(215) Es war Patrick Schefflers 31. Geburtstag.

Es war Patrick Schefflers 31. Geburtstag. Die Party mit Freunden war für Samstag geplant, aber dieser Abend gehörte seiner Lebensgefährtin, Astrid Köhler. Sie hatten schon Sekt getrunken und er hatte seine Geschenke ausgepackt. Als Krönung hatte sie sich noch etwas für ihn aufgehoben: sich selbst in aufreizender Verpackung. Geheimnisvoll hatte sie Patrick gesagt, dass er sich nicht vom Sofa rühren durfte. Dabei hatte sie die Hand auf seinen Schritt gelegt und definitiv seine Aufmerksamkeit erhalten. Im Bad zog sie von ganz unten aus dem Wäschekorb die Einkäufe, die sie vor Patrick versteckt hatte: eine weiße Satinkorsage und einen Minirock aus schwarzem glänzenden Leder. Dazu weiße halterlose Netzstrümpfe und spitze Lederstiefel, die sie bereits gehabt hatte. Keine Unterhose. Das würde ihn so richtig in die Gänge bringen, erwartete sie. Die Vorhänge im Wohnzimmer hatte sie schon zugezogen, denn sie wollte die Show ja nicht den Nachbarn bieten.

Nachdem sie ihren Lippenstift aufgefrischt und sich beduftet hatte, betrachtete sie sich im Spiegel. Natürlich würde sie so nicht auf die Straße gehen, aber das war ja nicht der Zweck der Sache. Sie nahm noch einmal den Sprühflacon und spritzte sich eine Wolke Eau de Toilette unter den Rock. Es prickelte. Das hatte sie noch nie gemacht und es fühlte sich verrucht an.

Bevor sie aus dem Bad trat, sagte sie Patrick, dass er die Augen schließen müsse. Sie löschte das Deckenlicht im Wohnzimmer. „Halte die Augen geschlossen, ja!“ – „Ja“, murmelte er, erregt wie ihr schien. Sie knipste eine weitere Stehlampe an, damit es schummrig, aber nicht zu dunkel war. Dann legte sie eine CD mit Lounge Musik in das Abspielgerät. Als die Musik spielte, stellte sie sich vor ihn und sagte, dass er die Augen öffnen sollte.

„Wow“, waren seine ersten Worte und sie hatte auch nichts anderes erwartet. Er wollte die Hände nach ihr ausstrecken, aber sie wehrte sich. „Nicht anfassen!“, befahl sie. „Noch nicht.“ Sie tanzte vor seinen Augen und bewegte sich so, dass er erkennen konnte, dass sie unter dem Minirock nichts trug. Als er erregt genug war, kniete sie sich auf ihn, griff seine Handgelenke und presste seine Hände gegen die Sofalehne. Sie rieb ihr Becken an seinem Schoß und küsste ihn dann.

In diesem Augenblick fing Bobby an zu heulen. Er stand an der Wohnungstür und schaute vorwurfsvoll zu ihr herüber. Bobby war ihr Hund, ein Straßenköter aus dem Tierheim. Eine Mischung aus Jack Russell-Terrier und Pudel. „Aus, Bobby!“, rief Astrid scharf. Aber Bobby hörte nicht auf. Sie versuchte es noch einmal – wieder kein Effekt. Am Ende war die Stimmung weg. Sie hatten schon einmal Bobby nicht ernst genommen, als er, an einem eisigen Winterabend, noch einmal vor die Tür wollte. Damals hatte er auf den Teppichboden gekackt. Das wollten sie nicht riskieren.

Es war klar, dass Astrid in dem Outfit nicht auf die Straße gehen konnte und so musste Patrick sich aufraffen. „Ich mache schnell“, sagte er. Allerdings hing die Geschwindigkeit nicht von ihm ab, sondern von Bobby. Astrid war ziemlich sicher, dass sie nach Patricks Rückkehr für eine Wiederholung ihrer Darbietung zu müde sein würde.

(216) Musste Bobby wirklich Gassi gehen?

Musste Bobby wirklich Gassi gehen? Das fragte sich Patrick Scheffler, als er mit dem Hund die Treppe nach unten ging. Vielleicht war er eifersüchtig, weil Herrchen und Frauchen gerade eine Aktivität begonnen hatten, bei der er nicht mitmachen durfte. Vielleicht hatte Bobby aber auch gemerkt, dass Patrick weniger von Astrids Überraschung angetan war, als sie es selbst glaubte. Auf jeden Fall hatte der Hund einen Sinn für Timing.

Als sie vor dem Haus standen, fragte Patrick: „Und jetzt?“. Bobby schnüffelte zuerst an der Hauswand und marschierte dann in Richtung Flussufer. Der übliche Weg also, dachte Patrick. Vielleicht musste er ja wirklich raus.

