(154) Die zwei Tage psychische Betreuung waren ein Hohn gewesen.

Die zwei Tage psychische Betreuung waren ein Hohn gewesen. Carola Rhode war von der Tat kaum schockierter als von der vorgeschlagenen Therapie. Die Tat selbst war wirr. Sie hatte in netter Runde einen süßen Witz erzählt von einem Tausendfüßler, der nie zum Skifahren kam, weil die Saison zu Ende ging, bevor er alle Schuhe gebunden hatte. Danach wollte sie ihren Lippenstift auffrischen. Jemand folgte ihr und ohrfeigte sie direkt vor der Damentoilette. Der Psychologe wollte diese Geschichte unendliche Male hören und wollte die Szene dann sogar noch einmal durchspielen. Der Ausdruck „realistisch durchspielen“ klang für Carola wie eine Drohung. Sie reiste ab.

Als sie zu Hause ankam, beschloss sie, den Rest des Urlaubs für eine zweite Reise zu nutzen, allerdings diesmal in die Südsee. Einen Tag später lag sie in der Sonne an einem schneeweißen Strand und hatte die Episode mit der Ohrfeige schon nach kurzer Zeit fast vergessen. Sonnenbaden war die beste Therapie, dachte sie.

Morgens, wenn am Strand wenig los war, ging sie bis ans Ende der langen Hafenmole und schwamm parallel an der Küste entlang. Im Hotel hatte man ihr gesagt, dass sie keine Angst haben sollte, falls sie eine Rückenflosse im Wasser sähe, das sei Sami, der Delfin. Eigentlich zahm, obwohl er völlig in Freiheit lebte. Er komme gerne an diese Stelle und freundete sich immer wieder mit Urlaubern an.

Und tatsächlich, kaum war sie im Wasser, sah sie die Rückenflosse und dann hob sich die lange Schnauze des Säugers aus dem Wasser. Am ersten Tag schwamm er nur ein paar Runden um sie herum. Sie lockte ihn, aber er ließ sich nicht berühren. Am zweiten Tag konnte sie ihn leicht auf der Stirn berühren und er stupste sie an der Schulter an. Freudig erzählte sie davon an der Rezeption. Man warnte sie, dass Sami unter Umständen aufdringlich werden könne und sie ihn dann einfach mit einem Klaps auf die Nase verscheuchen sollte. Carola winkte ab, sie würde den süßen Delfin ganz bestimmt nicht schlagen.

Am nächsten Tag kam Sami wieder. Er schien jetzt jede Scheu verloren zu haben und tauchte ganz dicht an ihr vorbei. Er legte sich dabei etwas zur Seite und streifte sie an Beinen und Rücken. Er wollte mit ihr spielen. Sie wollte nach ihm greifen, aber er tauchte dann immer schnell weg und kam wieder von hinten zu ihr zurück. Das Spiel ging ziemlich lange, bis Carola begriff, dass die rosafarbene Ausbuchtung am Bauch des Delfins sein Penis war und dass Sami diesen Penis ständig an ihr rieb. Zuerst war sie so schockiert, dass sie vergaß, Schwimmbewegungen zu machen. Ihr Kopf tauchte unter und sie musste strampeln, um wieder hoch zu kommen. Dann schob sie ihn weg, glaubte aber, dass sie sein fleischiges Glied berührte. Richtig angeekelt war sie, als Sami zum Ende kam und einen milchigen Schwall ins Wasser um Carola herum abdrückte. Dann schwamm Sami weg und Carola beeilte sich, dass sie aus dem Wasser kam. Sie fühlte sich von dem Delfin beschmutzt.

(155) Bald wird sie merken, worum es dem klugen Delfin in Wirklichkeit geht!

„Bald wird sie merken, worum es dem klugen Delfin in Wirklichkeit geht!“ Hansjoseph Schneider saß auf der Veranda im Schatten und beobachtete die Hafenmole unterhalb des Hügels mit dem Feldstecher. Seit er und Marliese in das einfache Holzhaus eingezogen waren, um ihren Lebensabend in der Sonne zu verbringen, gehörte das Beobachten aller Aktivitäten im Hafen zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Marliese stand in der Küche und hielt eine grellgelbe Fliegenklatsche in der erhobenen Hand. Sie lauschte nach dem Summen der Fliege, die sie schon seit ein paar Minuten fast in den Wahnsinn brachte. „Was sagst du!“, rief sie durch den Fransenvorhang nach draußen.

