(164) Buchholz war bewusst, dass er seinen Nachlass regeln musste.

Buchholz war bewusst, dass er seinen Nachlass regeln musste. Bliebe er untätig, dann würde mit seinem Tod die Firmengruppe zerfallen. Er war Realist und akzeptierte, dass eine wirtschaftliche Einheit sich ständig im Wandel befand und nichts Bleibendes darstellte. Dennoch wollte er seinen Teil dazu beitragen, dass es auch nach seinem Tod noch Buchholz-Hühnerfarmen geben konnte. Er beschloss, eine Woche in seine Ferienvilla an die Côte d’Azur zu fahren, um dort in Ruhe seine Optionen zu betrachten. Tilo Kaufmann war durchaus eine Möglichkeit, aber es gab da auch noch den Sohn seiner Schwester, Niklas Prager, der in den USA lebte und dort mit einer erfolgreichen Anwältin verheiratet war. Er wollte Niklas, den er leider nur als pubertierenden Jugendlichen in Erinnerung hatte, eine Chance geben. Auf jeden Fall brauchte Buchholz Zeit zum Nachdenken.

Außerdem war es schön, mal wieder aus dem ganzen Hühnerzeug raus zu kommen. Allein die Fahrt durch Frankreich war wie immer ein Genuss für Buchholz. In Lyon übernachtete er und genoss ein exquisites Abendessen in einem erstklassigen Restaurant. Am nächsten Morgen dann den Rest der Strecke.

Als er in seinem Haus in Cavalaire ankam, ließ er den Wagen in der Auffahrt stehen, ging hinein, riss die großen Fenster auf und trat hinaus auf die Terrasse, die auf das Meer schaute. Das machte er jedes Mal, wenn er dort ankam und es gab ihm immer eine Bestätigung, dass die ganze Quälerei in der Firma am Ende, doch zu etwas gut war.

Aber, da wo immer ein kleines Wäldchen zwischen der Terrasse und dem Meer war, breitete sich jetzt ein Strand mit unzähligen Sonnenschirmen und Liegestühlen aus. Und in den Liegestühlen lagen fette Männer und Frauen in den verschiedensten Hauttönen, von alabasterweiß über hummerrot zu lederbraun. Buchholz stand fassungslos auf seiner Terrasse und fühlte sich vergewaltigt. Der Hausverwalter hatte ihm am Telefon über ein paar Veränderungen berichtet, aber er hatte Buchholz nicht über deren Ausmaß aufgeklärt. Das war bestimmt ein Affront des Bürgermeisters, der ihn genauso wenig ausstehen konnte, wie er ihn. Buchholz schaffte es nicht einmal auf das Mittelmeer zu schauen, wie er es sonst immer tat und wobei er immer die besten Einfälle hatte. Es war, als ob dieser vom Pöbel besetzte Strand eine Wand zwischen ihm und dem Meer darstellte.

Der Hühnerbaron hatte Schwierigkeiten, Luft zu bekommen und es war, als ob diese aufgeblähten Leiber auf ihm drauf lagen. Er regte sich so sehr auf über den Eingriff in sein Leben, dass er die Symptome der Brustschmerzen erst deutete, als ihm schon schwarz vor Augen wurde. Sein Mobiltelefon lag im Wohnzimmer auf dem Tisch, er wollte sich noch dahinschleppen, aber dann verlor er das Bewusstsein. Als der Hausverwalter ihn Stunden später fand, war Buchholz tot. Als die Sonne unterging, holten sie seine Leiche ab. Der Strandpächter rechte die Zigarettenkippen im Sand zusammen und war betroffen. Er hätte den Nachbarn, wie er sich ausdrückte, gerne kennengelernt und mit ihm auf gute Nachbarschaft angestoßen.

(165) Niklas Prager hatte gerade seinen Sohn Arthur in die Grundschule gefahren…

Niklas Prager hatte gerade seinen Sohn Arthur in die Grundschule gefahren und saß auf halbem Weg zurück nach Hause in einem Starbucks. Er trank einen Latte Macchiato und las die Nachrichten auf seinem Tablet. Sein Mobiltelefon klingelte. Er sah, dass es ein Anruf aus Deutschland war und runzelte die Stirn. Ein Tilo Kaufmann war am Apparat. „Sind Sie der Niklas Prager, der mit Luitfried Buchholz verwandt ist?“ Prager bejahte die Frage, denn auch wenn er keinen Kontakt mehr zu der deutschen Verwandtschaft pflegte, so war es doch seine Familie.

Kaufmann atmete tief ein und erklärte dann, dass sein Onkel leider einem Herzinfarkt erlegen sei. Es sei vor elf Tagen in Südfrankreich im Ferienhaus passiert. Ein ganz schneller Anfall, er habe nicht leiden müssen. Kaufmann bot Prager sein Mitgefühl an. Die Beerdigung habe schon stattgefunden, leider. Es habe etwas gedauert, bis man die Verwandtschaftsverhältnisse übersehen habe und Prager sei der einzige lebende Verwandte.

