(184) Das Leben hatte es nie gut gemeint mit Leo Warnke.

Das Leben hatte es nie gut gemeint mit Leo Warnke. Schon bei der Geburt hatte ihn die Nabelschnur fast erdrosselt und man musste ihn wiederbeleben, kaum dass er den Mutterleib verlassen hatte. Mit 19 Jahren hatte er einen Motorradunfall und verlor dabei die linke Hand. Er konnte sich nicht an eine Prothese gewöhnen und so nahm er es hin, dass sein linker Arm in einem dunkelrosafarbenen Stumpf endete. Seinem Beruf als Apotheker schadete es nicht. Außerdem fand er eine Frau, die ihn auch ohne linke Hand liebte.

Am schlimmsten war aber die Niereninsuffizienz, die immer heftiger wurde und wegen der er schon mit 31 Jahren zur Dialyse musste. Das raubte ihm montags, mittwochs und freitags jedes Mal 5 Stunden. In der Zeit übernahm seine Frau Eva die Apotheke. Warnke war auf der Warteliste für eine neue Niere, aber er wusste nicht, wie lange es dauern würde.

An einem Mittwochabend berichtete ihm seine Frau von einem Handelsvertreter für orthopädische Strümpfe, mit dem sie auch über Dialyse gesprochen hatte. „Ich habe ihm nicht gesagt, dass du Dialyse bekommst“, log sie, denn Warnke war darin etwas empfindlich. „Auf jeden Fall erzählte er mir, dass es inoffizielle Wege gäbe, an eine Spenderniere heranzukommen.“ Warnke gab zu, dass er das wusste und über die notwendigen Kontakte verfügte. „Aber es ist nicht richtig. Du weißt nicht, welcher arme Schlucker dafür seine Niere hergibt. Und es ist sehr teuer.“

Eva Warnke geborene Kunz hatte nicht viel vom Leben erwartet. Sie war mit dem zufrieden, was sie hatte. Allerdings störte es sie, dass sie dreimal in der Woche in der Apotheke arbeiten musste. Viel lieber wäre sie zuhause geblieben und hätte das getan, was sie sonst auch tat, nämlich nichts. So aber sah sie ihre eigene Lebensqualität durch die Dialyse ihres Ehemannes eingeschränkt.

Sie trat in Kontakt mit einem Organvermittler, der ihr einen Preis nannte. 200.000 Euro. Dann sprach sie mit ihren Eltern, die sich bereit erklärten, ihrer Tochter den notwendigen Betrag zu leihen. Mit Leo hatte sie eine heftige Diskussion, aber am Ende gab er nach und war einverstanden, sich in der Türkei eine neue Niere einpflanzen zu lassen.

Die Operation war erfolgreich – Leo brauchte nicht mehr in die Dialyse.

Allerdings hatte dies Folgen, mit denen Eva nicht einverstanden war: Leo beschloss, das Leben zu genießen, denn man wusste ja nie, wie lange es dauern würde. Er hatte eine Affäre mit einer pharmazeutisch-technischen Assistentin und ließ sich kurz danach scheiden.

Eva Warnke bekam aus der Scheidung die gemeinsame Wohnung, den Kredit von ihren Eltern und deren heftigen Vorwürfe. Ihr Vater hatte dem Kredit nur zugestimmt, weil er wusste, dass sein Schwiegersohn als Apotheker den Kredit zurückzahlen konnte. Jetzt war das Geld weg und in seiner Altersversorgung klaffte ein Loch.