(185) Im Prinzip liebte Lutz Kunz seine Tochter Eva über alles.

Im Prinzip liebte Lutz Kunz seine Tochter Eva über alles. Deshalb hatte er auch eingewilligt, als sie diesen einhändigen Apotheker heiraten wollte. Schon damals kam Leo Warnke ihm wie Fallobst vor. Immerhin hatte Kunz damit gerechnet, dass er sie ernähren konnte, der Herr Akademiker. Für Mathilde war es ja das Tollste überhaupt, dass ihre Tochter etwas Besseres heiratete. Etwas Besseres! Das war nur der Schein. Warum sollte ein Apotheker besser sein als ein Hochofenarbeiter? Aber, wie gesagt, er liebte seine Tochter, denn sie sollte es einmal besser haben.

Das war auch der Grund gewesen, warum er ihr seine Ersparnisse anvertraut hatte, als ihr Mann sich eine neue Niere kaufen wollte. Das war der größte Fehler überhaupt gewesen. Hätte der Herr Apotheker doch krepieren sollen, das hätte seine Tochter eine Zeitlang betrübt, aber dann hätte sie einen besseren Kerl gefunden. Aber so? Das Aas bekam eine neue Niere, war plötzlich fein raus. Übermütig wurde er, als er nicht mehr zur Dialyse musste und nicht mehr Diät halten brauchte. Bumste seine Assistentin und wollte sich scheiden lassen, weil Eva ihm nicht mehr gut genug war! Eva ließ sich abspeisen mit der Wohnung und die 200.000 Euro, die Kunz ihr für die Niere geliehen hatte, waren einfach weg. Eva hatte keinen Job, Altersversorgung versaut. Mathilde geschockt von der ganzen Sache. War gehemmt, mit ihren Bekannten darüber zu reden. Alle tuschelten hinter ihrem Rücken. Natürlich musste sie zu einer anderen Apotheke gehen, sie konnte es nicht aushalten, Leo oder seiner Schnalle unter die Augen zu kommen.

Kunz hatte daran gedacht, Leo anzuzeigen, denn die Nierensache war natürlich völlig illegal gewesen. Samt der OP, die mit ihren seltsamen Umständen in der Türkei stattfand. Aber dann hatte Eva ihn gebeten, nichts zu tun, denn sie hatte den Kontakt zu dem Vermittler geknüpft. Sie wäre genauso darin verwickelt gewesen wie Leo. Und diese Organhändler waren bestimmt nicht zimperlich. Da kam es bestimmt auf eine Leiche mehr oder weniger nicht an. Einer hatte eine neue Niere bekommen und alle anderen hatten verloren. So war das.

Das einzige, was Kunz noch für seine Tochter machen konnte, war, ihr einen Untermieter zu vermitteln. Raimund Horstel war Vorarbeiter am Hochofen, unverheiratet und suchte eine neue Bleibe, nachdem seine bisherige Vermieterin verstorben war. Evas Wohnung war groß genug und Kunz dachte auch daran, dass seine Tochter und Horstel aneinander Gefallen finden könnten. Das Gehalt eines Vorarbeiters war nicht schlecht und damit wäre es zumindest nicht völlig ausgeschlossen, dass ein Teil des Kredits zurückgezahlt würde.

Eines Tages, nach Ende der Frühschicht, kam Kunz mit Horstel auf einen Kaffee bei Eva vorbei. Kunz hätte sich gewünscht, dass Eva sich etwas herausgeputzt hätte, anstatt im Jogginganzug auf dem Sofa abzuhängen. Aber Horstel schien das nicht zu stören. Er schaute sich das Zimmer an, das Bad und das Klo und als er neben Eva aus dem Sofa saß und Kaffee trank, zeigte er sich interessiert, das Zimmer zu beziehen. Kunz führte die Preisverhandlung, wobei er einerseits darauf achtete, ausreichend Miete zu erzielen, damit Eva davon leben konnte, andererseits es aber nicht überziehen wollte, denn immerhin war Horstel Vorarbeiter und damit Kunz vorangestellt. Horstel akzeptierte die Vorstellung von Kunz, was diesen zu der verspäteten Erkenntnis brachte, dass er auch mehr hätte verlangen können. Es war zu spät. Die Männer schlugen ein und Eva lächelte Horstel an.

(186) Als Raimund Horstel einzog, brachte er nur ein paar Koffer und Kartons mit.

Als Raimund Horstel einzog, brachte er nur ein paar Koffer und Kartons mit. Die Möbel und auch das Gästebett gefielen ihm sehr gut, sagte er. Eva war das recht, denn sie hätte nicht gewusst, was sie sonst mit ihren Möbeln gemacht hätte. Als Leo mit seiner Schlampe in eine neue Wohnung gezogen war, hatte er nichts mitgenommen.

