(225) Linges Großvater war 1920 als Sohn eines Schlossers in Hamburg geboren worden.

Linges Großvater war 1920 als Sohn eines Schlossers in Hamburg geboren worden. Nach Volksschule samt Hitlerjugend und Landjahr begann er eine Maschinenschlosserlehre. Von 1939 bis 42 war er als unabkömmlich gestellt. Danach Soldatenausbildung in Dänemark und Anfang 1943 Entsendung als MG-Schütze an die Ostfront. Wurde verwundet und kam Ende 1944 nach Lübeck zu einer Genesungskompanie. Dort fiel er Ende April 1945 als einer der letzten, bevor die Stadt von den Briten erobert wurde. „Das scheint mir eine recht typische Lebensgeschichte für diese Zeit zu sein“, warf Piasta ein. „Das stimmt, aber es geht auch noch weiter.“ Linges Großvater hatte eine Schwester, Edeltraud, die geistig zurückgeblieben war. „Sie war nicht verrückt. Nur etwas langsamer. Verträumter. Mein Großvater mochte sie sehr. Als er einmal auf Fronturlaub kam, war Traudl nicht mehr zu Hause. Man hatte sie in ein Heim gebracht. Er ging sie besuchen. Die Umstände im Heim waren katastrophal, aber mein Großvater hatte schon damals so viel Schreckliches an der Ostfront erlebt, dass er nichts tat. Dann kam er noch einmal auf Fronturlaub und Traudl war sehr abgemagert, etwas verwahrlost. Aber er tat nichts und er musste bald auch wieder weg. Beim nächsten Feldurlaub war sie tot. Es gab kein Grab. Sie sei an Grippe gestorben. Und wieder hat er nichts getan.“ Es war sehr still in dem Abteil. Die Luft war stickig und man konnte kein Fenster öffnen. „Was glauben Sie?“, fragte schließlich Piasta. „Jeder wusste es. Sie war ermordet worden. Unwertes Leben. Ich fahre nach Hamburg, um mehr darüber herauszufinden. Ich will wissen, was mit Traudl passiert ist.“ Piasta dachte nach und sagte dann: „Wird wahrscheinlich nicht einfach sein, nach all den Jahren. Aber warum hat Sie das so mitgenommen? Entschuldigen Sie, ich wollte nicht respektlos klingen.“ Linge atmete schwer. „Die Frage ist…“ Seine Stimme stockte, als ob er bald weinen musste. „Die Frage ist berechtigt. Es ist… weil… Ich hatte auch eine Schwester. Gabi. Sie war wie Traudl, auch etwas… verträumt. Als Kind mochte ich sie sehr gerne, weil sie immer gute Laune hatte. Und irgendwann war sie weg. In einem Heim. Ich habe sie… Keiner in der Familie hat sie besucht. Glaube ich. Ich… nicht. Als ich zwanzig war, starb sie. Es war nur ein kleiner Satz. ‚Gabi ist jetzt tot‘. So wie ‚Heute Morgen hat es geregnet‘. Ein Satz, dem man keine Bedeutung beimisst. Gabi war tot und ich hatte nichts getan. Ich hatte sie nicht besucht. Nichts. Und erst als ich die Papiere wegen Traudl wiederfand, kam das alles hoch. Ich war tagelang wie gelähmt. Und jetzt muss ich nach Hamburg. Ich will zumindest aufklären, für mich begreifbar machen, was mit Edeltraud passiert war.“ Piasta nickte verständnisvoll. Dann legt er seine Hand auf Linges Handrücken: „Aber Sie konnten nichts dafür. In beiden Fällen nicht. Sie sollten sich keine Vorwürfe machen.“ Jetzt hatte Linge ganz feuchte Augen. „Edeltraud, ja, da war ich noch nicht geboren. Aber bei Gabi gab es mich schon. Und ich war nicht im Krieg. Ich war da, aber es hat mich nicht gekümmert.“ Linge atmete tief durch und setzte sich wieder auf. „Daran werde ich bis an mein Lebensende zu kauen haben.“

(226) Enno Piasta hatte keine Lust, dem Jammern seines Abteilnachbarn weiter zuzuhören.

Enno Piasta hatte keine Lust, dem Jammern seines Abteilnachbarn weiter zuzuhören. Der Zug stand immer noch im Tunnel und es hatte keine Ansagen gegeben, wann es weiter gehen würde. Man hörte überhaupt kein Geräusch. Linge atmete schwer und es war klar, dass er in Kürze wieder genug Kraft hatte, um weiter seine jämmerliche Geschichte zu erzählen.

