(246) Es war ja schon fast zu einem Ritual geworden.

Es war ja schon fast zu einem Ritual geworden. Richard Hahn fuhr mit dem Wagen vor seinem Haus vor. Er wusste, dass im gleichen Augenblick der Nachbar von gegenüber am Fenster stand und beobachtete, wer gekommen war, was er dabei hatte und was sonst noch. Auf Herrn Ziegelschmidt war Verlass. Immer öfters kam es auch vor, dass gerade ‚zufällig‘ Frau Mencke, seine direkte Nachbarin, aus dem Haus kam, um in den Briefkasten zu schauen. Soweit Hahn wusste, kam der Briefträger immer am Vormittag und bei ihrer stressfreien Lebensweise hatte sie den Briefkasten bestimmt vorher schon gelehrt.

Aber bei Frau Mencke war es nicht die bloße Neugier, wie bei Herrn Ziegelschmidt. Sie warb quasi für sich. Und darin kannte sich Hahn wirklich aus. Immerhin hatte er für seine Schokoriegelwerbung einen Goldenen Löwen in Cannes gewonnen. Allerdings war Frau Mencke nicht sehr geschickt bei ihren Bemühungen. Sie fokussierte zu sehr auf das, was ihr wichtig war, nicht auf das, was ihr Kunde (in dem Fall Hahn) wollte. Sie suchte, schätzte er, in erster Linie nach einem Lunchticket. Ein Mann, der ihr Geborgenheit und wirtschaftliche Sicherheit geben würde. Der einen Vater für ihre Tochter darstellen konnte; Sie auf der sozialen Leiter nach oben tragen würde. Ein Prinz, der ihr den Glasschuh an den Fuß passte. Das waren alles legitime Ziele.

Sie waren nur an die völlig falsche Person gerichtet. Hahn hatte das alles schon hinter sich. Er wollte für niemand das Lunchticket sein. Er wollte kein guter Vater sein, weder für eigene noch für fremde Kinder. Allerdings auch kein schlechter oder gleichgültiger Vater. Er wollte niemandem ein gutes, sicheres Gefühl geben oder Surrogatemotionen erwecken, die das gleiche bewirkten. Alles was er wollte, war es, seine Unabhängigkeit zu bewahren. Dass er aus der Stadt in diesen Vorort mit seinen spießigen Häusern und Vorgärten und Wäscheleinen gezogen war und sich zufriedengab mit den schrecklich vorhersehbaren Nachbarn, ihren Träumen und Ratenkrediten – all das war ein Zeichen dafür, dass er aus dem Rennen war. Er wollte niemand mit irgendetwas beeindrucken und er wollte durch nichts mehr beeindruckt werden. Keine Bankette; keine Vergleiche, wer die größte, höchste, teuerste Wohnung hatte; keine schnellen Nummern in gestoppten Lastenaufzügen von angesagten Underground-Galerien; keine Golfrunden mit Leuten, für die ein Abschlag einer Kriegserklärung gleichkam.

Natürlich war ihm der Fehler in seinem System bewusst: Wenn er das wirklich wollte, dann durfte er seinen Job bei Tofan, Spork & Ponder nicht weitermachen. Es gab in diesem neuen Wertesystem keinen Platz für Schokoriegelwerbung. Aber er war noch nicht am Ende. Es würde sich schon eine Möglichkeit finden, diesen letzten Fehler zu bereinigen.

Bis dahin galt: Nichts war wichtiger als die Unabhängigkeit. Die Möglichkeit, von heute auf morgen, einfach alles stehen und liegen zu lassen, und abzuhauen. Nicht, dass er es wirklich tun wollte, aber es fühlte sich gut an, es tun zu können.

(247) Bericht über einen Sprachaufenthalt in Edinburgh

Bericht über einen Sprachaufenthalt in Edinburgh (Schottland)