„Da, jetzt kommt der süße Flipper wieder!“ Hansjoseph war ganz aufgeregt. Er hatte den Vorgang schon mehrmals beobachtet und freute sich schon auf den Augenblick, wenn die arglose Touristin, die den lieben Delfin streicheln wollte, merkte, dass das Tier sie nur als Masturbationshilfe missbrauchte. Normalerweise schimpfte Marliese dann mit ihm, wenn er wieder beobachtete, oder spannte, wie sie sagte. Zumindest kam sie raus und schnalzte abwertend mit der Zunge. „Was machst du da drinnen?“, fragte er, ohne den Feldstecher von den Augen zu nehmen. Es kam keine Antwort. Hansjoseph hielt den Atem an. Der Delfin drehte seine Kreise um die Touristin, eine ganz attraktive blonde Frau im Bikini. Es war schon seltsam, dass immer Frauen, sich mit dem Delfin beschäftigten Hansjoseph hatte noch nie gesehen, dass ein Mann derart im Mittelpunkt stand. Er fragte sich, ob es an den Vorlieben der Frauen oder an denen des Delfins lag. Das würde man wahrscheinlich nie klären können. Jetzt schwamm der Delfin ganz nah um die Frau herum. Jetzt, dachte er, jetzt ist der Moment der Wahrheit. Die Frau erstarrte und der Delfin drehte weiter seine Runden. Dann machte die Frau heftige Paddelbewegungen und bewegte sich auf die Leiter zu, die vom Meer auf die Mole führte. Hansjoseph lachte. Gerade als die Frau sich an der Leiter nach oben hievte, kam aus der Küche ein Scheppern, gefolgt von wildem Klatschen. „Jetzt mach ich dich alle, du Aas“, hörte er Marliese mit zusammengepressten Zähnen rufen. Hansjoseph sprang zur Haustür und teilte den Plastikvorhang mit dem Feldstecher, den er noch in der rechten Hand hielt. In der Küche lief Marliese wie von Sinnen durch die Küche und hieb mit der Fliegenklatsche scheinbar wahllos auf Geschirr, Gewürzdöschen, Trockenblumen… Kurzum, sie schlug alles klein, was um sie herum stand.

Zuerst schaute Hansjoseph ihr mit großem Erstaunen zu, dann stellte er den Feldstecher auf den Kühlschrank und packte Marliese mit beiden Armen. Sie wehrte sich und schlug ihn mit der Fliegenklatsche auf die Stirn. Er nahm sie ihr ab und ließ sie auf den Boden fallen. Als er sie ganz fest an sich zog, wurde sie ruhiger. „Alles ist gut, Marliese. Ganz ruhig, mein Schatz. Ganz ruhig.“ Nach und nach entspannte sie sich in seinen Armen. Es war still, bis eine Fliege sich vom Fensterglas erhob und laut summend durch die Küche flog.

(156) Mit der Fliegenklatsche schlug sie wild um sich, Herr Doktor.

