(113) Müßiggang ist aller Laster Anfang, dachte Reinhard Honsel…

Müßiggang ist aller Laster Anfang, dachte Reinhard Honsel, als er nach der Nachtschicht nach Hause radelte. Es regnete und der Wind blies ihm die Tropfen ins Gesicht. Wenigstens hatte er an die Pelerine gedacht. Aber sie war auch nicht mehr ganz dicht und am Rücken spürte er schon die Nässe auf der Haut. Hoffentlich würde er nicht krank werden. Natürlich würde er auch dann arbeiten, aber dann wäre es eine richtige Qual. Aber wem sage ich das, überlegte er. Es war doch alles eine Qual. Du tust alles, was von dir verlangt wird und kommst doch keinen Schritt voran. Nicht mehr in der Lohntüte und Respekt erhältst du schon gar nicht. Nicht einmal bei den Kollegen oder dem Betriebsrat. Du bist irgendwie in dein Leben hineingeboren und dann bleibst du, wo du bist. Aber du musst immer dran bleiben. Keinen Augenblick ausruhen. Auch, oder schon gar nicht, wenn es gut läuft. Sie warten doch alle nur darauf, dass es dem kleinen Mann schlecht geht. Eine Schwäche und du hast gar keine Chance mehr. So ist das und soll mal einer sagen, dass es anders ist.

Jetzt kam der Berg. Wenn er zur Arbeit fuhr, bemerkte er ihn fast nicht – es war, als ob diese Stelle so eben war wie der Rest. Aber wenn er nach Hause fuhr, dann ragte der Berg vor ihm auf und schien ihn herauszufordern. Manchmal schaffte er den Berg und manchmal schaffte der Berg ihn. Heute schwitzte er bereits so stark unter der Pelerine, dass er schon bald abstieg und das Rad schob. Ein Opel Kapitän fuhr an ihm vorbei und bespritzte ihm die Hose. Darauf kam es jetzt auch nicht mehr an. Worauf kam es an? Heiner sollte es später besser haben. Nicht mehr so sinnlos schuften, getrieben sein. Er sollte es mal so gut haben, wie die reichen Leute. Mal in Urlaub fahren. Das Meer sehen. Reinhard Honsel dachte an seinen Vater und fand, dass der es gleichzeitig besser und schlechter hatte als er. Er war arm gewesen, sogar im Vergleich zu anderen Bauern. Alles, was Reinhard erreicht hatte, wäre für seinen Vater Luxus gewesen. Allein schon ein Klo im Haus – undenkbar. So etwas hatte niemand. Nachts aufs Klo zu gehen war eine Mutprobe. Andererseits hatte der Vater es auch besser gehabt. Er war Bauer und konnte sich sein Tagwerk einteilen, wie er wollte. Gut, er musste es auch nach den Kühen ausrichten. Konnte nicht einfach ein paar Tage weggehen. Aber es gab niemand, der ihm sagte, was er alles zu tun hatte. Er bestimmte es selbst. Arm, aber frei – das war er.

Reinhard fühlte sich unfrei. Als er in die Stadt zog, gab er seine Freiheit ab. Dafür bekam er ein Klo auf der Etage. Ein Scheißgeschäft, dachte er und schwang sich oben auf dem Berg wieder in den nassen Sattel. Heiner sollte frei sein, sein Leben nach eigenem Gutdünken organisieren. Aber auch nicht arm sein. Zu Reichtum würde es nicht ausreichen. Das nicht. Aber so, dass er ein gutes Leben leben konnte. Und dafür musste Heiner kämpfen. Wenn er dem Jungen etwas mit auf den Weg geben wollte, dann, dass er nicht ruhen durfte. Müßiggang war aller Laster Anfang.

(114) Lebe frei und wild. Das war Heiner Honsels Lebensmotto.

Lebe frei und wild. Das war Heiner Honsels Lebensmotto. Natürlich eckte er damit an. Das Anecken war sogar der wichtigste Hinweis, an dem er erkannte, dass er seinem Lebensmotto treu war. Hätte er sich so entwickelt, wie von seinem Vater gewünscht und würde er sich harmonisch in die graue Masse einfügen: Dann wäre er vom richtigen Kurs abgekommen. Dass sein Weg irgendwann durch eine Justizvollzugsanstalt führte, war ein Nebeneffekt. Früher oder später musste es so kommen. Und ob er wegen einer Kneipenschlägerei verurteilt wurde oder wegen einem Bruch oder Fahrerflucht nach Unfall, das alles machte keinen Unterschied. Wenn er zurückblickte, dann war die Strafe für den Einbruch im Vergleich zu allen anderen strafwürdigen Taten, die er begangen hatte, nur ein Klacks. Wenn das die Währung war, mit der die Gesellschaft handelte, dann war er jetzt wieder quitt.

