(195) Lenny Lennertz hatte zwei klare Ziele im Leben: Er wollte Schlagzeug spielen und cool sein.

Lenny Lennertz hatte zwei klare Ziele im Leben: Er wollte Schlagzeug spielen und cool sein. Beides fand er bei seinem Idol Christoph Schneider, dem Drummer von Rammstein. Von seinen Freunden wollte Lenny ‚Schneider‘ genannt werden, konnte seinen Wunsch aber nicht komplett durchsetzen. Wenigstens hatte sein Vater nachgegeben und ihm ein Sonor SEF11 Select Force Drum Set gekauft. Die gleiche Marke, wie die von Schneider. Seitdem hatte Lenny immer Drumsticks dabei und wenn er mit dem Bus von der Schule nach Hause fuhr, schlug er Rhythmen auf den Haltestangen. Zusammen mit einem Freund, der Gitarre spielte, wollten sie eine Band gründen. Schneider war erst mit 24 Jahren in einer Band gewesen, das würde Lenny toppen.

Jetzt war er auf dem Weg von der Bushaltestelle nach Hause. Er freute sich darauf, auf dem Drum Throne zu sitzen und auf das Kit einzudreschen. Er hoffte, dass Diana nicht da war. Seit sie nicht mehr zur Schule ging, war sie eigentlich nur noch zu Hause und meckerte, weil es ihr zu laut war.

„Gott weiß ich will kein Engel sein“, sang er, als er ins Haus eintrat. „Gott ist es bestimmt egal, was du bist“, tönte es aus dem Bad heraus. Mist, Diana war zu Hause.

„Na, bewunderst du dich wieder im Spiegel und fragst dich, warum kein Mann dich haben will?“ Lenny ging in die Küche und nahm sich eine Cola aus dem Kühlschrank. „Du kleines Aschloch! Wofür hältst du dich eigentlich?“ Diana war ihm in die Küche gefolgt. Sie hatte irgendeine Pampe im Gesicht, wahrscheinlich verbunden mit einer kosmetischen Absicht. „Du hast da was im Gesicht.“ – „Das kann ich wegwischen. Du heißt dann immer noch Leonhard Lennertz. Genannt Lenny. Man kann unseren Eltern keine Humorlosigkeit unterstellen.“ Damit kam sie immer. Aber seit Lenny sich Schneider nennen ließ, perlte das Argument nur an ihm ab. „Die Pampe geht vielleicht ab, aber nicht die hässliche Fratze dahinter. Gib es doch auf, es wird dir gehen wie Tante Klementine. Ungeöffnet zurück.“ Die Sache mit Rafael hatte Diana geheim gehalten und so sollte es auch bleiben. Lenny war nur unverschämt. Der verwöhnte Zweitgeborene. Ein Paschasohn. Er will ein Schlagzeug und schon erhält er eins, auf das professionelle Musiker wahrscheinlich neidisch wären. „Ungeöffnet zurück!“, wiederholte Lenny, weil er keine Antwort erhielt. Diana wusste keine Antwort. Sie streifte mit einer Hand einen Teil ihrer Magerquarkmaske ab und wollte sie Lenny ins Gesicht schmieren. Er sprang zur Seite und sie ließ Wasser über die Hand laufen um das klebrige Honig-Kamille-Gemisch abzuwaschen.

„Stopf dir doch den Quark in die Ohren. Ich gehe jetzt üben!“ Lenny griff seine Umhängetasche und stapfte die Treppe hoch in sein Zimmer. Als er die Tür zuschlug, war es der erste Paukenschlag, aber lange nicht der lauteste.

(196) Die Radiologie war ein stilles Teilgebiet der Medizin.

Die Radiologie war ein stilles Teilgebiet der Medizin. Zumindest war das so, als Dr. Uwe Lennertz sich entschied, Radiologe zu werden. Mit den neuen bildgebenden Verfahren hatte sich das leider grundlegend geändert. Lennertz war froh, dass er eine gut gehende Praxis hatte, mit angestellten Ärzten, und er diese neuen Geräte nicht selbst betätigen musste. Die Ergebnisse der neuen Methoden waren zwar fantastisch, aber der Lärm der rotierenden Röhren und Detektoren war für Lennertz unerträglich. Eines hatte sich in seinem Beruf aber nicht verändert: Er hatte auch jetzt kaum Kontakt zu Patienten und seine Befunde übermittelte er nur Arztkollegen, die ihn nicht nervten, weil sie eh von Radiologie keine Ahnung hatten.