„Ich komme gerade von einem dreimonatigen Sprachkurs in Schottland zurück. Eigentlich ist Schottland kein idealer Ort, um Englisch zu lernen, denn die Leute auf der Straße versteht man kaum. Die Schule selbst war sehr gut. Die Leute waren nett, ich habe mich wohlgefühlt. Vorher war ich einmal in London gewesen, aber Edinburgh ist etwas komplett anderes. Die Unabhängigkeit ist für die Schotten sehr wichtig. Man darf sie auf keinen Fall für Engländer halten, sonst wird es ungemütlich und man kann ein paar lokale Schimpfwörter lernen. Als ich dorthin flog, sagte mein Vater, ich solle mich auf gefüllten Schafsmagen gefasst machen, den Haggis. Aber das ist mehr ein Mythos, glaube ich, denn als ich dort war, gab es keinen Haggis. Allerdings gab es andere seltsame Dinge. Zum Beispiel ist Cola da nicht so groß. Dafür gibt es ein lokales Gesöff, das Irn Bru heißt. Es sieht giftig orange aus und schmeckt… naja, ich denke, es ist ok, wenn man damit aufgewachsen ist. Was ich nicht probiert habe, sind frittierte Marsriegel. Die gibt es dort wirklich in den Take Aways. Allerdings schämen sich viele Schotten deswegen. Sie sagen, dass es die schrecklichen Essensgewohnheiten ihres Landes unterstreicht. Der frittierte Marsriegel ist wirklich genauso, wie man es sich vorstellt: Ein normaler Marsriegel wird in Bierteig getunkt, der gleiche mit dem auch Fische frittiert werden. Dann ab in die Fritteuse und fertig ist das Abendessen. Ich frage mich ob die Schotten Röcke tragen, weil dann mehr reinpasst. Der frittierte Marsriegel hat gefühlte drei Millionen Kalorien. Die kann man sich auch beim Sport nicht abtrainieren. Da gibt es übrigens auch Besonderheiten. Eine lokale Sportart ist der Caber toss. Der Caber ist ein Baumstamm und den muss der Teilnehmer, alles Männer natürlich, senkrecht vor sich hochheben und dann so schleudern, dass er sich einmal dreht und dann vom Werfer weg umfällt. Das Ziel ist es nicht, wie ich zuerst glaubte, den Stamm soweit wie möglich zu werfen, sondern ihn in einer geraden Linie zu werfen. Weicht der Stamm am Ende von der geraden Linie ab, gibt es Punkteabzug. Erst recht, wenn der Stamm nicht vom Spieler weg, sondern wieder in seine Richtung zurückfällt. Und diese Sportart üben die Schotten dann im Schottenrock aus und wenn sie sich danach stärken, dann mit Irn Bru und frittierten Marsriegeln. Das ist der Kurzbericht meines Sprachschulaufenthalts in Edinburgh. Ich wäre gerne noch zum Loch Ness gefahren, um dem Monster Hallo zu sagen. Leider war dafür aber keine Zeit mehr. Vielleicht das nächste Mal. Den frittierten Schokoriegel gibt es übrigens auch als Snickers, Bounty und andere Varianten. Es gibt sogar frittierte Pizza. Ja, man kann sagen, die Schotten mögen es frittiert. Darauf einen Irn Bru!“

(248) Fortsetzung des Berichts über einen Sprachaufenthalt in Edinburgh

Fortsetzung des Berichts über einen Sprachaufenthalt in Edinburgh (Schottland)

Mein peinlichstes Erlebnis? Das war ziemlich am Anfang meines Aufenthaltes. Ich kannte ja niemand und den anderen Mädchen aus dem Sprachkurs ging es genauso. Nach einer Woche wollten wir gemeinsam in einen Club gehen. Die Arbeit war hart und wir dachten, dass wir es an einem Freitagabend etwas lockerer angehen können. Außerdem wollten wir mal Kontakte mit lokalen Jungs knüpfen, wir waren ja schließlich da, um Land und Leute kennenzulernen.