Prager bedankte sich, führte aber auch an, dass er seit seiner Jugend keinen Kontakt mehr zu Buchholz gehabt hatte. „Was machte er eigentlich? Ich kann mich erinnern, dass er Bauer war, oder so was?“ – „Hmm, nun, das ist der zweite Grund meines Anrufs. Herr Buchholz war der größte Geflügelzüchter in Westeuropa. Er hatte aufgrund der Plötzlichkeit seins Dahinscheidens keine Zeit mehr gehabt, ein Testament zu verfassen. Mit anderen Worten: Sie sind der Alleinerbe der Buchholz Holding mit ihren 109 Untergesellschaften.“ Prager brauchte einen Augenblick, bevor er antworten konnte. „Ein ganzer Konzern?“ – „Ja, und er gehört Ihnen. Bis zum letzten Hahnenkamm.“

Prager sagte, dass er nachdenken musste. Er ließ sich von Kaufmann dessen Telefonnummer geben und bestellte sich erst einmal einen doppelten Espresso mit Haselnussgeschmack.

Der Anruf schien echt zu sein. Onkel Buchholz traute er es auch zu, mit zäher Arbeit einen ganzen Hühnerkonzern auf die Beine gestellt zu haben. Die Frage war, was hatte das mit ihm, Niklas Prager, zu tun? Er hatte Claire Brewster während seines Studiums in den USA kennengelernt, sie geheiratet, obwohl ihre Familie auf ihn herabsah. Sie war zu einer ganz erfolgreichen Anwältin in einer angesehenen Ostküsten-Kanzlei aufgestiegen. Deshalb war es auch normal, dass er sich um Arthur kümmerte, während sie Karriere machte. Deshalb war es ausgeschlossen, dass er das Erbe in Europa antreten würde, um einen Hühnerkonzern zu führen. Noch dazu war Claire Vegetarierin und hatte bestimmt auch noch moralische Bedenken, was Hühnerzucht anging. Er musste das Erbe verkaufen. Wer weiß, wie viel es abzüglich etwaiger Schulden überhaupt wert war. Zumindest konnte er damit ein paar Punkte bei den Verwandten seiner Frau wettmachen. Vorausgesetzt natürlich, dass sie keine Probleme damit hatten, dass das Geld aus der Ausbeutung von Tieren stammte.

Am besten, er sprach direkt mit ihr. Er schaute auf die Uhr. Wenn er in die Stadt fuhr, konnte er sie nach dem Mittagessen sprechen und war immer noch früh genug wieder zu Hause, um Arthur von der Schule abzuholen.

(166) ‚Tinker, Samson & Priest‘ stand in großen Metalllettern an der Fassade des schwarzglänzenden Hochhauses…

‚Tinker, Samson & Priest‘ stand in großen Metalllettern an der Fassade des schwarzglänzenden Hochhauses, in dem Claire arbeitete. Niklas war sehr stolz darauf, dass seine Frau es zu einer der zwanzig Senior-Partner der Kanzlei gebracht hatte, noch dazu als einzige Frau. Der Sicherheitsmann am Empfang kannte ihn und ließ ihn durch die Glasschranke. Oben im 23. Stock bedauerte die Assistentin, dass seine Frau sich bei einem Termin außerhalb befände und sie nicht wisse, wann sie zurückkäme. Niklas wollte sie nicht anrufen, denn das empfand sie immer als störend. Pech gehabt, dachte er und nahm wieder den Aufzug nach unten. Das würde ihm mehr Zeit geben, über das Erbe nachzudenken. Mittlerweile fand er die Idee, als gemachter Mann zurück in die Heimat zu gehen, gar nicht mehr so abwegig. Und immerhin hatte er Management studiert, das musste doch auch etwas bedeuten. Vielleicht wäre es für Claire auch einmal die Gelegenheit, eine Auszeit zu nehmen. Und für Arthur wäre ein Auslandsaufenthalt gut für die Entwicklung. Wenn sich seine Mutter etwas um ihn kümmerte, war das bestimmt auch förderlich.