Den ständigen Krach zuhause konnte er leider nicht abstellen. Als er noch mit Miriam alleine war und sie oft noch Überstunden in der Kanzlei machte, herrschte zuhause eine himmlische Ruhe. Mit den Kindern kam zuerst das Babygeschrei, tagsüber und besonders nachts. Danach veränderte sich die Geräuschkulisse entsprechend des Alters der Kinder ständig weiter. Als Lenny ein Schlagzeug wollte, war es für Lennertz so, als ob man ihn aus seinem eigenen Haus hinausekeln wollte. Miriam, die wegen ihrer erfolgreichen Anwaltstätigkeit kaum zuhause war, hatte ihn mit viel Überredung dazu gebracht, seinem Sohn ein Schlagzeug zu kaufen. Allerdings durfte Lenny nur üben, wenn sein Vater nicht zu Hause war. Das ging zwar meistens nicht reibungslos, aber es war besser als gar nichts. Diana machte zum Glück keinen Lärm, außer wenn sie sich mit Lenny, ihrer Mutter oder mit ihm stritt. Das Mädchen war völlig orientierungslos und deshalb kam es ständig zu endlosen Diskussionen. Danach wurde es erst wieder ruhig, nachdem sie sich schmollend auf ihr Zimmer verzogen hatte.

Als Lennertz von der Praxis nach Hause kam, stand er auf der Veranda seines Hauses, den Schlüssel in der Hand und hörte das Geschrei der beiden Kinder, die sich wegen irgendeiner Kleinigkeit fetzten.

Lennertz hatte sich auf einen ruhigen Abend zu Hause gefreut, aber es klang nicht so, als ob ihm das gelingen würde. Er stand da, mit dem Schlüssel in der Hand und fühlte, dass er nicht genug Kraft hatte, jetzt in das Haus hinein zu gehen und für seine Ruhe zu kämpfen.

Als er hörte, wie Lenny die Treppe hochlief und sagte, er werde jetzt üben, ging Lennertz wieder zum Auto zurück und fuhr weg.

Wenn ihm alles zu viel wurde, flüchtete Lennertz in den Wald. Ein Weg, der eigentlich nicht für Autos zugelassen war, brachte ihn zu einem Holzladeplatz an einem Bach. Dort gab es keine weiteren Geräusche als das gurgelnde Wasser, Vogelgezwitscher, ein Specht und den Wind in den Bäumen. Für Lennertz war es ein Paradies. Er nahm seine Aktentasche und setzte sich auf einen Felsen am Bach.

(197) Auf der Röntgenaufnahme sah man zwei menschliche Köpfe, die sich gegenseitig die Zunge herausstreckten.

Auf der Röntgenaufnahme sah man zwei menschliche Köpfe, die sich gegenseitig die Zunge herausstreckten. Die Zungenspitzen mussten sich berühren. Dr. Lennertz hatte das Archiv von Dr. Emmel, einem jüngst verstorbenen Kollegen, übernommen. Darin hatte er einen unbeschrifteten Umschlag mit dieser ungewöhnlichen Aufnahme gefunden. Lennertz hatte die Aufnahme mitgenommen und fand, dass er gerade jetzt die Muße hatte, sie zu studieren. Die Sonne stand zwar schon tief, aber er konnte die Einzelheiten der Aufnahme immer noch gut erkennen.

Bei einem Kopf konnte Lennertz Metallkreolen erkennen, er nahm an, dass es sich um eine Frau handelte. Beide Köpfe besaßen noch alle Zähne, allerdings hatten beide mehrere Amalgamfüllungen. Der Mann, (es war Lennertz‘ Annahme, dass die andere Person ein Mann war), hatte einen implantierten Zahn. Er nahm an, dass die beiden nicht mehr ganz jung sein konnten, denn sonst hätten sie keine Amalgamfüllungen mehr. Warum hatte Dr. Emmel diese Aufnahme aufbewahrt? War er etwa selbst mit auf dem Bild? Dr. Lennertz hatte seinen Kollegen oft getroffen, konnte sich aber nicht erinnern, ob er ein Schraubenimplantat besaß. Die Frau von Dr. Emmel hatte Lennertz ebenfalls getroffen. Sie trug keine Ohrringe und er konnte sich noch daran erinnern, dass Miriam das erwähnt hatte. Miriam hatte ein besseres Auge für so etwas. Seltsam wäre es auch, wenn Dr. Emmel sich mit seiner Frau züngelnd mittels Röntgenstrahlen selbst portraitiert hätte. Vielleicht mit einer Assistentin? Oder einer Geliebten? Oder einer Assistentin, die auch seine Geliebte war? Auf jeden Fall hatte er die Aufnahme aufbewahrt.