Nicht weit weg von dem Wohnheim war eine Straße mit Kneipen und Clubs. Nachdem wir schon etwas getrunken hatten, gingen wir in einen Club der ‚The Scotch Project‘ hieß, das schien ein angebrachter Name zu sein. Der Club war ziemlich tief im Keller und es war recht dunkel dort, dafür aber laut wie Hölle. Es waren viele Jungs da, Leute in unserem Alter. Wir standen zuerst zusammen und lästerten, wie man das so macht, wenn man als Gruppe irgendwohin hinkommt und keinen kennt. Dann kamen aber auch schon Jungs dazu und es ergaben sich Einzelgespräche. Die Gruppe fiel etwas auseinander. Ich war schon traurig, weil anscheinend keiner mit mir reden wollte. Liegt wahrscheinlich an der Brille oder so, dass man mich eher nicht anspricht. Aber dann kam ein Typ zu mir und fing an mit mir zu reden. Er sah nicht so toll aus, etwas schwabbelig an den Hüften. Also eigentlich sehr schwabbelig. Zu Hause hätte ich ihn wahrscheinlich nicht angeschaut. Aber, hey, so ist das im Ausland. Außerdem, was soll man schon von einer Nation erwarten, die sich von frittierten Marsriegeln ernährt. Kleiner Scherz. Also ich frage, wie der Typ heißt und was er so macht. Gordon McDonald hieß er. Das klang sehr schottisch. Juhu, jetzt konnte ich die Leute mal aus der Nähe kennenlernen. Es war zwar sehr laut, aber ich verstand ihn recht gut – das war schon mal ein guter Start. Wir haben ein bisschen rumgeflachst. Er wollte wissen, wo ich herkomme, was ich mache. War eigentlich ganz nett. Gut, er hatte etwas getrunken und schwitzte viel. Egal, ich wollte ihn ja auch nicht heiraten. Eigentlich wollte ich gar nichts, sondern nur mit ihm reden. Er hatte aber wohl andere Pläne, denn irgendwann fing er an, mit mir zu knutschen. Das ist nicht so mein Ding bei jemand, den ich zum ersten Mal kennenlerne. Und dann, ehe ich mich versehe, habe ich seine Zunge im Mund. Das war jetzt eklig und ich habe ihm eine ins Gesicht geboxt. Da kamen auch schon die anderen Mädels aus dem Kurs, die uns beobachtet hatten. Der Typ ist dann auch schnell abgehauen. Aber das wirklich Peinliche an der Sache war, dass er überhaupt kein Schotte war. Das hat mir später jemand anders erzählt. Er war ein Amerikaner und hieß auch nicht McDonald, sondern arbeitete bei McDonald’s. Also wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich nicht einmal mit dem geredet. Es hätte mir auch auffallen müssen, dass er nach Frittenfett riecht. Aber, ich sage nur: frittierte Mars Riegel!“

(249) Das Schönste in Edinburgh ist McDonald’s.

„Das Schönste in Edinburgh ist McDonald’s. Das Schönste in Florenz ist McDonald’s. Damaskus und Teheran haben noch nichts Schönes.“ – „Danke, das reicht!“ Jed Runte drückte auf den Stopp-Knopf der Kamera. Der Mann vor der weißen Wand nahm die silberfarbene Perücke ab und reichte sie Karla, Runtes Assistentin. Als er weg war, sagte Karla, dass das der letzte Casting-Teilnehmer war. Runte schaute sich die Liste mit den Notizen durch, die er während der Probeaufnahmen gemacht hatte. „Wir brauchen mehr Warhols“, sagte er. „Gut, ich werde noch einmal inserieren. Wie viele brauchen wir denn noch?“ – „Ich schätze mindestens zwanzig. Ein paar werden noch abspringen, krank werden oder sterben… Sagen wir dreißig. Damit müssten wir klarkommen.“

Für sein neues Videokunstprojekt wandelte Runte auf Jørgen Leths Spuren. Leth hatte 1981 einen Film gedreht, der 66 Szenen aus Amerika hieß. Darin waren unterschiedliche Aufnahmen wie Postkarten aneinandergereiht. Eine Szene daraus hatte Runte schon immer fasziniert. Es waren Bilder, auf denen Andy Warhol einen Hamburger aß. Warhol saß an einem nackten Tisch vor einer nackten Wand mit einer Burger King-Tüte und einer Heinz-Ketchup-Flasche. Warhol nahm den Burger aus der Tüte, schüttete Ketchup aus der Flasche auf die Verpackung, tunkte den Burger in den Ketchup und aß ihn schweigend. Als er fertig war, putzte er sich den Mund ab, verpackte den ganzen Papiermüll wieder in die Tüte, die er zerknüllte und neben sich legte. Dann sagte er, irgendwie gehemmt, „Mein Name ist Andy Warhol und ich habe gerade einen Hamburger gegessen.“ In Leths Film dauert die Sequenz mit Andy Warhol vier Minuten und 27 Sekunden. Runtes Projekt bestand darin, die Szene mit 66 Warhol-Darstellern zu wiederholen und diese aneinanderzuschneiden. Den daraus resultierenden Film würde er ebenfalls „66 Szenen aus Amerika“ nennen.

Er erhoffte sich mit dem Projekt, den besonderen Blickwinkel von Leth und die Multiple-Philosophie von Warhol zu vereinen. Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr interessante Perspektiven ergaben sich bei dem Projekt. Warhol stellte Amerika dar, in allen Facetten. Die Tatsache, dass es 66 Kopien gab, die genau den gleichen Effekt hatten wie ein Original. Es war diese Dichte an Interpretationsmöglichkeiten, die bei Runte ein Glücksgefühl auslösten.