Piasta stand auf. „Ich gehe mir etwas im Speisewagen holen. Kann ich Ihnen etwas mitbringen?“ Linge schüttelte den Kopf und hob abwehrend die Hand. Wenigstens wollte er nicht mitkommen. In einem flüssigen Bewegungsablauf schlüpfte Piasta aus dem Abteil und schloss erleichtert die Schiebetür hinter sich zu. Der Seitengang war leer. Ein Schild wies den Weg zum Speisewagen. Die Abteile, an denen Piasta vorbeiging waren ebenfalls leer, dabei hatte er den Zug als gut besetzt in Erinnerung. Der nächste Waggon war ebenfalls menschenleer. Alle Waggons einschließlich des Speisewagens waren völlig verlassen. Piasta war verblüfft und fühlte sich, als ob er in einem Traum sei.

Eine Waggontür stand auf. Unterhalb, auf dem Schotter, sah er einen Frauenpumps liegen. So als ob eine Frau in Eile ausgestiegen sei, den Schuh im Schotter verloren und keine Zeit hatte, ihn zu suchen. Im Widerschein der Zugbeleuchtung sah er in der gegenüberliegenden Tunnelwand eine Öffnung. Nach kurzem Zögern stieg er aus und ging hinüber. Ein Windhauch fuhr durch den Tunnel und es klang, als ob ein wildes Tier darin atmete. Piasta beeilte sich und dann fiel schlagartig die Zugbeleuchtung aus. Es war völlig dunkel im Tunnel. Piasta tastete in der Nische umher und fand eine Eisentür, die er nur mit Mühe aufbekam, denn dahinter schien Überdruck zu bestehen. Wenigstens war es dort nicht vollkommen dunkel, eine schwachleuchtende Lampe hing an einer Betonwand. Piasta schien sich in einem Treppenschacht zu befinden. Rechts ging die Treppe hoch, links hinunter. Darüber und Darunter war es dunkel. In der Mitte des Aufgangs war ein Loch und davor ein rostiges Geländer. Er stellte sich ans Geländer, aber es war völlig dunkel. Er spuckte hinunter, aber hörte nichts. Es war kalt und feucht in dem Schacht. Dann sah er einen Kasten an der Wand. Er öffnete ihn und darin war eine Taschenlampe befestigt. Er schaltete sie ein und sie funktionierte, wenn auch nur schwach. Er leuchtete in den Mittelschacht hinunter, aber die Lampe war zu schwach, um die Dunkelheit zu durchbohren.

Piasta beschloss, der Treppe nach oben zu folgen. Der Schacht war quadratisch und an jeder Seite waren zehn Stufen. Es gab keine weiteren Türen an den Wänden und als er nach vielen Umrundungen nach unten schaute, konnte er das Licht vom Einstieg nicht mehr erkennen, wenn es denn überhaupt noch brannte. Durch die Feuchtigkeit und die Anstrengung war Piasta ins Schwitzen geraten. Gleichzeitig wurde ihm kalt, wenn er einen Moment pausierte. Mit den Fingern hatte er zählen wollen, wie oft er eine Umrundung vollendete, aber er hatte irgendwann den Überblick verloren. Es schien auch keinen Sinn zu machen, denn die Treppe war endlos.

(227) Gerade als Enno Piasta dachte, dass er nicht mehr weiter Treppen steigen konnte…

Gerade als Enno Piasta dachte, dass er nicht mehr weiter Treppen steigen konnte, hörte er leise Musik. Zuerst dachte er an Halluzinationen, doch dann wurde es lauter. Nach der nächsten Umrundung sah er auf dem Treppenabsatz weiter oben eine Tür, ähnlich wie die, durch die er in das unendliche Treppenhaus gelangt war. Durch diese Tür kam die Musik in den Schacht. Mittels einer Schablone war auf der Tür die Zahl ‚347‘ aufgemalt.

Er öffnete die Tür. „..want to go where the people dance, I want some action…“ Laute Discomusik empfing ihn. Hinter ihm fiel die Tür zu. Er ging einen Gang hinunter, an dessen Ende sich ein beleuchteter Durchgang befand, durch den die Musik kam. „I want to live!“

Als er durch die Öffnung durchging, sah Piasta, dass er sich in einer Disco befand, in der Hunderte von Menschen sich auf der Tanzfläche bewegten. Es gab farbige Schweinwerfer, die im Rhythmus der Musik flackerten und kreisten. Oben an der Decke hing eine riesige Discokugel, deren kleine Lichtblitze durch den Raum wanderten.

„Action… I have got so much to give.“ Einige der Leute auf der Tanzpiste kamen Piasta bekannt vor, aber er konnte sie nicht einsortieren. „I want to give it. I want to get some too.“ Jemand tippte Piasta auf die Schulter, er drehte sich erschrocken um. „I love the nightlife!“. Vor Piasta stand ein uniformierter Zugschaffner – derselbe, der vorhin seine Fahrscheine kontrolliert hatte.