Horstel arbeitete nacheinander je eine Woche Früh-, Nacht- und Mittagsschicht. Eva kannte diesen Lebensrhythmus sehr gut von ihrem Vater. Es war daher kein Problem für sie, dass sie tagsüber jeden Lärm vermeiden musste, wenn Horstel Nachtschicht hatte.

In Horstels Zimmer lag ein Koffer auf dem Schrank, den er nicht ausgepackt hatte. Das hatte Eva beim Staubwischen bemerkt, als sie ihn etwas hochgehoben hatte. Eines Tages, als sie wieder sein Zimmer putzte, wurde sie neugierig. Sie zog den Koffer herunter und öffnete ihn. Darin fand sie, säuberlich in Bündeln gestapelt, unzählige Artikel von Damen-Unterwäsche. Eva war zunächst schockiert, klappte den Koffer schnell zu und stellte ihn wieder auf den Schrank. Während sie weiterputzte, schaute sie mehrmals zu dem Koffer hoch und stellte Hypothesen auf.

Vor ihrem inneren Auge sah sie Horstel nachts in seinem Zimmer. Er war nackt, öffnete den Koffer und zog Frauenunterwäsche an. Darin stolzierte er im Zimmer herum, während sie, eine Tür weiter, arglos schlief. Aber das konnte nicht sein. Sie zog den Koffer noch einmal herunter und überprüfte die Wäschegröße. Erleichtert stellte sie fest, dass Horstel unmöglich in diese Wäschestücke passen konnte. Waren es also Trophäen von Frauen, die er erobert hatte? Alle Wäschestücke waren sauber und ordentlich zusammengelegt. Sie waren recht neu, aber nicht frisch aus dem Laden. Die meisten waren eher von der aufreizenden Art, dachte sie. Leo hätte ’nuttenhaft‘ dazu gesagt. Gerade der.

Eva hielt einen glänzenden weißen Body vor sich und ging in den Flur, um sich vor dem Spiegel anzusehen. Sie fand, dass sie gut darin aussah. Da Horstel nach der Frühschicht immer noch zum Mittagessen in die Kneipe ging, hatte sie noch Zeit, es anzuprobieren.

Als sie wieder vor dem Spiegel stand, fand sie, dass der Body ihrer Taille schmeichelte. Natürlich wollte sie auch sehen, wie es mit Strümpfen aussehen würde, denn dafür waren die Strapse ja gemacht. Da sie keine Erfahrung damit hatte, brauchte sie etwas länger, bevor sie wieder vor dem Spiegel stand. Eva fand, dass sie wirklich gut darin aussah.

Sie drehte sich, um über die Schulter ihren Rücken zu bewundern, als sich die Wohnungstür öffnete und Horstel im Eingang stand. Eva fiel in Schockstarre. Horstel zog die Tür hinter sich zu, ließ sie dabei aber nicht aus den Augen. „Zu dem Body“, sagte er schließlich, „würde ich andere Strümpfe empfehlen.“

(187) Raimund Horstel arbeitete zwar am Hochofen, aber seine Liebe gehörte der weiblichen Form.

Raimund Horstel arbeitete zwar am Hochofen, aber seine Liebe gehörte der weiblichen Form. Sein Hobby bestand darin, Frauen in schöner Unterwäsche zu fotografieren. Das erzählte er Eva, nachdem sie sich umgezogen hatte. Er zeigte ihr auch Fotos, die er geschossen hatte. „Hattest du was, mit all diesen Frauen?“, fragte Eva. „Nein, wo denkst du hin! Ich schaue nur und mache Fotos.“ Eva fand die Fotos sehr geschmackvoll und sagte es Raimund auch. Er war geschmeichelt und sagte nach einigem Zögern, dass er sie vorhin in dem Body sehr reizend gefunden habe. Ob sie denn Lust hätte, für ihn zu posieren? Dies wiederum schmeichelte Eva, denn Leo hatte nie Fotos von ihr gemacht. Zugegebenermaßen war das mit einer Hand auch nicht so einfach. Sie willigte ein, wollte aber selbst die Wäsche aussuchen, die sie dabei trug.

Am nächsten Tag hatten sie ihre erste Fotosession. Als sie nachher die Bilder auf Raimunds Laptop anschauten, war Eva richtig stolz und Raimund strahlte, als ob er sechs Richtige im Lotto hätte.

Von da an verbrachten sie viel Zeit bei der Planung und Durchführung der Aufnahmen. Eva hatte selbst Ideen und Raimund war sehr offen, das auszuprobieren, was sie vorschlug.