Dem Anstaltspsychologen sagte er das nicht. Eigentlich wollte der doch auch nicht mehr wissen, als in die paar Zeilen seines Formulars hineinpasste. Außerdem fragte er nach Heiner Honsels Vater. Ausgerechnet. „Mein Vater war ein Trottel“, sagte Honsel, zog an der Selbstgedrehten und schaute den Psychologen mit verkniffenem rechtem Auge an. „Wie meinen Sie das?“, kam die Frage zurück, wie das Amen in der Kirche. „Mein Vater glaubte, dass er allen etwas schuldig war. Dass er ranklotzen musste, bis ihm die Eingeweide aus den Leisten hingen. Mein Vater hatte keinen Spaß am Leben. So wollte ich nie enden.“

Der Psychologe notierte fleißig. „Haben Sie sich gegen Ihren Vater aufgelehnt?“ – „Nein, ich bin abgehauen.“ – „In Ihrer Akte steht, dass sie zweimal von der Polizei nach Hause gebracht wurden…“ – „Weil ich noch keine 18 war. An meinem 18. Geburtstag, habe ich um sechs Uhr früh einen Zettel auf den Küchentisch gelegt und war weg.“ – „Was stand auf dem Zettel?“ – „Darauf stand ‚Tschüss‘.“ – „Sonst nichts?“ – „Sonst gab es nichts zu sagen.“ – „Wie reagierten ihre Eltern?“ – „Keine Ahnung, ich war ja nicht dabei.“ – „Später…?“ – „Ich hatte keinen Kontakt mehr mit ihnen. Das war fertig. Er konnte mich mal kreuzweise mit seinem ständigen ‚Müßiggang ist aller Laster Anfang‘-Scheiß! Tschüss und weg. Auf Nimmerwiedersehen, Alter.“

Sechs Monate Gefängnis waren ein Klacks. Honsel lernte viele interessante Menschen kennen und konnte seine Lebensgeschichte mit der von anderen vergleichen. Er fand, dass die meisten anderen im Vergleich zu ihm Waschlappen waren, die nicht für sich selbst sorgen konnten. Alle hingen an irgendjemand. Er nicht. Lebe frei und wild.

Eine Ausnahme war Ludger Brill, Honsels Zellengenosse. Totschlag, allerdings nur weil ihm die Mordabsicht nicht nachgewiesen werden konnte. Brill hatte einem anderen Trucker auf dem Parkplatz einer Raststätte mit einem Kreuzschlüssel den Kopf eingeschlagen. Brill zuckte mit den Schultern, als er Honsel die Geschichte erzählte.

„Irgendwann kommt bei jedem mal ein Moment, da stehst du auf einem leeren Parkplatz einem Typen gegenüber und du hast was Schweres in der Hand. Zuschlagen oder wegtreten? Natürlich sollte man nicht immer zuschlagen. Aber man sollte auch nicht immer wegtreten. Sonst hast du keine Achtung mehr vor dir selbst, Heiner.“

(115) Besonders abends, nach dem Einschluss, redeten Brill und Honsel über alles Mögliche.

Besonders abends, nach dem Einschluss, redeten Brill und Honsel über alles Mögliche. Was hätten sie auch sonst tun sollen, denn beide waren nicht sehr belesen und Radio hören war auf Dauer keine Beschäftigung. Brill hatte Honsel nach seinem ersten Mal gefragt. Zuerst hatte Honsel gedacht, Brill wolle über Sex reden. Dann begriff er, dass sein Zellengenosse ihn fragte, wie er zum ersten Mal mit der Polizei zu tun bekam.

Es war bei einer Klassenfahrt gewesen, als Honsel 15 Jahre alt war. Die Reise ging in ein Schullandheim an die Ostsee. Lehrer Barke hatte Honsel eigentlich nicht mitnehmen wollen, weil er bereits damals sehr aufsässig war. Er hatte Honsel im Einzelgespräch gesagt, dass es seine letzte Chance wäre. Honsel hatte genickt, aber natürlich war es ihm egal, was der Lehrer sagte. Über die letzte Chance war Honsel schon weit hinaus. In dem Schullandheim war zur gleichen Zeit eine Mädchenklasse untergebracht und Honsel hatte ein Auge auf Melanie geworfen, eine vierzehnjährige Schülerin, schwarzhaarig und frühreif. Sie hatte ihm beim Abendessen gesagt, er solle sie doch mal in der Nacht besuchen, wenn er sich traute. Das war natürlich Benzin auf die Zündflamme von Honsels aufkeimender Leidenschaft.

