(256) Steffen suchte Zuflucht auf dem Klo.

Steffen suchte Zuflucht auf dem Klo. Wenigstens hier war er vor seiner Familie sicher. Immer diese Fragen, ob er bald einen neuen Job haben würde, warum das denn so schwer sei. Das geheuchelte Mitgefühl, dass es noch nicht geklappt hatte, trotz seines Studiums und seiner ach so hohen Intelligenz. Familienfeiern waren die schlimmste Folter überhaupt und sie hinterließen nicht einmal sichtbare Spuren.

Als Steffen mit heruntergelassener Hose auf der Klobrille saß, bemerkte er, dass er immer noch die Affennase trug. Er nahm sie ab. Er schaute sich die Pappmaske von allen Seiten an. Den Affen machen, fiel ihm dazu ein. Vielleicht hatte er deshalb unbewusst gerade diese Maske ausgewählt. Er machte den Affen hier. Oder hieß es, dass er den dressierten Affen gab. Das wahrscheinlich auch. Aber auch Leute mit Elefantenrüsseln im Gesicht machten sich zum Affen.

Hannes war nicht wirklich eine Stimmungskanone. Wäre wahrscheinlich auch lieber woanders. Warum gehe ich nicht einfach mit ihm einen trinken, dachte er. Sein Schwiegervater war schon in Ordnung. Aber halt, war er das wirklich oder glaubte Steffen das nur, weil Hannes genauso unglücklich wirkte wie er. Beide standen sie rum und hielten Maulaffen feil, während um sie herum der Zirkus in der Stadt war. An Lieselotte schien Hannes auf jeden Fall keinen Affen mehr gefressen zu haben. Das war wahrscheinlich auch die Zukunft, die ihm bei Patricia blühte. Früher war sie ja stolz auf ihn gewesen. Es hatte ihrem Affen Zucker gegeben, mit ihm zusammen zu sein. Damals war auch er noch ein anderer. Und jetzt war sie manchmal wie vom wilden Affen gebissen. Tobte rum und war unzufrieden.

Sehr gut. Die Affenmaske passte wie die Faust aufs Auge. Er war auf dem Planet der Affen. Aber zumindest wusste er, dass er die ganze Zeit über auf dem gleichen Planeten gewesen war.

Was gab es sonst noch mit ‚Affe‘? Mich laust der Affe. Stimmte auch. Seit Jahren schon lauste er Steffen. Die ganze Zeit über dachte er, wann geht es denn endlich los? Wann passiert etwas? Und dann ist schon Halbzeit oder schlimmer. Und manchmal hatte er einen Affen sitzen oder kaufte sich einen. War das nicht der einzige Weg, es auf diesem Affenfelsen auszuhalten? Immer saß jemand über dir und schiss auf dich hinunter. Und irgendwann: Klappe zu, Affe tot. Irgendwann schon, hoffentlich nicht allzu bald.

Der Druck im Darm ließ nach und Steffen stellte fest, dass er auf der Brille saß, wie der Affe auf dem Schleifstein. Als er fertig war, stand er auf und blickte hinter sich. ‚Scheiße‘, dachte er angeekelt, ‚das sieht ja aus wie eine Affenfaust.‘

(257) Die Affenfäuste hast du ganz toll geknotet

„Die Affenfäuste hast du ganz toll geknotet“, sagte Gene, als er Joshuas Poi-Seile überprüft hatte. Heute war Joshuas großer Tag: Er durfte ein Jonglierkunststück vorführen auf einem Kreuzfahrtschiff, das im Hafen von Auckland anlegte. Gene und die ganze Akrobatentruppe „The Spinning Pois“ hatte er kennengelernt, als sie in seiner Schule eine Vorführung gemacht hatten. Am Ende hatte Gene gefragt, ob eines der Kinder selbst einmal versuchen wollte. Joshua hatte sich gemeldet und unter Genes Anleitung hatte er die dicken Knoten an den Seilenden richtig zum Rotieren gebracht. Gene hatte ihm für den Sommer eine Art Assistenzfunktion angeboten und Joshuas Mutter war einverstanden gewesen, aber erst, nachdem Gene mit einem Blumenstrauß zum Kaffee vorbeigekommen war. In den letzten drei Wochen hatte Joshua sehr viel dazugelernt, sowohl bei den Auftritten der Gruppe als auch beim Training mit Gene. Bei den Auftritten zeigten die Akrobaten verschiedene Kunststücke, vom Jonglieren mit Bällen und Keulen, Einrad fahren, Feuerschlucken und natürlich den Poi-Kunststücken, auch mit Feuerkugeln. Meistens für Touristen und oft auf den großen Schiffen, die im Hafen anlegten. Jetzt hatte Joshua, mit Genes Hilfe, eine eigene Routine entwickelt, die daraus bestand, dass er die Knoten in verschiedenen Mustern herumwirbelte, sie überkreuzte und sich dabei um die eigene Achse drehte. Vor einem Monat hätte er nie geglaubt, dass er das selbst konnte. Auch Gene war beeindruckt und deshalb sollte Joshua zum ersten Mal seine Routine vor Publikum aufführen.