Eines Tages hielt Eva Raimund eine Zeitschrift hin, die von einer Kunstausstellung mit dem Titel ‚Aktmalerei‘ berichtete. Darin war ein Abbild der großen Odaliske von Ingres. „Was wäre, wenn wir in deinen Fotos berühmte Gemälde nachstellten?“ Raimund nahm die Zeitschrift, schaute das Bild an und sagte: „Würdest du mitmachen?“ – „Aber ja!“

Sie fingen gleich an zu planen, was sie zur Dekoration brauchten und wie sie es beschaffen konnten. Eva kümmerte sich um die Stoffe, Raimund bastelte einen Pfauenwedel und eine Pfeife. Als Eva sich schließlich auszog, um sich für Raimund und seine Kamera zu positionieren, spürte sie keine Scham, obwohl es das erste Mal war, dass sie sich Raimund nackt zeigte.

Als sie später die Fotos ansahen, hatten sie das Gefühl, etwas Neuartiges zu vollbringen. Sie beschlossen, mit anderen Gemälden weiterzumachen. Gemeinsam stellten sie eine Liste auf. Darunter war Die Sünde (Franz von Stuck), Die Venus von Urbino (Tizian), Venus mit Spiegel (Velázquez), Die nackte Maya (Goya), Die Odalisque (Boucher), Die Badende von Valpençon (Ingres), Die Quelle (Courbet), Danae (Tizian) und Venus bindet ihr Haar (Godward). Die Toilette der Venus von Rubens und den Ursprung der Welt von Courbet lehnte Eva allerdings ab, wofür Raimund Verständnis zeigte.

Nach einem Jahr harter Arbeit hatten die beiden ein Portfolio zusammengestellt, das sie mit Stolz und Freude erfüllte. „Du solltest die Fotos ausstellen“, sagte Eva. Nachdem sie ihm über Wochen zugeredet hatte, erklärte sich Raimund bereit, das Portfolio Galeristen zu zeigen.

(188) Die Erben von James Joyce haben etwas dagegen…

„Die Erben von James Joyce haben etwas dagegen, dass ich ein Foto ausstelle, auf dem Marilyn Monroe Ulysses liest?“ Roman Friedrich war entrüstet. Monatelang hatte er daran gearbeitet, eine Ausstellung von Marilyn Monroe-Fotos zusammenzustellen. Er hatte die besten Aufnahmen von Eve Arnold, einer Vertrauten der Schauspielerin, sichern können – und dann das.

Meinolf Lichtschlag war Friedrichs Anwalt, spezialisiert auf Urheberrechte, Versicherungen und alles, was man so brauchte, um im Kunstbetrieb nicht unterzugehen. Er war ein Mann, der mit Anfang Vierzig sehr besonnen aussah und dies nutzte, um in Verhandlungen verwegen gute Ergebnisse zu erzielen.

„Ich weiß nicht, Roman, ob sie etwas dagegen haben, aber sie verbieten es dir. Ich schlage vor, dass wir erst einmal reden, bevor wir ergründen, wie unsere Rechtssituation steht. Ich habe einen Telefontermin ausgemacht und hätte gerne, wenn du dabei zuhörst. Der Termin wäre jetzt. Ist das in Ordnung?“ Roman nickte und überließ Lichtschlag seinen Bürostuhl. Während der Anwalt die Nummer wählte, kam Chiara, Friedrichs Assistentin herein und gab ihm einen Umschlag. „Ein Mann steht draußen, hat das abgegeben und will, dass du einmal reinschaust. Eher geht er nicht weg.“ Roman seufzte und öffnete den Umschlag. Wieder ein Verrückter, der glaubte, dass die Welt nur auf seine Kunst gewartet hatte. Im Umschlag waren Fotoaufnahmen, die eine nicht mehr ganz frische Frau zeigten, die in einem Abklatsch von billiger Dekoration berühmte Aktgemälde nachstellte. Roman war sich nicht sicher, ob die Aufnahmen ironisch gemeint sein könnten. Cindy Sherman im Trümmerschick, vielleicht. Er fragte nach, wie der Mann aussah. „Etwa Fünfzig. Sieht aus wie ein Arbeiter. Ganz normal.“ Angeekelt gab Roman ihr den Umschlag zurück und schüttelte den Kopf. Der Mann meinte es ernst, das ging gar nicht.