„Mit der Fliegenklatsche schlug sie wild um sich, Herr Doktor.“ Hansjoseph Schneider stand im Flur, das Telefon am Ohr, und schaute durch die Eingangstür die Straße hinunter, durch die Marliese mit den Einkäufen wieder hochkommen würde. Dr. Behmenburg, ihr Arzt aus der alten Heimat, räusperte sich. Bei ihm war es schon am späten Nachmittag, aber Schneider hatte nicht allzu viele Möglichkeiten zu telefonieren, ohne dass Marliese es merkte. „Herr Schneider, es ist natürlich äußerst schwierig aus der Distanz von mehreren Zeitzonen“, auf dem Wort Zeitzonen schien der Arzt etwas zu verweilen, „eine Diagnose zu stellen. Allerdings kenne ich Sie und besonders Ihre Frau schon sehr lange, deshalb erlaube ich mir, etwas zu raten. Sind Sie noch dran?“ Schneider hatte das Ohr kurz von der Muschel genommen, um besser auf die Straße schauen zu können. „Ja, Herr Doktor, ich höre Sie sehr gut.“ – „Fein, Herr Schneider. Als ihre Frau mir davon erzählte, dass Sie beide ihren Ruhestand am Äquator verbringen wollten, war ich schon etwas skeptisch. Genau wie Ihre Frau…“ – „Aber sie wollte es doch ganz besonders“, warf Schneider ein. „Nun, das würde hier vielleicht etwas zu weit führen, Herr Schneider. Es sollte reichen, dass ich meine Zweifel hatte, dass besonders Ihre Frau den Anstrengungen des tropischen Klimas gewappnet sei. Ich denke Ihre Frau hat einen leichten Nervenzusammenbruch. Da braucht es nur einen kleinen Auslöser, wie eine Fliege, die mit ihrem Summen die Sinne reizt, und schon spielt das Hirn verrückt.“ – „Es war nicht nur das Summen, Herr Doktor. Sie hat die Fliege behandelt, als ob sie giftig sei.“ – „Nun ja, die Insekten in den Tropen tragen natürlich öfter Krankheiten, als das hier der Fall ist. Aber eine gesunde Vorsicht reicht völlig aus. Ihre Frau scheint mir überreagiert zu haben. Und das klingt für mich wie eine, sagen wir mal, psychische Störung.“ Schneider war erschüttert. „Sie meinen, meine Frau ist verrückt geworden, hier?“ Dr. Behmenburg atmete tief ein und aus. „Nein, Herr Schneider, das heißt es nicht. Sie ist, kann ich mir vorstellen, etwas überfordert. Land und Leute sind anders. Sie fühlt sich nicht wohl und dann kommt so etwas. Es ist eine Art des Körpers, uns mitzuteilen, wenn er nicht zufrieden ist.“ – „Ich habe jetzt auf allen Fenstern Fliegengitter aufziehen müssen und wir haben für alle Gläser Schutzkappen, wenn wir draußen sitzen. Alles damit keine Fliegen reinkommen.“ – „Herr Schneider, ich muss jetzt wirklich los. Wann sind Sie denn das nächste Mal hierzulande?“ – „Wir hatten das soweit nicht geplant. Die Flüge sind so teuer.“ Als Dr. Behmenburg schwieg, fügte er hinzu: „Aber Sie haben wahrscheinlich recht. Das geht so nicht weiter. Ich sehe zu, dass wir in Kürze nach Hause fliegen und dann kann sie ja mal bei Ihnen vorbeikommen. Aber sagen Sie nicht, dass wir telefoniert haben…“ – „Ja, das machen wir so, Herr Schneider. Dann kann ich mir ein Bild machen und Ihnen besser raten, was zu tun ist. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit. Und grüßen Sie Ihre Frau“, fügte der Arzt hinzu und legte auf. In der Stille hörte Schneider wieder das Summen einer Fliege. Sie musste irgendwie eingedrungen sein. Oder war sie etwa im Haus geschlüpft. Er musste ihr den Garaus machen, bevor seine Frau nach Hause kam. Er griff nach der grellgelben Fliegenklatsche, die er immer in der Nähe hatte, und suchte hektisch überall im Raum.

(157) Dr. Alfred Behmenburg war praktischer Arzt.

Dr. Alfred Behmenburg war praktischer Arzt. Er kümmerte sich gerne um die praktischen Krankheiten seiner Patienten. Bei Grippe bis Herzklappenfehler fühlte er sich berufen, Diagnosen zu stellen und, wenn notwendig, seine Patienten zu den dazu am besten geeigneten Fachärzten zu schicken. Was Dr. Behmenburg hingegen überhaupt nicht interessierte, waren psychische Störungen. Wenn ein Patient ein Magengeschwür hatte, dann genügte es, zu sagen, „Sie haben ein Magengeschwür“ und dann konnte man in aller Ruhe vernünftig mit dem Patienten besprechen, was jetzt zu tun war. Wenn der Patient einen an der Waffel hatte, begann das Rumgeeiere. Sogar den Patient an einen Psychiater weiterzugeben, blieb nicht ohne Diskussionen, Rückfragen und anderes unerfreuliche Gehabe.

Allerdings gab es einen weiteren Grund für Dr. Behmenburgs Abneigung, sich mit Psychologie zu beschäftigen. In der Tat litt er selbst an einer solchen Störung: Er war nämlich süchtig nach Pferdewetten. Sogar während des Telefonats mit Herrn Schneider hatte er die Quoten für die letzten Rennen des Tages im Auge behalten und nachdem er aufgelegt hatte, schloss er gleich noch zwei Wetten ab.

Da in seinem Büro die Patienten nicht sahen, was er auf dem Computerbildschirm hatte, konnte er seine Wetten auch dann beobachten, wenn er eine Konsultation durchführte. Er sagte sich, dass er Weiteres in der Lage war, Diagnosen zu stellen und Wetten zu verfolgen. Nur wie gesagt bei psychischen Störungen hatte er eine Blockade. Es war so, als ob er den Weihnachtsmann spielen sollte, dabei aber ein Osterhasenkostüm trug. Es war einfach nicht richtig.

Unterschwellig wusste er, dass er selbst ein Problem hatte. Er ging nur noch ungern unter die Leute, weil er lieber Pferderennen schaute, jederzeit bereit ein paar Nebenwetten abzuschließen. Er schätzte, dass die verlorenen Wetten sich mit den gewonnenen die Waage hielten. Sicherheitshalber unterließ er es aber nachzurechnen. Den sinkenden Saldo seines Bankkontos führte er auf witterungsbedingte Saisonalitäten im Arztgeschäft zurück.

