(244) Klassikradio geht vor die Hunde, jetzt spielen sie schon Klavierstücke von Nixon.

„Klassikradio geht vor die Hunde, jetzt spielen sie schon Klavierstücke von Nixon. Was kommt als Nächstes? Hänschen klein auf dem Xylofon, gespielt von Christian Wulff?“ Dieter Ziegelschmidt stand aus dem Lehnsessel auf und machte das Radio aus. Dann schaute er raus auf die Straße. Seit er vor einem halben Jahr in den Vorruhestand gegangen war, fühlte er sich ständig kribblig. Es war ihm, als ob jeden Augenblick etwas passieren könnte, aber dann traf es doch nicht ein. Immer angespannt sein, das ermüdete auch. Draußen war es ruhig auf der Straße. Der Werbeheini, der vor Kurzem gegenüber einzog, war bei der Arbeit und seine Nachbarin, die geschiedene Frau Mencke, war erst vorhin mit ihrer Tochter Maxine zum Einkaufen gefahren. Ziegelschmidt ließ sich wieder in den Sessel fallen. „Es ist alles ruhig draußen“, schrie er hinüber zu Vera, seiner Frau, die gerade die Waschmaschine ausräumte. Entweder hörte sie ihn nicht oder sie sagte nichts. Wahrscheinlich sagte sie nichts, denn er hatte wahrlich eine gute Stimme. In den vielen Jahren, in denen er unterrichtet hatte, war seine Stimme immer zuverlässig gewesen. Laut und deutlich hörbar im ganzen Klassenzimmer. Er wiederholte seinen Satz etwas lauter. Wieder keine Antwort, das bedeutete, Vera sagte nichts.

Ziegelschmidt schaute auf die Uhr. Es war noch zu früh, um den Fernseher einzuschalten. Nur am Samstag erlaubte er es sich, schon am Nachmittag fern zu sehen. Fußball war wichtig. Sonst schaltete er erst ein, wenn die frühen Abendnachrichten anfingen. Es war ein Weg, der Verwahrlosung, die oft mit der Rente kam, entgegen zu treten. Er schlug wieder die Zeitung auf und schaute sich die Kleinanzeigen noch einmal genauer an. Vera kam jetzt aus dem Badezimmer und wollte mit dem Wäschekorb in den Garten. Ziegelschmidt wiederholte, dass draußen alles ruhig sei. „Ich weiß, Dieter, das hast du schon zweimal gesagt.“ – „Warum antwortest du denn nicht?“ – „Habe ich doch, aber du hast mich nicht gehört.“ – „Ach was, du hast dann wieder undeutlich gesprochen. Nicht murmeln, laut reden. Dann verstehe ich dich auch.“ Vera antwortete nicht mehr und ging zur Hintertür raus in den Garten. Ziegelschmidt vertiefte sich wieder in die Zeitung, als die Uhr schlug. Er verglich die Uhrzeit, mit der auf seiner Armbanduhr und stutzte. Zwei Minuten Unterschied. Wie konnte das sein? Und vor allem, welche Uhrzeit war richtig? Er beschloss, den Fernseher einzuschalten, um die Uhrzeit im Teletext mit den anderen Uhrzeiten zu vergleichen. Im Programm lief gerade Werbung für einen Schokoriegel, der wichtige Vitamine für Kinder enthalten sollte. Ziegelschmidt lachte kurz höhnisch auf und drückte die Taste für den Teletext. Gerade als er die drei Uhrzeiten miteinander verglich, hörte er draußen einen Wagen. Er wollte nachsehen, aber zuerst musste er die Zeiten abgleichen. Ein Ding nach dem anderen. Es schien, als ob die Standuhr und seine Armbanduhr falsch gingen. Wo gab es denn so was? Dann fuhr draußen noch ein Wagen vor. „Das gibt’s doch nicht“, sagte sich Ziegelschmidt. „Hat man denn hier keine Ruhe? Das geht ja zu wie auf dem Jahrmarkt!“

(245) Guten Tag, Herr Hahn.