Als er aus der Lobby ins helle Sonnenlicht trat, fiel ihm der Geländewagen mit den dunklen Scheiben auf, der direkt am Bürgersteig parkte. Die Beifahrertür war angelehnt. Es war ein Buick Enclave, ein Modell, das Claire erwähnt hatte, als sie sich überlegten, einen neuen Wagen anzuschaffen. Niklas war dagegen gewesen, weil das Auto einen enorm hohen Benzinverbrauch hatte. Jetzt, in natura, sah es auch noch monströs riesig aus. Niklas ging auf den Wagen zu, um ihn sich genauer anzusehen. Dann öffnete die Tür sich weiter und er sah wie seine Frau ausstieg. Dabei verabschiedete sie sich mit einem leidenschaftlichen Kuss vom Fahrer, einem dunkelhaarigen Vollbartträger. Erst als sie sich umwandte, bemerkte sie ihren Mann, der wie angewurzelt dastand. „Starr mich nicht so an“, zischte sie verärgert. „Warum schnüffelst Du mir auch hinterher?“ Sie wartete nicht auf die Antwort, die er sich überlegte, sondern zog ihn hinter sich her in einen Starbucks neben dem Hochhaus von Tinker, Samson & Priest.

Claire eröffnete ihm, dass sie sich von ihm scheiden lassen wollte. Eigentlich hatte sie es ihm schon sagen wollen, aber keinen guten Augenblick dafür gefunden. Sie zuckte mit den Schultern und zog die Scheidungsunterlagen aus dem Aktenkoffer. Es gab einen Ehevertrag, in dem schon alles geregelt war. Sie schaute ihn mit harten Augen an, während er aus Verlegenheit in den Unterlagen blätterte. „Warum?“, fragte er. „Sieh dich doch mal an“, antwortete sie. „Was ist mit Arthur?“ – „Schau im Ehevertrag nach, steht alles drin. Ich muss los.“ Claire stand auf und ging.

Es war an dem Tag bereits das zweite Gespräch in einem Starbucks, das ihn nachdenklich zurückließ. Trotzdem hatte er mit dem zweiten Gespräch eine Antwort auf die Frage aus dem ersten Gespräch erhalten. Er würde sein Erbe in der alten Heimat antreten. Es gab nichts, was ihn zurückhielt.

(167) Henry Samson war vom Kopf her Anwalt, aber sein Herz gehörte dem Amerikanischen Bürgerkrieg.

Henry Samson war vom Kopf her Anwalt, aber sein Herz gehörte dem Amerikanischen Bürgerkrieg. Er kannte alle Schlachten bis ins Detail und konnte sie mithilfe von Tischgeschirr auch einem Laien verständlich nacherzählen. Zu seinem 70. Geburtstag hatte er sich etwas außergewöhnlich Vergnügliches ausgedacht: Er hatte die anderen 19 Seniorpartner seiner Firma für ein Wochenende in sein Haus auf Long Island eingeladen und dabei ein Motto für die gemeinsame Zeit ausgerufen. Alle sollten als Soldaten der Union verkleidet erscheinen. Da Samson Namenspartner war und immer noch das letzte Wort bei wichtigen Entscheidungen trug, mussten sich die Kollegen seinen Wünschen beugen.

Claire Brewster stellte die Einladung vor größere Probleme. Sie war die einzige Frau, die Seniorpartnerin war und sie fragte sich, ob das Motto der Veranstaltung auch als Spitze gegen sie gemeint war. Henry Samson, so hatte sie gehört, war eingangs nicht sehr glücklich darüber gewesen, sie in den exklusiven Kreis aufzunehmen. Nur ihre wirtschaftliche Ertragskraft hatte ihn umgestimmt. Die Partnerkollegen von Claire brauchten sich nur einen General der Nordstaaten auszuwählen, den sie verkörpern wollten. Schon lange vor dem Termin gab es Gespräche darüber, damit nicht plötzlich ein Charakter zweimal auftauchte. Ulysses S. Grant war tabu, denn diese Rolle hatte selbstverständlich Henry Samson für sich auserkoren. Der schneidige Strafrechtler hatte sich William Tecumseh Sherman ausgewählt, der bedächtige Kartellrechtler war Henry Jackson Hunt. Claires Problem war, dass es keine Frauen im Stab der Nordstaaten gab. Sie hatte sich zuerst überlegt, die Rolle des heißblütigen David Glasgow Farragut zu wählen, aber diese Lösung widerstrebte ihr.

Die Firmenbibliothek war bei Literatur zum Bürgerkrieg erwartungsgemäß hervorragend ausgestattet. Neben vielen anderen Vorteilen nutzte Samson auch hier seine herausragende Position. Claire besorgte sich ein recht umfassendes Buch, das sie auf der Suche nach Ideen überflog. Sie stieß auf eine Frau, Frances Clalin, die als Mann verkleidet im Bürgerkrieg kämpfte. Als Mann hieß sie Jack Williams. Sie hatte sich zusammen mit ihrem Mann freiwillig gemeldet und nachdem er gefallen war, weiter gegen die Südstaaten gekämpft. Berichten zufolge wurde sie dreimal verwundet, einmal gefangen genommen und war als Soldat geachtet.