Unsinn, dachte Dr. Lennertz. Jetzt keine voreiligen Schlüsse, die nicht auf Fakten beruhten.

Die Aufnahme musste natürlich nichts mit Dr. Emmel zu tun haben. Die Aufnahme könnte auch von einer Assistentin oder einem Assistenten aufgenommen sein. Unwahrscheinlich, dass die Aufnahme dann in den Akten von Dr. Emmel landete. Außer, jemand hatte sie dort versteckt und vergessen mitzunehmen.

Natürlich könnte er den Zahnarzt von Dr. Emmel ausfindig machen und mit ihm Dr. Emmels Zahnstatus mit der Röntgenaufnahme vergleichen. Aber, war es die Mühe wert? Die Hintergründe der Aufnahme und wer die Frau war, würde er nicht herausfinden können.

Mittlerweile war es nicht mehr hell genug, um Einzelheiten des Bildes zu erkennen. Lennertz schaute auf die Uhr und beschloss nach Hause zu fahren. Er würde Miriam die Aufnahme zeigen. Vielleicht hatte sie ja eine Idee. Lustigerweise trug sie immer Kreolen. Das heißt, sie könnte auch die Frau auf der Aufnahme sein. Genau, dachte Dr. Lennertz, für nichts hat sie Zeit und lässt sich dann züngelnd von einem Radiologen röntgen. Ein sehr lustiger Gedanke. Hoffentlich würde es zu Hause ruhig sein, dachte er noch und setzte sich wieder ins Auto.

(198) Dr. Emmel war stets darauf bedacht, seine Triebe im Zaum zu halten.

Dr. Emmel war stets darauf bedacht, seine Triebe im Zaum zu halten. Dafür gab es einige Gründe: seine Frau, die er liebte; sein Berufsstand, den er nicht blamieren wollte und seinen eigenen Ruf. Aber von Zeit zu Zeit waren seine Triebe stärker und er musste nachgeben. Allerdings hatte er sich immer so weit im Griff, dass er auch den Kontrollverlust noch steuern konnte. Er gab seinen Trieben ausschließlich Samstags nach. Dann fuhr seine Frau regelmäßig zu ihrer betagten Mutter und er war ungestört. Er tat es ausschließlich in der Praxis, denn hier zogen sich ständig Frauen an und aus – irgendwelche nachlässigen Spuren wären hier bedeutungslos. Und, vor allem, begab er sich in professionelle Hände. Dr Friedrich Emmel hatte eine Schwäche dafür, Frauen beim Liebesspiel zuzusehen. Lesben-Duetts, wie der Fachbegriff lautete. Nur zuschauen, nicht mitmachen. Er buchte Call Girl-Duos und setzte sich in seinen Arztstuhl, während die Frauen es auf der Untersuchungsliege trieben. Später, nachdem die Frauen gegangen waren, masturbierte er und ging nach Hause. Es war völlig ausgeschlossen, dass Mitarbeiter am Samstag in die Praxis kamen, aber zur Sicherheit deaktivierte Dr. Emmel in der Zeit immer die elektronische Zugangskontrolle.

Nach vielen Versuchen hatte er ein Duo gefunden, das seinen Vorstellungen völlig entsprach. Stella und Regina waren beide blond, Ende Dreißig und immer fröhlich. Ihre Schamhaare waren zwar gestutzt, aber nicht abrasiert. Das war für Dr. Emmel wichtig. Völlig nackte Genitalien verstörten ihn. Beim ersten Mal erklärte er ihnen, wie er sich den Ablauf vorstellte. Als es dann begann, war es gleich perfekt. Sie zogen sich genau in der Reihenfolge aus, wie Dr. Emmel es gewünscht hatte. Ihre Spiele liefen so ab, wie er gesagt hatte. Der Radiologe war begeistert. Von diesem Moment an buchte er immer nur Stella und Regina. Es war ein großer Zugewinn, fand Dr. Emmel, dass das Spiel, ohne weiteres Zutun von ihm genau in dem Moment begann, wenn er die Frauen in die Praxis hineinließ.