Es war nicht so, dass Patrick keine Lust auf Sex gehabt hätte. Am liebsten wäre ihm eine schnelle Nummer gewesen. Happy Birthday, herzlichen Glückwunsch. Ab in die Kiste und fertig. So aber fühlte er sich unter Druck gesetzt. Astrid hatte extra Kleidung gekauft, von der sie glaubte, dass Patrick sie besonders scharf finden würde. Und dann diese Inszenierung mit Licht aus, Musik an, Augen zu. Dann zack stand sie da vor ihm, wie aus dem Zylinder gezaubert. Es machte aus einer ganz einfachen Handlung wie Sex, etwas Kompliziertes, bei dem man nicht wusste, was man machen musste und wie lange. Und alles nur für einen Orgasmus. Natürlich waren das Oberteil und der Rock scharf gewesen. Auch dass sie nichts darunter trug. Aber so etwas fand doch besser in Filmen statt als im richtigen Leben. So etwas in die Realität zu mischen, machte es zu komplex.

Bobby hatte sich jetzt am Ufer ins Unterholz begeben. Er mochte es nicht, wenn man ihm beim Kacken zuschaute. Vielleicht wollte er selbst auch nicht zuschauen, wenn Herrchen und Frauchen Sex hatten. Ein Hund mit Schamgefühl. Quatsch, so etwas gab es nicht, sonst würde Bobby sich auch nicht ausgiebig die Eier lecken, in aller Öffentlichkeit. Oder an den Pissspuren anderer Hunde riechen. Sonst machte er auch keinen Stress, wenn sie Sex hatten. Allerdings passierte das meistens abends spät, wenn Bobby schon in seinem Körbchen lag und es ging dann auch so schnell, dass der Hund sich dadurch vielleicht nicht gestört fühlte.

Es raschelte im Gebüsch, dann kam Bobby schwanzwedelnd wieder heraus. Er stellte sich vor Patrick und schien zu fragen: „Was jetzt, Chef?“

Patrick schaute auf die Uhr. Es war noch etwas früh. Womöglich war Astrid immer noch scharf und wartete auf ihn. „Wir gehen noch einmal um den Block“, sagte er zu Bobby und ging voraus. Wenn Astrid sich erst einmal abgeschminkt hatte und im Bett lag, wäre sie vielleicht noch für eine schnelle, unaufwendige Nummer zu haben. Allerdings durfte sie nicht zu müde sein. Es war eine delikate Frage von Timing.

(217) Es stimmt nicht, dass ich eine Pudel/Jack-Russell-Mischung bin.

„Es stimmt nicht, dass ich eine Pudel/Jack-Russell-Mischung bin. Das ist eines der vielen Missverständnisse, die unser Zusammenleben prägen. Ich weiß, Astrid und Patrick, dass ich in unserer Wohngemeinschaft eine Spezies in der Minderheit darstelle, die sich nicht ausreichend Gehör verschaffen kann. Ihr sprecht meine Sprache nicht. Das ist schade, denn immerhin habe ich es geschafft, euch zu verstehen.

Wie gerne würde ich ein paar Dinge gerade rücken. Meine Mutter war Jack-Russell-Terrier. Soweit habt Ihr Recht. Mein Vater aber war kein Pudel, sondern ein Blauschimmel Cocker Spaniel. Von ihm habe ich die ruhige, ausgeglichene Art, ohne die ich es bei euch gar nicht aushalten könnte. Meine Mutter, von der ich die Energie habe, wäre schon längst weggelaufen. Aber gut, jeder wie er muss.

