskis, der Boxlehrer, ein kleiner gedrungener Sechzigjähriger mit Blumenkopfohren und schiefer Nase. „Wenn Du draufhaust, dann auf ein Ziel zehn Zentimeter hinter dem Kopf. Und schlag erst, wenn du das Ziel hast.“ Nach einer Trainingsstunde war Frau Preuss ausgepowert, aber glücklich. Jeder Schlag gegen den Sandsack fühlte sich gut an, bis hinunter zur Becken-boden-muskulatur, dachte sie zufrieden. Trotzdem brach sie das Training ab. Was sie störte, war der herb-animalische Geruch in der Boxhalle. Normalerweise trainierten hier nur Männer. Nur an dreimal zwei Stunden pro Woche war die Halle für Frauen reserviert. Aber der Geruch von kämpfenden Männern musste sich über die Jahrzehnte tief in die Bausubstanz eingefressen haben und verleidete Frau Preuss den Aufenthalt. Grabowski bedauerte es. „Du hast den Killerinstinkt, Annegret. Aber ich kann nicht wegen dir umziehen.“ Sie hatte es mit Parfüm getränkten Wattebäuschchen in der Nase versucht, aber dadurch kam sie zu schnell aus der Puste. „Wie wäre es mit Schießen“, sagte Grabowski ihr zum Abschied. Er gab ihr die Adresse eines Schießstands, den ein Freund von ihm leitete.

Willi Kowalewski hieß Frau Preuss willkommen. Auch er bot einen Schnupperkurs an, und zwar im Pistolenschießen. Es gab sogar eine Frauengruppe, die sich dreimal in der Woche zum gemeinsamen Schießen traf. „Die meisten wollen nur Spaß haben“, sagte Kowalewski, ein dicker behäbiger Mann unbestimmten Alters, der meistens mit einer nicht angezündeten Zigarre im Mund herumlief.

Nach einer gründlichen Sicherheitseinweisung durfte Frau Preuss endlich selber schießen. Kowalewski zeigte ihr verschiedene Positionen, wie sie dabei die Pistole halten konnte. „Dann gibt es noch die sogenannte ‚Rock the Baby‘-Stellung, die sich gerade für Frauen anbietet. Sie halten die Pistole mit der rechten Hand. Die linke greift den rechten Ellbogen und die rechte liegt auf dem Ellbogen der linken. Jetzt haben sie die Arme auf Schulterhöhe. Perfekt. Das gibt viel Stabilität. Die Stellung wurde von Chic Gaylord erfunden, ein wirklich legendärer Hersteller von Holstern.“ Frau Preuss visierte die Zielscheibe an und drückte ab. Im gleichen Augenblick wusste sie, dass sie einen Sport gefunden hatte, der ihr gefiel. Sie mochte sogar den Pulvergeruch. Nachdem sie das Magazin geleert hatte, holte Kowalewski die Zielscheibe heran. „Respekt, Frau Preuss. Und Sie haben noch nie geschossen? Dann darf ich Ihnen mitteilen, dass Sie ein Naturtalent sind!“ Frau Preuss strahlte.

(281) In der Frauengruppe an Kowalewskis Schießstand waren neben Annegret Preuss noch vier weitere Frauen.

In der Frauengruppe an Kowalewskis Schießstand waren neben Annegret Preuss noch vier weitere Frauen.

Carmen Mantel war Mitte Zwanzig und schien Frau Preuss etwas paranoid zu sein. Sie hatte als einzige einen Waffenschein und trug bei abendlichen Spaziergängen immer eine Pistole bei sich. Es war nicht klar, ob sie sich damit bei ihren Spaziergängen schützen wollte oder ob sie spazieren ging, um bei Gelegenheit, die Waffe gegen einen Angreifer einzusetzen. Frau Mantel hatte Herrn Kowalewski gefragt, ob sie Fotos von Männern an die Zielscheibe hängen durfte, er hatte es aber abgelehnt.

Frau Sackenreuther kam zum Schießen, weil sie neben dem Schießstand wohnte und sie gerne etwas mit anderen Leuten unternahm. Sie schoss nicht sehr gut und Herr Kowalewski hatte sie bereits mehrmals gewarnt, nicht mit der Pistole in der Hand ein Schwätzchen mit der Standnachbarin zu halten. Frau Sackenreuther entschuldigte sich dann, legte die Pistole an ihren Platz und fuhr mit dem Schwätzchen fort. Kowalewski konnte ihr nicht böse sein, denn ziemlich oft brachte sie ihm selbst gebackenen Marmorkuchen mit, den er sehr gern mochte.