„Guten Tag, Herr Hahn. Sie kommen heute aber früh von der Arbeit zurück.“ Luise Mencke setzte ihr bestes Lächeln auf, um ihren Nachbarn zu begrüßen. „Sag Herrn Hahn Hallo, Maxine“, ermahnte sie ihre Tochter, die rot anlief und nur scheu hinüberwinkte. In seinem dunklen Anzug sah Richard Hahn wieder aus, wie aus dem Ei gepellt. „Guten Tag, Frau Mencke. Ich habe nachher noch etwas vor. Schönen Abend Ihnen.“ Dann ging er ins Haus, von Frau Menckes Blicken gefolgt. „Mama, kommst du jetzt endlich?“ Maxine stand schon mit den Einkäufen an der Haustür. Schnell schaute Frau Mencke noch zum Haus gegenüber und grüßte den überaus neugierigen Herrn Ziegelschmidt, der genau beobachtete, was so in der Nachbarschaft passierte. Dann ging sie mit Maxine ins Haus.

Wie gerne hätte sie auch noch etwas vorgehabt am Abend. Aber so würde sie Maxine bei den Hausaufgaben helfen, Abendessen zubereiten, essen und abwaschen. Danach irgendwelche Serien im Fernsehen schauen, sich mit Maxine streiten, damit das Mädchen endlich ins Bett ging und dann würde sie weiter fernsehen, bis sie vor der Kiste eingeschlafen war. So war es an jedem Abend, seit sie von Mirko geschieden war.

Würde es immer so weitergehen?, fragte sie sich, während sie die Einkäufe in der Küche verstaute. Als Richard Hahn nebenan einzog, hatte sie gedacht, dass sich daraus etwas ergeben könnte. Er hatte alle Kriterien erfüllt, die sie einmal in einer Liste zusammengestellt hatte. Es war ein Ratschlag in irgendeiner Zeitschrift. Eine Liste machen, damit man überhaupt wusste, wonach man suchte. Und Richard Hahn hatte alles erfüllt. Er war groß und schlank. Nicht zu athletisch, aber jemand, der sich bemühte, gut auszusehen. Er hatte Geschmack bei der Auswahl von Kleidung. Niemand, der ihm Krawatten herauslegen musste, damit alles passte. Er konnte sich ausdrücken, bildete vollständige Sätze und lächelte sehr viel. Sehr subtil war er. Unterschwellig wurde ihr immer heiß, wenn sie näher an ihm stand und sich mit ihm unterhielt. Sex mit diesem Mann musste eine Offenbarung sein. Aber er war kein Hallodri. Kein Mann, der ständig mehrere Affären laufen hatte und es brauchte, um ein ganzer Mann zu sein. Nein, er würde sich auf eine Frau konzentrieren können. Seriöse auch. Bestimmt ein guter, verständnisvoller Vater für Maxine. Jemand, der einen Teil der Last übernehmen würde. Sich einen Tag keine Gedanken um Maxine machen zu müssen, wäre schon eine Erlösung. Und vor allem war er wohlhabend. So ein Werbefachmann, wie er, verantwortete Riesenbudgets. Erst vor Kurzem hatte er ihr erzählt, dass er diese Werbespots für Schokoriegel drehte. Jemand, der so viel Verantwortung trug, musste einfach jede Menge Geld verdienen. Es wäre eine Wohltat, sich keine Gedanken mehr darüber machen zu müssen, ob sie genug Geld für die Miete und das Kleid haben würde. Oder nur für das Kleid. Nein, dann würde sie das Kleid nehmen und auch noch das Parfüm, die Schuhe und die Handtasche. Sie würde damit in die Oper gehen können, anstatt zu Hause zu versauern. Ja, Richard Hahn war unter allen Aspekten genau der richtige Mann für Luise Mencke. Er hatte nur einen Nachteil: Er schien sich nicht die Bohne für sie zu interessieren. Höflicher Smalltalk, aber er kam zu keiner Essenseinladung oder zu den Nachbarschaftstreffen… Ob Hahn sich auch eine Checkliste angelegt hatte und sie darauf bewertet und für ungenügend befunden hatte? Wollte sie es wirklich wissen?