Das Kreuzfahrtschiff hieß Serendipity und war riesig. Als die Akrobaten oben auf Deck angekommen waren, schaute Joshua über die Reling nach unten. Die Mole und die Menschen darauf schienen ihm ganz klein zu sein. Schade, dass er seine Mutter nicht mitbringen konnte.

Die Touristen standen im Halbkreis um die Fläche, auf der die Akrobaten ihre Darbietungen brachten. Viele von ihnen hatten schon Rucksäcke und Jacken dabei, als ob sie gerade im Aufbruch waren. Gene begann mit einer Jongliernummer, die einfach begann und sich dann immer weiter hochschraubte. Dann kamen Jonglagen zu zweit und zu dritt. Joshua bemerkte, dass die Zuschauer zunehmend unruhig wurden und den Akrobaten nicht richtig zuschauten. Immer mehr von ihnen gingen weg. Dann kam ein Mann in einer weißen Uniform und sprach mit Gene. Er gab ihm einen Umschlag.

Kurz darauf, nach dem Feuerschlucken, war der Auftritt beendet. „Es tut mir leid, Joshua. Die Zeit war zu kurz, wir mussten leider abbrechen. Diese Regel hatten wir in deinem Unterricht noch nicht: Wir Artisten dürfen unser Publikum nie langweilen. Das nächste Mal hast du deinen Auftritt. Versprochen!“ Joshua nickte und sah etwas traurig aus. Aber irgendwie war er auch erleichtert. Beim nächsten Mal, da würde er es allen zeigen.

(258) Auckland, das hätte auch Helen gefallen.

Auckland, das hätte auch Helen gefallen. George Henderson stand an der Reling und schaute auf die Silhouette der Stadt. Er hatte keine Lust darauf, sich die Akrobaten anzuschauen, die gerade weiter hinten eine Show abzogen. Er wollte die Ruhe genießen und auf die Stadt schauen, so wie er es sonst auch mit Helen gemacht hätte. Ja, es hätte ihr gefallen. Sie hatte die Kreuzfahrt ja auch ausgesucht. 94 Tage von Los Angeles nach Bombay. Sie hatte sich sehr darauf gefreut. Sechs Monate hatte sie sich gefreut und dann vor 127 Tagen der Unfall. Sie war dann einfach weg, wie aufgelöst in einem Zeitwirbel. Die Reise hatte er komplett vergessen, natürlich. Bis er die Erinnerung mit dem Flugschein nach L.A. im Briefkasten hatte. Für eine Stornierung war es zu spät und Helen hätte ihm gesagt, dass er die Reise antreten sollte. Um ihretwegen. Das hatte er dann auch getan. Es war eine Gelegenheit, sich zu fragen, was er mit dem Rest seines Lebens anfangen sollte. Mit 67 Jahren gab es nicht mehr so viele Möglichkeiten. Vielleicht würde er sie ja bald wiedersehen, irgendwo.

Die erste Woche, auf der Fahrt nach Hawaii, hatte er sich ganz gut gefühlt. Der Wind an Deck, das helle Licht… Es hatte seine Lebensgeister wieder geweckt. Nach Hawaii fühlte er sich schuldig, dass er da war und sie nicht. Sie hatte diese Reise gewollt und sie hätte sie auch verdient. Er war da nur reingerutscht. Fast per Zufall. Als die Serendipity den Äquator überquerte, gab es ein kleines Fest, bei dem Neptun, eigentlich der 1. Offizier, die Äquatortaufe vornahm, bei allen, die noch nie den Äquator überquert hatten. George hatte sich verkrümelt und war unter Deck geblieben. Helen hätte natürlich mitgemacht. Hätte sich einsauen lassen und wäre als „Glitzernder Goldfisch“ in den Pool gesprungen. Ihr zuliebe hätte er auch mitgemacht, aber so hatte es keinen Zweck. Danach war die Serendipity durch die unendliche Südsee gefahren, vorbei an dem ganzen Gekröse von französischen Inseln.