In der Zwischenzeit hatte Lichtschlag seinen Gesprächspartner am Apparat und schaltete den Lautsprecher ein. Er erklärte dem Vertreter der Erben von James Joyce, dass sein Mandant eine angesehene Galerie betreibe, die eine Fotoausstellung plane, in der das besagte Foto von Eve Arnold gezeigt werden sollte. Der Erbenvertreter sagte in einer monotonen Stimme, dass man dagegen mit aller Härte vorgehen werde. „Warum?“, fragte Lichtschlag. Weil man das Ansehen des großen irischen Dichters bewahren wolle. „Das verstehe ich nicht“, sagte Lichtschlag. Der Erbenvertreter erläuterte noch einmal seinen Standpunkt, worauf Lichtschlag weiter nachfragte. Das ging einige Zeit so weiter. Während Lichtschlags Stimme immer das gleiche freundliche Timbre hatte, wurde seine Gegenpartei immer gereizter und schrie schließlich ins Telefon: „Weil wir nicht wollen, dass es so aussieht, dass ein Buch von James Joyce von so einer Schlampe gelesen wird, Sie Nazi!“ Lichtschlag zwinkerte Friedrich zu. „Jetzt hören Sie mal, mein guter Mann. Wenn Sie eine solche Sprache an den Tag legen, kann ich Sie ja gar nicht ernst nehmen. Vielleicht sollte ich mit jemand anderem telefonieren. Einen schönen Tag.“ Lichtschlag legte auf. „Jetzt werden wir mal sehen. Erst einmal zermürben. Am Ende wird er das Foto freigeben, einfach um nicht mehr mit mir reden zu müssen.“ Friedrich bedankte sich. „Ich muss los. Kurt Kessler wartet auf mich.“ – „Oh, was hat er dieses Mal ausgefressen?“ – „Er baut einen Moai in Kreuzberg.“ – „Interessant. Soll ich gleich mitkommen oder willst du, dass es noch teurer wird?“ – Nein, Meinolf. Ich hoffe, das wird dieses Mal nicht nötig sein.“ Lichtschlag spitzte ungläubig die Lippen und legte den Kopf zur Seite.

(189) Moais heißen die bekannten Skulpturen auf der Osterinsel.

Moais heißen die bekannten Skulpturen auf der Osterinsel. Die größte aufgerichtete Statue misst 9,8 Meter. Diese Größe wollte Kurt Kessler mit zehn Metern unbedingt übertreffen. Dreieinhalb Meter unter der Erde, sechseinhalb Meter über der Erde. Allerdings wollte er etwas anders machen: „Ich will den Moai vom Fuß auf den Kopf stellen!“ Deshalb sollte der Kopf des Moai unter die Erde und der Rest über die Erde. Von den Proportionen stimmte es. Allerdings, so hatte Roman Friedrich als Galerist des Künstlers eingewendet, war der Kopf bei den Moais das Ausdrucksvollste und daher sei es doch schade, gerade diesen Teil unter die Erde zu stecken. Kessler meinte daraufhin nur: „Bist du der Künstler oder bin ich es?“ Seit seiner Einzelschau in Bilbao war Kessler noch exzentrischer geworden und Friedrich fragte sich nach jedem Treffen, warum er sich das antat.

Als Standort für sein Moai-Projekt hatte Kessler eine Brache in der Cuvrystraße/ Ecke Schlesische Straße gewählt. Es hatte Roman Friedrich viel Zeit gekostet, Kurt Kessler auszureden, den Moai aus einem einzigen Block Wünschelburger Sandstein heraushämmern zu lassen. Man einigte sich auf Stahlbeton, der günstiger war und sich schneller verarbeiten ließ.

Zuerst wurde ein großes sieben Meter tiefes Loch ausgehoben. Seitdem war Kessler mit je einer Gruppe Stahlbauer und Zimmerleute am Werk. Die Stahlbauer errichteten das Gerippe aus Bewehrungsstahl und die Zimmerleute bauten die Verschalung. Gegossen sollte der Beton am Ende in einem Vorgang, um Kessler die Idee zu lassen, dass der Moai aus einem Stück gebaut sei.

Gert Oldenburg, ein sechzigjähriger Polier, der sich im Namen von Roman Friedrich um die Organisation der künstlerischen Baustelle kümmerte, hatte Friedrich angerufen und ihm gesagt, dass die Arbeit wieder einmal ruhe. Friedrich sagte, dass er im Laufe des Tages nach dem Rechten schauen würde.