Ein weiterer Aspekt, bei dem es immer Missverständnisse gibt, ist das Schamgefühl. Ja, ich lecke mir die Eier. Und ich bin euch auch wirklich dankbar, dass ich sie noch habe. Leider ist das ja nicht selbstverständlich. Viele Kollegen haben mir erzählt, wie sie zum ersten Mal im Auto mitgenommen wurden und danach für immer traumatisiert waren. Aber das Lecken meiner Eier ist ein Zeichen von Vertrauen von mir an euch. Wenn wir draußen unterwegs sind und ich schnüffele an Wänden und Pfosten – das ist leider die einzige Möglichkeit, Informationen auszutauschen. Sonst treffe ich ja kaum jemand, mit dem ich reden kann. Ich finde es ja selbst etwas eklig, aber Ihr lasst mir keine Wahl. Und da wir gerade bei Ausscheidungen sind: Natürlich mag ich es nicht, wenn man mir dabei zuschaut. Ihr macht ja auch die Tür zur Toilette zu. Es ist doch erniedrigend, wenn man da hockt, und versucht, sich zu konzentrieren, und dann steht jemand daneben und schaut dir direkt ins Gesicht. Macht gar noch Gesten, du sollst dich beeilen. Das ist einfach nicht nett. Ich würde das nie mit euch machen. Gut, ich habe euch letztens vom Sex abgehalten. Das tut mir auch leid. Ich war einfach in einer schlechten Stimmung, weil Ihr mir das immer vorenthaltet. Wenn ich einer sexy Hündin begegne, werde ich immer gleich weitergezogen, auch wenn ich mich dagegen wehre. Ich habe meine Eier noch, aber in Wirklichkeit frage ich mich, wozu. Es ist doch absurd, dass das Einzige, was ich damit machen kann, ist, sie zu lecken, und sogar dagegen habt Ihr etwas. Und Ihr habt etwas dagegen, wenn ich sie einsetze, wofür sie eigentlich dienen sollten. Das ist doch absurd. Je mehr ich es mir überlege, umso weniger sehe ich ein, warum ich dieses Spiel weiter mitmachen soll. Gut, ich bekomme jeden Tag, etwas zu fressen von euch. Ich habe es zwar immer noch nicht fertiggebracht, euch mitzuteilen, was ich mag, aber immerhin. Das ist traurig, nicht? Der einzige Grund, warum ich bei euch bleibe ist, dass ich nicht weiß, woher ich sonst mein Essen herbekomme. Als Abkömmling der Wölfe ist das eine Bankrotterklärung. Ich hasse euch. Ihr habt ein Nichts aus mir gemacht. Ein bettelnder Haussklave, weiter nichts. Schande über Euch!“

(218) Warum schaut mich Bobby in letzter Zeit so seltsam an?

„Warum schaut mich Bobby in letzter Zeit so seltsam an? Es ist irgendwie unheimlich. „Astrid schaufelte noch ein paar Tomatenviertel auf Patricks Teller. Patrick schaute auch zu Bobby, der im Wohnzimmer in seinem Korb lag. In der Tat, er starrte zu ihnen herüber. „Es ist mir auch schon aufgefallen“, sagte Patrick. „Als ich letztens mit ihm zum Zeitungskiosk ging, ertappte ich ihn dabei, wie er mich ganz fies anschaute.“ Sie aßen weiter. Hin und wieder schauten sie zu Bobby hinüber, der sie nicht aus den Augen ließ. „Vielleicht plant er ja, die Weltherrschaft an sich zu reißen. So wie Blofeld.“ – „Wer ist Blofeld?“, fragte Astrid. „Dieser Oberschurke bei James Bond. Ernst Stavro Blofeld. Wurde von Telly Savalas, Donald Pleasence, Max von Sydow und Charles Gray gespielt.“ – „Ach jetzt… Das ist der mit der weißen Katze auf dem Arm.“ – „Ja genau. Aber ich glaube nicht, dass Bobby sich mit einer Katze vergnügen würde, wenn er die Welt übernimmt.“ – „Was meinst du, wird er mit uns machen, wenn er alles unter seiner Kontrolle hat?“ – „Weiß nicht. Eigentlich hat er es ja gut bei uns. Er soll froh sein, dass er die Welt nicht kontrollieren muss. Das wäre doch ein anstrengender Job für einen kleinen Hund.“ – „Stimmt. Er schafft ja kaum zehn Meter, ohne an hundert verschiedenen Stellen zu schnüffeln. Wie soll das erst werden, wenn er ständig in der ganzen Welt unterwegs wäre?“ – „Nicht auszudenken.“

Sie aßen weiter schweigend. Bobby hatte sie im Blick.

„Vielleicht sollten wir Bobby kastrieren lassen“, sagte Patrick. „Wirklich? Du warst doch vehement dagegen.“ _ „Vielleicht hatte ich unrecht. Es ist ja möglich, dass er wirklich eifersüchtig und damit aggressiv wird. Ich denke, eine Kastration würde helfen, dass er sich mehr entspannt.“ – „Ich bin einverstanden. Bei uns zuhause waren alle Hunde kastriert. Mein Vater sagte immer, das mache sie gefügiger. Aber du wolltest nicht.“ – „Gut, dann lassen wir es machen. Dann ist es Schluss, Bobby. Dann machst du hier nicht mehr den Blofeld.“ – „Fährst du mit ihm zum Tierarzt?“ – „Ich dachte, du hättest da mehr Routine.“ – „Nein, das ist Männersache. Das machte immer mein Vater.“ Patrick schien sich nicht so wohl zu fühlen, bei dem Gedanken, Bobby dem Tierarzt zuzuführen. „Du brauchst es ja nicht selbst zu machen. Gehst mit ihm hin. Beruhigst ihn, übergibst ihn und holst ihn wieder ab danach.“ – „Ja, ok. Ich mache es ja.“