Die Mädchen wohnten auf einem anderen Stockwerk. Als alle im Bett lagen und es in dem großen Haus ruhig geworden war, schlich sich Honsel aus seinem Schlafsaal. Er trug nur Shorts und ein T-Shirt, mit dem er auch ins Bett gegangen war. Er tapste auf nackten Sohlen zum Treppenhaus. Die funzelige Notbeleuchtung wies ihm den Weg. Entschlossen lief er die Treppe hoch, immer zwei Stufen auf einmal. Das Mädchenstockwerk hatte den gleichen Grundriss und er wusste, wo Melanies Schlafsaal war. Er war sich noch nicht im Klaren, wie er sie im Schlafsaal finden würde, aber das würde sich schon ergeben. Als er im Mädchenflur unterwegs war, ging plötzlich die volle Beleuchtung an. Er hörte Schritte, konnte aber nicht erkennen, aus welcher Richtung sie kamen. Im Gang sah er keine Möglichkeiten, sich zu verstecken. Es gab nur einen Weg: Er schlüpfte geräuschlos in die Dunkelheit des Duschraums. Es gab Einzelkabinen, allerdings ohne Türen. Honsel ging ganz durch und versteckte sich in einer der Kabinen. Kaum kauerte er auf dem kalten Terrazzo-Boden, als die Tür zu den Duschen nochmals aufging und die Neonlampen ganz hell aufflackerten. Er hörte Schritte in Badelatschen. Wer auch immer hereingekommen war, hatte zum Duschen eine Kabine in der Nähe von Honsel ausgewählt. Ein lauter Wasserschwall rauschte los. Honsel wartete etwas, bis er dachte, dass die Person nebenan eingeseift sei. Dann wollte er sich vorbeistehlen. Er hatte aber nicht damit gerechnet, dass das fesche Fräulein Glindemann, die Lehrerin der Mädchen, nur vor der Dusche stand. Sie hatte einen Fuß auf einen Badeschemel gestellt und einen Nassrasierer in der Hand. Sie sah Honsel sofort und fing an zu schreien.

Brill schlug sich vor Vergnügen auf die Schenkel, als Honsel erzählte, dass man ihn nach kurzer Flucht im Gebäude stellte und sein Lehrer darauf bestand, die Polizei zu rufen. Zwei Beamte in Uniform gaben sich Mühe, besonders ernst mit ihm zu reden, um ihn möglichst tief zu beeindrucken. Honsel empfand die ganze Prozedur als erniedrigend und hatte es sich in der Zeit danach zur Aufgabe gemacht, immer wieder die Reifen von Lehrer Barkes Ascona zu zerstechen. Barke hatte natürlich einen Verdacht, aber er konnte Honsel nie etwas nachweisen.

(116) Man darf keine Respektlosigkeit dulden…

„Man darf keine Respektlosigkeit dulden“, sagte Ludger Brill seinem Zellengenossen. Sonst könne man sich gleich eine Kugel durch den Kopf jagen.

„Auch ich bin so schnell wie möglich von zu Hause weggegangen. Die alten Leute haben vor allem nur gekuscht und ich passte da nicht hinein. Wenn ich da geblieben wäre, hätte ich schon damals jemanden umbringen können und es ist nicht ausgeschlossen, dass es mein Vater wäre. Ich hatte damals einfach keine Geduld. So als ob mein Blut ständig brodelte. Ich ging nach Spanien. Wegen der Sonne und weil dort die Menschen stolz und mutig sind. Ich wollte Stierkämpfer werden. Eine dumme Idee natürlich. Immerhin wurde ich Lastwagenfahrer. Eine Spedition heuerte mich an für den Verkehr zwischen Valencia und Frankfurt. Das war nicht einfach damals, denn ich war ja nur ein junger Bursche, der nur wenig Spanisch sprach. Aber ich hatte schon immer ein Gefühl dafür, wenn man etwas Schlechtes hinter meinem Rücken sagte. Egal in welcher Sprache. Ich habe dafür den siebten Sinn. Und wenn ich merke, dass man schlecht über mich redet, dann, mein Herr, lasse ich das nicht auf mir sitzen. Das war nicht ungefährlich, denn als Ausländer im fremden Land und du legst dich mit einem Einheimischen an… Die können sich dann leicht gegen dich zusammenrotten und du liegst am Morgengrauen mit durchgeschnittener Kehle unter den Hafenkränen. Raue Sitten damals. Aber, ich habe mich durchgeschlagen, im wahrsten Sinne des Wortes. Und weil ich so furchtlos war, weißt du, wie die Spanier mich nannten? ‚Cojones‘. Heißt so viel wie Eier, Hoden. Und ich habe mir dann so einen großen Hodensack aus Plastik, hast du bestimmt schon gesehen, an den Spiegel gehängt. Zuvor hatte ich ihn noch mit silbernem Metalliclack besprüht. Irgendwo muss es das Teil noch geben. Es ging natürlich um das Bild, das die Leute von mir hatten. Auf der ganzen Strecke war ich bekannt als ‚Cojones de acero“. Eier aus Stahl.

