(133) Nachdem Tante Agathe auch den zweiten Anfall überstanden hatte, ging Pfarrer Getschmann von der Hochzeit nach Hause.

Nachdem Tante Agathe auch den zweiten Anfall überstanden hatte, ging Pfarrer Getschmann von der Hochzeit nach Hause. Immerhin hatte er der alten Dame die Krankenölung gespendet, es konnte also nichts mehr schiefgehen.

Zu Hause widmete er sich seinem Lieblingsprojekt: ‚Waffen für Jesus‘. In seiner Post fand er einen Brief von Oliver Moller, der in Kürze zu einer Mission nach Afrika aufbrach. In dem Umschlag befand sich das Foto eines Barrett REC7-Sturmgewehrs sowie eine Banknote.

Getschmann war nämlich ein Waffennarr und das seit seinem Wehrdienst. Das Gefühl, eine schwere Waffe aus kaltem Stahl in den Händen zu halten, war für ihn tief bewegend. Seit der Eiserne Vorhang gefallen war, nahm er sich ab und zu Urlaub von seiner Pfarrgemeinde und ging zur Missionierung in den Osten. In Wirklichkeit verbrachte er die Zeit auf privaten, halblegalen Schießständen, die von ehemaligen Offizieren der Roten Armee geführt wurden. Dort konnte er mit allem schießen, was die Waffenkammer hergab. Ein wahres Erweckungserlebnis hatte er, als er in einem Steinbruch hinter dem Ural mit einem schweren Browning M2 Maschinengewehr schießen konnte. Mit den Händen umfasste er die Griffe der auf einem Dreibein montierten Waffe und spürte die ungeheure Feuerkraft der Kaliber .50 Munition. So überwältigt war er, dass er laut „Halleluja!“ schrie, während er den Abzug betätigte. Leider war es ein teures Vergnügen und so konnte er sich diese Freude nur ab und zu gönnen.

Da Getschmann ein schlechtes Gewissen hatte, suchte er nach einem Weg, seine Leidenschaft mit seinem Beruf zu verbinden. Deshalb gründete er ‚Waffen für Jesus‘, eine Vereinigung, deren einziges aktives Mitglied er selbst war. Die Vereinigung arbeitete zusammen mit Söldnerorganisationen und Getschmann segnete per Fernweihe die Waffen der Söldner, die in eine Schlacht zogen. Interessanterweise waren diese harten Männer oft sehr gläubig. Es hing wohl mit ihrer ständigen Nähe zum Tod zusammen. Die Idee war Getschmann gekommen, als er im Internet eine Werbung für ‚Soldier of Fortune‘, eine Söldnerzeitschrift gefunden hatte. Später inserierte er selbst in dieser Zeitschrift und hatte gleich zu Beginn einen ermutigenden Rücklauf. Für die Segnung schickten die Söldner ihm Fotos ihrer Waffen und eine Spende von 50 US-Dollar. Getschmann segnete das Foto, und damit die Waffe, und meldete seinen Auftraggebern per E-Mail Vollzug. Mit den Fotos der Waffen hatte er eine interessante Sammlung angelegt und mit den Spenden konnte er seine Reisen in den Osten finanzieren. Die Söldner, schließlich, waren zufrieden, denn sie fühlten sich nach der Segnung im Einklang mit dem Herrn und unter dessen Schutz. Getschmann war stolz auf das Arrangement. Jeder gewann dabei.

Er stellte das Foto der Barrett REC7 vor sich hin gegen eine Bibel und segnete es mit einem Kreuzzeichen. Dann schickte er Moller eine E-Mail und wünschte ihm viel Erfolg bei seiner Mission in Afrika.

(134) Prof. Ottmar Waldenbrück war wieder in Kinshasa.

Prof. Ottmar Waldenbrück war wieder in Kinshasa. Seine Feldforschungen der vergangenen drei Wochen waren sehr anstrengend gewesen. Erst jetzt, als er wieder im Venus Hotel eingecheckt hatte und frisch geduscht war, fühlte er so etwas wie Zuversicht in sich. Waldenbrück war Käferexperte und sein Spezialgebiet waren die Eudicella gralli, eine grünbraune Käferart, die in Zentralafrika sehr verbreitet war. Normalerweise waren die Tiere nur maximal 4 Zentimeter groß.

Sein Erstaunen war maßlos gewesen, als ihm ein Einheimischer ein Exemplar gezeigt hatte mit einer Größe von 122 Millimetern. Waldenbrück konnte zuerst nicht sprechen, als er den Käfer in Händen gehalten hatte. Als er wieder reden konnte, fragte er, wo das Tier herkam. Der Mann zeigte ihm auf der Karte einen Ort im Osten von Zaire, etwa 200 Kilometer nördlich von Goma.