Auckland, darauf hatte Helen sich sehr gefreut. Und auf Bali, Hong Kong und Thailand. Würde er jetzt den Rest seines Lebens darauf achten, was Helen Freude gemacht hätte und sich selbst danach ausrichten? In den ersten Wochen nach dem Unfall hatte er den Eindruck, dass sie ihn von irgendwoher beobachtete, ihm zur Seite stand. Aber das war ja nicht die Wirklichkeit. Sie war einfach weg. Nach ihrem Verständnis war sie jetzt im Himmel. Saß auf einer Wolke, spielte Harfe und flatterte mit den Flügeln.

Die Darbietung der Akrobaten schien beendet. Alle strömten von Bord, um sich Auckland anzusehen. Seufzend schulterte er seinen Rucksack und ging hinüber zu den anderen Passagieren, die sich nach unten zum Ausgang bewegten.

(259) Als George Henderson Sydney erkundete, kam er zu einem Stand an einer Straßenecke.

Als George Henderson Sydney erkundete, kam er zu einem Stand an einer Straßenecke. Der Stand war eine Art Holzkasten und darüber hing ein Banner mit der Aufschrift „Kommen SIE in den Himmel? Nach 2 Fragen wissen Sie die Antwort!“ In dem Kasten saß eine Frau und las ein Buch. Im Gegensatz zu Helen war George kein gläubiger Mensch. Natürlich wäre es schön, Helen noch einmal im Jenseits zu treffen, aber er erwartete es eigentlich nicht. Er ging weiter.

Als er später am Tag auf dem Weg zurück zum Schiff wieder an dem Stand vorbeikam, saß die Frau immer noch in dem Kasten. Auf dem Namensschild auf ihrer Brust stand ‚Alice‘. Er ging zu ihr. Sie schaute auf und lächelte ihn an. „Ich möchte die Antwort wissen“, sagte George. „Aber natürlich“, antwortete Alice. „Sind Sie Christ?“, fragte sie. „Ja. Spielt das eine Rolle?“ – „Nun, für den Test schon. Ich kann nicht für andere Religionen sprechen.“ Sie fragte nach seinem Vornamen, er gab ihn ihr. „Sind Sie bereit, George?“ – „Ja, ja.“

Sie legte ihm ein laminiertes Papier vor, schaute ihn an und drehte dann das Blatt um. „Das ist die erste Frage.“ Auf dem Blatt stand: ‚Das ist die erste Frage: Glauben Sie, dass Sie nach Ihrem Tod in den Himmel kommen?‘ Darunter gab es zur Auswahl ‚Ja‘, ‚Nein‘, ‚Ich hoffe es‘ und ‚Ich weiß es nicht‘. „Nehmen Sie sich Zeit. Was glauben Sie?“ George zuckte mit den Schultern und sagte: „Nein.“ Das schien Alice zu verwirren. „Warum Nein? Wenn Sie es wissen, warum wollen Sie den Test machen?“ – „Nun, ich wollte hören, was Sie glauben.“ – “ So geht das nicht, George. Wenn Sie den Test machen wollen, dann heißt das doch, dass Sie überzeugt sind, dass Sie in den Himmel kommen.“ – „Bin ich aber nicht und ich mache den Test doch gerade. Wie geht es weiter?“ – „So kann ich nicht weitermachen.“ George war etwas verärgert, was ihm aber auch peinlich war. Alice schien ein netter Mensch zu sein. „Also, was müsste ich sagen, damit wir weiterkommen? Ja?“ – „Ja, Sie müssten Ja sagen.“ – „Ja.“ – „Sie sagen Ja?“ – Ja, ja doch.“ – „Also gut, George.“ Alice legte ein zweites laminiertes Blatt vor ihn und drehte es um, als sie sicher war, dass George konzentriert war. Darauf stand: ‚Warum glauben Sie das?‘ Es gab darunter sieben Auswahlmöglichkeiten: ‚Ich habe immer die Zehn Gebote befolgt‘; ‚Ich gehe jede Woche zur Messe‘; ‚Ich glaube an Gott‘; ‚Ich bin ein guter Mensch‘; ‚Ich gab immer mein Bestes‘; ‚Ich habe nie jemanden verletzt‘; ‚Sonstige‘. George überlegte. „Ich gab immer mein Bestes“, sagte er schließlich. Alice schüttelte den Kopf. „Ich komme nicht in den Himmel?“ – „Nein, George, nicht mit der Antwort.“ – „Ich habe es geahnt“, sagte er. „Was wäre denn die richtige Antwort gewesen? Nur so aus Interesse.“ Alice zeigte auf ‚Sonstige‘. „Was, das wäre es gewesen? Das kann nicht Ihr Ernst sein.“ – „Naja, sie hätten noch erklären müssen, was das Sonstige ist.“ – „Sie machen es spannend. Was ist das ‚Sonstige‘ denn?“ Alice schaute ihn prüfend an. „Können Sie es als Christ denn nicht erahnen? Es ist unser Herr Jesus Christus. Nur durch ihn kommen wir in den Himmel.“ – „Verdammt“, sagte George und Alice‘ Miene verdüsterte sich.