Schon seit längerer Zeit hatte Dr. Behmenburg festgestellt, dass die Quoten der Buchmacher nicht konsistent waren. Vor allem schien es möglich, Wetten nach und nach abzuschließen, um so die zeitliche Entwicklung der Inkonsistenzen zu nutzen. Er hoffte, ein System zu entwickeln, mit dem er diese Erkenntnis ausnutzen konnte.

Das würde ihm helfen, die Unwägbarkeiten des Arztgeschäfts auszugleichen. Den Arztberuf würde er nicht aufgeben, denn seine Patienten brauchten ihn und er brauchte sie. Er war mit Herz und Seele praktischer Arzt.

(158) Dr. Behmenburg hatte schon seit einiger Zeit nach dem perfekten Pferderennen gesucht.

Dr. Behmenburg hatte schon seit einiger Zeit nach dem perfekten Pferderennen gesucht. Dann fand er es. Es war das fünfte Rennen des Tages, Rennbeginn um 16:35 Uhr. Am Start waren sieben Pferde: Siesta, Anaconda, Mr. Fuji, Uliana, Texas Star Party, Input und Smart Shuffle.

Behmenburg hatte sich auf dieses Rennen konzentriert, weil alle Pferde noch recht unerfahren waren und daher die Wettquoten bis zum Rennstart stärker schwanken würden, als bei anderen Rennen. Nur Mr. Fuji war ein erfahrenes Pferd, das bereits mehrere Rennen gewonnen hatte und daher als Favorit in das Rennen ging. Da die Quoten von Mr. Fuji stabil waren, hatte Behmenburg für dieses Pferd bereits eine Wette abgeschlossen. Im Laufe des Tages hatte er auch auf Anaconda, Input und Smart Shuffle gewettet, zu Quoten, die in sein System hineinpassten.

Jetzt war es noch eine Viertelstunde bis zum Rennbeginn und Behmenburg schaute gebannt auf die Entwicklung der Quoten der drei restlichen Pferde, auf die er noch wetten musste. Wie erwartet, schwankten sie noch immer sehr stark. Auf einem separaten Bildschirmfenster hatte Behmenburg seine Kalkulationstabelle aufgerufen, die ihm sagte, wie viel er bei bestimmten Quoten wetten musste, um sicher bei der Wette einen Gewinn einzufahren. Seine Einsätze waren nicht besonders hoch, denn er wollte zuerst testen, ob sein System überhaupt funktionierte.

Nacheinander konnte er die Wetten für Siesta und Uliana abschießen. Das sah nicht schlecht aus Jetzt blieb nur noch Texas Star Party, eine zweijährige Stute. Noch zehn Minuten zum Rennbeginn. Er musste auf jeden Fall diese Wette noch abschließen, sonst war seine Position nicht vollständig abgesichert. Dafür musste nur noch die Quote für Texas Star Party steigen. Gebannt starrte Behmenburg auf den Bildschirm. Sein Mund war trocken. Irgendetwas war da noch, woran er denken sollte, aber er wischte es gedanklich weg, dafür war jetzt keine Zeit.

Plötzlich fiel die Quote für Texas Star Party dramatisch. Behmenburg war verwirrt. Dann sah er, was los war: Mr. Fuji wurde als Nichtstarter gelistet. Er kniff die Augen zusammen. Damit kam sein System nicht klar. Natürlich, warum hatte er diese Möglichkeit außer Acht gelassen. Durch den Ausfall von Mr. Fuji waren alle anderen Quoten durcheinandergeraten und damit wurde die Wette zu einem völligen Glücksspiel. Wie ärgerlich.

„Herr Doktor…, Herr Doktor…?“

Behmenburg hörte eine Stimme, die aus dem Untersuchungszimmer nebenan kam. Es war das schwache Rufen von Frau Kramer, seiner Patientin, die auf einem Ergometer saß und bei der er gerade ein Belastungs-EKG durchführte. Er hatte sie völlig vergessen. „Wie lange… muss ich denn noch… Herr Doktor?“

(159) Dr. Behmenburg war klar geworden, dass seine Spielsucht überhandgenommen hatte.