Noch am gleichen Tag fing Waldenbrück mit den Reisevorbereitungen an, er wollte unbedingt der Erste sein, der über 10 Zentimeter große Eudicella gralli in freier Natur fand. Leider gab es zu dieser Zeit eine Art Bürgerkrieg in dem Teil von Zaire. Das fand Prof. Waldenbrück ärgerlich. Es schien unmöglich zu sein, bis dorthin zu gelangen, zumindest nicht, solange die Kämpfe tobten. Waldenbrück war deprimiert.

Dann traf er im Hotel einen Amerikaner namens Oliver Moller, der ihm erzählte, dass er mit einer ganzen Gruppe auf dem Weg nach Goma sei. Waldenbrück erzählte ihm, von seiner misslichen Lage und es stellte sich heraus, dass sie beide fast auf den Kilometer genau das gleiche Ziel hatten. Waldenbrück fragte, ob er die Gruppe begleiten könnte. Als Moller zögerte, bot Waldenbrück ihm Geld an. Moller nahm an und bereits am nächsten Tag war Waldenbrück mit dem Söldnertrupp in einem Transporthubschrauber unterwegs nach Goma. Die Söldner fragten ihn nicht, was er genau dort machen wollte und Waldenbrück stellte auch keine Fragen. Vom Flughafen in Goma ging es weiter mit Jeeps. Waldenbrück musste jetzt einen Kampfanzug in Flecktarn anziehen, worauf Moller bestanden hatte.

Nach einiger Zeit kamen sie in ein Dorf und trafen sich mit einem älteren Mann, der die Gemeinschaft vertrat. Er erzählte ihnen von großem Unglück. Es gab ein Rodungsprojekt in der Nähe, bei dem alle Männer des Dorfes arbeiteten. Er zeigte den Punkt auf der Karte und Waldenbrücks Herz setzte fast aus, als er erkannte, dass genau dies der Ort war, an dem sich die Eudicella gralli Waldenbrueckensi, so hatte er sie bereits benannt, befanden. Die Käfer würden Geschichte sein, bevor Waldenbrück sie entdeckte. Doch dann fuhr der Mann mit seiner Erzählung fort. Er sagte, dass die Rodung gestoppt sei, weil es einen Ausbruch von Ebola gab und über die Hälfte der Männer bereits gestorben sei. Die restlichen waren voraussichtlich infiziert. Das Wort ‚Ebola‘ machte unter den Söldnern die Runde und so mancher kam dabei ins Schwitzen. Sie waren auf den Krieg geeicht, aber mit einem tödlichen Virus wollten sie den Kampf nicht aufnehmen. Da sie nur im Einsatzfall bezahlt wurden, war der Ebola-Ausbruch keine gute Nachricht für sie. Waldenbrück hingegen frohlockte, denn Ebola hatte keinen Einfluss auf die Eudicella gralli. Seine Käfer waren sicher.

Er fuhr mit den Söldnern wieder zurück nach Kinshasa und beschloss, das Ende der Epidemie abzuwarten. Die Söldner hatten das Gleiche vor und zusammen konnten sie im Venus Hotel einen Sonderpreis für ihre Gruppe aushandeln.

(135) Du wirst dir schon kein Ebola holen.

„Du wirst dir schon kein Ebola holen.“ Das hatte Ulrike Stadler ihrem Mann Elmar immer zugerufen, wenn er mal wieder ganz genau hinschauen musste, wenn ihm ein Glas, eine Gabel oder sonst etwas suspekt vorkamen. Deshalb wollte er sie auch nie in exotische Länder begleiten. Indien, Pakistan, Südamerika… all das war ihm zu gefährlich. Ulrike fand, dass sie wegen Elmar darauf verzichten musste, den Großteil der Welt für sich zu entdecken. „Wenn alle Menschen wären wie du, wäre wahrscheinlich noch 90 Prozent des Planeten unerforscht“, hatte sie ihm gesagt. „Was genau wäre daran so verkehrt?“, antwortete Elmar dann.

Es war wirklich nicht einfach für sie. Zuhause schon war Elmar sehr penibel. Auf Reisen wurde er schlichtweg paranoid. Immer führte er eine Packung mit Sagrotan-Feuchttüchern mit sich herum. Zu Hause schaute er immer nach, ob das Klo richtig geputzt war, vermutete Keime im Kühlschrank und hatte vor allem eine Heidenangst vor den Gefahren im Küchenabfluss. Sie vermutete, dass Elmar jedes Mal, wenn er die Toilette aufsuchte, die Brille mit einem Sagrotan-Tuch abwischte. Sie wusste, dass es ihn sehr störte, wenn Besucher bei ihnen die Toilette benutzten. Sie spürte dann, dass er innerlich verkrampfte.