Sie waren fertig mit Essen. Astrid räumte Teller und Besteck ab und trug sie in die Küche. Als sie zurückkam, fragte sie: „Und wann machst du das?“ – „Mein Gott, Astrid, du scheinst es ja nicht mehr erwarten zu können.“ – „Er ist mir unheimlich, wie er daliegt und uns anstarrt. Ich will, dass etwas passiert. Deshalb will ich von dir wissen, wann du es machst. Da ist doch nichts dabei. Es geht ja nicht um deine Eier!“ – „Soweit kommt es auch noch“, antwortete Patrick. „Meine Eier gehören mir!“

(219) Bobbys Kastration war erfolgreich verlaufen.

Bobbys Kastration war erfolgreich verlaufen. Der Hund war zwar noch etwas groggy, als Patrick ihn danach wieder sah, aber die Tierärztin meinte augenzwinkernd, dass er schon in Kürze wieder der alte sein würde. Sie gab Patrick noch ein paar Tipps, wie er mit dem Verband umgehen sollte und dann konnte er Bobby in seinem Körbchen wieder mitnehmen.

Als sie mit dem Wagen nach Hause fuhren, lag Bobby in seinem Körbchen auf dem Beifahrersitz. Er winselte leise. Patrick wollte dem Hund den Kopf tätscheln, zog den Arm aber jäh zurück, als Bobby ihm in die Hand biss. Es war zwar kein starker Biss und es blutete auch nicht, aber er hatte nach Patrick geschnappt. Erschrocken schlug Patrick dem Hund auf die Schnauze. Bobby duckte sich und knurrte. Wenn das eine Vorschau auf das Leben nach der Kastration war, dann würde es ja noch spaßig werden, dachte Patrick.

Auf dem Weg nach Hause kam Patrick an den Studios von Tivoli & Splendid Productions vorbei. Direkt neben dem Gelände bemerkte er vor einer Kurve einen Stau. Ein gutes Dutzend Autos hielten vor ihm. Normalerweise gab es hier nie Verkehrsprobleme, es war ein Schleichweg, den nur Eingeweihte kannten und mit dem man gerade Staus vermied. Die Fahrer aus den Autos vor ihm waren ausgestiegen und standen an der Kurve. Neugierig machte Patrick den Motor aus und stieg ebenfalls aus. Bobby schien wieder zu dösen.

Als er in die Kurve hineinschauen konnte, erkannte Patrick den Grund für den Stau. Ein Sattelschlepper versperrte die Straße und darauf lag die riesige Skulptur einer nackten Frau. Sie war bestimmt zehn Meter hoch und lag bäuchlings auf der Ladefläche, abgestützt durch Holzblöcke und Unmengen an Schaumstoff. Die Skulptur schien aus Marmor zu sein. Über dem Sattelschlepper ragte ein Kran aus dem Studiogelände herüber. Männer standen neben der Frau und wollten die Skulptur an den Haken des Krans hängen. Neben ihr sahen sie aus wie Liliputaner. Gurte waren der Skulptur über Kreuz vor den Brüsten gespannt und im Rücken bildeten sie eine Schlaufe, in die der Haken eingehängt wurde.

Auf ein Kommando eines Arbeiters straffte sich das Seil und die Frau wurde mühelos angehoben. Nachdem sie an allen Stellen den Kontakt mit den Stützblöcken verloren hatte, stoppte der Hubvorgang und die Arbeiter inspizierten die Unterseite. „Das sind Möpse!“, meinte der Fahrer neben Patrick bewundernd. „Aber leider kalt wie Marmor“, kommentierte ein anderer. „Quatsch, das ist Fiberglas, das ist doch Kintopp“, sagte ein dritter. Der Arbeiter gab wieder ein Kommando und jetzt hob die Skulptur recht schnell an. Wie eine Superheldin überflog sie die Bäume, die das Studiogelände hinter der Mauer umsäumten und dann senkte sich die Skulptur wieder und war verschwunden. Der Fahrer des Sattelschleppers machte sich bereit zur Abfahrt und Patrick ging zurück zu seinem Wagen. Erst als er eingestiegen war, bemerkte er, dass Bobbys Körbchen leer war. Er war auch nicht im Wagen. Patrick stieg aus und schaute umher, konnte den Hund aber nicht finden. Ungeduldige Fahrer hupten hinter ihm. Patrick war ratlos, was er jetzt machen sollte.

(220) Diese Monstrosität sieht mir überhaupt nicht ähnlich!