Dann war da noch die Seniorin, Frau von Hülsen. Früher war sie eine begeisterte Bogenschützin gewesen und hatte sich fast sogar für eine Olympiateilnahme in Mexiko 1968 qualifiziert. Jetzt war sie Mitte Sechzig und litt unter einer chronischen Sehnenscheidenentzündung im Schultergelenk der Zughand. Ihr Arzt hatte ihr gesagt, dass sie mit dem Bogenschießen aufhören musste. Deshalb war sie auf Pistolenschießen umgestiegen. Seit drei Jahren arbeitete sie verbissen daran, ihre persönlichen Bestleistungen immer weiter zu verbessern. Aber sie wusste schon, wo das nächste Hindernis herkommen würde: Ihre Augen wurden immer schwächer und die Vorstellung, mit einer Brille am Schießstand zu stehen, verletzte ihre Eitelkeit.

Schließlich gehörte auch noch Linda Lohrer zu der Gruppe. Sie war Anfang Vierzig und hatte einen geistig behinderten Sohn, den sie mit Erlaubnis von Herrn Kowalewski mit zum Schießstand brachte. Carsten Lohrer war zwanzig, aber im Entwicklungsstadium eines Sechsjährigen hängengeblieben. Er saß mit seinen Ohrschützern in der Ecke und kritzelte mit Buntstiften in einem Malbuch oder las in einem alten Lexikon, das er immer dabeihatte. Am Anfang hatte Kowalewski Sicherheitsbedenken gehabt, aber als er sah, dass der Junge auch bei voller Geräuschkulisse schussfest war, willigte er ein. Manchmal gab er Carsten ein Stück Marmorkuchen ab. Dafür bekam er von dem Jungen eine Zeichnung, auf die Carsten ‚Für Onkel Kowalewski‘ geschrieben hatte.

Wenn die Frauen fertig geschossen hatten, gingen sie meistens noch zusammen etwas trinken in das Café nebenan. Alle außer Frau Mantel, die immer andere Gründe anführte, warum sie nicht mitgehen konnte. Keiner glaubte ihr, aber ihre Anwesenheit wurde auch nicht sonderlich vermisst.

(282) Carsten sprach nicht viel.

Carsten sprach nicht viel. Sogar wenn er mit Linda Lohrer, seiner Mutter, alleine war, schien er immer nur seinen Gedanken nachzuhängen. Sie hatte ihm auch andere Bücher zum Lesen gegeben, aber nachdem er kurz hineingeschaut hatte, ließ er sie liegen und konzentrierte sich auf das Lexikon, das Linda ihm einmal aus einem Antiquariat mitgebracht hatte. Ansonsten brauchte er nur hin und wieder ein Malbuch und neue Buntstifte und dann war er wieder glücklich. Sie war froh, dass er zum Schießstand mitkam. Es wäre zu teuer, einen Babysitter für ihn zu organisieren, und Linda hatte eigentlich keine andere Freude, als die Zeit, die sie dreimal in der Woche mit den anderen Frauen auf dem Schießstand verbrachte.

Wenn Linda mit den Frauen nach dem Schießen noch einen Kaffee trinken ging, nahm sie Carsten selbstverständlich mit und auch hier, war es überhaupt kein Problem. Die anderen Gäste des Cafés kannten ihn bereits.

An einem Tag saßen die Frauen im Café und sprachen über Frau Mantel, die von ihrem Männerhass völlig eingenommen schien. Sie sprachen gerade darüber, dass es vielleicht besser sei, wenn sie ihre Waffe abgeben würde, bevor noch ein Unglück geschah. Als Frau Preuss das sagte, schaute Carsten unvermittelt auf und schrie ganz laut: „Frau Mantel. Bummbumm. Tod!“ Linda war erschrocken und versuchte Carsten zu beruhigen, aber es gelang ihr nicht. Er wiederholte ständig die gleichen Worte. Linda musste ihren Sohn nach Hause bringen. Am nächsten Tag rief Frau Preuss an und sagte, dass Frau Mantel am Abend vorher einen Mann auf der Straße erschossen hatte. Er habe sich ihr unsittlich genähert.