Sie sagte ihm, dass er sich aufführte wie Howard Hughes, ohne aber dessen Vermögen einzubringen. Er sagte, dass Howard Hughes gestorben sei, weil er nicht vorsichtig genug war. Sie forschte nach und fand heraus, dass Hughes an Nierenversagen gestorben war. Aber auch diese Erkenntnis konnte Elmar nicht umstimmen.

Immer wieder belehrte er sie, dass ein Kühlschrank ständig sauber sein musste und dass die Kälte nichts gegen Bakterien und schon gar nichts gegen Viren ausrichten konnte. Wenn Flüssigkeiten im Kühlschrank aus ihren Behältern geschwappt waren und Elmar es sah, nahm er ein Sagrotan-Tuch und säuberte die Stelle. Das wiederum fand Ulrike eklig und sie putzte dann den ganzen Kühlschrank. Manchmal regte sie sich auf, aber sie wusste, dass Elmar sich hier nicht ändern würde.

Beim Küchenabfluss entwickelte Elmar eine wahre Hysterie. Wenn er darüber dozierte hatte man den Eindruck, dass ganze Armeen von Feinden in der Dunkelheit des Abflussstutzens lauerten, durch die Bullaugen des Siebs nach oben schauten und nur auf die Gelegenheit warteten, heraus zu springen und sich an Nahrungsmittel oder sonstige Gegenstände zu haften, die der Mensch sich in den Mund führte. Wenn Ulrike Lebensmittel in den Ausguss stellte und Elmar bemerkte es, warf er die Lebensmittel weg. Sie durfte einen Sieb, der mit frisch gewaschenen Erdbeeren gefüllt war, nicht im Becken stehen lassen, wenn Elmar hereinkommen konnte. Wenn Ulrike in der Küche war, schaute Elmar öfters herein, um zu überprüfen, dass alles in Ordnung war. Seltsamerweise hatte er kein Problem damit, wenn der Ausguss mit dem Kunststoffstopfen zugelegt war. Ulrike verstand es nicht, hütete sich aber davor, ihn zu fragen. Eine Verschärfung seiner Hygienegesetze wollte sie nicht riskieren. Nachdem sie gelesen hatte, dass Elmar möglicherweise unter einer psychischen Störung litt, hatte sie ihm eine Therapie vorgeschlagen. Aber er hatte dies abgelehnt.

Jetzt war Elmar tot und sie fühlte sich schuldig.

(136) Ulrike war erleichtert, dass Elmar den Urlaub zu genießen schien.

Ulrike war erleichtert, dass Elmar den Urlaub zu genießen schien. Am zweiten Tag gab es einen Hausball im Hotel und er hatte sich sogar bereit erklärt, mit ihr zu tanzen. Vielleicht lag es auch daran, dass das Haus äußerst sauber war und Elmar keine Beanstandungen fand. Ulrike hatte ein Allergiker-Zimmer gebucht, das ganz besonders reingehalten wurde.

Elmar hatte sich von Ulrike überzeugen lassen, zum Wanderurlaub nach Madeira zu fliegen. Immerhin gehörte die Insel zu Portugal und damit zur EU. Die üblichen Gesundheitsstandards waren eingehalten und Elmar hatte schließlich eingewilligt.

Sie waren im Oktober geflogen und fanden, dass sie Glück gehabt hatten, denn der September war völlig verregnet gewesen. Als sie ankamen war die Insel warm und schien förmlich zu dampfen. Ihr Urlaub war schön gewesen, auch wenn es Ulrike nicht sehr exotisch vorkam, wenn man von der unkrautartigen Verbreitung der Strelitzien absah.

Dann zeigte Elmar die Anzeichen einer Erkältung: Fieber und Gliederschmerzen. Er blieb im Hotel und drängte Ulrike darauf, trotzdem wandern zu gehen, was sie auch tat. Elmar bekam ein eigenes Bett und das Zimmermädchen war so aufmerksam, dass es Elmars Bettwäsche jeden Tag wechselte. Nach ein paar Tagen ging die Erkältung zurück, ein gutes Zeichen dachte Ulrike, denn der Urlaub dauerte noch ein paar Tage, die sie mit Elmar nutzen wollte. Doch dann bekam Elmar Herzrasen und Schweißausbrüche. Mit rotem Gesicht kam er aus dem Bad und sagte, dass er eben Blut erbrochen hatte. Dann brach er zusammen. Der Arzt kam und fand, dass Elmars Blutdruck viel zu niedrig war. Er veranlasste die Aufnahme ins Krankenhaus von Funchal. Ulrike begleitete ihren Mann und saß die ganze Nacht hindurch an seinem Krankenbett. Elmar hatte Angst zu sterben und sie versuchte ihn auf andere Gedanken zu bringen.