„Diese Monstrosität sieht mir überhaupt nicht ähnlich!“ Jessica Thomas hatte nur einen Blick auf die zehn Meter hohe Statue geworfen und sich gleich davon abgewendet. Im Drehbuch von „Königin Gloria“ war vorgesehen, dass Gloria, gespielt von Jessica, ihre Untertanen dazu zwang, sie wie eine Heilige zu verehren. Zu diesem Zweck ließ sie auf dem Hauptplatz vor ihrem Schloss eine überdimensionale Marmorstatue von sich selbst errichten. Jeder Untertan musste sie mindestens einmal am Tag grüßen.

Die Statue war nur einen Tag vor dem Dreh der ersten Massenszene angeliefert worden und Jessica hatte jetzt zum ersten Mal das Requisit gesehen. Alles war falsch daran. Das Gesicht sah, von unten gesehen, total verzerrt und feist aus. Die Brüste blähten sich wie Heißluftballons und die Beine ähnelten denen von Elefanten.

Albert Lang, der Bühnenbildner, stand stumm daneben, während der Regisseur Jeff Zimmer versuchte, Jessica zu beruhigen. „Jessica, ich kann verstehen, dass eine so große Statue ein Schock ist. Das ist ja auch der Grund, warum wir sie im Film haben. Sie soll auch nicht ein realistisches Abbild von Königin Gloria sein. Sie soll zeigen, wie Gloria sich ihren Untertanen zeigen will. Es ist sozusagen durch ihre Brille gesehen…“ – „Ich brauche keine Brille. Ich will nicht, dass eine solche Scheußlichkeit von mir existiert. So etwas wird für alle Zeiten als Abbild von mir gezeigt. Das ist mein Ruin.“ Zimmer schaute Lang an, als wollte er ihn auffordern, selbst etwas zu sagen. Lang schüttelte kaum merklich den Kopf. Alles was er sagen konnte, würde die Situation nur noch verschlimmern. Zimmer unternahm noch einen Versuch. „Ich glaube, die Zuschauer, und natürlich auch die Presse, werden das auseinanderhalten. Es ist Teil der Geschichte. Entspann‘ dich bitte.“ In dem Moment, als er den letzten Satz gesagt hatte, wusste er, dass er gerade einen großen Fehler begangen hatte. „Entspann‘ dich? Ist es das, was du deiner wichtigsten Schauspielerin sagst, wenn sie Todesqualen erleidet? Jetzt pass mal auf, Jeff. Entweder es gibt eine andere Statue von mir, oder du kannst dir eine andere Schauspielerin suchen, die aussieht, wie die Statue.“ Damit ließ Jessica Zimmer und Lang stehen und ging mit schnellen Schritten zurück in ihren Wohnwagen. Drinnen kraulte ihre Assistentin den kleinen Hund, der ihr am Vortag zugelaufen war. Der arme Kerl hatte einen Verband und der Set-Arzt hatte gemeint, dass er gerade kastriert worden war. Jessica schickte ihre Assistentin raus. Sie sollte nach Flügen schauen. Es war zwar unwahrscheinlich, dass sie die Dreharbeiten abbrechen würde, aber Jeff zu zeigen, dass sie nicht nur darüber redete, würde ihrer Sache helfen.

Als sie alleine war, kraulte sie auch den Kopf des kleinen Hundes, den sie aus einer Laune heraus ‚Jeff‘ genannt hatte. „Na Jeff“, flüsterte sie dem Hund zu, „wie ist das so, wenn man keine Eier mehr hat?“

(221) Wir brauchen zwei Statuen von Gloria, Jeff.

„Wir brauchen zwei Statuen von Gloria, Jeff. Das hatte ich dir von Anfang an gesagt!“ Albert Lang saß im Wohnwagen des Regisseurs, der missmutig einen Baseballschläger von einer Hand in die andere warf, so als ob er sich gerade überlegte, wem er damit das Hirn aus dem Schädel prügeln sollte.

Jeff schwieg und Albert fuhr fort. „Bei einer Größe von zehn Metern hängt es immer von der Kameraperspektive ab, wie die Statue wahrgenommen wird. Denk doch mal an die Verkürzung bei dem Jesusbild von Mantegna, das ich dir gezeigt hatte. Egal, vergiss es… Wichtig ist, dass wir zwei unterschiedliche Statuen bräuchten. Eine für Aufnahmen auf Gesichtshöhe und eine für Aufnahmen von unten. Diese ist natürlich für Aufnahmen auf Gesichtshöhe.“
Jeff ließ den Schläger auf die Schreibtischkante niedersausen. Es knallte laut und Albert zuckte zusammen. „Verdammt, Albert, es wird bei einer 10-Meter-Statue keine Aufnahmen auf Gesichtshöhe geben. Was hast du dir gedacht? Ich habe ja keine Schauspieler, die zehn Meter hoch sind und es steigt auch keiner in einen Helikopter in dem Film.“ Albert zuckte mit den Schultern, war aber etwas kleinlaut. „Weiß ich doch nicht. Hat mir keiner gesagt.“ – „Schwachsinn, Albert. Du musst es ändern lassen. Sie hat schon ihren Abflug gebucht. Ich habe die Massenszene verschoben, aber ich muss ihr sagen, dass wir die Statue ändern. Sonst ist sie weg und wir können den Film vergessen.“