Eine Woche später saßen die Frauen wieder im Café und Carsten schrie plötzlich: „Onkel Kowalewski. Flammen. Tod!“ Den Frauen wurde es unheimlich. Frau Sackenreuther erbot sich, bei Herrn Kowalewski nachzusehen. Nach ein paar Minuten kam sie zurückgelaufen und meldete, dass Flammen aus dem Schießstand hervorschossen. Die Feuerwehr wurde gleich alarmiert. Der Schießstand brannte nieder. Als sicher war, dass keine Gefahr mehr bestand, dass Munition explodierte, fand man die Leiche von Herrn Kowalewski in den niedergebrannten Überresten. Seltsamerweise war seine Zigarre immer noch nicht angezündet. Das sagte ein Feuerwehrmann den Frauen, die in dem Café verblieben waren.

Mit Grauen schauten die Frauen zu Carsten, der am Tisch saß und mit Buntstiften in seinem Malbuch kritzelte. Frau von Hülsen war die erste, die danach etwas sagte. „Ich glaube, wir werden der Polizei davon erzählen müssen, Linda. Das kann doch kein Zufall sein.“ Linda stand sichtlich unter Schock. Sie antwortete nicht, beobachtete nur Carsten, wie er auf dem Feuerwehrauto die Umrisse der Zahl ‚263‘ mit gelber Farbe füllte.

(283) Irgendwie sind wir nicht vorangekommen.

„Irgendwie sind wir nicht vorangekommen.“ Rupert Morlar erhob sich aus dem Sessel am Kamin und schaute durch das Panoramafenster hinaus auf Loch Linnhe. Die Sonne würde in Kürze hinter den Hügeln auf der anderen Seite der lang gezogenen Meeresbucht untergehen. Eines musste er Oscar Zonfeld lassen: Sein Ferienhaus im schottischen Port Appin war vom Feinsten. Aber deshalb war Oscar der Produzent und Rupert der Regisseur. „Ich denke, wir haben schon gute Fortschritte gemacht, um ein gemeinsames Projekt zu finden. Zumindest haben wir viel Müll verworfen.“ Rupert nickte. Das letzte Drehbuch, das sie vorher besprochen hatten, handelte von einem behinderten Jungen, der Todesfälle vorhersehen konnte. Aber das Drehbuch wusste nicht, ob es ein Thriller, ein Sozialdrama oder eine Komödie sein wollte. Außerdem war bei einem solchen Stoff nie klar, mit welchen Interessensgruppen man Konflikte haben würde. Im Zweifel, Nein, hatten sie beschlossen. Sie hatten sich in Schottland zurückgezogen, um Filmideen zu sondieren und auszuwählen. Den ganzen Tag hatten sie gearbeitet und jetzt waren alle Ideen, die sie mitgebracht hatten, verworfen. Sie hatten vorgehabt, drei Tage zusammen zu arbeiten, und jetzt hatten sie bereits am ersten Tag nichts mehr in den Händen. „Was machen wir jetzt?“, fragte Rupert. „Wir gehen jetzt essen. Ich habe einen Tisch im Airds Hotel reserviert.“

Das Airds Hotel war ein luxuriöses Landhotel mit einer hervorragenden Küche. Nach dem Essen saßen sie mit einem Whisky in der Hand am prasselnden Kaminfeuer. Sie waren bester Laune, denn während des Abendessens hatte sie zusammen bereits drei Flaschen Rotwein geleert.

„Das ist wirklich eine tolle Gegend „, sagte Rupert. „Auf dem Weg hierher habe ich eine Burg gesehen, die genau so aussah, wie eine Burg aussehen soll.“ – „Das war Castle Stalker. War in „Holy Grail “ von Monty Python und in ‚Highlander‘. Wirklich tolle Kulisse“, bestätigte Oscar. „Leider etwas abgelutscht.“ Rupert nickte und sie tranken weiter Whisky. Als sie schließlich aufbrachen, waren sie zwar ziemlich betrunken, aber die kalte Meeresluft auf dem Heimweg erfrischte sie wieder. „Die Lampe des Anrufbeantworters blinkt“, sagte Rupert. Oscar drückte auf den Abspielknopf. Eine Stimme sagte: „Hier ist Bernard Fraser. Ich habe etwas für Sie, rufen Sie mich schnell zurück.“ – „DER Bernard Fraser?“, fragte Rupert. „Wer?“ – „Der Bernard Fraser, der im letzten Jahr den Oscar für das beste Originaldrehbuch bekommen hat, Thirty-Seven Passions.“ – „Scheiße!“, jetzt war auch Oscar hellwach. „Und ausgerechnet dann sind wir nicht da. Wahrscheinlich hat er ein Drehbuch für uns. Ganz Frisch. Exklusiv!“ Sie hörten die Nachricht noch einmal ab. „Verdammt, er hat keine Nummer hinterlassen!“ Sie schauten nach in den Kontaktlisten ihrer jeweiligen Smartphones. „Nein, habe ihn nicht“ – „Ich auch nicht. Wo wohnt er?“ – „LA oder London.“ – „Wer kennt ihn?“ – „Ich glaube, David Seidler ist ein guter Freund von ihm.“ Sofort stürzten sie sich wieder auf ihre Smartphones. „Habe ich auch nicht.“ – „Dito. Wer kennt David Seidler?“ – „Coppola, wegen Tucker.“ – „Zu lange her.“ – „Ich habe einen Freund, der Colin Firth gut kennt.“ – „Na los, schnell, wir dürfen keine Zeit verlieren. Exklusiv!“