Claire war sich nicht sicher, ob Samson dies für eine gute Idee halten würde. Immerhin war Clalin kein Offizier und es wäre nicht gut, als Frau bei der Veranstaltung als Soldat aufzutreten, wenn die Kollegen ausnahmslos Generäle darstellten. Sie entschied sich am Ende doch für David Glasgow Farragut, der immerhin den Vorteil bot gänzlich bartlos zu sein. Der Spruch, mit dem sich Farragut unsterblich gemacht hatte, lautete: „Zum Teufel mit den Torpedos! Volle Kraft voraus!“ Das sagte Claire sich auch, als sie im Hotelzimmer auf Long Island ein letztes Mal den Sitz ihrer Uniform überprüfte, bevor sie raus zum Bus ging, der die Seniorpartner der Firma zu Samsons Haus brachte.

(168) Henry Samson ließ die als Nordstaatengeneräle verkleideten Seniorpartner der Kanzlei zur Musterung antreten.

Henry Samson ließ die als Nordstaatengeneräle verkleideten Seniorpartner der Kanzlei zur Musterung antreten. Da standen sie nun nebeneinander in der Reihenfolge, in der sie aus dem Bus gestiegen waren. Claire Brewster stand etwa in der Mitte, zwischen dem dicken Verfassungsrechtler und dem Strafrechtler.

Samson kam aus der Villa heraus. Er trug die Uniform des Oberbefehlshabers der Unionsstreitkräfte. Maßgeschneidert, mutmaßte Claire. Samson brauchte keinen falschen Bart, denn im richtigen Leben ähnelte seine Gesichtsbehaarung der von Grant aufs Haar. Nichts war ihm wichtiger als historische Treue.

Grant schritt die Reihe der Generäle ab. An dem einen oder anderen richtete er die Knopfleiste oder brummte anerkennend, wenn ihm eine Uniform besonders gut gefiel. Claire sah er kurz an, schritt aber gleich weiter, ohne stehen zu bleiben. Sie atmete auf. Als Samson die Formation abgeschritten hatte, stellte er ich vor seine Leute. Es war wohl seine Absicht, eine Ansprache zu halten. Solange er nicht verlangte, dass sie sich aufs Messer bekämpfen sollten, war Claire auch damit einverstanden. Es war ihre Absicht, den Abend durchzuhalten, komme was wolle.

„Meine Herren!“, begann Samson seine Ansprache. „Sie wissen, dass die Zeit unseres großen Bruderkrieges für mich eine Herzensangelegenheit darstellt. Manche mögen es als Marotte sehen, für mich gibt es nichts Ernsteres. Es ist die Zeit, in der unser Vaterland seinen Charakter erworben hat. Gerade deshalb dürfen wir uns keine Schlampigkeiten erlauben. Deshalb ist die historische Treue der Darstellung so wichtig für uns. Unsere Identität hängt davon ab. Deshalb bin ich umso mehr verwundert, hier unter uns eine solch flagrante Missachtung der historischen Wahrheit zu sehen. Das geht so weit, dass ich fast von antiamerikanischer Sabotage zu reden wage. Ich meine Sie, Frau Brewster, die sich hier als Travestie einer historisch so wichtigen Figur wie David Glasgow Farragut aufführen. David Glasgow Farragut, Frau Brewster, war keine Frau, sondern ein Mann. Ich weiß, dass wir in modernen Zeiten leben, aber für mich gibt es keine Grauzone zwischen Frau und Mann. Was haben Sie sich nur gedacht, Frau Brewster?“

Claire spürte, dass sie rot anlief. David Glasgow Farragut war bestimmt niemals rot angelaufen.

„Deshalb, Frau Brewster, muss ich Sie bitte, diesen Ort zu verlassen. Sie stören die Einheit unserer gemeinsamen Unternehmung!“ Samson zeigte mit dem Finger in Richtung der noch offenen Bustür. Claire stand erst da, als ob sie versteinert wäre. Eigentlich erwartete sie, dass ihre Kollegen ihr beispringen würden. Aber die Männer in Generalsuniform rechts und links neben ihr schauten nur auf die Spitzen ihrer Stiefel oder in die Wipfel der uralten Bäume, die das Haus von Samson einrahmten.

Da wusste sie, dass sie verloren hatte. Sie überlegte, ob sie den Kampfschrei von David Glasgow Farragut anwenden sollte, ließ es dann aber bleiben. Claire Brewster schnallte ihren Säbel ab und stieg wieder in den Bus.

(169) Ich selbst war als Henry Jackson Hunt verkleidet.