Dr. Behmenburg war klar geworden, dass seine Spielsucht überhandgenommen hatte. Frau Kramer hatte sich nach ihrem Ohnmachtsanfall auf dem Ergometer wieder beruhigt und er war sicher, dass sie nicht herumtratschen würde. Sie hätte natürlich auch einen Herzinfarkt erleiden können oder in seiner Praxis sterben können. Das wäre keine gute Werbung für einen praktischen Arzt und es war auch mit seinem Berufsverständnis nicht vereinbar. Da er selbst seine Begeisterung für Pferdewetten nicht mehr im Griff hatte, brauchte er professionelle Hilfe. Er suchte eine Beratungsstelle aus, die weit genug entfernt war, dass er dort keine Bekannten oder Patienten treffen würde. Natürlich könnte er sagen, dass es ein beruflicher Besuch war, aber besser noch, es würde ihn niemand erkennen.

So kam er an einem Mittwochnachmittag in die Beratungsstelle und das nett lächelnde Mädchen am Empfang hatte ihn gebeten im Wartezimmer Platz zu nehmen. Behmenburg hatte bei der Anmeldung verschwiegen, dass er Arzt war. Im Termin würde er es erwähnen, aber nicht vorher. Aus Diskretionsgründen, aber auch weil er keine Sonderbehandlung wünschte. Er war suchtkrank und wollte genauso behandelt werden wie andere Suchtkranke. Im leeren Wartezimmer griff er sich eine Zeitschrift. Die Titelgeschichte handelte von alkoholabhängigen Frauen. Rasch überblätterte er den Artikel.

Die nächste Reportage handelte von einem Fahrlehrer, der seine Erlebnisse in einem Buch veröffentlich hatte. Behmenburg las interessiert, was Holm Schütze berichtete.

‚Jeder Fahrschüler hat eine andere Voraussetzung, die er oder sie mitbringt. Das zeigt sich am besten an der Anzahl an Fahrstunden, die notwendig sind. Mein schnellster Schüler hatte den Lappen nach 19 Fahrstunden. Das war wirklich ein Naturtalent, obwohl er mir versicherte, dass er vorher noch nie gefahren sei. Am anderen Ende der Skala eine Frau, die auch nach 211 Fahrstunden noch Schwierigkeiten hatte, die Gänge richtig einzulegen und die Rechts vor Links-Regel anzuwenden.‘

Behmenburg blickte von der Zeitschrift auf. Er hatte eine Idee. Bei einer Führerscheinprüfung kamen nacheinander mehrere Kandidaten an die Reihe. Sie hatten alle unterschiedliche Hintergründe: Für manche war es das erste Mal, andere hatten schon mehrere erfolglose Prüfungen hinter sich. Manche kamen mit wenigen Fahrstunden, andere hatten sehr viele. Auch der Prüfer hatte eine Historie: Vielleicht war er besonders streng, vielleicht auch nicht. Vielleicht hatte er eine Vorliebe für kurzberockte Mädchen, vielleicht fand er das aufdringlich und war daher besonders pingelig mit ihnen. Man könnte diese Informationen zusammenstellen und dann ein Wettbuch aufmachen, wer in dieser Prüfungsrunde bestehen würde und wer nicht. Das wäre eigentlich ein gutes Konzept für eine Fernsehsendung, dachte Behmenburg.

(160) Emely Gehrke hatte Angst, wann immer sie hinter dem Lenkrad saß.

Emely Gehrke hatte Angst, wann immer sie hinter dem Lenkrad saß. Das ist ein Problem für eine 19-Jährige, die gerade ihren Führerschein machte. Mittlerweile hatte sie 73 Stunden auf ihrem Fahrschulkonto und es war immer noch kein Ende absehbar. Einmal hatte sie die Prüfung schon geschmissen, weil sie einem LKW die Vorfahrt geraubt hatte und der Fahrlehrer, Herr Schütze, mit beiden Füßen auf die Bremse treten musste. Der Prüfer hatte sich nur einmal geräuspert und sie durfte wieder zurück zur Prüfstation fahren.

Jetzt war sie wieder mit Herrn Schütze unterwegs. Stadtfahrt mit besonderem Augenmerk auf das mehrspurige Linksabbiegen. Dies gehörte zu Emelys besonderen Ängsten. Sie war immer besorgt, irgendetwas nicht zu beachten und während sie mit ihrer Angst beschäftigt war, übersah sie andere Verkehrsteilnehmer. Herr Schütze musste dann wieder bremsen und das war jedes Mal eine Schmach für sie.