(260) Es war, als ob jemand George Henderson piesacken wollte.

Es war, als ob jemand George Henderson piesacken wollte. Auf der Überfahrt von Eden nach Burnie auf Tasmanien fand George auf einem Liegestuhl eine Zeitschrift für Senioren, The Senior Promontory. Da er gerade nichts anderes bei Hand hatte, blätterte er die Zeitschrift durch. Ein Artikel handelte von der überaus lebendigen Gemeinschaft von Sun City Arizona. Das Durchschnittsalter betrug 75 Jahre und niemand unter 55 durfte dorthin ziehen. Der Artikel zeigte sportliche Weißhaarige beim Golfen, Bowlen und beim Museumsbesuch. Zusammen mit Helen hätte er so etwas nie gemacht. Sie brauchten das pulsierende Leben, keine sterile Reißbrettstadt. Ohne Helen war es ganz anders. George würde sich zwar als sozialer Mensch definieren, aber es stimmte schon, dass er nicht Helens Gabe hatte, neue Bekanntschaften zu schließen. Und je pulsierender das Leben, desto uninteressanter jemand wie George. So eine Rentnerstadt hatte schon den Vorteil, dass man leichter Kontakte knüpfte. Er stellte sich vor, wie es wäre, da zu leben. Und dann trat Helen in seine Gedanken und sagte ihm mit mahnendem Zeigefinger, er solle bloß nicht so bequem sein und den Hintern hochkriegen, um andere Menschen kennenzulernen. Ertappt blätterte George weiter. Ein anderer Beitrag trug den Titel ‚Wasser ist wichtig!‘ und ermahnte dazu, auch zu trinken, wenn man keinen Durst verspürte. Dann kam ein Artikel, nein es war eine Anzeige, die verkündete ‚Ewig leben wie die Pharaonen‘. Darunter ein Foto der glatten goldenen Totenmaske von Tutanchamun. George hatte sich schon immer für die alten Ägypter interessiert. Er las weiter.

„Gebieten Sie dem körperlichen Verfall Einhalt mit dem Tod.

Wir haben die Methoden der ägyptischen Balsamierungsmeister aus allen Dynastien bis ins kleinste Detail studiert. Von der ersten Waschung bis zur endgültigen Bandagierung erfahren Sie unseren 1A-Service, der einem Pharao zur Ehre gereichen würde. Wir verwenden 100% ägyptische Baumwolle für die Bandagen (mindestens 800 Faden pro Quadratzoll). Sie können in unserer exklusiven Riesenpyramide beerdigt werden oder wir bauen Ihnen streng nach den Maßen der alten Ägypter ein eigenes Mausoleum, gerne auch am Ort ihrer Wahl. Höchste Frischegarantie oder Geld-zurück. Treten Sie mit uns noch heute in Kontakt. Nichts ist länger als die Ewigkeit und nichts ist kostbarer als Ihr Körper.“

Welch eine Bauernfängerei, dachte George und legte das Magazin beiseite. Die Serendipity näherte sich Tasmanien. George stand auf und trat an die Reling. Wer hätte je gedacht, dass er einmal hierher kommen würde. Im gleichen Augenblick sagte eine Dame, die neben ihm stand: „Wer hätte je gedacht, dass ich einmal hierher kommen würde.“ Er lächelte sie an und nickte zustimmend. Die Kreuzfahrt war noch nicht zur Hälfte rum, vielleicht würde es doch noch interessant werden. Alles andere hatte immer noch Zeit.

(261) Jay Hummingbird war ekstatisch über den Erfolg der Pharaonen-Anzeige.

Jay Hummingbird war ekstatisch über den Erfolg der Pharaonen-Anzeige. Es war ein verzweifelter letzter Versuch gewesen, den drohenden Bankrott abzuwenden. Jetzt war sein Bestattungsunternehmen nicht nur saniert, sondern komplett ausgelastet. Er würde mehr Einbalsamierer einstellen müssen. Anfragen kamen von all den neuen Rentnerstädten her. Dort hatten die Leute viel Geld und viel Zeit, um sich mit den letzten Dingen zu beschäftigen. Wenn es eine Methode gab, die teurer und exklusiver war, dann nur her damit. Das war die Einstellung.