„Ich selbst war als Henry Jackson Hunt verkleidet. Sie wissen, das ist der Nordstaatengeneral, der die Artillerie reformiert hat.“ Samuel Fuller erkannte durch das Gitter des Beichtstuhls, wie der Priester nickte. „Sie sahen bestimmt fantastisch aus in der Uniform.“ Fuller musste fast lächeln, aber gestattete es sich nicht. „Aber das war es nicht, was ich Ihnen erzählen wollte. Wir waren alle dabei, alle Seniorpartner. 19 Männer und eine Frau. Henry, der einzige noch lebende Gründungspartner der Kanzlei und damit unser Chef, war immer dagegen, eine Frau zur Senior-Partnerin zu machen. Bei Claire Brewster war uns aber keine andere Wahl geblieben, denn wir hatten mal eine Durststrecke, sie brachte Geschäft und wäre sonst woanders hingegangen. Wir hatten sie hinter Henrys Rücken aufstellen lassen. Das war vielleicht der eigentliche Sündenfall. Entschuldigung, Vater, ich sollte diese Worte nicht so leichtfertig benutzen.“ Fuller bekreuzigte sich und fuhr fort. „Claire hatte sich große Mühe gegeben mit ihrer Uniform. Sie hatte sie nach einem Foto von David Glasgow Farragut speziell für sich anfertigen lassen. Und dann hat er sie so behandelt. Schmählich war es. Aber das Allerschlimmste war, dass keiner von uns anderen Seniorpartnern ihr zur Hilfe kam. Wir standen nur da wie seine Handpuppen und haben zugehört. Das ist doch nicht in Ordnung. Gott kann das doch nicht gewollt haben, oder, Vater?“

Der Priester dachte nach. „Nun, immerhin handelte Mr Samson nach seinen bekannten Grundsätzen und die anderen Seniorpartner sind in gewisser Weise alle von seinem Wohlwollen abhängig, ist es nicht so?“ Fuller wand sich etwas bei der Antwort, aber er sagte schließlich „Ja.“ Der Priester fügte hinzu: „Und, lassen Sie uns nicht um den heißen Brei reden, Frau Brewster ist eine Frau.“ – „Ja aber, das ist doch auch ein wichtiger Grund, warum ich ein Problem damit habe, Vater. Gott hat doch auch Maria nicht diskriminiert, sondern er hat ihr seinen Sohn anvertraut.“ Der Priester räusperte sich. „Oh, das sind jetzt theologische Fragen. Ich glaube, da begeben wir uns auf schwieriges Terrain.“ – „Mag sein, Vater, aber es geht auch um Mitgefühl.“ – Mr Fuller: Gott musste seinen Sohn einer Frau anvertrauen, weil es biologisch keine Möglichkeit gab.“ – „Aber Gott hätte doch andere Möglichkeiten schaffen können…“ – „Oh je, Mr Fuller, das will ich gar nicht gehört haben.“ – „Aber warum hat Gott Maria zu sich in den Himmel erhoben?“ – „Er hat ihr eine besondere Gnade erwiesen. Und wenn ich Sie daran erinnern kann, Maria wollte nicht Papst werden und sie wollte auch nicht Gott vom Thron stoßen…“ – „Sie meinen, Claire Brewster hat ihr Los selbst zu verantworten, weil sie zu ambitioniert war?“ Der Priester nickte. „Genauso ist es, Mr Fuller. Genauso. Wir dürfen die Wege des Herrn nicht infrage stellen, mein Sohn.“

(170) Joseph hatte das Tretboot gemietet und wartete auf Maria.

Joseph hatte das Tretboot gemietet und wartete auf Maria. Als er sie von Weitem sah, zog er das Tretboot ganz nahe an die Anlegestelle heran. Sie küsste ihn auf die Wange und setzte sich hinein. Joseph schwang sich auf den Sitz daneben und gab dem Steg einen Schubs mit dem ausgestreckten Fuß. Zuerst trieben sie etwas auf dem See und dann traten sie so kräftig in die Pedalen, dass das Wasser hinter ihnen nur so spritzte.

Als sie mitten auf dem See waren, hielt Joseph inne und griff nach Marias Hand. Sie entzog ihm die Hand. Er griff wieder danach und sie zog sie wieder zurück. „Was ist los, Maria?“, fragte Joseph. Erst als er die Frage zweimal wiederholt hatte, fasste sich Maria ein Herz und redete zu ihm.

„Ich muss dir etwas sagen, Joseph.“ – „Aha, und was denn?“ – Erst musst du versprechen, dass du nicht böse sein wirst, wenn ich es dir sage.“ – „Aber das kann ich doch nicht wissen, Maria. Du musst erst sprechen und dann sag ich, ob ich böse bin, oder nicht.“ – „Nein Joseph, du musst es sofort sagen, vorher.“ Joseph überlegte und sagte dann: „Na gut, ich werde nicht böse sein.“ Das Tretboot schaukelte im leichten Wellengang. Maria schaute Joseph zehn Sekunden an, bevor sie weitersprach.