Dr. Emmels Bauchspeicheldrüsenkrebs wurde festgestellt, als es für irgendwelche Maßnahmen bereits zu spät war. Es kam zu einem Zeitpunkt, als er sehr zufrieden war mit seinem Leben. Es war ein Schock. Zuerst hatte er keine Gedanken mehr für seine Vergnügungen an manchen Samstagen. Als er alles andere in seinem Leben geregelt hatte, wollte er ein letztes Mal Stella und Regina sehen. Erst nachdem sie ihre Darbietung abgeschlossen hatten, eröffnete ihnen Dr. Emmel, wie es um ihn stand. Es war das erste Mal, dass er etwas Persönliches sagte. Die Frauen waren sehr betroffen und wussten nicht, was sie sagen sollten. Er bat sie um einen letzten Gefallen: Er wollte sie ablichten, damit er in den letzten Tagen, wenn er zu sonst nichts mehr fähig sein würde, ihr Abbild sehen konnte. Die Frauen willigten ein, auch als Dr. Emmel erklärte, dass er mit Ablichten eine Röntgenaufnahme meinte. Und so geschah es dann. Spontan streckten die Frauen während der Aufnahme die Zungen heraus, die sich an der Spitze berührten. Als Dr. Emmel die Aufnahme in Händen hielt, war er verzückt.

(199) Weißt du, wo die Röntgenaufnahme ist, die er von uns gemacht hat?

„Weißt du, wo die Röntgenaufnahme ist, die er von uns gemacht hat?“ Regina schüttelte den Kopf. Die beiden Call Girls standen abseits der Trauergemeinschaft auf dem Friedhof. Dr. Emmel wäre sicher dankbar gewesen für die Diskretion. „Der Mann hatte Klasse.“ Regina nickte. „Ich kenne auch keinen anderen Kunden, zu dessen Beerdigung ich gehen würde.“ – „Höchstens noch, um sicher zu gehen, dass er auch wirklich tot ist.“ – „Bleiben wir, um ein Schäufelchen Erde auf den Sarg zu schmeißen?“ – „Auf keinen Fall. Komm, wir gehen.“ Sie durchquerten den Friedhof in Richtung Ausgang. „Wie geht es dir denn so? Seit wir keine Duette mehr machen, sieht man sich ja nicht mehr.“ – „Ganz ok. Aber für die Rente habe ich immer noch nichts angespart. Und du? Irgendwelche abgefahrenen Kunden?“

Kunden mit aufgefallenen Wünschen landeten in der Firma immer bei Stella. Zugegebenermaßen konnte sie mit diesen Kunden auch am besten umgehen und keine der Kolleginnen neidete ihr die höheren Honorare, die sie dafür kassierte.

„Letzte Woche hatte ich mal wieder etwas Besonderes. Der Typ war Armeeoffizier, aber keiner von ganz oben.“ – „Oh ja, eine Uniformnummer?“ – „Nein, gar nicht. Es war sogar sehr witzig. Er hatte ein Gorillakostüm dabei und wollte King Kong mit mir nachspielen.“ – „Er entführt dich und ihr verliebt euch, weil du hinter seine Fassade schauen kannst?“ – „Du hast es erfasst, Regina. Du bist echt gut in solchen Dingen. Man sagt dir etwas und du ziehst gleich die richtigen Schlüsse.“ – „Danke, aber wie ging es weiter? Wie haben ihn die Flugzeuge vom Hochhaus runtergeholt?“ – „Runtergeholt hab ich ihm einen, aber erst, nachdem ihm unter der Gorillamaske heiß wurde. Das Übliche: Die Kerle denken sich etwas aus, was sie total anmacht und dann haben sie keine Ahnung, wie sie aus der Nummer wieder rauskommen.“ – „Stimmt. Da war Dr. Emmel anders.“ – „Oh ja. Der Mann hatte Klasse. Er wusste, was er wollte, konnte es mitteilen und dann hielt er die Klappe. Hat nicht ständig das Skript geändert oder reingeredet.“ – „War denn dein General zufrieden?“ – „Der war kein General. Feldwebel, oder so was. Niedere Charge. Ja, ich denke schon, dass er zufrieden war. Immerhin hat er sein Blondchen ja gekriegt und anders als King Kong gab es auch ein Happy End.“ – „So soll es sein. Kommt er wieder?“ – „Kann sein. Aber ganz bestimmt nicht mehr im Gorillakostüm. Das musste er aus einem Kostümverleih haben. Das Fell war natürlich am Ende ziemlich eingesaut. Frage mich, wie er das wieder sauber bekam. Kann man ja nicht mal eben so in die Reinigung geben und sagen, ‚Entfernen Sie mir mal bitte die Spermaflecken aus dem Gorillakostüm.‘ Wobei witzig wäre es schon“. – „Das stimmt. Aber ich frage mich, ob so ein Feldwebel überhaupt Humor hat?“ – „Also bei dem habe ich keine Zweifel.“

(200) Meine Herren, ich sehe, Sie haben gute Laune.

„Meine Herren, ich sehe, Sie haben gute Laune. Ich lache nur einmal im Quartal: Ha! und das war jetzt! Heute üben wir die niedrigste Gangart im Feld.“ Siegmar Hack ging vor seinem Zug auf und ab und musterte die Soldaten. Er hatte sie ins Gelände geführt und freute sich, auf dem Übungsplatz eine ordentliche Menge an Schlamm vorzufinden.