Jeff warf den Baseballschläger in die Ecke, wo er einen Golfball traf, der aufdotzte und gegen eine Gitarre sprang. Die Gitarre fiel mit einem melodischen Klang um und verhedderte sich dabei in dem Ladekabel des iPhone, das Jeff gerade noch auffangen konnte, bevor es auf dem Boden aufprallte. „Gute Reflexe“, lobte Jeff sich selbst.

„Also was jetzt, Albert? Du hast es in der Hand. Willst du diesen Film auf dem Gewissen haben oder kriege ich eine neue Statue?“ Albert hatte den Golfball gestoppt, der über den Boden kullerte und hielt ihn in der Hand. Es sah aus, als ob er die Antwort auf die Frage aus den Grübchen des Balls ablesen wollte. „Ich werde mit Dannie Munk reden. Für die Statue hat er vier Wochen gebraucht. Ich weiß nicht, wie schnell er sie verändern kann.“ – „Vier Wochen ist völlig außer Frage. Eine Woche maximal. Mein Gott, er hat einen Vollkörperscan von Jessica. Da soll er sich mal dahinterklemmen.“ – „Er ist sehr mit Werbeaufträgen beschäftigt… Ich rede mit ihm.“

Albert ging aus dem Wohnwagen hinaus. Als er draußen war, öffnete Jeff auf seinem Laptop den Ordner mit den Fotos, die entstanden waren, als Munk den Ganzkörperscan anfertigte. Eigentlich hätten die hochaufgelösten Fotos gelöscht werden müssen, aber Jeff hatte sich eine Kopie behalten. Sein Lieblingsfoto zeigte Jessicas unbehaarte Scham in Großaufnahme.

(222) Dannie Munk sah sich nicht als Künstler, sondern bezeichnete sich als Bildhauer-Handwerker.

Dannie Munk sah sich nicht als Künstler, sondern bezeichnete sich als Bildhauer-Handwerker. Man gab ihm einen Auftrag, er erfüllte ihn. Seine Werkstatt war ein Hangar auf einem stillgelegten Flughafen. Im Hangar selbst hatte er sich eine Blockhütte gebaut, in der er auch wohnte. Er hatte zwei feste Mitarbeiter und für Großprojekte stellte er zusätzlich Studenten von der Kunsthochschule ein. Als Albert Lang ihn besuchte, um über die Statue für ‚Königin Gloria‘ mit ihm zu reden, war Munk gerade mitten drin in einem solchen Großauftrag. Der Hangar war offen und Lang ging hinein. Im Inneren wurde er von 31 lebensgroßen schottischen Dudelsackpfeifern empfangen. Gut die Hälfte davon war bereits angemalt und sah lebensecht aus. Bei den restlichen sah man, dass sie aus Fiberglas hergestellt waren. Alle schauten Lang mit aufgeblasenen Backen an, als er erstaunt vor der Kompanie stehen blieb. Dann kam auch schon Munk auf ihn zu. Er hatte weiter hinten mit einer Gruppe von Studenten an den Formen gearbeitet. Alle trugen Gasmasken.

„Hallo Albert“, grüßte Munk, nachdem er seine Maske abgezogen hatte. „Baust du dir eine eigene Armee?“, fragte Lang. „Ja, ich erobere die Welt beim Klang des Dudelsacks. Nein, das ist ein Auftrag für eine Whiskymarke. Die brauchen die Männekens für einen Werbespot und danach zum Aufstellen in Läden. Was soll’s, ist gut bezahlt. Ich bin völlig ausgelastet.“ Lang nickte mit gerunzelter Stirn, als er Munk in sein Büro im Innern des Blockhauses folgte. „Ich kann dich heute leider nicht rumführen, ich habe keine freie Gasmaske mehr.“ Sie setzten sich. „Willst du ein Glas Whisky? Die haben mir Proben geschickt.“ Munk hielt eine Flasche ‚Tobermory Single Peated‘ hoch. Lang wehrte ab. „Ja, ist mir auch zu früh. Was führt dich zu mir, Albert? Irgendetwas mit der Statue nicht in Ordnung? Wenn du hierher kommst, muss es ja etwas Ernstes sein.“