„Ich erwarte ein Kind, Joseph.“ – „Häh?“, machte Joseph. Maria war sich nicht sicher, ob er sie nur akustisch nicht verstanden hatte. Sie wiederholte ihren Satz und Joseph sagte noch einmal „Häh?“. Er hatte sie akustisch verstanden, aber er war von dem Inhalt überfordert. „Das kann nicht sein, Maria!“ – „Doch Joseph, so ist es und es sollte so sein.“ – „Aber wir haben doch noch gar nicht… Du weißt schon…“ – „Natürlich weiß ich das, Joseph.“ – „Das heißt, du hast mit einem anderen…?“ – „Nein, Joseph, für mich gibt es nur dich.“ – „Dann kannst du gar nicht schwanger sein, Maria.“ Als sie wieder ansetzen wollte, sagte Joseph nur „Schluss jetzt mit dem Quatsch!“ und trat wieder in die Pedalen. Maria blieb regungslos da sitzen und so trat Joseph für zwei in die Pedalen. Aber sie kamen nicht so schnell vorwärts wie zuvor. „Also gut“, sagte Joseph, „meinetwegen bist du schwanger.“ – „Nein, Joseph, nicht deinetwegen…“ – „Das meinte ich nicht, Maria und das weißt du. Du drehst einem die Worte im Munde um. Ich habe verstanden, dass du schwanger bist. So recht?“ – „Ja, mein liebster Joseph, so ist es richtig. Ich bin schwanger.“ Maria trat wieder mit in die Pedalen. Jetzt kamen sie wieder schneller voran. Nur in Joseph rumorte es immer noch. Schweigsam zogen sie ihre Runden über den See, bis die Mietdauer abgelaufen war. Als Joseph das Tretboot wieder am Steg befestigte, brach es aus ihm heraus. „Du kannst doch gar nicht schwanger sein, wenn du noch Jungfrau bist!“

(171) Sie können mir glauben, dass ich viel Herzblut in dieses Sex-Museum gesteckt habe!

„Sie können mir glauben, dass ich viel Herzblut in dieses Sex-Museum gesteckt habe!“ Kilian Schröder erwartete Konrad Peters vor dem Museum, das in zwei Tagen eröffnen sollte. Die Tecklenburger Souveräne Presse, die Zeitung, für die Peters schrieb, sollte vorab etwas über das neue kulturelle Highlight in der Region bringen. Schröder war vor einem Jahr in die Stadt gezogen und hatte sich seitdem nur um dieses Projekt gekümmert. Er hatte alles aus eigener Tasche finanziert, wobei man nicht genau wusste, womit Schröder sein Geld verdiente. Aufgrund des Themas des Museums vermutete man, dass er aus der Rotlichtbranche stammen musste. Schröder hielt sich dazu bedeckt und verkehrte wenig mit anderen Einwohnern der Stadt.

Das Museum war eine ehemalige Fabrikantenvilla in einem weitläufigen Park. Schröder wohnte selbst auch in diesem Haus. Das Logo des Museums war ein kleines rosafarbenes Quadrat mit dem Buchstaben X in der Mitte. Es war in dezenter Ausführung an dem Balkon angebracht, der die Auffahrt des Hauses überdachte.

Peters glaubte nicht, dass seine Zeitung einen Artikel über das Museum veröffentlich würde. Sex mochte zwar verkaufen helfen, allerdings nicht im redaktionellen Teil einer Regionalzeitung. Und da Peters nur für veröffentlichte Zeilen bezahlt wurde, war er wahrscheinlich gerade dabei, Geld zu verlieren.

Sie gingen hinein. „Wir haben in einer ersten Phase nur sieben Räume des Museums fertiggestellt. Wir wollen die Neugier des Publikums wecken und nach und nach weitere Zimmer fertigstellen. Dadurch haben die Besucher immer wieder einen neuen Grund zu kommen. Hier entlang, Herr Peters.“

Kilian Schröder ging voraus. In dem Raum stand eine Liege aus Holz, die mit Riemen bespannt war und auf der ein paar Felle lagen. Schröder wartete auf Peters‘ Reaktion. Als er keine sah, erklärte er: „So trieben es die alten Griechen“. Dabei zog er eine Augenbraue hoch. Peters war ratlos, nickte nur. Sie gingen in den zweiten Raum. Darin war ein Gestell aus Metall, auf dem eine etwas unförmige Matratze lag. „Und so die alten Römer!“ Schröder zeigte mit dem Finger auf das Gestell und fügte hinzu: „Bronze!“ Um dritten Raum stand ein Himmelbett, das Schröder mit den Worten kommentierte, so trieben es die Ritter. Danach ein Paradebett in vergoldetem Holz vor golddurchwirkten Wandbespannungen.