„Und, welche Gangart ist das? Schütze Heinrich, erleuchten Sie uns!“ Lukas Heinrich, genannt Doktor, weil er eine Brille trug, trat nach vorne. „Drei Schritte Abstand oder wollen Sie mit mir kuscheln!“, schrie ihn Hack an. Der Rest des Zuges gackerte leise. „Ich bin zwar locker, aber sobald ich merke, dass ihr mich verarschen wollt, fresse ich euch auf und scheiß euch an die Wand.“ Das Gegackere hörte schlagartig auf. „Die niedrigste Gangart ist das Gleiten, Herr Feldwebel.“ – „Genau, Schütze Heinrich. Ich habe leider keinen Zucker für Sie dabei.“

Hack zeigte auf den schlammbedeckten Übungsplatz. „Und hier kann man Gleiten richtig gut lernen. Da ist ein natürliches Gleitmittel drauf. Schütze Leube. Kommen Sie mal nach vorne. Jetzt zeigen Sie mal, was Sie richtig und alle anderen falsch machen. Legen Sie das Gewehr ab. Zur Theorie: Wenn keine Deckungen vorhanden sind, muss der Soldat gleiten. Sonst wird er abgeknallt.“ Markus Leube, den sie wegen seiner fallweisen Instabilität ‚Zitteraal‘ nannten, hatte sein Gewehr hingelegt und stand etwas unschlüssig da. „Schütze Leube, Sie sehen aus wie ein kackendes Bambi, wenn es donnert. Jetzt legen Sie sich mal hin. Dahin.“ Hack deutete auf eine Schlammpfütze. Leube wollte auf die Knie gehen, aber Hack stoppte ihn. „Schütze Leube! Ich habe nicht gesagt, Sie sollen sich hier gemütlich in die Rabatten legen. Wie geht das mit dem Hinlegen?“ Er sah sich um und sagte: „Schütze Pieper! Klären Sie uns auf!“

Nils Pieper wusste es natürlich wieder ganz genau und deshalb hasste ihn der ganze Zug. Sie nannten ihn ‚Piepser‘. Während er die Regeln beim Hinlegen aufsagte, musste Leube parallel die Bewegungen durchführen. „Zuerst mit dem linken Fuß einen weiten Ausfallschritt vorwärts. Dann den Oberkörper vorbeugen und sich auf das rechte Knie niederlassen. Dann nach vorne flach auf die Erde.“ Jetzt lag Leube vollständig im Matsch und spürte, wie sich seine Uniform vollsog. Natürlich wusste er, dass Pieper keine Wahl hatte, aber es war die unbeteiligte Art, mit der Pieper die Regeln aufsagte, die Leube, und nicht nur ihn, auf die Palme brachte.

„Sehr schön, Schütze Leube. Wenn im Ballett was frei wird, sage ich Ihnen Bescheid. Bis dahin zeigen Sie mir mal, ob Sie besser gleiten können, als sich hinzulegen. Auf mein Kommando: Glei-TEN!“ Mit Händen und Armen zog Leube seinen Körper nach vorne. Als er den Hintern etwas hob, damit der Schlamm nicht ganz so leicht in seine Hose floss, spürte er wie Hack ihm den Fuß auf den Hintern setzte und ihn runterdrückte. Leube fluchte leise und glitt weiter.

(201) Zitteraal und der Doktor teilten die Stube mit vier anderen Soldaten ihres Zugs.

Zitteraal und der Doktor teilten die Stube mit vier anderen Soldaten ihres Zugs. Das Thema des Abends war natürlich der Piepser.

„So ein Aschloch“, sagte Zitteraal und zog den Verschluss einer Dose Bier auf. Er nahm einen großen Schluck. Nachdem er das Gleiten vorgeführt hatte, war er völlig, bis auf die Haut, mit Schlamm bedeckt gewesen. Sogar das Barett war dadurch an seinen Haaren festgeklebt. Bis zur Dienstunterbrechung musste er damit rumlaufen, da hatte Hack kein Erbarmen gehabt. Erst um 16 Uhr konnte Leube duschen und sich umziehen. „Piepser hätte zumindest so tun können, dass er es nicht gern macht“, pflichtete der Doktor bei und trank aus seiner Dose. „Wir müssen ihm heimleuchten. Das geht so nicht weiter“, fuhr Leube fort und blickte in die Runde der Stubenkameraden. Alle nickten. Sie brauchten einen Plan.