Am frühen Morgen kam das Ergebnis der Blutanalysen: Elmar hatte das Dengue-Virus erwischt und die Krankheit war in der schlimmsten Form ausgebrochen. Der Arzt erklärte, dass Elmar von einer Stechmücke infiziert sein musste. Ulrike erinnerte sich, dass sie bei einer Wanderung beide mehrere Stiche abbekommen hatten. Sie selbst habe wohl Glück gehabt, meinte der Arzt. Elmar bekam einen heiseren Lachanfall, der in Schluchzen überging. Ulrike entschuldigte sich bei ihm, dass sie ihn nach Madeira geschleppt hatte.

Am nächsten Tag starb Elmar. Die Blutanalyse von Ulrike zeigte, dass sie definitiv nicht infiziert war. Die Überführung der Leiche nach Deutschland war wegen der Krankheit nicht ganz einfach und erforderte eine ganze Reihe von Verwaltungsschritten. Nachdem Ulrike eine Nacht darüber geschlafen hatte, beschloss sie, Elmar auf Madeira beerdigen zu lassen. Er hätte es bestimmt nicht gut gefunden, wenn seine virusverseuchte Leiche in einem Passagierflugzug transportiert würde. Eine Bestattung an Ort und Stelle war daher das einzig Richtige. Mit der Unterstützung des Hotels gelang es ihr, die Zeremonie kurzfristig zu organisieren und so würde sie mit dem ursprünglich gebuchten Flug wieder in die Heimat fliegen. Elmars Flugticket war leider nicht mehr zu stornieren gewesen.

(137) António Pessanha liebte seinen 1964er Cadillac Superior Crown Royale über alles.

António Pessanha liebte seinen 1964er Cadillac Superior Crown Royale über alles. Alleine um mit diesem schicken Leichenwagen durch die Straßen von Funchal zu fahren, war es wert, Bestatter zu sein. Pessanha war vierzig, schuldenfrei und Eigentümer der Agência Funerária São Martinho. An diesem Nachmittag hatte er die Beisetzung eines deutschen Touristen, Elmar Stadler, durchgeführt. Es kam selten vor, dass Ausländer auf der Insel beerdigt wurden. Pessanha hoffte, dass dies keine Mode werden würde, denn Überführungen waren wesentlich lukrativer. Bei der Beerdigung von Stadler war nur seine Witwe dabei. Pessanha fand, dass Ulrike Stadler, umwerfend aussah. Sie hatte sich lokale Trauerkleidung besorgt und ihre langen blonden Haare unter dem schwarzen Schleier fand Pessanha elektrisierend. Frau Stadler war ganz knapp über 50 und Pessanha hatte sich schon immer zu reiferen Frauen hingezogen gefühlt.

Nach der kurzen Zeremonie fragte er Frau Stadler, ob er sie in die Stadt fahren dürfe. Sie nahm an und jetzt saß sie neben ihm auf dem Beifahrersitz des Cadillac. Pessanha fragte, ob sie länger auf der Insel bliebe und sie sagte, dass sie schon am nächsten Tag abreiste. Pessanha nickte ernst. Das gab ihm zwischen Bestattung und Abreise zu wenig Zeit, um pietätvoll mit Frau Stadler eine Affäre zu haben. Wenigstens konnte er beim Fahren durch den zähen Feierabendverkehr ab zu einen Blick auf ihre makellosen Knie werfen, die er durch ihre dünne schwarze Strumpfhose erkennen konnte.

„Sie haben einen sehr schönen Leichenwagen“, sagte Frau Stadler unvermittelt. Pessanhas Herz machte einen Hopser. „Ich hoffe, man darf das auch über Leichenwagen sagen“, fügte Frau Stadler hinzu. „Aber natürlich“, beeilte sich Pessanha. „Gerade in meinem Gewerbe ist es wichtig, die Dinge, die man selbst beeinflussen kann, so schön wie möglich zu gestalten.“ Frau Stadler nickte. „Der Wagen erinnert mich an das Auto von Batman“, sagte sie und lächelte etwas verlegen zu ihm herüber. Das hatte bisher noch niemand Pessanha gesagt, aber er mochte den Vergleich. „Und, finden Sie, dass ich wie Batman wirke?“, fragte er keck. „Keine Ahnung, die Ähnlichkeit fiel mir nur beim Wagen auf.“ – „Auf jeden Fall, gibt es in meinem Leben keine Batwoman.“ Pessanha sah vorsichtig zu Frau Stadler, um zu ergründen, wie die Bemerkung bei ihr ankam. „Ah ja“, sagte Frau Stadler. Pessanha bildete sich ein, dass durchaus etwas Interesse in ihrer Stimme mitschwang.