Als der Galerist auf der Baustelle ankam, standen die Arbeiter um einen Grill herum und aßen Bratwürste. Oldenburg zeigte auf den gelben Baucontainer am Rande der Grube. Friedrich nickte und ging zum Container. Innen war es fast komplett dunkel, denn die Rollläden waren heruntergelassen. Nur durch die offene Tür kam Licht herein. Kessler saß am Tisch, den Kopf auf der Platte. Er schnarchte. Friedrich setzte sich zu ihm und klopfte auf die Tischplatte. Ruckartig richtete sich Kessler auf und schaute Friedrich verdutzt an. Sabber lief ihm aus dem Mund. „Wie geht’s, Kurt?“

Kessler fing an, sich zu beklagen: Die Arbeiter respektierten ihn nicht; der Moai war zu klein; der Standort war schlecht, man sollte die Straßen sperren; Beton war der falsche Werkstoff, es müsste auf jeden Fall Basaltgestein sein…

Friedrich hörte sich die Klagen seines Künstlers an. Niemals hatte Kessler Selbstzweifel. Immer waren es die Anderen, die seine Kunst erschwerten. Aus Erfahrung wusste Friedrich, dass Kessler immer wieder diese Durchhänger hatte und dass sie Teil des Kunstwerks waren, das daraus entstand. Friedrich hatte vieles versucht, um Kessler in diesen Fällen zu reaktivieren. Nichts half, man musste Geduld haben. Er redete dem Künstler zu wie einem Kind, das entmutigt war. Für sich selbst nannte Friedrich diese Gespräche ‚Blue-Sky-Sessions‘. Gerade als er dachte, Kessler wieder aufgerichtet zu haben, fing dieser mit dem ‚Taschen-Projekt‘ an. Das war ein schlechtes Zeichen.

(190) Das ‚Taschen-Projekt‘ schleppte Kurt Kessler schon lange mit sich herum.

Das ‚Taschen-Projekt‘ schleppte Kurt Kessler schon lange mit sich herum. Friedrich fand es völlig undiskutabel. Immer wenn Kessler nicht vorankam oder sich vor der Arbeit drücken wollte (was oft genau dasselbe war), fing er mit dem Taschen-Projekt an. Vielleicht machte er es auch nur, weil er damit Friedrich quälen konnte.

Das Taschen-Projekt bestand darin, einen Taschendieb zu verpflichten. Es musste ein sehr guter, erfahrener Taschendieb sein. Zusammen mit dem Künstler, einem Fotografen und einem Träger würde der Taschendieb durch die Straßen einer Großstadt gehen. Der Künstler würde Passanten auswählen und dem Taschendieb zeigen. Als Zusatzinformation wurde dem Dieb ein Aufbewahrungsort genannt, zum Beispiel Hosentasche vorne linke oder Handtasche usw. Der Taschendieb würde dann der Zielperson folgen und etwas aus der betreffenden Tasche entwenden. Alternativ konnte der Taschendieb, sofern möglich, auch die ganze Tasche stehlen. Parallel dazu würde der Fotograf eine Aufnahme der Person vor und nach dem Diebstahl machen. Außerdem war es notwendig, auch den Moment festzuhalten, in dem die Hand des Taschendiebes in der Tasche des Passanten steckte. Jeder Versuch, bei dem der Fotograf dies nicht schaffte, zählte nicht.

Jeder Fund wurde separat in einer Plastiktüte verpackt und dem Träger übergeben. Nach vier Stunden dieser Teamarbeit traf sich das Team an einem sicheren Ort, um die Beute zu sichten. Dafür gab es ein paar Regeln:

  • Alle Gegenstände wurden einzeln auf einer weißen, immer identischen Unterlage fotografiert.
  • Sofern ein Gegenstand aus unterschiedlichen Einzelteilen bestand, wurden diese voneinander getrennt und selbst auch fotografiert. Dies geschah so oft es notwendig war, bis der Gegenstand in seine existenziellen Teile zerlegt war. Allerdings durfte kein Gegenstand dauerhaft zerstört werden.
  • Bargeld wurde zwischen den vier Mitgliedern des Teams verteilt. Es diente, die Zeitaufwendung und die Auslagen zu decken. Gab es allerdings normabweichende Merkmale, zum Beispiel auf Geldscheinen, dann wurden diese genau wie Gegenstände behandelt und dem Kunstwerk integriert.
  • Ausweise, Schmuck, Geld-, Kreditkarten und andere Wertgegenstände wurden aufbewahrt und vom Künstler nach Gutdünken eingesetzt.
  • Alle anderen Gegenstände wurden nach dem Fotografieren zerstört, es sei denn, der Künstler fand eine alternative Verwendung dafür.

Nach Ablauf der Aktion standen dem Künstler für jedes Opfer Fotos vor, während und nach der Tat zur Verfügung sowie Fotos der entwendeten Gegenstände sowie einzelne Gegenstände selbst. Abwechselnd meditierte der Künstler über den so gewonnenen Erkenntnissen und entwickelte eine Geschichte zu jedem Opfer. Jede Geschichte wurde aufgezeichnet, stenografiert, korrigiert und auf große Ausstellungskarten aufgezogen. So hing die Geschichte neben den Fotos und Gegenständen in der Ausstellung.