„So Frau Gehrke. Bei der nächsten Ampel, vor dem Parlament, machen wir eine Kehrtwende und kommen dann auf der gleichen Straße zurück. Klar?“ Emely hatte einen trocknen Mund. Sie nickte öfters als notwendig. „Was ist das Erste, das Sie jetzt machen müssen?“ In ihrem Kopf herrschte Leere mit steigender Neigung zu Panik. „Sie müssen sich ganz links einreihen. Spurwechsel mit anderen Worten. Nein, nicht sofort. Erst mal schauen. Ist die Spur frei? Dann Blinker nach links. Dann vorsichtig rüberfahren. Aber nicht vergessen, auch nach vorne zu schauen, Frau Gehrke!“

Sie schaute auf den roten Golf, der sich vor ihr eingereiht hatte, ohne Blinker und vermutlich auch ohne zu schauen. Es hatte keinen Sinn, Herrn Schütze darauf aufmerksam zu machen.

„Schon mal langsam bremsen, Frau Gehrke. Sie sehen doch, dass die Ampel auf Rot ist.“ Das hatte sie nicht gesehen, sie hatte den roten Golf im Auge, aber nicht die Ampel. Sie blieb stehen. Sie schaute hinüber zu dem großen Sandsteingebäude, in dem das Parlament tagte. Davor, unten vor dem Aufgang stand eine Glaskabine, die nach vorne offen war. Darin stand ein Soldat in grüner Uniform mit einem Gewehr an der Seite. Auf dem Gewehr war ein langes, glänzendes Bajonett aufgepflanzt.

„Es ist grü-ün, Frau Gehrke!“ Hastig legte sie den ersten Gang ein, ließ die Kupplung aber zu schnell kommen und der Motor würgte ab. „Der Motor ist aus“, stellte Herr Schütze fest und schaute teilnahmslos nach vorne.

„Ich habe jetzt keine Lust mehr“, schrie es aus Emely heraus. Herr Schütze starrte sie erstaunt an. Bisher hatte sie noch nie die Nerven verloren. Sie riss die Tür auf und stieg aus. Sie blieb auf der Verkehrsinsel stehen und fing an zu weinen. Hinter dem Auto der Fahrschule fingen andere Fahrer an zu hupen. Emely machte keine Anstalten, wieder ins Auto zu steigen. Das Hupen wurde lauter. Kurz entschlossen hob sich Schütze auf den Fahrersitz, startete den Motor, kurbelte das Fenster runter und rief im Weiterfahren hinaus: „Bleiben Sie da stehen, ich stell nur das Auto ab!“ Dann fuhr er die Kehrtwende und suchte nach einer Haltemöglichkeit. Vor dem Parlament war das natürlich gänzlich unmöglich. Er fluchte. So etwas, war ihm noch nicht passiert.

(161) Es war heiß in der Wachkabine, obwohl das Dach kein Sonnenlicht hindurch ließ.

Es war heiß in der Wachkabine, obwohl das Dach kein Sonnenlicht hindurch ließ. Aber Derek Horn konnte das Flirren der Hitze über dem Asphalt beobachten und das alleine trieb ihm schon den Schweiß auf die Stirn. Er schaute starr auf die Digitaluhr an der Fassade des Versicherungsunternehmens gegenüber. Noch eine halbe Stunde, dann würde er abgelöst werden. Dann nach einer Stunde noch einmal zwei Stunden Wache. Dann Feierabend, zurück in die Kaserne. Und morgen wieder das gleiche. Einfach nur dastehen vor dem Parlament. Ob darin überhaupt Sitzungen stattfanden oder nicht. Einfach nur dastehen. Es war gar nicht vorgesehen, dass Derek etwas tat. Nur dastehen mit dem Sturmgewehr an der Seite. Wenn etwas passieren würde, er musste einfach da stehen bleiben. Für Einsätze gab es das Krisenteam, das im Hintergrund in Bereitschaft lag. Alles mit Kameras überwacht. Auch er. Kein Zucken entging ihnen. Er durfte nicht einmal eine Fliege aus dem Gesicht wischen. Nur aus den Mundwinkeln pusten, war toleriert. Langsam ging er ein paar Zentimeter in die Knie und spannte seine Muskeln an. Dann wieder langsam hoch, etwas strecken. Wenn er es ganz langsam tat, merkte man es nicht und doch tat es ihm gut. In zwei Wochen durfte er nach Hause gehen. Urlaub, Besuch bei Freunden. Ausschlafen, einfach nur in Jeans abhängen. Mädchen interessierten sich nicht für ihn, wenn sie hörten, dass er kaum Freizeit hatte und das noch für die nächsten 281 Tage. Warum hatte er sich nur freiwillig für die Wache am Parlament gemeldet? Dachte er, Frauen würden auf ihn zukommen und ihm ihre Telefonnummer in die Mündung seines Gewehrs stecken? Der normale Militärdienst war allerdings auch nicht anders, aber vielleicht abwechslungsreicher. Er sah wie auf der Digitaluhr wieder eine Minute vorbei war. Ansonsten gab es nichts, was er hinter der verspiegelten Fassade erkennen konnte. Es gab nichts, was er beobachten konnte. Nur der Fluss der Autos, unaufhörlich und einförmig. Es war, als ob der Standort der Wachkabine so gewählt worden war, dass es keine Ablenkung gab und er seinen Gedanken schutzlos ausgeliefert war. Es war absurd, Wache zu halten, wenn das einzige, was er nicht brauchte, Wachsamkeit war. Nur dastehen und auf die Digitaluhr schauen. Und wenn die Zeit der Ablösung gekommen war, konnte er auch nicht einfach heraustreten und gehen. Wenn sein Nachfolger nicht auftauchte, dann musste er trotzdem in der Kabine stehenbleiben. Theoretisch bis zum Sankt-Nimmerleinstag – etwas anderes war nicht vorgesehen, denn die Wachkabine musste jederzeit besetzt sein. Derek hoffte, dass Ben, mit dem er die Wachschicht teilte, pünktlich sein würde. Genauso wie Derek auch pünktlich Ben ablösen würde. Sie waren aufeinander angewiesen.