Der Verkehrsfluss war jetzt vollständig zum Erlahmen gekommen und Pessanha bemerkte einen Fliegenschiss auf dem Armaturenbrett. Aus dem Staufach unter der Armlehne zog er ein feuchtes Wischtuch heraus und entfernte den schwarzen Punkt. Das Wischtuch faltete er sorgfältig und legte es in eine Plastiktüte, die er unter dem Fahrersitz verwahrte. Er bemerkte, dass Frau Stadler ihn beobachtete. „Berufskrankheit“, sagte er entschuldigend. „In meinem Beruf muss man peinlich genau auf Sauberkeit achten.“ Die Wagenkolonne setzte sich wieder in Bewegung.

„Da ist das Reid’sPalace. Ein weltbekanntes Hotel.“ Pessanha deutete aus dem Fenster. „Waren Sie schon mal da? Ich würde Sie gerne heute Abend dort zum Essen einladen.“ Frau Stadler antwortete nicht. Als es der Verkehr erlaubte, schaute er zu ihr hinüber und sah, dass ihre Gesichtszüge verzerrt waren und Tränen ihr über die Wangen liefen.

(138) Ein alter Leichenwagen fuhr am Hotel vorbei.

Ein alter Leichenwagen fuhr am Hotel vorbei. Nachdenklich beobachtete Albrecht Holzhäuser den amerikanischen Schlitten von seinem Balkon aus. Er saß mit aufgestützten Armen am Tisch und trank einen Schluck von dem Cuba Libre, den er sich vorhin selbst gemixt hatte. Etwas Alkohol war beim Schreiben ganz anregend für die Inspiration. Außerdem war jetzt Sonnenuntergang und damit war es offiziell erlaubt, härteren Alkohol zu trinken.

Holzhäuser hatte sich eine Auszeit von seinen sonstigen Aktivitäten genommen und war zum Schreiben nach Funchal in Reid’s Palace gekommen. 14 Tage Halbpension, Zimmer mit Balkon, auf dem er jetzt mit Schreibblock, Bleistift und Cuba Libre saß. Alles war bereit, nur die Inspiration fehlte noch. Aber so schnell ließ sich Holzhäuser nicht entmutigen. Er war Richter am Amtsgericht, zuständig für Mietsachen, unter anderem. Er hatte Geduld ohne Ende und war überzeugt, dass er seine kreativen Kräfte in die gewünschte Richtung steuern konnte. Geschrieben hatte er immer wieder einmal, aber es hatte nie genug Zeit gegeben, etwas Bedeutenderes anzupacken. An seinem 50. Geburtstag hatte er sich entschlossen, mehr Gewicht auf das Schreiben zu legen und im Beruf künftig auch so faul zu sein, wie viele seiner Kollegen. Das würde ihm ausreichend Zeit verschaffen.

Um seiner kreativen Karriere den notwendigen Anschub zu geben, hatte er sich für das Refugium auf Madeira entschieden. Hier hatte schon Churchill genug Muße gefunden, um seine Malerei weiter zu entwickeln. Wenn es gut laufen würde, könnte er seinen Aufenthalt verlängern. Theoretisch auch über die angepeilten drei Monate hinaus, denn es war unwahrscheinlich, dass ein Amtsarzt nach Madeira vorbeikommen würde, um die Rechtmäßigkeit der Krankmeldung zu überprüfen. Aber so weit war er noch nicht. Bisher hatte er nur Ideenfetzen notiert und es war nichts dabei, was es wert schien, weiter ausgearbeitet zu werden.

Der Leichenwagen hatte interessant ausgesehen, dachte Holzhäuser und schmeckte dem Cuba Libre nach. Expats, die in der Ferne starben und dann im verplombten Sarg nach Hause geschickt werden. Kurz streifte seine Fantasie die Implikationen bei Mietverträgen, wenn Mieter vor Vertragsende starben… Er verdrängte den Gedanken erfolgreich mit einem Schluck aus dem hohen Cocktailglas. Allerdings musste Holzhäuser sich gestehen, dass er keine Expats kannte und auch gar nicht wusste, was sie so bewegte. Vielleicht eher etwas Gewöhnliches, das ihm bekannt war und aus dem sich etwas Außergewöhnliches entwickelte. Vor einigen Jahren war Holzhäuser für ein paar Monate einem Männerchor beigetreten. Das war vielleicht ein Aufhänger. Den Chor hatte er wieder verlassen, weil es wirklich sehr gewöhnlich zuging. Vielleicht könnte man aber auch alles miteinanderverbinden. Ein Expat, der zu einem Chor von Einheimischen stößt… Was könnte da passieren? Ein möglicherweise interessanter Ansatz, befand Holzhäuser und goss sich Rum und Cola nach. So ähnlich musste sich Hemingway gefühlt haben, dachte er. Die Sonne verschwand ganz unter der Horizontlinie.