„Personalwechsel. Die Fahrscheine, bitte.“ Der Schaffner wedelte mit der Lochzange vor Piastas Gesicht. Auf der Brust hatte er ein Namensschild auf dem ‚Kellermann‘ stand. „Ich… aber… Sie haben die doch schon kontrolliert…“ – „Personalwechsel!“, wiederholte der Schaffner bedrohlich. Seine Augen funkelten. Piasta klopfte seine Taschen ab und sah den Schaffner bedauernd an. „Wenn Sie keinen Fahrschein haben, dann muss ich Sie leider wieder hinausbegleiten.“ Der Schaffner kam auf ihn zu. Er war ein breitschultriger Mann mit einem buschigen Slawenhaken um den Mund herum. „Ich kann ja vielleicht einen neuen Fahrschein kaufen!“ Piasta wollte nach seiner Brieftasche greifen, aber er fand sie nicht. „Tut mir leid, mein Herr. Wir verkaufen keine Fahrscheine hier. Wenn Sie keinen haben, müssen Sie wieder dahin zurückgehen, wo Sie herkamen.“ Der Schaffner bugsierte Piasta mit dem Bauch wieder in den dunklen Gang zurück. Piasta wollte sich wehren, aber der Schaffner war unaufhaltsam. „Please don’t talk about love tonight. Your sweet talking won’t make it right.“ Piasta sprang zur Seite und wollte an der Betonwand entlang am Schaffner vorbeigehen, aber dieser fing ihn ab. Er hob seine Schaffnerzange und griff sich damit Piastas Wangenfleisch im Mundwinkel. Piasta schrie vor Schmerz auf. „Machen Sie keine Schwierigkeiten“, sagte der Schaffner ganz ruhig. „Ich habe noch nicht einmal geknipst!“ Er drückte Piasta gegen die Eisentür, an der sie jetzt angelangt waren. Der Schaffner streckte die Hand aus, um die Klinke zu drücken. Dann wurde es Piasta schwarz vor Augen.

(228) Das pelzige Gefühl im Mund war beim Aufwachen unangenehm.

Das pelzige Gefühl im Mund war beim Aufwachen unangenehm. Enno Piasta versuchte, die Zunge zu bewegen, um es loszuwerden. Aber es gelang ihm nicht. Sein Kopf fühlte sich wie in Watte verpackt an. Dann wurde ihm schlagartig klar, dass er wirklich etwas Pelziges im Mund hatte. Er spuckte es aus und öffnete gleichzeitig die Augen. Mit den Fingern wollte er Flusen aus dem Mund holen, aber er trug ebenfalls pelzige Handschuhe. Oder es waren seine eigenen Hände und über Nacht waren ihm blaue Haare gewachsen.

Sein Gehirn kam in die Gänge und er identifizierte den blauen Pelz an den Händen als Plüschhandschuhe, die er problemlos abstreifen konnte.

Piasta schaute sich um. Sein Blickfeld war eingeengt, so als ob er Drogen genommen hätte. Er war in einem Zimmer mit kahlen, beigegestrichenen Wänden und einem dunkelbraunen Teppichboden. Es gab ein Fenster und durch die heruntergelassenen Rollläden konnte er erkennen, dass es draußen hell war. Er saß auf dem Teppichboden mit dem Rücken gegen die Wand. Dann merkte er, dass er eine Art Plüschhelm trug, der ihm die Sicht einengte. Er konnte ihn ausziehen und stellte fest, dass es eine Krümelmonster-Maske war, die ihn aus großen Tischtennisball-Augen anstarrte. Überhaupt erkannte er jetzt, dass er ein Krümelmonster-Kostüm trug. Er hatte es vorher noch nie gesehen. Neben ihm lag eine leere Flasche Wodka. Das konnte seinen Zustand erklären.

Als Piasta aufstand, bemerkte er, dass zwischen ihm und der Wand noch ein Mann lag. Er trug einen Schottenrock und alles andere, was zu einer schottischen Tracht gehörte. Allerdings war sein Kilt hochgeschlagen und Piasta bemerkte, dass der Mann keine Unterhose trug und ihm seine Morgenlatte entgegenstreckte. Piasta wandte sich angewidert ab. Zwei weitere Männer schliefen im Zimmer. Einer trug ein Goofy-Kostüm, bei dem der Kopf halb abgerissen herunterhing. Er lag quer über einem schmalen Gästebett. Piasta drehte seinen Kopf, um das Gesicht des Mannes besser sehen zu können. Dabei wurde ihm fast schlecht. Den Mann selbst hatte Piasta noch nie zuvor gesehen.