Karla kam wieder zurück. „Die Post von heute ist angekommen. Wir haben eine Antwort von McDonald’s bekommen. Sie wollen uns auch nicht sponsern.“ Burger King war natürlich die erste Wahl gewesen und erst nach deren Absage hatte Runte es bei McDonald’s probiert. Das war ärgerlich. „Wollen sie uns die 66 Hamburger sponsern?“ Karla schaute noch einmal in den Brief. „Nein, auch das nicht. Sie schreiben, dass sie uns auch keine Ausschussware geben möchten, weil sie nicht wollen, dass diese in einem Film auftaucht. Bitten um Verständnis.“ Runte schüttelte den Kopf. „Das ist jämmerlich. Jetzt könnten sie mal etwas Gutes für die Menschheit tun, aber sie tun es nicht. Jämmerlich!“

(250) Das war extrem mutig, Herr Runte!

„Das war extrem mutig, Herr Runte!“ Melia Janoschek war begeistert von den 66 Szenen aus Amerika, die Runte ihr gerade über ihre Beameranlage vorgeführt hatte. „Was mich so ein bisschen interessieren würde: Was haben Sie denn noch an weiteren Projekten in Planung?“ Runte wirkte etwas verstört. Er hatte gerade kein neues Projekt, da die Finanzierung von diesem noch völlig in der Luft hing. Er hatte das Projekt abgeschlossen und hoffte darauf, es verkaufen zu können, um seine Schulden zu tilgen. Erst dann würde er sich überhaupt Gedanken über ein neues Projekt machen. Eigentlich ging es ihm gerade ums physische Überleben. Melia Janoschek war ein aufstrebender Stern am Sammlerhimmel und man sagte, dass sie Geld ohne Ende in Kunstprojekte steckte.

Die junge Sammlerin schaute ihn verständnisvoll an, während sie auf seine Antwort wartete. Als er nichts sagte, meinte sie: „Ich wäre natürlich gerne bei dem Projekt von Anfang an dabei gewesen. Andy Warhol ist mein Gott. Es gibt niemand, der über ihm steht. Ich hätte natürlich nichts anders gemacht oder Sie beeinflusst. Aber ich wäre gerne dabei gewesen. Ich möchte mich mit Ihnen zusammensetzen und Ihnen mit allen Mitteln helfen, Ihr Projekt zu realisieren. Schade, dass das Projekt jetzt schon fertig ist. Vielleicht beim nächsten Mal.“ Bei Runte fiel der Groschen. „Nun, ganz fertig ist es noch nicht. Ich glaube, ich werde noch ein bisschen… ziemlich viel austauschen müssen. Mehr Variation oder die Szenen ineinander übergehen lassen… Solche Dinge. Das hier ist nur, wie soll ich sagen, Rohmaterial. Der Steinbruch aus dem ich, ich meine wir, etwas Großes machen können. Also mit Ihrer Hilfe würde das etwas ganz Tolles werden.“ Jetzt strahlte Melia Janoschek. „Das höre ich gerne, Herr Runte. Wenn das so ist, dann können wir, glaube ich, zusammenarbeiten. Was brauchen Sie denn alles, damit Sie das Projekt zu Ende bringen können?“ Runte wollte am liebsten Geld verlangen, aber er hatte Angst, dass das die Sammlerin abschrecken würde. Reiche Leute waren immer abgeschreckt, wenn man von ihnen Geld verlangte. Dabei war es meistens das Einzige, was sie auszeichnete. Er musste also eine Zeit lang noch weiter an den 66 Szenen arbeiten, bis seine Mäzenin den Eindruck hatte, dass es auch ihr Kunstwerk war. Dann konnte er es verkaufen. Aber bis dahin? „Ich brauche Platz“, log er, aber sie sprang sofort darauf an. „Platz? Sehr gut! Davon habe ich mehr als genug. Warum übernehmen Sie nicht eins von den Ateliers hier im Haus? Sie können dann auch gleich hier wohnen. Dann können wir viel leichter an dem Werk arbeiten. Was meinen Sie?“ Runte willigte freudig ein. Das war ein Glücksgriff gewesen, dass er das Gespräch noch so umbiegen konnte. Wenn er sagen konnte, dass er bei der Sammlerin Janoschek eingezogen war, würde sich seine Kreditwürdigkeit um ein Vielfaches erhöhen. Außerdem konnte er Wohnung und Atelier kündigen und Geld sparen. Vielleicht würde seine Mäzenin auch Karla einstellen. Sonst musste er sie gehen lassen, egal wie billig sie war. Es war eine Gelegenheit.

Frau Janoschek schaute auf die Uhr. „Herrje, jetzt muss ich aber gehen, ich werde abgeholt. Überlegen Sie sich das mit dem Einzug noch einmal und wir sprechen dann wieder. Extrem mutig, Herr Runte. Extrem!“ Dann war Runte aus dem Gespräch entlassen. Er fühlte sich etwas hilflos.