Hummingbird überlegte, seine Geschäftsidee in ein Franchise-Unternehmen unterzubringen. ‚Pharaonic Embalming‘ hatte er sich bereits schützen lassen und eine Website mit dem Namen gab es auch schon. Das Logo, auch geschützt, stellte eine goldene Pyramide dar. Die Marke war umso wichtiger, weil die Technik selbst nicht so kompliziert war. Er hatte alles in Archäologiebüchern recherchieren können. Wichtig war es, das ganze Glibberzeug aus dem Körper rausnehmen und den Rest zu trocknen. Bei den alten Ägyptern hatte der komplette Prozess 70 Tage gedauert, wobei der größte Teil für die Trocknung durch Natron notwendig war. Das war viel zu lange für aktuelle Bedürfnisse. Natürlich gab es viel Slack durch religiösen Mummenschanz, den man problemlos weglassen konnte. Um die Zeit weiter zu verkürzen hatte Hummingbird die Stellschrauben an zwei Stellen angezogen: Er hatte das Natron ersetzt durch ein Gemisch von Magnesiumsulfat und Kieselgel und er hatte für die Bandagen Baumwollgewebe mit zusätzlichen Lycrafäden gefunden. Die Baumwolle war immer noch 100% ägyptisch, aber durch die Elastizität des Materials konnte man viel schneller einen Körper in die klassische Mumienform verpacken. Damit kam er auf eine gesamte Durchlaufzeit von zehn Tagen, was zwar ein Spitzenwert war, den er aber noch senken wollte. Mit der Anzahl an Mumifizierungen würde man schon Wege finden, um die Prozesseffizienz zu erhöhen.

Neben der eigentlichen Mumifizierung plante Hummingbird den Bau von großen Friedhofspyramiden in den wichtigsten Rentnerstädten, angefangen in Sun City Arizona. Er hatte bereits Kontakt aufgenommen mit Veldon Simpson, dem Architekten des Luxor Hotels in Las Vegas. Der Bau stellte er sich ähnlich vor, nur sollten halt dort mumifizierte Tote ihre letzte Ruhe finden. Im Keller der Pyramiden würde man die Einbalsamierungsfabrik unterbringen. Der demografische Trend war eindeutig. Von solchen Pyramiden würde man in den nächsten zehn Jahren locker zwanzig bauen können. Es ging hier um ein Milliardengeschäft.

Das Telefon riss Hummingbird aus seinen Überlegungen. „Bestattungsinstitut Hummingbird“, meldete er sich mit routiniert belegter Stimme. „Was sagen Sie? Der Scheck war nicht gedeckt? Das kann nicht sein. Hören Sie, ich habe gerade Trauergäste im Haus, das ist jetzt ganz schlecht. Ich komme morgen zu Ihnen in die Filiale und dann reden wir. Einverstanden?“

(262) Ja, Mumifizierung gehört natürlich zu unseren Dienstleistungen, Herr Müller.

„Ja, Mumifizierung gehört natürlich zu unseren Dienstleistungen, Herr Müller. Allerdings muss ich Sie leider vertrösten. Unser Etablissement befindet sich gerade im Umbau und eröffnet erst wieder in drei Wochen… Giesebrechtstraße 11… Sehr gerne, mein Herr.“ Katharina Zammit legte auf und wandte sich wieder SS-Brigadeführer Walter Schellenberg zu. Er hatte sich nach hinten in den Besucherstuhl gelehnt und sie aus seinen kalten Augen angeschaut. Mit seinem schmalen Raubtiergesicht sah er nicht schlecht aus und unter anderen Umständen hätte er sie vielleicht interessiert.

Schellenberg legte ihr ein Papier vor, auf dem oben ‚Geheime Reichssache‘ stand. „Das haben wir an alle Polizeistellen geschickt, damit wir die richtigen Dirnen finden.“ Katharina Zammit, die sich als Madame mit Kitty Schmidt anreden ließ und deren Bordell konsequenterweise Salon Kitty hieß, nahm das Papier und las. ‚Gesucht werden Frauen und Mädchen, die intelligent, mehrsprachig, nationalistisch gesinnt und ferner mannstoll sind.‘ Ohne das Gesicht zu verziehen, gab sie Schellenberg das Blatt zurück. Seit die Gestapo sie bei der Flucht verhaftet hatte, blieb Kitty Schmidt keine andere Wahl.