Der vierte Mann im Zimmer trug ein fleischfarbenes Oberteil aus Nylon, in das muskelsimulierende Polster eingenäht waren. Dazu eine Badehose. Der Slawenhaken des Mannes kam Piasta bekannt vor, aber er konnte sich nicht genau erinnern.

Er stand auf und inspizierte den Rest der Wohnung. Insgesamt lagen dort zwölf Männer in ähnlichem Schlafzustand in der Wohnung. Sie alle waren unterschiedlich verkleidet. Manche kamen ihm bekannt vor, andere nicht. Piasta schaute durch die Rollladenschlitze hinaus und sah, dass er in einer ihm unbekannten Vorortstraße war. Er wollte so schnell wie möglich weg.

Im Schlafzimmer öffnete er den Kleiderschrank und musste dafür einen Mann im blauen Super Mario-Overall beiseiteschieben. Der Mann grunzte nur und schlief weiter. Im Schrank fand Piasta eine Jeans und ein weißes Hemd, die glücklicherweise seine Größe hatten. Er stieg aus dem Krümelmonster-Kostüm, zog sich um und verließ, so schnell er konnte, die unbekannte Wohnung.

(229) Ist das einer von ihnen?

„Ist das einer von ihnen?“ Jan Grube tippte seinen Freund Felix Klinger auf den Arm. Gemeinsam schauten sie durch die Windschutzscheibe hinüber zu dem Haus, das sie beobachteten. Die beiden jungen Männer im BMW Z3 hatten ihre Sitze nach hinten gelehnt, damit man sie nicht so leicht von außen erkennen konnte.

Vor der Haustür von Nr. 149 stand ein etwa 30jähriger Mann in weißem Hemd und Jeans. Er schaute nach rechts und links, als wusste er nicht, in welche Richtung er gehen wollte.

„Das muss einer von ihnen sein. Die schwule Sau!“

Jan Grube wohnte einen Block weiter in der Straße. Die Wohnung in Haus Nr. 149 war in der ganzen Nachbarschaft für ihre wilden Schwulenpartys berüchtigt. Jan oder seine Eltern hatten damit im Alltag zwar nichts zu tun, aber es störte ihn gewaltig, dass dieser Schmutz in seiner Nachbarschaft Einzug gehalten hatte. Felix, mit dem er zur Schule ging, dachte genauso.

Jan freute sich, dass er ein interessantes Thema in ihre Freundschaft eingebracht hatte, denn Felix kam aus reichem Haus und war in allem unendlich abgeklärt. Aber Schwule mochte er auch nicht. Deshalb hatten sie sich vor dem Haus auf die Lauer gelegt. Noch hatten sie keinen Plan. Es ging darum, Informationen zu sammeln. „Und wenn sich etwas ergibt, dann machen wir auch etwas“, hatte Felix beschieden. In der Nacht hatte es auf jeden Fall eine Party gegeben. Dunkle Gestalten hatten das Haus betreten und keiner war bisher herausgekommen. Die Lichtblitze der Disco-Beleuchtung und das Stakkato des Stroboskops hatten sie sehr gut mitbekommen. Sie hatten daran gedacht, die Polizei zu rufen, aber das würde nichts bringen – es war kein guter Plan.

„Was machen wir?“, fragte Jan. Eigentlich war es ja sein Projekt und er hätte sagen müssen, was zu tun war. Aber das würde seine Beziehung zu Felix auf den Kopf stellen.

„Wir folgen ihm“, sagte Felix. „Und dann?“ – „Dann werden wir sehen. Vielleicht können wir ihn etwas aufmöbeln. Ihm einen Denkzettel verpassen, dass er nicht mehr    herkommt. Er wird es weiter erzählen und es wird die anderen auch abschrecken.“ Jan nickte. Das klang wie ein guter Plan.

Der Mann im weißen Hemd ging nach links die Straße hinunter.

Felix öffnete vorsichtig die Fahrertür und stieg aus. Er drückte die Tür wieder zu, ohne ein Geräusch zu machen. Jan tat es ihm nach. Dann öffnete Felix den Kofferraum des Z3 und nahm einen Baseballschläger heraus. Jan bedauerte es, dass er nicht daran gedacht hatte, sich eine Waffe mitzunehmen. Er hatte einfach nicht so weit gedacht wie Felix.

Sie überquerten die menschenleere Straße. An diesem frühen Samstagmorgen gab es keinen Verkehr und keine Zeugen. Sie folgten dem Mann im weißen Hemd, der sich seiner Verfolger nicht bewusst war.