(139) Als alle Teilnehmer der Chorprobe anwesend waren, hielt Manfred Krüpper eine kleine Ansprache.

Als alle Teilnehmer der Chorprobe anwesend waren, hielt Manfred Krüpper eine kleine Ansprache. Er war Dirigent und Präsident des Tonart Sängerbunds Pforzheim und schon längere Zeit auf der Suche nach Möglichkeiten, frisches Blut in den Männergesangverein zu bringen. Er wusste, dass seine Kollegen nicht alle seine Bestrebungen teilten. Insbesondere Rüdiger Schinköthe war strikt gegen Veränderungen. Krüpper war deswegen frustriert und sah die Chormitglieder in wenigen Jahren schon mit Spinnweben vor den offenen Mündern dastehen. Er hatte einen letzten Versuch gestartet und wenn das nicht funktionierte, wollte er von allen Ämtern zurücktreten.

Objektiv war es ein Knaller, den er präsentieren wollte. Er hatte einen 30jährigen gefunden, der eine umwerfende Stimme hatte, Chorerfahrung besaß und darauf brannte in die Chorgemeinschaft aufgenommen zu werden. Es gab nur einen Haken: Katsumi Watanabe war Japaner.

Nachdem Krüpper erklärt hatte, was er vorschlug, war es erst einmal still. Er überlegte, ob er seinen ansonsten Rücktritt gleich mit ankündigen sollte, entschied sich aber dagegen, um die Situation nicht noch zu verschärfen. Schinköthe stand da mit verschränkten Armen und sagte nur düster: „Das ist das Ende.“ Zustimmendes Raunen kam aus mehreren anderen Kehlen. Norbert Milz, der Konflikte immer übertünchen wollte und damit manchmal die opponierenden Parteien erst recht gegeneinander aufstachelte, meldete sich zu Wort. Er schlug vor, dass Watanabe vorsingen sollte und man sich dadurch ein besseres Bild machen könnte. Weiteres Raunen zeigte, dass dies ein vernünftiger Vorschlag für einige war. Schinköthe schüttelte den Kopf. „Es geht nicht darum, ob das Schlitzauge singen kann. Es geht um mehr!“

Die Diskussion dauerte an. Am Ende hatte sich der Chor zu einer Kompromissmeinung durchgerungen und Watanabe sollte bei der nächsten Chorprobe vorsingen. Allerdings war schon klar, dass man dabei eigentlich nur nach der Begründung suchen würde, um ihn abzulehnen. Für Krüpper bedeutete es, dass er sofort danach zurücktreten würde. Er hatte keine Lust, seinen Kollegen ein Ultimatum zu setzen. Schinköthe würde wahrscheinlich sein Nachfolger werden und irgendwie würde es weitergehen.

Zum Schluss gab es noch eine Auseinandersetzung, ob man dem Japaner ein bestimmtes Lied zum Vorsingen vorgeben wollte oder ihm die freie Auswahl überließ. Da auch in der Wahl des Stückes ein möglicher Ablehnungsgrund liegen konnte, beschloss man, keine Vorgaben zu machen. „Vielleicht gibt er uns ja ein Stück aus der japanischen Volksmusik zum Besten“, schloss Schinköthe hoffnungsvoll.

Nach der Diskussion waren alle so sehr erschöpft, dass sie beschlossen, nur noch einmal gemeinsam „Im Krug zum Grünen Kranze“ zu singen und dann die Chorprobe zu beenden.

(140) Wäre Katsumi Watanabe nicht Japaner gewesen, er wäre kaum aufgefallen…

Wäre Katsumi Watanabe nicht Japaner gewesen, er wäre kaum aufgefallen, denn er war ein Ausbund an Diskretion. So aber stand er vor den Männern des Tonart Sängerbunds Pforzheim, die ihn alle anstarrten. Watanabe kannte nur den Dirigenten, den er vorher ein paar Mal getroffen hatte und der ihm von der schwierigen Lage im Chor berichtet hatte. Das machte Watanabe nichts aus. Im Gegenteil, die Ehre, sich für etwas einzusetzen, an das man glaubte, wurde durch die Widrigkeiten, die man dafür erdulden musste, noch erhöht. Und er war bestens vorbereitet. Er hatte sich nicht nur mit Gesang auseinandergesetzt, sondern auch mit Deutschland und seiner Seele. Katsumi Watanabe war bereit.

Lange hatte der Japaner nachgedacht, welches Stück er vorsingen würde. Er hatte sich für Heideröslein entschieden. Die Kombination von Goethe und Schubert schien ihm unübertrefflich und schlicht bestechend.