„Aber, Herr Schröder“, warf jetzt Peters entnervt ein, „das hat doch alles wenig mit Sex zu tun.“ Schröder schaute ihn entgeistert an. „Finden Sie nicht? Was haben Sie sich denn vorgestellt?“ – „Ehrlich gesagt, hatte ich mir die Frage nicht gestellt. Aber ich hätte Bilder mit Geschlechtsteilen erwartet, Skulpturen von Menschen, die es miteinander treiben. Sexspielzeug, Reizwäsche… Ich habe keine Ahnung, was in einem Sexmuseum so ausgestellt wird.“ Schröder wurde ganz bleich und setzte sich auf das Paradebett.

„So ein Schmuddelkram“, sagte er, „kommt nicht in mein Museum! Es sollen ja schließlich Familien hier reinkommen können. Wo denken Sie hin?“

(172) Peters wusste nicht recht, was er über das vermeintliche Sex-Museum schreiben sollte.

Peters wusste nicht recht, was er über das vermeintliche Sex-Museum schreiben sollte. Schröder war wahrscheinlich ein Freak. Auf jeden Fall jemand mit einem übergroßen Interesse an Betten. Nach seiner Rückkehr zur Tecklenburger Souveränen Presse, ging er zu seinem Chef, Rudi Rocholz, der Leiter der Lokalredaktion. Er erzählte ihm von seinem Besuch im „Sex“-Museum. Rocholz hörte aufmerksam zu. „Und er hatte wirklich ein römisches Bettgestell aus Bronze?“, fragte Rocholz nach. „Das ist bemerkenswert. Das werde ich mir bestimmt ansehen. Danke für den Hinweis.“

Peters kratzte sich am Kopf. „Was mache ich mit dem Artikel?“ – „Nichts, das wird kein Artikel. Dieser Schweinekram ist nichts für uns. Tut mir leid, dass du dich dahin bemüht hast, Konrad. Aber, ich werde mich revanchieren und ich habe auch schon eine Idee.“

Rocholz erinnerte Peters daran, dass in einem halben Jahr Bürgermeisterwahlen stattfinden würden. Er wolle das Thema dieses Mal anders angehen. Der amtierende Bürgermeister, Johann Kurt, würde sich der Wiederwahl stellen und Rocholz sah es als Bürgerpflicht, ein weiteres Mandat von Kurt zu verhindern. „Kurt hat der Stadt nicht gutgetan. Alles was er macht, ist im Interesse seiner Freunde zu handeln. Für ihn ist die Stadt ein Selbstbedienungsladen.“ Peters war etwas differenzierter in seiner Einschätzung, aber grundsätzlich der gleichen Meinung wie Rocholz.

Dann machte der Ressortleiter Peters einen Vorschlag. „Ich will, dass du kündigst und dich dann von Kurt als Wahlkampfmanager anheuern lässt.“ – „Das meinst du nicht ernst, Rudi, oder?“ Aber Rudi meinte es sehr ernst. Er wollte, dass Peters nach außen angab, dass sie sich wegen einem Artikel und wegen der Bezahlung gestritten hatten und Peters aus Wut, den Job hingeschmissen habe. „Meinetwegen wegen dem Sexmuseums-Artikel, das klingt glaubwürdig“, fügte Rocholz hinzu. Dann würde Peters Kurt ansprechen und anbieten, die Organisation des Wahlkampfs für Kurt zu übernehmen. „Und was ist, wenn er mich nicht nimmt?“ – „Er wird dich nehmen! Ich weiß, dass er sich gerade das Gehirn zermartert, wer verfügbar ist.“ – „Wenn du so einen guten Zugriff auf ihn hast, warum brauchst du mich dann, Rudi?“ – „Menschenskind Konrad, weil du schreiben kannst. Du bist keine Petze! Du kannst das in Form gießen, es zum Leben erwecken. Du bist eine Edelfeder! Das ist so was wie die Unbestechlichen und du bist Carl Bernstein und Bob Woodward in einer Person.“ – „Die sind aber nicht Undercover gegangen…“ – „Weil sie es nicht konnten! Wir schon. Wir sind besser!“

Am Ende setzte Rudi Rocholz seinen Willen durch. Die Sache war bereits mit dem Chefredakteur und dem Herausgeber besprochen. Peters hatte keine andere Wahl. Wenn er nicht kündigte, würde Rudi ihn rausgeschmissen. Jetzt musste sich Peters auf Rudi verlassen, dass er ihn später wieder einstellen würde. Das hieße aber auch, dass Peters Stories liefern musste, sonst konnte er den Job für immer an den Nagel hängen. Eine schriftliche Rückfahrkarte hatte er nicht. Es wurde zu sehr in der Redaktion getratscht. Die Existenz eines solchen Dokuments wäre von zu vielen Leuten weiter kolportiert worden.