(284) Rupert erreichte seinen Freund, der ein guter Bekannter von Colin Firth sein sollte…

Rupert erreichte seinen Freund, der ein guter Bekannter von Colin Firth sein sollte, im ‚Level 229‘, einem Club in Soho. Die Musik im Hintergrund war sehr laut und die beiden konnten sich kaum verstehen. Rupert schickte eine SMS, die prompt beantwortet wurde mit ‚Jetzt gleich?!‘ Es stellte sich dann heraus, dass es keine direkte Beziehung gab, aber ein weiterer zwischengeschalteter, sehr guter Freund. Dieser lag schon im Bett, ging aber dennoch ans Telefon. Er hatte tatsächlich zwei Telefonnummern von Colin Firth, musste deswegen aber seinen Laptop hochfahren. Er wusste auch nicht, welche Nummer gültig war. Die erste Nummer führte zu einer Voicemailbox, die aber keine Ansage hatte, sodass Rupert nicht wusste, wem er eine Nachricht hinterließ. Auf jeden Fall bat er Colin Firth um Rückruf, es ginge um Leben und Tod. Die zweite Nummer schien umgeleitet zu sein. Es klang wie amerikanisches Telefonklingeln. Tatsächlich meldete sich eine weibliche Stimme mit amerikanischem Akzent. Rupert trug seine Bitte vor. Die Stimme sagte: ‚Bleiben Sie dran.‘, dann war er in der Warteschleife. Oscar stand daneben und freute sich. „Das sieht vielversprechend aus!“ Er schenkte sich und Rupert noch einen Whisky aus. Die Warteschleifenmusik dudelte weiter. Fast wäre Rupert eingeschlafen, als sich die Stimme wieder meldete: „Ich stelle Sie jetzt durch zu Mr Firth.“ Und dann war tatsächlich Colin Firth in der Leitung und schien sich sogar an den Mann zu erinnern, von dem Rupert die Nummer hatte. „Was kann ich für Sie tun?“ Rupert fragte ihn, ob er die Nummer von David Seidler habe. „Oh, Sie meinen der Drehbuchautor von The King’s Speech? Ich habe ihn getroffen und bestimmt war in irgendeinem Papier auch seine Telefonnummer. Aber die muss in England sein. Tut mir leid.“

Rupert schaute Oscar an und zuckte mit den Schultern. „Aber, mir fällt gerade ein, wir haben hier in den USA den gleichen Agenten. Rufen Sie den an, der hat sie bestimmt. Grüßen Sie von mir.“ Firth gab Rupert eine Telefonnummer, dieser bedankte sich. Sofort rief Rupert den Agenten an, Firth hatte ihm die Mobilnummer gegeben. Als der Agent dran war, gab Rupert die Grüße weiter, fragte nach der Telefonnummer und bekam sie ohne Umschweife. Oscar rieb sich die Hände. „Das wird was, wir kommen der Sache näher!“ Rupert wählte Seidlers Nummer und hatte den Autor selbst im Handumdrehen in der Leitung. Im Hintergrund war Meeresrauschen zu hören. Seidler, ein älterer Herr, klang sehr entspannt und freundlich. Rupert fragte ihn nach Frasers Nummer. Seidler sagte, er schaue nach und kam dann zurück, um zu sagen, dass er die Nummer nicht dabei habe. „Frag ihn, ob er jemand kennt, der uns weiterhelfen kann“, sagte Oscar ungeduldig. Rupert gab die Frage weiter. Seidler bedauerte, er hatte alle diese Telefonnummern in einem Büchlein und dieses habe er gerade nicht dabei. Rupert bedankte sich und legte auf.