(230) Bevor ich zusage, wollte ich mir meinen Arbeitsplatz ansehen.

„Bevor ich zusage, wollte ich mir meinen Arbeitsplatz ansehen.“ Sonja Holbein schaute sich in der Küche des ‚Klinger’s‘ um. Der Arbeitsbereich war sehr großzügig ausgelegt und optimal zum Gastraum gelegen. Joachim Klinger stand am Eingang und beobachtete, wie sie zwischen den Stationen umherging. Das Klinger’s hatte einen guten Ruf, weniger für die Küche als für die Mischung der meist prominenten Gäste. Es war angesagt. Sonja arbeitete momentan in einem viel kleineren Restaurant und es war bereits ein Aufstieg für sie, dass Klinger ihr den Job angeboten hatte. „Was ist mit Udo Niemann?“, fragte sie und schaute in den großen Kombidämpfer hinein. Klinger räusperte sich und erklärte, dass er mit Niemann sprechen wollte, sobald Sonja zugesagt hatte. Klinger blieb an der Tür stehen, als ob er sich nicht traute, in die Küche zu kommen. Dabei war er groß und selbstsicher. Umso besser, dachte sie. Je weniger der Eigentümer in der Küche war, desto unabhängiger konnte sie das Team leiten. Klinger hatte ihr gesagt, dass sie die Speisekarte weiterentwickeln durfte, aber er wollte bei dem gehobenen Brasserie-Stil bleiben. Das war in Ordnung. Zuerst einmal musste sie lernen, das viel größere Team in den Griff zu bekommen. Gastronomische Experimente standen da nicht auf der Tagesordnung. Zudem waren die anderen Köche schon lange im Klinger’s und viele waren von Niemann eingestellt worden. Nicht auszuschließen, dass es zu einem offenen Machtkampf kommen könnte. Da war es wichtig, sich erst einmal nicht in Stildiskussionen zu verlieren. Sie würde seine Unterstützung brauchen. „Warum wollen Sie eine andere Küchenleitung?“ Diese Frage sollte sie unbedingt stellen, hatte ihr Freund ihr eingeschärft. Klinger räusperte sich und wollte gerade antworten, als sein Telefon klingelte. Er zuckte bedauernd mit den Schultern und ging ran. „Klinger.“

Es war die Polizei. Sie fragten ihn, ob er der Vater von Felix Klinger sei. „Ja. Was ist mit ihm los? Ist ihm etwas zugestoßen?“ Plötzlich hatte er eine düstere Vorahnung. Er spürte, wie er an der Oberlippe zu Schwitzen anfing. „Ihr Sohn ist unversehrt, Herr Klinger. Allerdings ist er in einen Fall von schwerer Körperverletzung verwickelt und es sieht unserer Meinung nach so aus, dass er angefangen hat. Wollen Sie mit ihrem Sohn sprechen?“ Klinger wischte mit der Hand über die Lippe. „Ja, natürlich.“ Es raschelte, dann war sein Sohn dran. „Papa?“ – „Du hältst jetzt die Klappe. Kein Wort über irgendetwas. Ist das klar?“ – „Ja, kommst du hierher?“ – „Ich schicke dir einen Anwalt. Der wird dich rausholen. Du sagst ab jetzt kein Wort mehr, bis der Anwalt dir sagt, was zu tun ist. Ist das klar?“ – „Ja.“ Klinger ließ sich noch die Adresse des Polizeireviers geben und legte auf. Er dachte kurz nach, dann spürte er, dass Sonja Holbein ihn beobachtete. „Ich brauche noch einen Augenblick. Muss noch einen Anruf erledigen. Dort in dem Regal finden Sie die aktuellen Rezepte. Schauen Sie doch da mal rein. Bin gleich wieder bei Ihnen.“

(231) Sie musste ganz einfach scheitern.

Sie musste ganz einfach scheitern. Wieso sollte eine Frau, die bisher nur eine Kaschemme, einen besseren Imbiss geleitet hatte, in einem der besten Restaurants der Stadt Erfolg haben? Und Erfolg, das war Udo Niemann klar, würde daran gemessen werden, ob sie besser sein würde als er. Höchst unwahrscheinlich, fand er.

Er saß in dem Café gegenüber vom Klinger’s und beobachtete den Haupteingang. Er wollte Klinger abpassen und ihn dann zur Rede stellen. Es war Mittagszeit und zuerst kamen immer nur mehr Gäste an. Anzugträger, Sesselfurzer. Eigentlich hatte er die Gäste noch nie richtig gesehen. Aber es ging auch nicht um die Gäste. Es ging darum, seinen eigenen Maßstäben treu zu bleiben. Das beste Essen aufzutischen, was die Gäste erwarten konnten.