Natürlich hatte er sich auch überlegt, ob er eine kurze Ansprache halten sollte. Aber das wäre keine gute Idee. Es war besser den Gesang in den Vordergrund zu stellen. Erst, wenn er sie mit seinem Können überzeugt hatte, würde er ein paar erbauende Worte sprechen, die er sich natürlich vorher reiflich überlegt hatte. In einem deutschen traditionsreichen Männerchor mitzusingen, würde ein Höhepunkt seins Lebens sein. Es durfte nicht scheitern.

Watanabe stellte sich auf, nickte dem Pianisten zu, als er bereit war und sang.

Als er geendet hatte, schien es ihm Probenraum ein paar Grad wärmer geworden zu sein. Einige Chormitglieder lächelten selig, einer schien sogar mit Tränen zu kämpfen. Krüpper zwinkerte Watanabe zu. Da wusste der Japaner: Er hatte sie überzeugt. Jetzt war der Moment gekommen, ein paar Worte an seine neuen Freunde zu richten.

Katsumi Watanabe hob seine rechte Hand auf Brusthöhe und sagte „Deutschland“. Dann hielt er seine linke Hand vor und sagte „Japan“. Seine Hände griffen ineinander in einem beherzten Händeschütteln. „Freundschaft“ sagte er und lächelte dabei.

Im Probenraum war eine weihevolle Stimmung. Krüpper dachte sich, dass es doch immer wieder verblüffend sei, was die Musik bei Menschen ausrichten konnte. Sogar Schinköthe schien seine Position zu überdenken. Auf jeden Fall gab auch er kräftig Applaus, gemeinsam mit allen anderen. Norbert Milz hatte eine Träne im Auge. Er wischte sie verstohlen weg, denn es war ihm peinlich, dass er so „nahe am Wasser gebaut war“, wie er fand. Er fühlte, dass er einen wesentlichen Anteil daran hatte, dass Watanabe jetzt in ihrer Gemeinschaft aufgenommen war.

Der Japaner verneigte sich tief. Als er wieder aufrecht stand, lächelte er verlegen und sagte: „Deutschland. Japan. Aber nächstes Mal ohne Italien!“

(141) Rüdiger Schinköthe hatte Watanabe zuerst akustisch nicht verstanden.

Rüdiger Schinköthe hatte Watanabe zuerst akustisch nicht verstanden. Als der Japaner den Ausspruch wiederholte, hatte Schinköthe nicht begriffen, was er damit meinte. Er hielt sich zugute, dass er wahrscheinlich früher als andere draufkam, was Watanabe gemeint hatte. Dann überlegte er sich, ob es ein perfider Hohn von Krüpper war, der es Schinköthe übel nahm, dass er ab und an von seinen Kriegserlebnissen erzählte, besonders, wenn er ein paar Bierchen intus hatte. Die anderen Chormitglieder lachten und so war Schinköthe gezwungen, den Spruch des Japaners als harmlosen Witz aufzunehmen. Er wusste, wann man die weiße Fahne zu hissen hatte. Aber das hieß nicht, dass man dem Feind bei Gelegenheit nicht auch danach noch das Messer in den Rücken rammen konnte. „Alles zu seiner Zeit“, murmelte Schinköthe.

Der Japaner wurde erst einmal provisorisch in den Chor aufgenommen. Aus aktuellem Anlass schlug Krüpper vor, dass der Chor gemeinsam das Heideröslein einstudierte. „Na so ein Zufall“, dachte Schinköthe, sagte aber nichts. „Heidenröslein“, verbesserte Watanabe. Krüpper schaute ihn fragend an. „Der Originaltitel von Goethes Gedicht war eigentlich ‚Heidenröslein‘. Mit N in der Mitte.“ Krüpper nickte nachdenklich und konzentrierte dann die Aufmerksamkeit des Chors auf die Spitze seines Taktstocks. Sie sangen das Lied einmal ganz durch ohne Rücksicht auf Verluste. Natürlich gab es Verhaspler und unreine Töne, aber insgesamt, so musste auch Schinköthe zugeben, war das Ergebnis für einen ersten Durchgang fantastisch gut. Norbert Milz standen schon wieder die Tränen in den Augen und er musste sein allzeit bereites Taschentuch bemühen. Besonders die Passage als der ganze Chor donnernd „Musst es eben leiden“ sang, wühlte Milz völlig auf.

Sie bearbeiteten das Lied noch weiter und als sie am Ende der Probe angekommen waren, war das Ergebnis fast schon konzertreif.