(251) Der Manager und die Sammlerin.

Der Manager und die Sammlerin. So nannte man sie. Beide bekannt aus TV und Presse, schön und wohlhabend. Nun ja, Melia Janoschek war reicher als er, Tobias Hüfner. Als Konzernchef zählte er zwar zu den Top Ten-Verdienern der Nation, aber er hatte halt kein geerbtes Vermögen hinter sich, nicht so wie Melia. Eigentlich war es kein Thema zwischen ihnen, aber er musste trotzdem immer wieder daran denken.

Melia kam aus ihrem Haus, er stieg aus dem Auto. Sie umarmte ihn, er küsste sie. Natürlich gafften Passanten und einige machten auch Fotos. Er war es schon gewöhnt. Er wollte es genießen, denn er war jetzt auf der Sonnenseite des Lebens angekommen. Die Scheidung von Marieluise war unterwegs und er brauchte sich endlich nicht mehr zu verstellen.

„Wie war dein Tag?“, fragte er. Sie erzählte von ihrem Termin mit Runte. „Sein Projekt sah wirklich gut aus. Ich meine, wenn sich ein Bild einmal so eingebrannt hat, dann ist das schon immer ein gutes Kriterium, um bei mir in die Sammlung aufgenommen zu werden.“ Hüfner nickte. „Wir fahren jetzt zu dieser Skulpturen-Vernissage, ja?“ – „Genau. Cuvrystraße/ Ecke Schlesische Straße. Ein Projekt von Kurt Kessler. Er hat da einen Moai gebaut.“ – „Das ist doch schön, ich wollte schon immer zur Osterinsel, aber es war mir zu weit. Kurt Kessler macht es möglich.“ Sie lachte und erzählte von einem anderen Projekt, an dem sie arbeitete. Hüfner hörte weg. Manchmal nervte sie mit ihrer Art als verwöhntes Gör. Sie hatte sich nie für etwas ins Zeug legen müssen. Andererseits war sich Hüfner nicht mehr so jung vorgekommen, seit er denken konnte. Er war nicht mehr nur der alte Sack, der diesen Medienkonzern leitete und von dem in der Wirtschaftspresse geschrieben wurde. Nein, er war zu einer richtigen Präsenz geworden. Ohne sie wäre das nicht möglich gewesen.

Als sie in die Schlesische Straße einbogen, sahen sie schon von Weitem das Blaulicht an der Cuvrystraße. Autos stauten sich auf und es ging nicht weiter. „Das muss ja eine große Vernissage sein. Kurt Kessler zieht mal wieder ganz extrem“, sagte sie. Irgendwie hatte sie ihm immer noch nicht verziehen, dass er kein Projekt mit ihr machen wollte. Die Vernissage schwänzen ging aber nicht, dafür waren zu viele wichtige Leute da. „Nein, da ist etwas passiert“, sagte Hüfner. Ein Polizist kam ihnen auf dem Motorrad entgegen. Hüfner fragte ihn, was denn los sei. „Dieser Betonklotz ist umjefallen und jetzt müssen alle erst einmal kieken, worauf er druff gefallen ist. Am besten Sie drehen um, hier jeht es erst mal nicht weiter.“ Hüfner schickte sich an, das Auto zu wenden. „Ach, das würde ich mir zu gerne ansehen“, meinte Melia schadenfroh. „Nein“, sagte er, „komm wir gehen ins Grill Royal.“ – „Nein“, sagte sie. „Ich will Kurt Kessler am Boden sehen. Am Wochenende auf Sylt kannst du bestimmen.“ Tobias Hüfner reihte sich trotz Protestgehupe des Hintermannes wieder in die Kolonne ein.

(252) Melia lag im Bikini auf der Terrasse ihres Sylter Ferienhauses und sonnte sich.

Melia lag im Bikini auf der Terrasse ihres Sylter Ferienhauses und sonnte sich. Tobias Hüfner stand innen hinter der geschlossenen Tür und betrachtete sie, während er an einer Telefonkonferenz teilnahm. Studien hatten herausgefunden, dass es eine Marktlücke für eine Frauenzeitschrift gab, die sich an lesbische Frauen wendete. Der Arbeitstitel war „Zapfo“, weil das zuständige Vorstandsmitglied Meinold Keitel den Namen ‚Sappho‘ nicht richtig aussprechen konnte. Bei der Telefonkonferenz sollte das weitere Vorgehen besprochen werden. Der Vorstandsvorsitzende war nur dabei, weil es ein, wie Keitel sagte, „sensibles“ Thema war. Hüfner sah sich dabei Melia an.