Zuerst kamen die üblichen Methoden im Brainstorming hoch: im Dunkeln auflauern und verprügeln; vollständig in Panzerband einwickeln, inkl. der Haare; mit Marker den Schwanz schwärzen usw. Dann kam dem Doktor ein Einfall. Sein Vater hatte ihm davon erzählt. „Wisst ihr, was Spindwürfeln ist?“ Die anderen schüttelten den Kopf. „Beim Spindwürfeln nimmt man den Spind des Idioten und dreht ihn mehrmals um die eigene Achse. Dann stellt man ihn wieder zurück. Von außen sieht es ganz normal aus, aber drinnen ist alles durcheinander, als ob es im Betonmischer gewesen wäre.“

Alle lachten und fanden, dass das eine ganz hervorragende Idee sei. „Am besten, wir machen es kurz vor einer Spindkontrolle unter der Woche. Freitags wäre das schlecht, da müssten wir alle bleiben, bis der Piepser aufgeräumt hat“, meinte Zitteraal Einer der Stubenkameraden bekam den Auftrag, die Wachplanung von Pieper und die geplanten Spindkontrollen abzugleichen. Am nächsten Tag konnte er berichten, dass in der kommenden Nacht Pieper auf Wache sein würde und am darauffolgenden Morgen eine Spindkontrolle direkt nach dem Wecken geplant war.

Zitteraal sprach mit den Stubenkameraden des Piepsers und diese waren ebenfalls Feuer und Flamme. Einer davon erklärte sich bereit, die Spindkontrolle heimlich zu filmen.

In der Nacht, als der Piepser auf Wache war, schlichen Zitteraal und der Doktor nach nebenan. Zusammen mit zwei anderen zogen sie Piepers Spind von der Wand und ließen ihn mit vereinten Kräften zweimal rotieren. Von innen hörten sie, wie der Inhalt des Spinds samt der Regalbretter durcheinander purzelte. Zwischendurch mussten sie immer wieder innehalten, weil sie so sehr lachen mussten, bei der Vorstellung, wie Piepser den Schrank öffnete.

Zum Schluss schoben sie den Spind zurück an die Wand und gingen kichernd alle wieder schlafen.

(202) Pieper war gerade von der Wache zurückgekehrt und vor Müdigkeit eingenickt…

Pieper war gerade von der Wache zurückgekehrt und vor Müdigkeit eingenickt, sobald er sich auf sein Bett gelegt hatte. Dann kam vom Flur herein der Schrei „Spindkontrolle! Spindkontrolle!“. Schlaftrunken stöhnten und fluchten die Soldaten auf der Stube. Gerade als sie sich aufrichteten und aus dem Bett stiegen, flog die Tür auf und Hack stand mitten unter ihnen. Er stemmte die Arme in die Hüften und schaute sich um. „Boah, hier stinkt es ja wie in einer Frettchenzucht. Haben die Herren noch nichts von Lüften gehört? Herr Schütze Pieper, machen Sie mal das Fenster auf.“ Pieper tat, wie ihm befohlen. Ein kalter feuchter Wind zog durch die Stube.

„Und jetzt mal stillgestanden. So ein jämmerlicher Haufen.“ Die Soldaten bemühten sich, in einer Reihe zu stehen. „Was für ein Pissbogen. Ihr steht da wie frisch gevögelte Hamster.“ Er ging vor der Reihe auf und ab. Als er dachte, genügend Unruhe verbreitet zu haben, gab er den Befehl zum Rühren. „Und jetzt macht einer nach dem anderen den Spind auf. Wollen wir doch mal reinsehen, ob das einer richtigen Ordnung entspricht.“

Der erste Soldat öffnete das Vorhängeschloss an seinem Spind. Hack schaute rein. Es sah ganz ordentlich aus. Er bückte sich und schaute ins Schuhfach. „Hier ist der Übungsplatz also verschwunden!“ Hack zeigte mit dem Finger auf ein paar getrocknete Schlammbröckchen, die neben den Stiefeln lagen.“ Der Soldat wollte sich entschuldigen, aber Hack wehrte ab. „Ich habe es euch schon mal gesagt, Ihr könnt Euch bei eurer Freundin entschuldigen, wenn der Sex schlecht war, aber nicht bei mir.“

Der Spind des zweiten Soldaten sah weniger ordentlich aus, war aber durchaus noch im Bereich des Akzeptablen. „Das sieht ja aus wie im Rucksack von Reinhold Messner. Dahinter versteckt sich wohl der Yeti!“ Hack fing an, Hemden und Unterhosen herauszuziehen und auf den Boden fallen zu lassen. „Nein, doch kein Yeti. Aber die Sauerei erinnert mich an einen Handgranatenwurfstand. Eklig.“

Jetzt war der Piepser dran. Seine Stubengenossen schauten gebannt zu, wie er mit dem Schlüssel in der Hand auf seinen Spind zusteuerte. Der Soldat mit dem Schlamm im Spind hatte sein Mobiltelefon in Videofunktion auf sein Bett gelegt, um den Auftritt zu filmen. Pieper steckte den Schlüssel in das Vorhängeschloss, drehte ihn und nahm den geöffneten Schlossbügel aus dem Halteblech. Dann zog er mit beiden Händen die Flügeltüren seines Spinds auf.