Es war nicht geplant, die Opfer über den Kunstakt aufzuklären, sie zu entschädigen oder auch nur zu informieren. „Warhol war ein Trottel“, sagte Kessler. „Ich schenke dem Menschen die weitest mögliche Anonymität im Rahmen der Diktatur der Kunst. Man wird mir noch auf Knien danken.“

(191) Hanna Gerlach hatte lange überlegt, was sie anziehen sollte.

Hanna Gerlach hatte lange überlegt, was sie anziehen sollte. Sie entschied sich für Rock und Bluse in der Art der alten Schuluniform. Das fand sie passend für den Tag der Offenen Tür an ihrer alten Schule. Sie hatte die Nonnenschule seit damals nicht mehr besucht. Es waren keine schönen Jahre gewesen. Jetzt hatte ihr Therapeut ihr geraten, die Gelegenheit anzupacken und ihre Ängste zu konfrontieren. Am meisten Angst hatte sie vor Schwester Maria Theophila, ihre Klassenlehrerin, die mehr als einmal mit dem Lineal auf ihre Hände eingedroschen hatte.

Schon als Hanna sich der Pforte näherte, hatte sie Herzklopfen. Als sie erkannte, dass hinter der Tür ein Tisch stand und an diesem Tisch Schwester Maria Theophila saß, brach ihr der Schweiß aus. Vor der Schwester stand eine Sammelbüchse, davor ein Schild mit ‚Spende‘. Natürlich wurde immer noch jede Gelegenheit genutzt, um Geld einzutreiben. Dann stand Hanna vor dem Tisch. Maria Theophila musterte sie. „Guten Tag, Schwester“, sagte Hanna. Maria Theophila schaute sie wortlos an. Um die Zeit zu überbrücken, fummelte Hanna in ihrer Handtasche und suchte nach der Geldbörse, konnte sie aber nicht finden. Sie nahm die Handtasche von der Schulter und suchte. Den Inhalt auf den Tisch auskippen konnte sie ja nicht. Aber auch so: Die Geldbörse war verschwunden. War sie gestohlen? Was würde Maria Theophila sagen? Hanna hatte die Vision, wie die Nonne das Lineal hervorzog und Hanna vor sich knien ließ. „Hanna, Hanna Gerlach!“, sagte die Schwester dann. Ihr Gesicht hatte sich zu einem Lächeln umgeformt. „Jetzt hat es aber lange bei mir gedauert. Wie schön, dich wiederzusehen!“ Hanna war verwirrt. „Meine Geldbörse ist gestohlen worden“, stammelte sie. Aber die Schwester war aufgestanden und hatte sie in die Arme genommen. „Ich habe vor ein paar Tagen noch an dich gedacht und mich gefragt, ob du kommen würdest, Hanna.“

Die ehemalige Schülerin musste erzählen, was sie jetzt so machte und Maria Theophila schien sich wirklich zu freuen, sie zu sehen. Dann kam eine andere Schwester, die so jung war, dass Hanna sie nicht mehr kannte. Sie sagte, dass der Herr Prälat jetzt ein paar Worte sagen würde und dass sie doch bitte in die Aula kommen sollten.

Hanna sagte, dass sie nur noch schnell ein paar Meter zurückgehen wollte, um zu sehen, ob sie ihre Geldbörse verloren hatte. Sie würde nachkommen.

Als sie wieder vor der Pforte war, ging sie eine Straße weiter, zu einem Café, das sie schon damals verbotenerweise mit Freundinnen besucht hatte. Sie zitterte am ganzen Körper. Maria Theophila war vielleicht altersmilde geworden und hatte alles vergessen, was sie Hanna damals angetan hatte. Aber das machte es für Hanna noch schlimmer. Es war, als ob sie jetzt auch noch wegen ihrer Angst ausgelacht wurde.

(192) Hanna Gerlach hatte nicht damit gerechnet, Juliane Starke im Café anzutreffen.

Hanna Gerlach hatte nicht damit gerechnet, Juliane Starke im Café anzutreffen. Und doch saß sie da, alleine an einem Tisch am Fenster und starrte in ihren Kamillentee. Hanna überlegte, ob sie wieder gehen sollte, aber dann hatte Juliane sie auch schon entdeckt und sie musste sich zu ihr an den Tisch setzen.

Augenscheinlich hatte Juliane in der Zwischenzeit etwas aus ihrem Leben gemacht, schloss Hanna aus ihrer Kleidung. Allerdings sah sie gerade sehr verstört aus. ‚Genauso wie ich‘, dachte Hanna.