Und wenn du dieses Image hast, dann gibt es zweierlei Arten von Leuten. Die einen lassen dich in Frieden. Sie respektieren dich oder haben Angst vor dir. Auf jeden Fall, mit diesen Leuten hast du kein Problem und du machst ihnen auch kein Problem, weil du hast ja das, was du von ihnen willst. Aber dann gibt es die anderen Leute, die dich nicht in Frieden lassen. Entweder, weil sie gar nicht merken, wozu du fähig bist oder weil sie dich herausfordern wollen. Sie wollen wissen, ob du wirklich Cojones aus Stahl hast. Sie wollen sich mit dir messen. Am Anfang akzeptierst du das, weil es dazu gehört. Irgendwo warst du selbst ja auch so. Aber dann nervt es. Vielleicht weil du merkst, dass deine Cojones nicht ganz aus rostfreiem Stahl sind. Du willst diesem Kräftemessen eigentlich gerne aus dem Weg gehen. Aber sie finden dich immer wieder. Klar, ich war ja auch auf der ganzen Strecke bekannt. Es war leicht, mich zu finden und herauszufordern. Und dann irgendwann passierte es.“

(117) Alfonso Delgado hatte Brill an der Raststätte Waldmohr…

Alfonso Delgado hatte Brill an der Raststätte Waldmohr, zwischen Saarbrücken und Kaiserslautern, zum ersten und letzten Mal gesehen. Brill hatte getankt und danach geduscht. Als er mit Badetuch und Kulturbeutel zum Fahrerhaus zurückkam, lehnte Delgado an der Tür. Er war ein drahtiger Bursche, glattrasiert, mit einem dämlichen Grinsen um den Mund, das Brill sofort missfiel. „Cojones de acero“, sagte Delgado langsam, als ob bei ihm gerade der Groschen fiel, wen er vor sich hatte. Brill suchte keine schwierigen Situationen mehr, aber er war kein Drückeberger. Er fragte Delgado, wer er sei und was er wolle. Delgado gab ihm seinen Namen, was Brill wiederum gefiel, denn manche sogenannten harten Jungs waren noch zu feige, um ihren Namen zu nennen. Delgado sagte, er wolle die Stahleier mal testen. Diesen Spruch hatte Brill schon öfters gehört und er war es leid. Aber er ließ sich nichts anmerken.

Brill erklärte Delgado, dass er auf dem schnellsten Weg seine Ladung nach Frankfurt bringen müsse, aber dann wieder zurückkommen würde, um Delgado die Gelegenheit zu geben, die Stahleier zu schmecken. In vier Stunden sei er wieder in Waldmohr und dann könne man sich in den Wald hinter der Raststätte verziehen. Delgado überlegte und nickte zustimmend. Er zeigte auf einen Lastzug, auf dessen roten Planen mit gelben Lettern ‚Trans Spain Poland‘ geschrieben stand. „Da findest du mich, Cojones.“

Brill verzog keine Miene, schwang sich ins Fahrerhaus und fuhr los. Allerdings blieb er auf der anderen Seite der Raststätte stehen und stieg wieder aus. Aus der Werkzeugkiste nahm er den Kreuzschlüssel und wickelte ihn in das noch nasse Badetuch ein. Er ging durch den Wald um das Rasthaus herum und war dann auf gleicher Höhe zu Delgados Fahrerhaus. Der Heißsporn saß auf dem Beifahrersitz, die Tür war offen und er rauchte. Delgado schien zufrieden mit sich zu sein. Brill legte den Kreuzschlüssel auf den Waldboden, setzte sich darauf und wartete.

Nach einer halben Stunde sprang Delgado aus dem Fahrerhaus und drückte die Tür zu. Er kam in Brills Richtung. Im Gehen zog er den Reißverschluss seiner Hose auf und stellte sich vor einen Baum, nur zwei Meter von Brills Versteck entfernt. Als der Urinstrahl den Baumstamm traf und Delgados Rücken sich leicht entspannte, richtete Brill sich lautlos auf, nahm den Kreuzschlüssel und war mit einem Satz hinter Delgado. Er hielt das Metallwerkzeug an einem Ende und ließ ein anderes mit voller Wucht in Delgados Hinterkopf einschlagen. Der Spanier fiel nach vorne, schien mit einem Arm den Baum zu umarmen und rutschte dann nach unten in das nasse Laub. Er rührte sich nicht mehr.