Man hatte ihn einfach so vor die Tür gesetzt. Nachdem er das ‚Klinger’s‘ erst dazu gemacht hatte, was es jetzt war: einer der beliebtesten Treffpunkte für die High Society. Welche Mühe er sich gegeben hatte, einen Stil zu entwickeln, der zwar dem traditionellen Brasserie-Stil entsprach, aber dennoch eine innovative Weiterentwicklung war. Und jetzt sollte das alles nichts wert gewesen sein?

Klinger hatte ihm die Kündigung nicht einmal selbst überbracht. Das hatte der Personalheini seiner Firmen erledigt. „Herr Klinger fand, dass Ihre und seine Pläne für die weitere Entwicklung des Restaurants nicht mehr deckungsgleich sind.“ Absurd. Schließlich ging es darum, immer besser zu werden. Natürlich, das hatte seinen Preis und die ganzen Zutaten waren auch nicht billig. Aber Herrgott noch mal, warum macht man ein Restaurant auf, wenn es nur darum gehen sollte, schnell Kohle zu machen? „Herr Niemann, Herr Klinger hat mir aufgetragen Ihnen zu sagen, dass er Ihnen alles Gute für die Zukunft wünscht.“ Ha, das konnte er sich woanders hinstecken. So schnell konnte er Niemann nicht abservieren. Der Ex-Küchenchef bestellte noch ein Glas Rotwein. Wenn er schon nicht arbeiten durfte, konnte er tagsüber wenigstens Wein trinken.

Die Mannschaft stand immer noch hinter ihm, das wusste Niemann. Allen voran Viktor Klee, der Sous Chef. Niemann hatte Klee eine Chance gegeben, nachdem er wegen Kokain seinen vorherigen Job im ‚Schwarzen Adler‘ verloren hatte. Das würde er ihm nicht vergessen. Außerdem war es kaum vorstellbar, dass Klee für eine Frau arbeitete.

Und wenn diese Sonja Holbein nicht herausgeschmissen würde, dann würde Niemann eben ein neues Restaurant aufmachen und seine Leute mitnehmen. Sie warteten doch nur darauf, dass er sie ansprach und fragte, wieder mit ihm zu arbeiten.

Die Mittagszeit war vorbei, langsam leerte sich das Restaurant. Klinger tauchte nicht auf. Er hatte wahrscheinlich immer noch beide Hände voll zu tun mit seinem Sohn, Felix. Dumme Sache, diese Mordanklage. Das war bestimmt auch einer der Gründe, warum Niemann den Job verloren hatte. Klinger hatte einfach keine Zeit, sich seine Entscheidungen zu überlegen. Ein Schuss aus der Hüfte.

(232) Bisher hatte Viktor Klee noch kein freundliches Wort zu ihr gesagt.

Bisher hatte Viktor Klee noch kein freundliches Wort zu ihr gesagt. Sonja Holbeins Sous Chef machte keinen Hehl daraus, dass er seine Chefin nicht schätzte. Mit den anderen Köchen würde sie keine Probleme haben, schätzte sie, aber an dem Sous Chef kam sie nicht vorbei. Sie war zwar die Küchenchefin, aber Viktor managte die Küche.

Es war nicht so, dass er sich widersetzte oder offensichtlich respektlos verhielt. Es war die Art, wie er sie anstarrte, seine ablehnende Körperhaltung oder sein süffisantes Nicken oder Kopfschütteln. Selbst kleinere Änderungen in der Küche hatte er abgelehnt. Sie hatte zum Beispiel angeregt, die Mise en Place jeweils auf die Erfahrungen und Bestellungen der vergangenen Tage abzustellen anstatt sie von rigiden Vorgaben abhängig zu machen. Viktor hatte nur den Kopf geschüttelt und war weggegangen. Oder als sie den Kombidämpfer näher zum Entremetier schieben wollte, der ihn hauptsächlich benutzte. Viktor hatte wieder abgelehnt.

Das restliche Küchenteam schien abzuwarten, wie dieses Kräftemessen zwischen Küchenmeisterin und Sous Chef enden würde. Allerdings hatte alle Angst vor Viktor und waren deshalb Sonja gegenüber reserviert.

Alle außer Beppo, dem Abwäscher. Er hatte die niedrigste Stellung in der Küche und war länger da, als alle anderen. Er war immer da und Sonja hatte schon den Verdacht, dass er in der Küche lebte.