Es polterte gewaltig, als der aufgehäufte Inhalt des Spinds sich nach vorne ergoss. Kleidung, Schuhe, Rucksäcke, die ABC-Tasche… es war, als ob sich der Spind erbrach. Zum Schluss rollte der Gefechtshelm heraus und blieb vor Hacks Füßen liegen. Zuerst war es still. Hacks Gesicht wurde rot. „Ich glaube, mir platzt gleich der Sack – dass werden Sie kaum überleben!“ Pieper stand nur da. Er schien nicht erstaunt zu sein und es schien ihn auch nicht zu beeindrucken, was Hack sagte. Er wartete einfach das Ende von Hacks Tirade ab. Dadurch schien es Hack auch wenig Spaß zu bereiten. Er erreichte Pieper nicht. Hack suchte nach weiteren Möglichkeiten. Mit dem Fuß deutete er auf ein Foto, das ebenfalls rausgefallen war. Das Foto zeigte eine junge Frau in einem Park, Sie saß auf einem Gipskrokodil und mit ihren Händen stützte sie ihre Brüste, schien sie der Kamera entgegen zu halten.

„Ist das Ihre bemitleidenswerte Braut, Herr Schütze Pieper?“ – „Herr Feldwebel, das ist meine Schwester.“ Hack schaute verdutzt und versuchte zu ergründen, ob Pieper ihn verarschte, konnte aber nichts erkennen. „Jetzt räumen Sie mal alle Ihre Sauereien auf. Und schnell!“ Hack machte kehrt und stürmte aus der Stube.

(203) In gewisser Weise war Nils Piepers Schwester auch seine Braut.

In gewisser Weise war Nils Piepers Schwester auch seine Braut. Nicht im fleischlichen Sinne, denn noch war in dieser Richtung nichts passiert. Aber zunächst der Reihe nach.

Als Kinder wuchsen Nils und Andrea gemeinsam bei ihren Eltern auf. Nils war ein Jahr älter als seine Schwester und war immer der Stärkere der beiden. Andrea war etwas schüchtern und Nils fühlte sich für sie verantwortlich. Ihre Eltern ließen sich scheiden, als Nils acht Jahre alt war. Der Vater bekam das Sorgerecht für Nils und Andrea blieb bei der Mutter. Die beiden sahen sich nicht oft, denn wenn die Eltern das Besuchsrecht für das jeweils andere Kind hatten, tauschten sie die Kinder aus. Nils kam es wie ein Geiselaustausch in den Comics von Leutnant Blueberry vor. Irgendwann wurden die Besuche seltener und blieben aus. Nils hatte nichts dagegen, denn er mochte seine Mutter nicht so sehr und sie konnte nichts mit ihm anfangen. „So gefühllos wie dein Vater“, hatte sie einmal gesagt. Andrea hatte auch kein richtiges Verhältnis zu ihrem Vater aufbauen können und Nils wusste, dass sein Vater eine Abscheu vor der Art von Gefühlsausbrüchen hatte, die Andrea immer wieder heimsuchten.

Drei Monate bevor Nils zur Armee ging, rief seine Schwester ihn an. Das war eine große Überraschung für ihn, denn sie hatten sich schon jahrelang nicht gesehen. Andrea wollte das ändern und so trafen sie sich an einem Samstag in einem Freizeitpark, in den sie als Kinder mit ihren Eltern oft hingingen, dem „Wunderland“. Es gab auch heute noch keine Fahrgeschäfte oder ähnliche Attraktionen. Dafür standen die lackierten Gipsskulpturen mit Märchenfiguren noch genauso im Park verstreut wie vor Jahren.

Als sie sich jetzt gegenüberstanden, stellten sie fest, dass aus ihnen Erwachsene geworden waren. Andrea stand kurz vor dem Abitur und Nils sollte seinen Wehrdienst beginnen. Sie setzten sich auf eine Bank, die aus Gips einem Krokodil nachgebaut war und erzählten, was zwischendurch passiert war.