Sie sah genauso aus, wie er sich eine Frau wünschte. Vielleicht wäre alles einfacher, wenn sie nicht so reich wäre. Es war nicht einfach, zu wissen, dass sein Wohlstand für sie in Wirklichkeit nichts bedeutete. Aus ihrer Sicht war er wahrscheinlich auf der gleichen Ebene wie einer seiner Abteilungsleiter für ihn. Natürlich sagte sie, dass das nicht wichtig sei. Aber am Ende war es das doch. Sie war gewohnt, dass sie ihren Willen durchsetzte. Sie hatte bestimmt, dass sie doch zu der Vernissage des schrecklichen Kurt Kessler fuhren. Und natürlich war Melias Schadenfreude schnell versiegt, als Kessler behauptete, der Einsturz des Moai sei das eigentliche Ziel der Aktion gewesen und daraufhin von allen Besuchern Beifall erhielt. Sie war noch so naiv und auch so lebendig. Wie sie dalag in ihrem gelben Bikini, der zu groß geratenen Sonnenbrille und dem verwitterten Strohhut, den sie nur hier tragen würde…

„Sind Sie auch dieser Meinung, Herr Hüfner?“, fragte einer der anderen Teilnehmer der Telefonkonferenz. Hüfner sagte, dass er noch nicht verstanden hatte, wer denn die Zielgruppe von Zapfo sein sollte. Waren es wirklich lesbische Frauen oder waren es Männer, die gerne Zeitschriften für lesbische Frauen lasen? Das sollte man doch vorher wissen. Darauf entstand eine Diskussion der anderen Teilnehmer, allesamt Männer, wie eine Zeitschrift für Lesben auszusehen hätte.

„Ich habe jetzt einen Anschlusstermin“, sagte Hüfner ins Telefon. „Schicken Sie mir ein Update, wenn Sie sich geeinigt haben.“

Als er den Anruf beendet hatte, klingelte ihr Telefon. Ballade pour Adeline. Natürlich ironisch. Melia richtete sich auf. Sie lachte herzlich, strich sich durch das Haar. Normalerweise wollte sie von niemand gestört werden, wenn sie auf Sylt war. Es musste jemand sein, der ihr wichtig war. Wahrscheinlich ein Protegé, dachte Hüfner. Jemand, der alles tat, was sie wollte. Wegen des Geldes, wegen der Aura des Geldes. War er auch so? Wäre sie wirklich genauso attraktiv für ihn, wenn sie eine Sekretärin oder Verkäuferin wäre?

In der Ferne kamen Gewitterwolken heran. Heute Abend wollte er mit Melia ins Sansibar gehen. Dort würden sie bestimmt ein paar Leute aus der Branche treffen. Das würde ihm guttun. Melia hatte ihm versprochen, dass er bestimmen konnte.

(253) Bisher hatte Rolf Nahmer noch nie eine Fokusgruppe bestehend aus Lesben geleitet.

Bisher hatte Rolf Nahmer noch nie eine Fokusgruppe bestehend aus Lesben geleitet. Er war Entwicklungsredakteur und arbeitete gerade an dem Projekt mit dem Arbeitstitel „Zapfo, das Magazin für die moderne Lesbe“. Mit ihm in der Runde saßen Micha (23), Patty (31) und Sanne (37). Nahmer hatte bei der Einführung herumgedruckst, weil er nicht wusste, wie er das Projekt beschreiben konnte, ohne bei seinen Gruppenmitgliedern ins Fettnäpfchen zu treten. Sanne hatte schließlich die Gruppe in die Hand genommen, indem sie sagte: „Also wenn ich das richtig verstehe, Ihr wollt eine Zeitschrift für Lesben machen, habt aber keine Ahnung davon. Richtig?“ Nahmer musste gestehen, dass das den Nagel auf den Kopf traf. „Prima“, feixte Sanne. „Wir haben zwar keine Ahnung vom Zeitschriftenmachen, aber mit dem Rest kennen wir uns prima aus. Was wollen Sie wissen?“ – „Gut“, sagte Nahmer und räusperte sich. „Schön, dass wir gleich konkreter werden können. Aus meiner Erfahrung braucht das immer ein bisschen bei… Aber lassen wir das. Welchen Themen würden Sie in einer Zeitschrift für… Ihre Zielgruppe finden wollen?“ – „News, die für uns relevant sind, wären mir sehr wichtig“, sagte Patty. „Ja, neue Filme, Ausstellungen, Bücher…“, pflichtete ihr Micha bei. „Natürlich auch Gesetze, Politik. Aus unserer Sicht, klar?“, fügte Sanne hinzu. Nahmer notierte eifrig. Die Fokusgruppe wurde zwar auch von Kameras hinter den Einwegspiegeln aufgezeichnet, aber das Schreiben gab ihm etwas zu tun und es sah aus, als ob er sich interessierte. Er hatte die Aschkarte gezogen mit dem Projekt. Zuerst waren alle Redakteure ganz wild darauf gewesen. Als es dann hieß, dass Sex nicht das wesentliche Thema sein würde, war der Enthusiasmus jäh zurückgegangen. Nahmer hatte das Projekt aufgedrückt bekommen, weil er im Urlaub war und sich nicht wehren konnte. „Was ist mit Mode?“, fragte er. Ablehnende Gesichtsausdrücke. „Dafür gibt es andere Zeitschriften, Lesben ziehen sich nicht wesentlich anders an als andere Frauen“, erklärte Patty. „Es sei denn, es geht um lesbische Designerinnen, das wäre dann schon wieder interessant.“ – „Das stimmt. Eigentlich alles, was Lesben machen interessiert. Ob das Filme sind oder Staudämme. Lebensbilder. Jederzeit gerne.“