Lang erklärte, in welcher Klemme er steckte. Munk verzog das Gesicht. „In einer Woche kann ich dir keine neue Statue machen. Nicht einmal, wenn ich sonst nichts zu tun hätte. Unmöglich.“ – „Und wenn du nur Gesicht und Brüste austauschen würdest?“, fragte Lang. „Albert, wie stellst du dir das vor? Ich säge das alte Gesicht raus und setze ein neues rein?“ – „So in etwa, ja.“ Munk dachte nach und schüttelte dann den Kopf. „Die Übergänge wären zu sehr sichtbar. Aber mir kommt eine andere Idee. Das Gesicht ist zehn Meter vom Boden weg. Warum passen wir die Proportionen nicht mit ein paar Pinselstrichen an? Ein bisschen Schatten hier, ein bisschen heller da – und fertig ist die Laube.“ Langs Gesicht hellte sich selbst auf. „Stimmt, das könnte gehen. Großaufnahmen wird Zimmer nicht machen wollen, sonst sieht man, dass es kein Marmor ist. Aber was ist mit den Brüsten? Die sind zu groß und ich fürchte, dass wir da mit Farbe wenig ausrichten können.“ – „Kein Problem, Albert. Die Brüste kann ich bei den Schotten dazwischen schieben. Du sägst den Teil aus und ich baue dir einen neuen Busen.“ – „Was ist mit den Übergängen?“ – „Kein Problem, wenn du an der Brustfalte entlang sägst. Da merkt man nachher nichts.“

(223) Das ist der bescheuertste Werbespot, von dem ich je gehört habe.

„Das ist der bescheuertste Werbespot, von dem ich je gehört habe.“ Ducky D. war fassungslos. Nach der Entwöhnungskur durfte er keinen Alkohol mehr trinken. Die Leber war kaputt und der Arzt hatte gesagt, dass er zugrunde gehen würde, wenn er nicht damit aufhörte. Als Rapper war das seinem Image nicht zuträglich. Deshalb hatte Ducky D. eingewilligt, für Tobermory Single Peated in einem Werbespot aufzutreten. Die Marke war angesehen und früher hatte er das Zeug gerne getrunken. Flaschenweise, wenn er sich nicht irrte. Aber vieles von damals war für immer im Nebel verschwunden. Aber was ihm der Werbeheini von Tobermory gerade erklärt hatte, war völlig unmöglich. Damit würde er sich lächerlich machen. „Wie heißen Sie noch mal?“, fragte der Rapper. „Enno Piasta“, antwortete der Mann, der eher wie ein Buchhalter aussah, als wie ein Kreativer aus der Werbung. „Enno, ist das ein Bühnenname?“ Piasta schüttelte den Kopf. Er schluckte. „Egal. Enno, habe ich das richtig verstanden, wie Sie sich das vorstellen? Ich komme in eine Bar, weil ich einen Whisky trinken möchte. Soweit ok. Drinnen sind nur Frauen. Auch ok, gefällt mir gut. Die Frauen sind etwas nuttenhaft bekleidet und schauen alle zu mir, wenn ich eintrete. Auch da sage ich: Perfekt, das ist mein Tag. Aber anstatt dass ich mir zuerst einen Whisky reinkippe und mich über die Bräute hermache, schaue ich in die Kamera und sage: ‚Bei so viel Gutem, was einem widerfahren kann, bin ich froh, dass ich nicht alleine bin.‘ Und dann drehe ich mich um und hinter mir stehen 83 schottische Dudelsackpfeifer im Schottenrock? Alle aus Glasfaser? Ja hackt es denn?“ Piasta kratzte sich am Kopf, aber sagte nichts. Ducky D. fuhr fort: „Soll ich Ihnen mal sagen, was daran falsch ist? Ich brauche in einer solchen Situation keine Hilfe. Schon gar nicht von Männern in Röcken. Ist das klar? Ziel verfehlt, Herr Kreativer aus der Werbebranche.“

„Ich weiß, das ist nicht einfach, Ducky“, sagte Piasta schließlich. „Die Vorgabe von Tobermory war, dass die 83 Schotten im Werbespot vorkommen müssen. Die werden nachher an Spirituosenläden ausgeliefert und sollen deshalb vorher bekannt gemacht werden. Es ist nicht einfach, einen Rapper und 83 Schotten in einem Spot für Whisky unterzubringen.“ – „So ein Schwachsinn. Sie sind doch Kreativer. Dann seien Sie mal kreativ.“ – „Ha, das würde ich ja gerne, aber Sie haben keine Vorstellung…“ – „Hören Sie mal zu, ich mache Ihnen einen Vorschlag.“