(173) An den meisten Abenden der Woche war Bürgermeister Kurt bei Marcello anzutreffen.

An den meisten Abenden der Woche war Bürgermeister Kurt bei Marcello anzutreffen. Ein Tisch im hinteren Bereich war für ihn reserviert. Hier speiste er, traf sich mit Freunden und Bittstellern. Peters hatte Kurt angerufen und gesagt, dass er auf der Suche nach einer neuen Aufgabe sei. Wie erwartet hatte Kurt ihn zum späten Souper bei Marcello eingeladen.

„Das war ja ein Ding“, sagte Kurt, nachdem er Peters begrüßt hatte und ihm ein Glas Pinot Grigio eingeschenkt hatte. „Wegen dieses bizarren Sexmuseums einen so verdienten Mann wie Sie rauszuschmeißen – das hätte ich nicht erwartet.“ – „Wobei ‚bizarr‘ in diesem Zusammenhang sehr irreführend wäre…“ bestätigte Peters und Kurt musste lachen. Er war Mitte Fünfzig und sein Körper kündete von den vielen Abenden bei Marcello. Ihm schien immer heiß zu sein, was aber vielleicht auch nur ein Zeichen seiner überbordenden Energie war. „Ein seltsamer Vogel dieser Schröder. Er hatte mich zur Einladung eingeladen und dann redet dort ein Bettenfabrikant. Aber was soll’s, immerhin verschafft er unsere Stadt Aufmerksamkeit. Aber, was ist mit Ihnen? Was wollen Sie machen?“ Peters erklärte, dass er momentan keine Lust mehr verspürte, als Journalist zu arbeiten. Wenn er schon nicht unabhängig arbeiten konnte, dann wollte er lieber seine Erfahrungen offen und uneingeschränkt in den Dienst einer Sache stellen.

„Kurzum, Herr Kurt, ich biete Ihnen an, alle Erfahrungen die ich in vielen Jahren der Pressearbeit erworben habe, Ihnen zur Verfügung zu stellen, wenn es für sie von Nutzen ist.“ Kurt schaute ihn über den Rand des Weinglases an, als ob er ihn taxieren wollte. „Ich habe Sie immer für einen unpolitischen Menschen gehalten. Sie sind brisanten Themen immer ausgewichen. Ich wüsste nicht einmal, wie Ihre politische Gesinnung ist.“ Peters erklärte, dass er Kurt immer bewundert hatte, aber von der Redaktion, die Kurt ja bekanntlich nicht wohlgesonnen war, immer davon abgehalten wurde, das zu schreiben. Als Folge hatte sich Peters auf wenig brisante Themen konzentriert. „Das heißt nicht, dass ich keine Meinung habe. Und wenn ich hier mit Ihnen rede, dann fassen Sie das bitte auch als Zeichen meiner Gesinnung auf.“ Das schien Kurt zu gefallen. Er fragte den Ex-Journalisten, wie er ihn denn in dem bevorstehenden Wahlkampf positionieren würde.

„Ich glaube, dass Sie in den vergangenen Jahren viel zu sachlich präsentiert wurden, Herr Bürgermeister. Jede Kampagne hatte zum einzigen Inhalt, was Sie alles getan haben, damit es dieser Stadt gut geht. Man kann das auch übertreiben. Die Wähler werden damit wie rationale Wesen behandelt und das sind sie nicht. Genauso wenig wie Zeitungsleser das sind, da gibt es enorme Parallelen und es sind ja auch die gleichen Leute. Auf jeden Fall würde ich mehr Gefühle in eine Wahlkampagne legen. Der Mensch Johann Kurt hinter dem Bild des erfolgreichen Machers und Bürgermeisters. Ich habe auch schon eine konkrete Idee.“ – „Was denn?“, fragte Kurt. Er war angefixt. „Ihr zweiter Vorname ist, wenn ich mich nicht täusche, Friedrich. Richtig?“ – „Ja, nach meinem Großvater. Warum?“ – Weil: Johann Friedrich Kurt. JFK, Jay-Eff-Kay!“ – „Ach das. Ja, ich weiß das natürlich. War aber nie ein Thema, weil es doch zu dick aufgetragen wäre.“ – „Herr Kurt, man kann nicht dick genug auftragen. Sie müssen wie ein Kennedy wahrgenommen werden. Das sollte unser Ziel sein.“ Auf einen Wink von Kurt brachte Marcello eine neue Flasche Pinot Grigio. In der weiteren Diskussion einigten sich Peters und Kurt, künftig von ‚Johann F. Kurt‘ zu sprechen. Und Kurt bot Peters an, seinen Wahlkampf zu managen. Sie reichten sich die Hände und tranken einen Grappa drauf.