Juliane war nie ihre Freundin gewesen, dafür war sie zu sehr auf Schwester Maria Theophila fixiert gewesen. Arschkriecherin wurde Juliane vor vielen Jahren in diesem Café genannt von Hanna und ihren Freundinnen, die sich hier trafen, wenn die Klosterschule wieder einmal unerträglich geworden war. Eigentlich hassten alle Juliane. Alleine schon, weil sie sich immer freiwillig meldete bei Aufgaben, für die andere zwangsverpflichtet werden mussten. Zum Beispiel um Maria Theophilas Kräutergarten umzugraben oder zusammen mit der Schwester die Bibliothek neu zu sortieren.

„Was machst Du hier? Warum bist du nicht in der Schule?“ Mehr brauchte es nicht und schon fing Juliane an, zu weinen. Damit hatte Hanna nicht gerechnet. Sie hatte Juliane damals niemals weinen sehen. Auch nicht, wenn Hanna und ihre Freundinnen ihr Streiche spielten: ihre Kleidung nach dem Sportunterricht versteckten oder, das war einmal passiert und hatte mächtig Ärger gegeben, sie ins Klo sperrten. Aber Juliane hatte es ihnen auch heimgezahlt und alle verpetzt, die sich mit ihr anlegten. Geweint hatte sie nie. Hanna griff nach Julianes Hand, um sie zu trösten. Es war einfach das Richtige, jetzt. Juliane drückte ihre Hand und schluchzte.

„Ich habe meine ganze Schulzeit vergeudet. Nichts ist davon übrig geblieben. Du hast deine Freundinnen. Ihr wart immer zusammen. Ich hatte niemanden. Ich war in der Zeit völlig alleine.“ – „Aber du hattest doch eine so gute Beziehung zu Schwester Maria Theophila, oder?“ – „Überhaupt nicht“, Juliane sah entrüstet aus. „Sie war nur die Einzige, die mit mir redete.“

Hanna wusste nicht, was sie sagen sollte. Jeder hatte wohl eine unterschiedliche Sichtweise auf diese Zeit. „Und warum bist du nicht drüben in der Schule?“ – Juliane schluchzte wieder. „Ich konnte nicht. Es hat mir sofort wieder gezeigt, wie alleine ich damals war. Genauso wie jetzt.“ Hanna wollte sie ablenken. „Hast du nie geheiratet?“ – „Doch. Aber Andreas ist tot.“ Hanna entschuldigte sich. „Das tut mir leid. Was ist denn passiert? Wenn du darüber reden willst…“ – „Ist schon in Ordnung“, antwortete Juliane mit erstickter Stimme. „Es war ein tragischer Motorradunfall…“

(193) Nichts liebte Andreas Hunold mehr als Motorradfahren.

Nichts liebte Andreas Hunold mehr als Motorradfahren. Bei langen Ausflugsfahrten, die er alleine unternahm, konnte er vollständig abschalten. Das brauchte er auch, denn sein Beruf als Psychotherapeut war oft sehr hart. Natürlich zog er eine Linie zwischen Arbeit und Freizeit. Aber es gelang ihm oft nicht. Allein die Tatsache, dass er Juliane geheiratet hatte, war ein Beleg dafür, denn Juliane war als Patientin zu ihm gekommen.

Aber wenn Andreas auf seiner Yamaha TDM900A unterwegs war, hatte er den Job hinter sich gelassen. Oft blieb er für ein ganzes Wochenende weg, übernachtete in einer billigen Pension und fuhr am nächsten Tag wieder nach Hause. Juliane verstand es, dass er diese Auszeiten brauchte. Natürlich hatte er ein schlechtes Gewissen, sie alleine zu lassen, denn damit hatte sie besonders Schwierigkeiten. Aber wenn er im Sattel saß, vergaß er es schnell.

An diesem Wochenende war er wieder einmal seine Lieblingsstrecke gefahren, die 56 Kehren der Hochalpenstraße zum Großglockner hinauf. Übernachtet hatte er danach in der Tauernstüberlpension in Zell am See. Jetzt war er auf dem Nachhauseweg.

Was Andreas Hunold zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnte, war, dass er sich am Vortag beim Mittagessen in einer Autobahnraststätte einen Norovirus eingefangen hatte. Der heimtückische Virus lauerte in einem Schmierfilm auf einer Ketchup-Flasche, die Hunold anfasste. Nachdem er Pommes mit Fingern gegessen hatte und sich danach diese Finger ableckte, kam der Virus in seinen Mund und richtete sich in Hunolds Körper häuslich ein.