Ducky D. erklärte, wie er den Spot sah. „Ich komme in die Bar, wie vorher. Die Bräute sind da, ebenfalls wie gehabt. Sie sind heiß auf mich und ich will sie. Geht klar, Mann. Mit einem Whiskyglas in einer Hand vernasche ich die Mädels. Oh yeah! Dann kommt der erste Schotte durch die Tür und will mitmachen. Ich nehme meine Pumpgun und knalle ihn ab. Mit Schwung fällt er hintenüber, dass sein Rock hochflattert. Dann kommt der Zweite: Ich knalle ihn auch ab. Und so weiter. 83 Mal. Am Ende liegt ein Haufen blutiger Schotten da und die Bräute beten mich an. Ich sage dann so etwas wie: ‚Mit Tobermory Single Peated braucht man keine Hilfe.‘ So, mein Freund, geht das. OK?“ Piasta sah skeptisch aus. Er sagte, er müsse das mit der Agentur besprechen.

(224) Der Tobermory-Vorfall war der Strohhalm, der dem Kamel den Rücken brach.

Der Tobermory-Vorfall war der Strohhalm, der dem Kamel den Rücken brach. Nachdem Piasta seinen Chef von der Lage bei der Werbespotproduktion mit Ducky D. informiert hatte, wurde er von einem anderen Kreativen abgelöst. Dieser löste das Problem, indem er beim Dreh scheinbar auf Ducky D.’s Wünsche einging, nachher im Schnitt aber das Ergebnis herstellte, das der Kunde sehen wollte. Der Rapper mochte sich darüber später noch so sehr aufregen, laut Vertrag war es erlaubt. Aber davon bekam Piasta nichts mehr mit. Er wurde ins Büro zitiert und dort gab man ihm seine Papiere. Er war erleichtert. Eigentlich war er bildender Künstler gewesen, aber an der Akademie gescheitert. Der scheinbare Ausweg, in der Werbung Kunst zu schaffen, war nie aufgegangen und so war es eine gute Fügung, dass man ihn wie ein unverdautes Würstchen wieder ausspuckte.

„Ich bin jung und die Welt steht mir offen“, sagte sich der 29jährige. Enno Piasta packte zwei Koffer mit allem, was ihm wichtig war, schmiss den Wohnungsschlüssel ohne weitere Erklärungen in den Briefkasten seines Vermieters und fuhr mit dem Zug nach Hamburg. Es schien ihm erst einmal das richtige Ziel zu sein, für jemand, der die Welt erkunden wollte. Vielleicht würde er auf einem Schiff anheuern und von da aus in die Fremde reisen. Körperliche Arbeit wäre bestimmt das Richtige für ihn nach all den Jahren ausschließlicher Kopfarbeit.

Unterwegs stieg ein 50jähriger Mann zu und setzte sich im Abteil Piasta gegenüber. Der Mann trug ein kariertes Hemd, braune Hosen und eine altmodische Brille. Die beiden Männer waren alleine im Abteil und in ihre Gedanken vertieft. Plötzlich blieb der Zug mit kreischenden Bremsen in einem Tunnel stehen. Die beiden schauten sich fragend an und seufzten. Nach einer Viertelstunde kam eine Ansage, wonach Schafe in den Tunnel gelaufen seien und man auf die Feuerwehr warten müsse, um die Tiere zu finden und aus dem Tunnel zu geleiten. Danach kam erst einmal keine weitere Ansage. Es wurden langsam heiß im Abteil, da die Klimaanlage nicht mehr funktionierte. „Das ist ja blöd“, sagte Piasta. „Kann man sagen“, antwortete der andere Mann. Da sie jetzt eh miteinander redeten, stellten sie sich einander vor. Der Mann mit der Brille hieß Erwin Linge. Als ob ihn vorher der Triebwagen am Sprechen gehindert hätte, war Linge nach dem Stillstand umso mitteilsamer. „Fahren Sie auch nach Hamburg?“ Piasta nickte. „Meine Familie kommt ursprünglich aus Hamburg“, sagte Linge weiter. Er wirkte angespannt, registrierte Piasta. „Ich bin schon seit Langem weg. Ich weiß nicht, ob ich noch Verwandte da oben habe, aber vor vielen Jahren lebte meine Familie dort.“ Es war, als ob Linge seinen inneren Druck nicht mehr aushielt. „Sie fragen sich sicher, warum ich nach Hamburg fahre, wenn ich nicht einmal weiß, ob ich jetzt noch Familie da habe. Es geht um eine alte Geschichte, die ich in den Unterlagen meines Vaters gefunden habe. Briefe und so etwas. Er ist vor Kurzem gestorben, wissen Sie. Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich Ihnen die Geschichte gerne erzählen. Sie sind der Erste, der davon hört.“