„Wie ist es mit Erotik?“, fragte Nahmer und wurde schlagartig rot im Gesicht. Die Frage stand auf der Liste und er konnte sie nicht übergehen. „Gut und bei Ihnen“, antwortete Sanne ganz cool. Micha und Patty mussten lachen. „Nein, ich meine, ist das ein Thema für das Magazin?“ – „Naja, es gehört ja schon zum Leben dazu“, antwortete Patty. „Aber was stellen Sie sich genau vor?“ Nahmer hatte gerade Bilder im Kopf und zusätzlich zum Erröten brach ihm auch noch der Schweiß aus. „Ich weiß nicht. Tests von Sexspielzeug. Und so…“ – „Natürlich“, sagte Sanne. „Testberichte, jederzeit gerne. Wir wollen alle Details wissen!“

(254) H. Scherbaum Postlagernd 45001 Essen.

H. Scherbaum Postlagernd 45001 Essen. Das war die Adresse, an die Hannes Scherbaum sich Post schicken ließ, die seine Frau nicht sehen sollte. Er hatte nämlich die Testausgabe einer neuen Zeitschrift bestellt: Sappho.

Er hatte gelesen, dass es eine Publikumszeitschrift gebe, die sich an lesbische Frauen wandte. Das interessierte Scherbaum ungemein. Daher die Bestellung. Den Vornamen hatte er abgekürzt, weil die Herausgeberinnen (er nahm an, dass es sich um Frauen handelte. Das musste es ja zwangsläufig sein!), vielleicht nicht an Männer verkaufen wollten. Er hatte zuerst Hannelore schreiben wollen, aber das hätte vielleicht zu Nachfragen bei der Post geführt. Bestimmt würde er nach dem Ausweis gefragt werden und Hannes ist nun mal nicht Hannelore. H. war ganz neutral.

Scherbaum fühlte eine große Verbundenheit zu Frauen. Ganz besonders zu Lesben, denn sie hatten ebenfalls eine große Verbundenheit zu Frauen. So hatten Lesben und er etwas gemeinsam. Das verband, fand er. Hätte er die Wahl, wäre er am liebsten selber gerne eine Lesbe. Er stellte sich vor, dass Lesben bestimmt oft, nein ständig Sex mit wechselnden Frauen hatten. Das fand er besonders aufregend. Seine Ehe mit Lieselotte dauerte jetzt schon ewig und aufregend war sie nicht gerade.