Heydrich, Schellenbergs Chef, hatte die Idee gehabt, ihr Bordell zu verwanzen und damit Regimegegner, und auch -freunde, auszuspionieren. Der Umbau bestand darin, in allen Zimmern Mikrofone zu verstecken und zu verkabeln. Auch die Mädchen sollten ausgetauscht werden. Im Keller bauten Schellenbergs Leute ein geheimes Zimmer auf, in dem alle Kabel zusammenliefen und in dem alle Gespräche protokolliert werden sollten.

„Was mache ich mit meinen Stammgästen?“, fragte sie Schellenberg. „Kein Problem, der Betrieb geht weiter wie vorher. Die Gäste, an denen wir interessiert sind, werden Ihnen ein Codewort nennen und bei denen gehen Sie strikt nach Plan vor.“ – „Ein Codewort?“ – „Ja. Sie werden sagen ‚Ich komme aus Rothenburg‘. Das werden die Männer sein, um die es geht. Haben Sie verstanden?“ Kitty nickte. „Was ändert sich sonst?“ – „Die neuen Dirnen werden von uns ausgesucht. Dann werden sie geschult. Sie sollen neben dem Üblichen auch mit den Gästen reden. Aber darum brauchen Sie sich nicht zu kümmern. Das werden wir übernehmen.“ Schellenberg stand auf und setzte sich die Schirmmütze mit dem Totenkopfemblem auf. Reflexartig stand auch sie auf, um ihn aus ihrem Büro hinauszubegleiten. Vor der Tür blieb er stehen und drehte sich zu ihr um. Sein Gesicht kam ihrem sehr nahe. Mit ruhiger Stimme sagte er: „Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, dass all dies hier streng geheim ist. Sie hatten ja bereits Kontakt mit der Gestapo. Ein zweites Mal werden Sie so schnell nicht wieder rauskommen. Haben wir uns verstanden?“ Es war nicht einfach, seinem Blick standzuhalten, aber sie schaffte es. Dann nickte sie. Er tippte mit der behandschuhten Rechten an den Schirmrand, öffnete die Tür und ging aus dem Zimmer.

(263) Als die Polizei Gisela Jung aufgriff, gab sie vor, eine Prostituierte zu sein.

Als die Polizei Gisela Jung aufgriff, gab sie vor, eine Prostituierte zu sein. Das war im Berlin des Septembers 1939 besser, als dass herauskam, dass sie eine Halbjüdin war, die gerade einen Fluchtweg nach Holland suchte. Ihre Eltern und der große Teil der Familie waren schon seit einem Jahr ausgewandert, aber Gisela wollte ihre gerade beginnende Schauspielkarriere nicht gleich wieder beenden. Aber als der Krieg in Polen ausbrach, wollte sie auch nur weg. Der Polizei war sie bei einer Razzia in die Hände geraten, als sie in einer üblen Spelunke nach eine Mitfahrgelegenheit nach Westen suchte. Sie hatte ein recht offenes Dekolleté und Bargeld dabei. Beides hatte sie einsetzen wollen, um einen Kraftfahrer zu überzeugen, sie mitzunehmen. Als sie auf der Polizeiwache saß, fragte der Polizist, ob sie eine Prostituierte sei. Sie schaltete schnell und sagte ja. Dann fragte er, was sie vom Führer hielt. Natürlich lobte sie ihn und sprach davon, dass man die Provokationen nicht länger hinnehmen konnte und die deutsche Minderheit in Polen schützen müsse. Danach kam sie wieder in eine Einzelzelle und sie dachte, dass man sie bestimmt bald in ein Lager abschieben würde. Aber dann wurde sie in ein Haus in Berlin gebracht, wo man ihr beibrachte, wie sie als Prostituierte Männer aushorchen sollte. Als sie verstand, dass die SS das Bordell führte, war sie fast zusammengebrochen. Sie fürchtete, dass die Bordellmutter sie durchschaute und sofort merkte, dass sie keine Erfahrung als Dirne hatte. Kitty Schmidt sagte aber nichts. Mit Gisela in der Schulung waren noch etwa 19 weitere Mädchen, die tatsächlich aus der Branche kamen. Als Schellenberg, der SS-Mann, der alles leitete, den Eindruck hatte, dass die Mädchen bereit waren, wurde das Bordell wiedereröffnet. Am Anfang waren auch einige Parteigrößen dabei, die sich einen Überblick verschaffen wollten, hauptsächlich aber auf Sex aus waren. Gisela, die sich jetzt Jessy nannte, kannte keinen davon und nach ein paar Tagen hatte sie sich so weit im Griff, dass sie bestimmt nicht besser oder schlechter als ihre Kolleginnen war. Fürs Erste war sie sicher, aber natürlich wollte sie immer noch flüchten.