Andrea sagte, dass Nils immer ein Vorbild für sie gewesen sei und sie ihn sehr vermisst habe, die ganzen Jahre über. Die Sitzfläche auf dem Krokodil war eigentlich für Kinder gedacht und entsprechend eng. Sie saßen unmittelbar nebeneinander und ihre Beine berührten sich. Während Andrea mit ihm sprach und ihn lobte, spürte Nils, wie er eine Erektion bekam. Er schämte sich deswegen. Er sagte, dass er etwas zu trinken kaufen wollte und was sie denn möchte. Dann ging er schnell weg, in eine Richtung, die es ihr unmöglich machte, seine Erektion zu sehen. Nachdem er sich beruhigt hatte, kam er mit Getränken zurück. Als er auf Andrea zukam, fiel ihm ein, dass sie als Kinder genau an dieser Stelle schon mal gesessen hatten. Sein Kopf war wie mit Bienen gefüllt. Er stellte die Getränke auf die Erde, nahm seine Kompaktkamera und sagte, dass er ein Foto von ihr machen wollte. Er fokussierte auf sie und gerade, als er den Auslöser betätigte, griff sie sich unter den Busen und hob ihn an, so als sie ihn Nils anbieten wollte. Dabei lachte sie genauso leicht und unbeschwert wie damals.

(204) Es war ein Sonntagnachmittag im Winter.

Es war ein Sonntagnachmittag im Winter. Feine Schneeflöckchen rieselten vom Himmel und es war ein guter Tag für einen Ausflug. Die Eltern beschlossen, mit Nils und Andrea ins „Wunderland“ zu fahren. Als sie ankamen, schien sogar die Sonne und es war gar nicht kalt. Im Park trafen die Eltern ein anderes Paar und unterhielten sich mit ihnen. Nils und Andrea setzten sich zuerst auf ein Krokodil, das wie eine Bank aus Gips gebaut war. Die Kinder fingen Schneeflocken mit den Handschuhen und schauten sie an, bevor sie zerschmolzen. Jedes Flöckchen war aus vielen verschiedenen Kristallen geformt und keines davon war so, wie das andere.

Nils schaute immer wieder auch zu den Eltern hinüber. Sein Vater rollte schon wieder mit den Augen, während seine Mutter mit dem anderen Paar redete. Das war kein gutes Zeichen. Es war wie dunkle Wolken am Himmel. Danach musste es immer erst laut werden, bevor die Sonne wiederkehrte. Als das andere Paar weg war, kam auch schon das Gewitter. Sie stritten miteinander, zwar nicht so laut, wie sie es zu Hause gemacht hätten, aber an den Bewegungen konnte man gut erkennen, was vor sich ging. Als Andrea auch hinschaute und sich nicht mehr für Schneeflocken interessierte, nahm Nils ihre Hand und sagte, dass sie eine Runde spazieren gehen würden. Er erzählte ihr, dass sie wie Hänsel und Gretel seien. Von ihren Eltern verstoßen, hätten sie nur noch einander. Er sagte ihr, dass er immer für seine Schwester da sein würde und auf sie aufpasste.

Im Park gab es den Nachbau eines echten Hexenhäuschens. Die Lebkuchen an der Fassade waren zwar nur angemalte Holzschindeln, aber es sah doch sehr echt aus. Drinnen gab es einen Raum, der manchmal von Schulklassen genutzt wurde. Als sie an dem Hexenhäuschen vorbei kamen, sagte Andrea, dass sie Angst vor dem Haus hätte. Nils sagte, dass sie sich nicht zu fürchten bräuchte, denn er sei ja bei ihr. Und deshalb würden sie jetzt auch in das Haus hineingehen, damit sie merke, dass sie sich auf ihn verlassen könnte. Sie zögerte, aber als er ihre Hand fester griff, ging sie mit ihm hinein.

Drinnen in dem Hexenhäuschen roch es nach feuchtem modrigem Holz. Sie setzten sich zuerst nebeneinander auf eine Holzbank und weil Andrea in dem eher dunklen Raum kalt war, setzte sie sich auf Nils‘ Schoß. Sie hielten einander fest umklammert und hörten dem Atmen des Anderen zu. Natürlich wussten sie, dass sie wieder zurückgehen sollten und dass man bestimmt nach ihnen suchte, aber es spielte in diesem Augenblick keine Rolle.

Irgendwann kamen die Eltern, zusammen mit einem Mitarbeiter des Parks, in das Hexenhäuschen hinein. Sie waren aufgelöst, weil sie nicht wussten, was passiert war und gaben den Kindern die Schuld für die unnötige Aufregung. Danach fuhren alle sofort nach Hause und bald darauf trennten sich die Eltern.