Auf der anderen Straßenseite stieg eine junge Frau aus einem dunkelblauen Wagen aus und schmiss die Tür zu. Sie weinte. Ein Streit, dachte Derek. Drama frei Haus. Die Autos dahinter hupten. Flüche und Schmähungen flogen durch die flirrende Luft. Dann fuhr der Wagen weiter. Die Frau stand auf der Verkehrsinsel und weinte immer noch. Derek fragte sich, was passieren würde, wenn er einfach aus der Kabine treten würde, über die Straße zu ihr liefe und sie in den Arm nähme.

(162) Wir müssen verhindern, dass dieses Gesetz vom Parlament verabschiedet wird.

„Wir müssen verhindern, dass dieses Gesetz vom Parlament verabschiedet wird.“ Eino Degenhardt schaute den sechs Mitstreitern, die an diesem Abend zum Treffen gekommen waren, nacheinander ins Gesicht. Sie nickten alle. Er wollte gerade fortfahren, um die Möglichkeiten des Protests zu behandeln, als es klingelte. Seitdem ein Treffen von der Polizei ausgehoben worden war, hatte Eino vorübergehend seine Wohnung für Treffen zur Verfügung gestellt. Ein anderes Lokal hatte er nicht finden können. Er schaute durch den Türspion und sah Hardi vor der Tür stehen. Er öffnete ihm. Hardi, den Eino aus vielen Demos kannte, kam rein und setzte sich ohne Umstände zu den anderen, die er anscheinend auch schon alle kannte. Das wunderte Eino, denn er selbst hatte zwei der neuen Typen zuvor noch nie gesehen. Egal. „Wie wollen wir demonstrieren?“, fragte Eino. „Wogegen geht’s?“, wollte Hardi wissen. „Gegen die Gesetze zur Aufweichung der Mieterrechte.“ – „Genau“, sagte Hardi, „wir sind dagegen.“ „Wir alle sind dagegen“, antwortete Eino irritiert, „deshalb sind wir ja hier.“ Er war etwas verärgert, dass Hardi einfach auftauchte und völlig unvorbereitet war. Hardi glaubte wohl, dass er mit seiner zugegeben langen Demoerfahrung alles wettmachen konnte.

„Welche Möglichkeiten sehen wir?“ Einer der neuen, der sich als Marlon vorgestellt hatte, schlug vor, Barrikaden aufzuschichten und ein paar Autos in Brand zu setzen. „Das ist nicht schlecht“, Eino wollte nicht zu negativ sein, um das Interesse des Neulings nicht schon im Keim zu ersticken, bevor er etwas beitragen konnte, „allerdings würde ich das eher in der zweiten Phase der Revolution sehen, wenn uns die Unterstützung von breiten Bevölkerungsmassen sicher ist.“

Der Neuling nickte, Eino lächelte, denn bei manchen Leuten ergaben sich aus ähnlichen Wortwechseln abendlange Diskussionen, weil die Leute einfach nicht einsehen wollten, dass sie unrecht hatten.

Hardi sagte: „Ich denke, wir sollten eine ganz einfache spontane Eier-drauf-und-weg-Aktion daraus machen.“

Für die Neulinge erklärte Eino: „Hardi meint, wir sollten zum Parlamentsgebäude gehen, dort mit rohen Eiern und Flugblättern auf das Wachpersonal werfen und bevor die wissen, wie ihnen geschieht, wieder verschwinden.“ Eino überlegte kurz und sagte, dass er die Idee nicht schlecht fand. An der transparenten Wachkabine vor dem Parlament würden die Schlieren aus Eiweiß und Dotter bestimmt gut aussehen. Wenn er vorher ein paar ausgewählte Journalisten informieren würde, wäre das schon eine Meldung in den Abendnachrichten wert.