Eines Morgens, bevor alle anderen zur Arbeit kamen, saß sie verzweifelt in ihrem Büro und überlegte ernsthaft, ob sie den Job hinschmeißen sollte. Dann klopfte es an der Tür und Beppo kam herein. Er war bestimmt weit über 60 und hatte ein derart runzliges Gesicht, dass die Falten fast wie Maori-Tätowierungen aussahen. „Sie dürfen nicht aufgeben.“ Sonja schnaubte abwehrend. „Lassen Sie es mich anders sagen: Sie brauchen nicht aufzugeben.“ Beppo erklärte ihr, dass Viktor, seit er im Klinger’s arbeitete, ihm das Leben erschwerte. Viktor stand unter dem Schutz des vorherigen Kochs und Beppo konnte sich nicht wehren. „Und in meinem Alter findet man keine andere Stelle.“

Beppo erklärte ihr, dass Viktor ein Drogenproblem habe. „Er nimmt Kokain und dann trinkt er auch noch. Wenn er richtig drauf ist, sollte man ihm nicht dumm kommen.“ Um seinen Drogenkonsum zu finanzieren, betrog Viktor bei der Fleischabrechnung. Den Gewinn daraus teilte er mit dem Fleischlieferanten. „Mit dem Fleisch was hier abgerechnet wird, könnte man locker zwei Restaurants führen. Deshalb musste auch Niemann gehen. Er hatte den ganzen Papierkram an Viktor übertragen und seine Kosten nicht im Griff. Klinger reagierte zwar, erwischte aber den Falschen.“ Sonja schaute Beppo prüfend an. „Warum haben Sie das Klinger nicht gesagt?“ – „Ich bin hier nur der Plongeur, der letzte Mann. Auf mich hört keiner. Legen Sie Viktor das Handwerk. Egal, was Sie mit ihm tun, er hat es verdient.“

(233) In den nächsten Tagen schaute Sonja sich die Fleischrechnungen genau an.

In den nächsten Tagen schaute Sonja sich die Fleischrechnungen genau an. Beppo hatte recht, es war unmöglich, dass derart viel Fleisch im Restaurant verbraucht wurde. Beim nächsten Mal überprüfte sie den Lieferschein mit der angelieferten Menge. Der Lieferschein erhielt doppelt so viel Filet wie tatsächlich angekommen. Zur Sicherheit wollte sie auch noch die nächste Lieferung abwarten. Gleichzeitig rechnete sie anhand der Bons der letzten drei Monate hoch, wie viel Fleisch an die Gäste verkauft worden war und verglich mit den eingekauften Mengen. Auch diese Zahlen zeigten, dass Beppo richtig lag.

An einem frühen Morgen durchsuchte sie Viktors Spind und fand darin einen aufgefalteten Origami-Zettel, in dessen Falzen noch weiße Pulverreste hingen. Darin stand auch eine angebrochene und zwei volle Flaschen Wodka. Dem Stempel nach stammten sie aus dem Bestand des Restaurants.

Nach der nächsten Fleischlieferung, die ähnlich ablief wie die davor, hatte Sonja genügend Fakten. Sie überlegte, ob sie zuerst mit Klinger sprechen sollte, entschied sich aber dagegen. Der Eigentümer kam kaum mehr ins Restaurant und kümmerte sich fast ausschließlich um den Mordprozess gegen seinen Sohn. Sie würde es alleine durchziehen müssen.

Sie bestellte Viktor in ihr Büro. Zur Sicherheit hatte sie Beppo gebeten, draußen vor der Tür zu warten, für den Fall, dass Viktor gewalttätig werden würde.

Viktor fläzte sich vor sie hin in den Besucherstuhl. „Haben Sie noch ein paar Verbesserungsvorschläge für den Arbeitsablauf?“, fragte er höhnisch. Sonja hielt den in ihr aufsteigenden Zorn zurück und sagte nur: „Ich habe ein paar Fragen, Herr Klee.“ Sie nahm einen Stapel Papier und bereitete die ersten Blätter vor sich auf dem Schreibtisch aus. „Es betrifft die Fleischlieferungen.“

Viktor schaute gelangweilt auf die Papiere und sagte nur: „Das brauchen Sie nicht zu tun. Das ist mein Job. Es ist alles in Ordnung.“ – „Den Eindruck habe ich nicht, Herr Klee. Ich habe den Fleischverbrauch der letzten Wochen überprüft und gesehen, dass wir mehr einkaufen, als wir verbrauchen.“ Klee sagte nichts, schob nur seinen Unterkiefer noch vorne und zurück. „Außerdem scheinen die Lieferscheine für die Fleischlieferungen falsch zu sein.“ – „Was wollen Sie damit sagen?“ – „Auf den Lieferscheinen ist Ihre Unterschrift, Herr Klee. Das wirft Fragen auf.“