Während Hunold auf der Autobahn mit 191 Stundenkilometern heimwärts unterwegs war, kämpfte sein Körper gegen den Eindringling, ohne dass es Hunold bewusst war. Er genoss das schöne Wetter, den angenehmen Fahrtwind und das geringe Verkehrsaufkommen auf der Autobahn. Als sich sein Zwerchfell kurz verkrampfte, fragte er sich, woher jetzt dieser Schluckauf herkam. Dann fühlte es sich an, als ob sein Magen sich zusammenballte und dann ruckartig expandierte. Der Schließmuskel der Speiseröhre erschlaffte. Der gesamte Mageninhalt von Andreas Hunold wurde unter großem Druck nach oben gepresst und schoss von innen gegen das Visier seines Nolan N71-Motorradhelms.

Hunold bremste, konnte aber nicht mehr erkennen, wie schnell er noch fuhr und wo er hinsteuerte. Er versuchte, das Visier nach oben zu schieben, musste aber wieder beide Hände an den Lenker legen, weil er spürte, dass er das Gleichgewicht verlor. Sein Magen ballte sich wieder zusammen. Das Erbrochene brannte ihm in den Augen.

Er steuerte das Motorrad an die rechte Seite und testete mit dem Fuß, wie schnell er noch war. Allerdings begann an der Stelle eine Brücke und Hunold fuhr genau auf die Stelle zu, hinter der eine Böschung 30 Meter in die Tiefe führte.

Er war auf der Stelle tot.

(194) Bei dem tragischen Unfall kam der 43jährige Motorradfahrer ums Leben.

„Bei dem tragischen Unfall kam der 43jährige Motorradfahrer ums Leben. Die Gründe des Unglücks sind noch nicht geklärt…“

Diana Lennertz schaltete das Radio aus. Wieder ein Mann weniger, der vielleicht zu ihr gepasst hätte. Zwar schon etwas alt, aber sie konnte wohl nicht wählerisch sein. Außerdem war ein Altersunterschied von 24 Jahren heutzutage kein Problem mehr.

Alle hatten etwas zu tun. Vater und Mutter waren bei der Arbeit, ihr grenzdebiler Bruder Lenny in der Schule, nur sie war alleine zu Hause. Ihr Vater hätte gerne gehabt, wenn sie nach dem Abitur studiert hätte. Ihre Mutter meinte, das sei nur eine Phase. Aber Diana wollte nicht so enden wie ihre Mutter. Immer hetzen, immer vorne dabei sein. Diana wollte einen Mann heiraten und dann als Hausfrau zu Hause bleiben. Dieser Lebensplan schien ihr verlockender zu sein, als alle anderen Vorstellungen ihrer Mutter oder anderer Leute.

Was allerdings noch nicht geklappt hatte, war, den passenden Mann zu finden. Ausschließen konnte sie Gleichaltrige, denn die wussten noch nicht, was sie im Leben wollten. Diana wollte nicht als Beziehungsversuchskaninchen herhalten. Das hatte sie schon hinter sich, als sie vor zwei Jahren mit Rafael liiert war. Das einzig Positive aus dieser Beziehung war, dass er sie nicht geschwängert hatte. Darauf hatte sie geachtet. Außerdem war sie jetzt nicht mehr Jungfrau. Sie hatte quasi ihre wilde Zeit bereits hinter sich gebracht und war jetzt bereit für etwas Ernstes. Und deshalb sollte der Mann, nach dem sie suchte, auch ein paar Jahre reifer sein. Auf jeden Fall jemand, der sich die Hörner abgestoßen hatte und heiraten wollte.

Natürlich hatte Diana in Kontaktbörsen im Internet nach ihrem Mann Ausschau gehalten. Bei ein paar hatte sie sich registriert, aber nur dubiose Angebote erhalten. Es schien, als ob alle nur an kurzfristigem Spaß interessiert waren. Sogar verheiratete Männer kontaktierten sie. Das fand sie einfach nur krank. Sie hatte beschlossen, dass im Internet nur Perverse unterwegs waren.

Sie hatte ihren Vater gefragt, ob sie übergangsweise in seiner Radiologie-Praxis arbeiten könnte. Das wäre, so glaubte sie, doch bestimmt ein guter Ort, um reifere Männer kennenzulernen. Ihr Vater hielt das für eine schwachsinnige Idee. Zur gleichen Zeit ließ er bei Lenny alles durchgehen, was ihm einfiel. Das fand sie nicht gerecht. In arabischen Ländern war das besser geregelt. Da wäre es die Pflicht ihres Vaters, einen Ehepartner für sie zu finden und mit ihr zu verheiraten. Und 19 Jahre waren dafür ein fast schon biblisches Alter.

Sie musste noch einmal mit ihrem Vater reden. Er musste ihr helfen. Sie konnte sich ja nicht an die Autobahn stellen mit einem Schild ‚Ehemann gesucht‘ und darauf warten, dass ein Motorradfahrer sie aufgabelte.