Marlon streckte tatsächlich die Hand aus, um seine Wortmeldung anzukündigen. „Hier gibt es keine Wortmeldung, Marlon“, sagte Eino, „du kannst einfach sagen, was du denkst.“ – „Wie wäre es, wenn wir faule Eier nehmen würden? Das stinkt noch dazu.“ Hardi schüttelte den Kopf. „Nein, das ist zu kompliziert. Man bekommt einfach keine faulen Eier. Außerdem soll das ja spontan sein und da kannst du nicht vorher Eier bunkern und faulen lassen.“ Marlon nickte, denn er hatte wieder etwas gelernt. Gleichzeitig musste es doch möglich sein, althergebrachte Demomethoden aufzufrischen. Vielleicht gab es ja eine Möglichkeit, Unterstützer zu finden.

(163) Tilo Kaufmann war von dem Hühnerbaron Luitfried Buchholz als Manager zur besonderen Verwendung eingestellt worden.

Tilo Kaufmann war von dem Hühnerbaron Luitfried Buchholz als Manager zur besonderen Verwendung eingestellt worden. Mit anderen Worten: Er sollte den Absatz von Hühnereiern erhöhen, gerne auch mit unorthodoxen Methoden. Zum Beispiel hatte sich Kaufmann mit dem Verband eingetragener Zirkusclowns in Verbindung gesetzt und angeregt, die bei Auftritten so beliebten Tortenschlachten, durch den Wurf roher Eier zu ersetzen. Dazu hatte es zunächst Pilotversuche gegeben, die aber seitens der Clowns nicht positiv verliefen. Man bemäkelte besonders, dass die Restspuren von Eiern sehr viel schwieriger von Clownskostümen zu entfernen waren als Sahnereste. Erst als Kaufmann einen Vertreter der Waschmittelindustrie in die Gespräche einbrachte, fand sich eine Lösung, die allen Beteiligten zusagte.

Zugegebenermaßen war der Eierverbrauch aller angeschlossenen Clowns gering im Vergleich zum Gesamtverbrauch, aber Luitfried Buchholz setzte auch auf den Multiplikatoreffekt. Er dachte in langen Zeiträumen und war daher auch besonders erfreut über die Bezeichnung „Hühnerbaron“, denn diese Nähe zum Adel war ein Sinnbild für die Ausdauer seiner Bestrebungen.

Bei ihrem wöchentlichen Jour fixe tauschten sich Kaufmann und Buchholz über neue Ideen aus.

„Ich glaube“, erklärte Kaufmann, „dass ich gerade ein ganz besonderes Potenzial an der Angel habe.“ Er erklärte, dass er von einem Vertreter der Punk- und Demoszene angesprochen worden war. Der Vertreter mit dem Decknamen Marlon gab zu verstehen, dass bei Demos der Einsatz von faulen Eiern vorteilhaft sei, aber die Planung und Hortung von Hühnereiern über längere Zeiträume gegen den Gedanken einer spontanen Demonstration lief. Die Idee war daher, dass die Buchholz-Gruppe jeweils ein Kontingent an Eiern aufbewahrte und diese nicht dem Verzehr zuführte, sondern bei Bedarf der Punk- und Demoszene für spontane Aktionen verkaufte.

„Das hat etwas“, meinte Buchholz anerkennend. „Die jungen Leute machen sich Gedanken, das gefällt mir. Wir könnten damit Restposten verwerten, anstatt sie kostspielig zu entsorgen. Die Lagerkosten schlagen eigentlich kaum zu Buche, da wir im Zentrallager Überkapazität haben. Hygienisch kein Problem, solange wir alles auseinanderhalten und natürlich keine befruchteten Eier einlagern. Ich denke, wir können diesen jungen Leuten unsere Produkte unter den Umständen mit einem Rabatt von bis zu 50% verkaufen. Versuchen Sie zunächst 25% Rabatt, Kaufmann. Und dann sehen wir, wo wir landen. Gute Arbeit, Kaufmann, ich wusste, dass Sie der richtige sind. Erst die Sache mit den Clowns, jetzt die Punks. So einer wie Sie hat der Eierwirtschaft lange gefehlt. Wenn ich Sie sehe, denke ich an mich, als ich noch jung war.“ Kaufmann strahlte. Er fühlte, dass er einen Lauf hatte. Er musste jetzt weiter dran bleiben, denn Buchholz hatte keine Nachkommen.