Kurze Zeit darauf hatte sie ihren ersten Einsatz bei einem Mann, den sie aushorchen sollte. Schellenberg hatte sie gewählt, weil sie gut Englisch sprach. Der Mann arbeitete bei der englischen Botschaft und war sehr höflich. Er stellte sich als Howard Lewis vor. Er war Mitte Dreissig, vielleicht zehn Jahre älter als Jessy. Sie hörte seiner Stimme gerne zu und er redete viel über seine Arbeit. Ob etwas Brauchbares dabei war, wusste sie nicht, aber Schellenberg schien zufrieden. Bei seinem dritten Besuch erzählte er ihr von seiner Heimat, dem Lake District im Norden von England. Während er erzählte, schrieb sie auf einen Zettel, dass er vorsichtig sein sollte, denn man höre sie ab. Er erzählte ungerührt weiter von langen Wanderungen im Borrowdale, griff nach dem Stift und schrieb währenddessen hinter ihre Warnung nur ‚I know‘.

(264) Howard hatte die Gabe, über ein Thema sehr wortreich zu referieren und dabei etwas komplett anderes zu machen.

Howard hatte die Gabe, über ein Thema sehr wortreich zu referieren und dabei etwas komplett anderes zu machen. Am Anfang kommunizierte er dabei mit Jessy durch Schreiben. Sie vertraute sich ihm an und sagte, dass sie aus einer Notlage im Bordell arbeitete und dass sie Deutschland verlassen wollte. Er schrieb, dass er ihr helfen könne, sie aber dafür Geduld brauchte und auch ihm helfen müsse.

Howard machte es zu seiner Gewohnheit zweimal in der Woche ins Bordell zu kommen, dienstags und freitags. Die anderen Mädchen sprachen schon davon, dass sie wohl einen richtigen Fang gemacht habe. Schellenberg war zwar zufrieden, dass sie ein gutes Verhältnis zu dem Engländer aufbaute, wollte aber, dass er mehr über seine Arbeit erzählte.

Howard berichtete Jessy von seinen Tagen in Berlin: Wer gerade in der Botschaft zu Besuch war, wen er bei Empfängen traf oder was die englische Presse über Deutschland schrieb. Alles Informationen, die entweder öffentlich waren oder den Nazis hinreichend bekannt. Oder er beschrieb ihr Wanderwege im Lake District, die er sehr mochte. Während er sprach, legte er in Jessys Zimmer mit einem Taschenmesser die Mikrofonkabel hinter der Fußleiste frei. Hier kamen wohl viele Kabel aus den anderen Zimmern zusammen und verliefen gebündelt bis zu dem Abhörraum im Keller. Er hatte eine Kabelrolle in der Aktentasche und mit dem Taschenmesser spliss er geschickt die vorhandenen Kabel auf und legte mit dem mitgebrachten Kabel Weichen, die er mit Isolierband fixierte. Die neuen Abzweigungen verlegte er durch die Holzzarge des Fensters nach außen in den Hinterhof. Die Briten hatten wohl eine Wohnung im Haus angemietet und konnten von dort aus die heraushängenden Kabel heranziehen und selbst mithören. Auf jeden Fall war Howard mit dieser Entwicklung sehr zufrieden. Er schrieb, dass Jessy es noch ein paar Wochen aushalten musste, damit wichtige Erkenntnisse aus den anderen Zimmern gewonnen werden konnten. Er versprach ihr, sie danach aus dem Deutschen Reich zu retten.

Da sie abgehört wurden, mussten Howard und Jessy bei jedem seiner Besuche auch miteinander schlafen. Aber Jessy hatte sich schon längst in Howard verliebt. Bei einem Treffen und kurz bevor sie sich wieder trennen mussten, schrieb sie auf das Blatt Papier: ‚Ich liebe Dich.‘ Und er schrieb daneben ‚Ich Dich auch‘. Als er sich angezogen hatte und noch eine letzte Zigarette mit ihr rauchte, nahm sie das Blatt Papier, hielt es an ihr Herz und schaute ihn flehend an. Er schüttelte den Kopf. Jedes Mal hatte er sorgfältig darauf geachtet, die Seiten mit ihren Botschaften wieder mitzunehmen. Aber sie wollte diese Seite behalten, als ob es ein Pfand für sein Versprechen war, sie raus zu holen. Er schaute sich das Blatt an. Es standen zwar keine großen Geheimnisse darauf, aber die Experten des Reichssicherheitshauptamtes würden sofort erkennen, was hier vor sich gegangen war. Aber Howard wollte Jessy die Freude lassen, denn sie brauchte einfach Hoffnung, um diese Belastung durchzuhalten. Er nickte ihr zu, drückte die Zigarette im Aschenbecher aus und verabschiedete sich.