Klee setzte sich aufrecht in den Sessel und legte seine großen Hände zusammen. „Jetzt hören Sie mal gut zu, Chefin. Die Küche führe ich. Um die Lieferungen kümmere ich mich. Das geht Sie alles nichts an. Wenn Ihnen das nicht passt, dann gehen Sie doch wieder.“ – „Irrtum, Herr Klee. Ich werde Herrn Klinger über diese Betrügereien berichten, die Sie anstellen, um Ihren Kokainkonsum zu finanzieren. Dann werden wir ja sehen, was dann kommt.“ Mit einem Schrei sprang Klee auf und lief um den Schreibtisch herum. Bevor Sonja um Hilfe rufen konnte, hatte er sie an der Gurgel gepackt und drückte zu. Mit zusammengepressten Zähnen zischte er „Du machst mich nicht fertig, du Imbissschlampe!“.

Doch dann kam Beppo ins Büro und schlug Klee mit einem Plattiereisen nieder. „So mag ich mein Schnitzel“, sagte Beppo zufrieden.

(234) Klinger entschuldigt sich bei Sonja.

Klinger entschuldigt sich bei Sonja. „Mir sind in letzter Zeit so viele Fehler passiert. Es tut mir leid, dass Sie auch darunter gelitten haben. Die Kosten für das Restaurant waren immer sehr hoch gewesen. Das war auch so geplant, denn ich wollte die beste Qualität bieten. Aber irgendwann, es muss zu der Zeit gewesen sein, als dieser Klee anfing, stiegen die Kosten immer weiter in die Höhe. Das Restaurant machte Verluste. Ich sprach mit Niemann darüber, aber er war aufbrausend und sagte nur, dass Qualität seinen Preis habe. Mir war nicht bewusst, dass er sich gar nicht um die Einkäufe und die Kosten kümmerte, sondern das seinem Sous Chef überließ. Niemann war wie besessen darauf, die Rezepte immer weiter zu verfeinern. Alles andere war ihm egal. Und dann ist mir der Kragen geplatzt. Ich habe Sie ansprechen lassen, weil ich eine andere Führung der Küche haben wollte. Jemand, der es gewohnt ist, gut zu kochen, aber dabei auch immer die Kosten im Auge hatte. Niemann habe ich feuern lassen, aber den eigentlichen Missetäter hatte ich nicht einmal identifiziert. Und ich habe Sie alleine in diese Räuberhöhle gelassen. Es tut mir leid.“

Sonja hatte nicht damit gerechnet, dass jemand wie Klinger so einfach seine Fehler zugab. „Es ist alles in Ordnung. Seit Klee weg ist, hat sich das Klima in der Küche deutlich verbessert. Und die Kosten haben wir unglaublich reduziert. Beppo bedankt sich bei Ihnen für die großzügige Prämie.“ Klinger wehrte ab. „Wie geht es Ihrem Sohn?“, fragte sie vorsichtig. Klinger atmete einmal tief durch. „Noch ein Bereich, wo ich nur Fehler gemacht habe. Ich weiß nicht genau, was ich falsch gemacht habe, aber irgendetwas ist bei der Erziehung von Felix schief gelaufen. Es ist auch ein Armutszeugnis für mich, dass ich jetzt mehr Zeit als vorher mit ihm verbringe, seit er auf Kaution draußen ist und sich auf den Prozess vorbereitet. Wenn er nicht mein Sohn wäre, würde ich ihn verabscheuen.“ Sonja tat es leid, dass sie das Thema angeschnitten hatte. Sie wollte Klinger nicht in einem Moment der Schwäche erleben. Sie spürte, wie sie den Respekt vor ihm verlor. Aber sie konnte Klinger nicht stoppen. „Er wuchs ja im Wesentlichen bei den Großeltern auf. Ging mit dem Großvater viel zur Jagd. Hatte schon als Kind ein Gewehr. Vielleicht ist das der Ursprung dieser Gewalt. Ich weiß es nicht. Eigentlich dachte ich, dass er weltoffen und tolerant sei. Das war aber nur meine Sichtweise, weil ich in ihm das sehen wollte, was mir selbst wichtig ist. In Wirklichkeit ist er zu einem bornierten, dummen Spießer herangewachsen. Ich weiß nicht, wo das herkommt. Und wie man es wieder wegbekommt. Im schlimmsten Fall kommt er mit einer Bewährungsstrafe davon. Wahrscheinlich nicht einmal das, der Anwalt ist sehr gut. Aber was dann? Was kann ich machen, damit er so wird, wie ich mir das vorstelle? Vielleicht sollte ich Beppo als Erzieher einstellen, der ihm jedes Mal eins mit dem Plattiereisen überzieht, wenn er davor ist, Blödsinn zu machen.