Auf jeden Fall freute sich Hannes Scherbaum darauf, die neue Zeitschrift in Händen zu halten. Er sagte sich, dass vier Tage nach der Bestellung die Sendung in der Post angekommen sein dürfte. Schließlich wollten die Frauen von Sappho ja ein Geschäft machen und je eher sie auslieferten, desto eher kamen die Abonnements. Hannes war sich fast sicher, dass er ein Abonnement abschließen würde. Das wäre bestimmt aufregend. Vier Tage hieß zwei Tage bis sein Brief bei Sappho angekommen war und zwei Tage für die Rücksendung. Am fünften Tag ging er zur Postfiliale in der Hachestraße 2. Das war neben dem Hauptbahnhof und dort kam er jeden Tag zweimal vorbei auf dem Weg ins Büro und zurück. Er stellte sich in die Schlange und als er dran war, legte er einen Zettel vor die Schalterbeamtin. Darauf stand ‚H. Scherbaum Postlagernd‘. „Ist etwas für mich angekommen?“, fragte er. Sie nahm den Zettel, ging zu einem Sortiertisch und schaute nach. Kopfschüttelnd kam sie zurück. Scherbaum kam jeden Tag zurück und jedes Mal das gleiche Ergebnis. Er zweifelte, ob das mit der Adressierung klappte und adressierte selbst ein Kuvert mit der gleichen Postlageradresse. Als er zwei Tage später wieder in der Hachestraße war, empfing ihn die Schalterbeamtin, die ihn mittlerweile schon gut kannte, mit einem Lächeln. „Es ist etwas für Sie angekommen, Herr Scherbaum.“ Zuerst hatte sein Herz einen Hüpfer gemacht, weil er dachte, es sei die Zeitschrift, aber dann war es wirklich nur sein eigenes Kuvert. Er bedankte sich und die Schalterbeamtin rätselte noch den ganzen Tag über, warum er sich nicht über den Brief gefreut hatte.

(255) Lieselottes 53. Geburtstag sollte lustig werden.

Lieselottes 53. Geburtstag sollte lustig werden. Nicht wieder so eine fade Familienfeier, hatte Patricia, ihre Tochter, gesagt. Deshalb hatte sie mit ihrer Tochter Thea, Lieselottes Enkelin, eine Überraschung ausgeheckt. Eigentlich war es Theas Idee gewesen, sagte Patricia. Auf jeden Fall sollte jeder bei der Party eine Tiernase tragen. Das war schon bei der Fastnachtsfeier der Schule der Renner gewesen. Steffen, Theas Vater, hatte nur den Kopf geschüttelt, aber Patricia meinte, dass das gut sei, wenn Thea selbst Ideen hatte und umsetzte.

Für ihre Großmutter hatte Thea eine süße Schweinsnase ausgewählt. Lieselotte freute sich mit ihrer Enkelin und posierte gut gelaunt mit ihr für Fotos, die Patricia schoss. Thea hatte sich eine Mausnase umgeschnallt. Auf einem Tisch lag die ganze Auswahl davon: Katze, Elefant, Affe, Ente, Hund, Tukan… Jeder durfte sich nehmen, was er wollte oder was noch übrig war. Steffen hatte sich eine Affenschnauze genommen. Irgendwie witzig war es schon, dachte er. Dann nahm ihn Lieselotte in den Arm und nannte ihn ihren affigen Schwiegersohn. Steffen war sich nicht sicher, was sie damit meinte. „Wo ist Hannes?“, fragte er, um das Thema zu wechseln. „Keine Ahnung“, antwortete sie und dann kam gerade Hannes zur Tür herein.

„Wo warst du?“, fragte Lieselotte Hannes, „Man vermisst dich.“ – „Ich musste noch zur Post“, sagte er. „Schon wieder? Wenn du Geburtstag hast, bekommst du von mir einen ganzen Bogen mit Briefmarken.“ – „Du siehst sehr attraktiv aus, mit der Schweinsnase“, antwortete er. „Was hat Vater dir denn zum Geburtstag geschenkt?“, fragte Patricia. „Er hat den Polstersessel, den ich neumachen ließ, abgeholt und bezahlt“, antwortete sie. „Das ist ja ein aufregendes Geschenk“, sagte Patricia.

„Opa, du musst dir auch eine Nase aussuchen“, meldete sich Thea. Sie führte Hannes zu dem Tisch, auf dem sie die Masken ausgelegt hatte. Es war nur noch eine Elefantenrüsselnase übrig. Keiner hatte sie haben wollen. „Du bist ein Elefant“, sagte Thea. Hannes musste in die Knie gehen und dann legte seine Enkelin ihm die Maske um. Patricia schoss ein Foto. Hannes versuchte noch, sein Gesicht zu verstecken, aber es war zu spät. Der Rüssel sah nicht besonders vorteilhaft aus. Er schaute sich im Spiegel und fand, dass der Rüssel wie ein schlaffer, faltiger Penis aussah. „Und ich bin der alte Sack, der dran hängt“, sagte er zu Lieselotte, die sich neben ihn gestellt hatte. Wortlos nahm sie ihm die Maske ab, setzte ihm ihre Schweinchennase auf und sich den Elefantenrüssel. „So besser?“, fragte sie. Aber dann brüllte schon Thea: „Das geht nicht, Oma, das Schwein bist du! Du darfst nicht einfach tauschen!“ – „Nein, nein“, sagte Hannes“, das Schwein bin ich.“ – „Und ich bin dann der Affe“, stellte Steffen fest.