(265) Der Feueralarm kam unerwartet um sechs Uhr früh.

Der Feueralarm kam unerwartet um sechs Uhr früh. Noch schlaftrunken versammelten sie die Prostituierten des Salon Kitty in der Eingangshalle des Hauses. Wie Jessy trugen auch die anderen nur Nachthemd und hatten ihre Bademäntel umgeworfen, die sie oben am Hals zusammenhielten. Auch Kitty war dabei und sah genauso überrascht aus wie ihre Angestellten.

Es waren allerdings keine Feuerwehrleute zu sehen. Dafür stand Schellenberg da in seinem langen Ledermantel und schaute die Frauen eine nach der anderen an. Nach einiger Zeit sagte er: „Meine Damen, seien Sie beruhigt, es brennt nicht. Es war nur ein Vorwand. Sie bleiben hier. Meine Leute werden sich ihre Zimmer einmal genauer anschauen. Keine Angst, wir sind diskret.“ Aus dem Treppenhaus hörte man Stiefeltritte und Befehle, mit denen die Soldaten auf die einzelnen Stockwerke aufgeteilt wurden.

Jessys Herz schlug wie rasend. Sie setzte sich in die hinterste Ecke des Salons und sammelte sich, um ihre Panik zu kontrollieren. Es war möglicherweise nur eine Routineuntersuchung und man würde sich mit Stichproben begnügen. Oder es gab konkrete Hinweise, dass etwas nicht stimmte. Wenn Schellenberg konkret wüsste, wer hier falsch spielte, dann würde er doch keinen so großen Aufwand betreiben. Aber vielleicht ging es auch um den Showeffekt und er wollte vor den anderen Mädchen ein Exempel statuieren. Es war alles möglich. Wenn sie Jessys Zimmer durchsuchten, würden sie die Drähte finden? Man musste schon wissen, wonach man suchte, denn Howard hatte gute Arbeit geleistet. Allerdings würde man in ihren Sachen das Blatt Papier mit ihrem und Howards Liebeschwur finden. Sie würden merken, dass es eine Kommunikation zwischen ihr und Howard gab, die nicht abgehört wurde und die mit Liebe zementiert war. Das konnte ihr Todesurteil bedeuten. Vielleicht sogar gleich hier, vor den Augen der anderen. Als Abschreckung.

Die anderen Mädels um sie herum schienen sorglos zu sein, nahmen ihre Zigaretten aus den Bademanteltaschen und fingen an zu rauchen. Nur Kitty saß still da und Jessy hatte den Eindruck, von ihr beobachtet zu werden. Schellenberg war noch oben gegangen. Er wollte sich wohl vergewissern, dass die Durchsuchung gründlich durchgeführt wurde. Es war nicht klar, ob vor der Tür Posten standen.

Kitty kam herüber und setzte sich auf die Chintzsitzbank. Sie beugte sich zu Jessy und flüsterte ihr ins Ohr: „Du musst abhauen, es kommt raus.“ Erschrocken sah Jessy Kitty an, die ihr zuzwinkerte. „Ich löse jetzt den richtigen Feueralarm aus, dann kommt im Nu die Feuerwehr und in dem Tumult machst du dich auf die Socken. Draußen steht ein Fahrer, der immer dort wartet. Du sagst ihm, dass du nach Rothenburg willst und dann fährt er dich überall hin.“ – „Aber Sie“, flüsterte Jessy zurück, „man wird doch wissen, dass Sie das waren…“ – „Keine Sorge, Kind, bis die Feuerwehr hier ist, wird es brennen. Ich habe nicht umsonst eine gute Feuerversicherung.“ Und so geschah es auch. Kitty löste Feueralarm aus. Bis die Feuerwehr ankam, brannte es wirklich im Treppenhaus und alle mussten raus. Jessy fand den nagelneuen Opel Kapitän und als sie dem Fahrer sagte, sie möchte nach Rothenburg, ließ er den Motor an und sie stieg ein. Als sie das Haus von Salon Kitty hinter sich gelassen hatten, sagte sie dem Fahrer, dass er sie zum Palais Strousberg bringen sollte. Die englische Botschaft war zwar offiziell geschlossen, aber Howard hatte ihr gesagt, dass er immer noch in dem Gebäude wohnte.