Nach der Probe ging es, wie immer, zum Stammtisch in die Kneipe gegenüber. Watanabe wurde eingeladen und ging mit, erfreut, in der illustren Gruppe aufgenommen zu sein. Alle bestellten Bier, außer Watanabe, der Salbeitee orderte. Während sein Teebeutel noch im heißen Wasser zog, begann Watanabe einen Exkurs zu ‚Heideröslein‘ und den Interpretationsmöglichkeiten. Besonders die erotische Doppeldeutigkeit des Gedichts schien ihn zu fesseln. Die anderen Chormitglieder hatten keine Lust auf diese Ausführungen. Sie hatten gesungen und bevor sie wieder nach Hause gingen, wollten sie etwas trinken und sich über alles Mögliche unterhalten, aber nicht über Gedichte von Goethe. Erst taten sie so, als ob sie zuhörten. Als Watanabe aber kein Ende fand und irgendwann auch noch erklärte, dass ‚Heidenröslein‘ eigentlich für Hegedrüse stand, dem altdeutschen Wort für Hoden, da verlor er seine Zuhörer. Sie wandten sich ab und unterhielten sich untereinander oder setzten sich sogar an andere Tische. Als Letzter verblieb Milz, bedauerte es aber, einen günstigen Moment verpasst zu haben.

(142) Du gehst mir jetzt zum Arzt, Norbert.

„Du gehst mir jetzt zum Arzt, Norbert. Dieses ständige Weinen ist doch nicht normal.“ Beate Milz hatte ihrem Ehemann keine Wahl gelassen. Sie suchte sogar selbst einen HNO-Arzt für ihn aus und verabredete einen Termin. Milz‘ Problem war, dass seine Augen sich ständig mit Tränenflüssigkeit füllten, diese über den Rand des Unterlids ablief und er immer den Eindruck gab, dass er weinte. Zusätzlich fühlte er sich durch den Wasserfluss auch irgendwie weinerlich, was den Nachlauf von Flüssigkeit weiter förderte. Beate hatte ja Recht, aber er ging nun mal nicht gern zum Arzt. Die Kollegen im Chor machten sich lustig über ihn, aber das war ok. So hatte er eine Rolle in der Gruppe, er war halt nah am Wasser gebaut. Es gab ihm Identität. So schlecht war das gar nicht.

Aber Norbert gehorchte Beate und saß in Kürze vor Dr. Sebald, dem HNO-Arzt, der auf der Stirn einen hochgeklappten Spiegel trug, der aussah wie ein drittes Auge.

Milz erzählte ihm von seinem Problem und der Arzt klappte den Spiegel runter und schaute Milz ins Auge. Dann nahm er eine Spritze und spülte den Tränenkanal aus. Milz durfte wieder nach Hause gehen. Zuerst sah es aus, als ob er jetzt trocken sei, aber dann kamen wieder die Tränen. Beate schickte ihn zu Dr. Sebald zurück. Dieser schaute noch einmal ins Auge und verschrieb Milz dann ein Medikament. Nach zwei Tagen schien es besser zu werden, aber nach drei Wochen war die Situation wieder wie vorher: Milz weinte. Beate fragte sich, ob er es absichtlich mache und ob er überhaupt beim Arzt gewesen sei.

Er kehrte zu Dr. Sebald zurück, der die Stirn runzelte und ihn erst einmal zum Radiologen schickte. Der Radiologe befand, dass Milz unter einer Verengung des Tränenabflussweges litt. In einem weiteren Termin riet Dr. Sebald zu einer Tränenwegsprothese. Das sei ein kleines Glasröhrchen, das er ihm einsetzen würde. Bruchsicher und problemlos. Milz fragte Beate, die ihm sagte, dass sie keine Lust hatte, seinem Weinen länger zuzusehen. Er solle sich dieses Rohr legen lassen.

Milz wachte aus der Narkose auf und man sagte ihm, dass der Eingriff ein voller Erfolg gewesen war. Er konnte gleich nach Hause gehen. Allerdings solle er sich nicht wundern: Sie hatten keine hautfarbenen Verbände um Nase und Mund abzudecken, man hatte daher einen schwarzen Verband genommen. Milz schaute sich im Spiegel an und fand, dass er wie Zorro aussah. Aber was sollte er schon machen. Er sagte, dass er mit dem Verband kein Problem habe, und ging nach Hause.

Vor der Praxis lief ihm ausgerechnet Schinköthe, seine Nemesis, über den Weg. Schon hatte er Milz erkannt und in die Enge gedrängt. „Hallo Norbert. Was ist denn los? Sind deine Tränensäcke explodiert? Kein Wunder bei der Überproduktion. Oder gehst du zu einer Fledermaus-Inszenierung? Bereit den Eisenstein zu geben?“ Als Milz stumm und beschämt weiterging, rief Schinköthe ihm noch hinterher: „Wenn ich du wäre, würde ich eher den Frosch singen. Hahaha.“