„Wir waren so nah dran! So nahe“, Oscar schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn. „Lass uns überlegen, wer uns sonst noch weiterhelfen kann“, sagte Rupert. Sie setzten sich beide hin und während sie nachdachten, schliefen sie ein.

(285) Gut gelaunt öffnet Bernard Fraser die Tür zu seinem Antiquitätenladen in Oban.

Gut gelaunt öffnet Bernard Fraser die Tür zu seinem Antiquitätenladen in Oban. Er hatte bei einer Versteigerung den gesamten Hausstand einer verstorbenen Witwe gekauft und dabei ein paar sehr interessante Stücke ergattert. Bei ein paar davon hatte er sogar schon Abnehmer. Wie dieser protzige Filmheini Zonfeld, der in Port Appin ein Ferienhaus besaß. Fraser hatte tatsächlich drei Stühle gefunden, die fast identisch zu den drei waren, die er Zonfeld vor einem Jahr verkauft hatte. Er hatte gleich am Vortag angerufen und eine Nachricht hinterlassen.

Fraser schaute die Post durch – nichts Wichtiges. Er musste in drei Stunden in Helensburgh sein, um die ersteigerten Möbel in Empfang zu nehmen. Er beschloss, noch einmal bei Zonfeld anzurufen.

Das Telefon klingelte lange, bevor sich ein Mann mit einem Grunzen meldete. „Mr Zonfeld?“, fragte Fraser und erhielt ein weiteres, bestätigendes Grunzen. „Bernard Fraser hier. Ich hatte gestern eine Nachricht hinterlassen.“ Noch nie hatte Fraser bei einem Kunden eine solche Begeisterung ausgelöst. „Fraser! Großer Gott, endlich! Sie ahnen ja nicht, wie wir nach Ihrer Nummer gesucht haben.“ – „Naja“, sagte Fraser, „die Nummer steht im Telefonbuch. Kein Geheimnis.“ – „Sehen Sie, auf diese einfache Lösung wären wir nicht gekommen. Da sind Sie uns weit voraus. Schön, dass Sie noch einmal anrufen. Ich habe gerade Rupert Morlar, den Regisseur, bei mir. Wir sind sehr gespannt darauf, was Sie für uns haben.“ – „Also Mr Zonfeld, es geht um Stühle…“ – „Aha, Stühle, sehr gut. Ionesco, Dreizehn Stühle… Fahren Sie fort.“ – „Nein, Mr Zonfeld, es sind nur drei Stühle.“ – „Sehr gut, ich sehe. Drei Stühle für drei Akte. Eine hervorragende Idee.“ Fraser war etwas verwundert und fragte sich, ob Zonfeld unter Drogen stand. Bei diesen Filmleuten wäre das nicht verwunderlich. „Ich kann gerne später noch einmal anrufen, Mr Zonfeld, wenn es jetzt nicht so gut passt…“ – „Nein, auf keinen Fall. Mein lieber Fraser. Entschuldigen Sie, dass ich Sie ständig unterbreche, aber es ist die Freude, Sie endlich am Telefon zu haben. Also: wie geht es jetzt weiter mit den drei Stühlen. Wie sehen aus?“ – „Nun, sie sind wirklich identisch zu den drei anderen. Wenn man sie nebeneinanderstellt, wird man keinen Unterschied feststellen können.“ – „Aha, es sind alles insgesamt sechs Stühle.“ – „Ja, die drei, die wir bereits hatten und jetzt drei neue, die bei einer Versteigerung aufgetaucht sind.“ – „Erzählen Sie mehr über die Versteigerung.“

Das war doch nicht zu fassen. Zonfeld machte sich lustig über ihn. Dachte wohl, weil er ein toller Hecht aus London sei, könne er mit Ladeninhabern aus der Provinz so umspringen. Aber da war er an den Falschen geraten. „Wissen Sie, Mr Zonfeld. Ich überleg‘ mir das noch einmal. Ich weiß nicht, ob das etwas für Sie ist. Ich melde mich wieder.“ Fraser legte auf. Er gehörte zum Clan der Frasers of Lovat und er hatte seinen Stolz.