Brill trat an den leblosen Körper und prüfte, ob er am Hals noch einen Herzschlag feststellen konnte. In dem Augenblick hörte er ein heiseres „Hände hoch!“ hinter sich, gefolgt vom Geräusch einer durchgeladenen Pistole. Er blieb in der Hocke und hob die Hände.

(118) Wir waren ja eigentlich hinter dem Hosenschisserräuber her…

„Wir waren ja eigentlich hinter dem Hosenschisserräuber her“, erklärte Freimut Schmitt dem Kollegen Wilfried Keller vom Kommissariat 13 der Zentralen Kriminalinspektion Kaiserslautern. Schmitt und sein Kollege Arndt Jakob waren von Kommissariat 11 (Kapitaldelikte). Zu dritt gingen sie nach der Arbeit einen trinken, wann immer es gerade passte. Freimut Schmitt erklärte gerade, wie sie einen Mord oder Totschlag aus reinem Zufall selbst miterlebt hatten. Eigentlich ermittelten sie im Fall eines Bankräubers, der am Tag vorher in Waldmohr in der Weiherstraße die Filiale der Kreissparkasse überfallen hatte. Am helllichten Tag, gerade nach der Mittagspause. Der Täter hatte etwa 20.000 Euro erbeutet und war dann spurlos verschwunden.

Schmitt und Jakob fanden es vorstellbar, dass der Räuber sich durch die Felder und den Wald zur Raststätte Waldmohr durchgeschlagen hatte, weil dort sein Fluchtauto stand. Sie waren zur Raststätte gekommen, um nach etwaigen Zeugen oder Besonderheiten zu schauen. Die Videobänder der Raststätte waren bereits in Kaiserslautern zur Analyse.

Als sie an der Raststätte ankamen, schauten sie sich um und betrachteten die Karte, um festzustellen, aus welcher Richtung der Bankräuber von der Kreissparkasse gekommen sein musste. Deshalb gingen sie auf dem Parkplatz weiter nach hinten, wo der Wald direkt angrenzte. Gerade als sie die Stelle gefunden hatten, wo ein schmaler Pfad aus dem Wald führte, sprang ein Fernfahrer aus seiner Kabine und ging zu einem Baum. Jakob bemerkte es, schaute dann aber wieder auf den Plan, den Schmitt vor sich hielt. Als er wieder zu dem Fernfahrer blickte, bemerkte er wie ein anderer Mann aus den Büschen sprang und dem Fernfahrer mit einem Kreuzschlüssel auf den Kopf schlug.

Instinktiv zog Jakob die Pistole und lief hinüber. Bevor der Täter sich wieder aufgerichtet hatte, stand er hinter ihm und sprach ihn an. Schmitt kam hinzu.

„Und glaubt ihr, dass das geplant war?“, fragte Keller. Jakob zuckte die Achseln. „Schwer zu sagen. Wenn es geplant war, dann hätte er uns doch entdecken müssen. Du planst das ja nicht und dann läufst du einfach raus, egal, ob dich wer sieht oder nicht. Andererseits, wenn du einem Typen mit einem Kreuzschlüssel im Gebüsch beim Pinkeln auflauerst, dann sehe ich da keine Affekthandlung. Das ist ein schwieriger Fall. Das wird das Gericht klären müssen.“

Keller nickte. „Irgendwann werdet Ihr Euch überlegen müssen, Euer Kommissariat umzubenennen.“ Er trank einen Schluck Bier, um die Spannung zu steigern. Er wusste die Blicke von Schmitt und Jakob auf sich und genoss den Moment. „Jetzt kommt’s“, sagte Schmitt trocken. „Warum?“, fragte Jakob, damit es endlich weiter ging. „In Anbetracht der beiden letzten Fälle solltet Ihr Euch in ‚Kommissariat für Fäkaldelikte‘ umbenennen.“ Jakob stöhnte und Schmitt versteckte sein Gesicht hinter seiner Hand. Keller grinste.

(119) Bankraub in Waldmohr – die Polizei fahndet.

Bankraub in Waldmohr – die Polizei fahndet.

Ein bisher unbekannter Täter überfiel am Montagmittag, 23. Mai, die Waldmohrer Filiale der Kreissparkasse Kusel in der Weiherstraße in Waldmohr.

Der Unbekannte betrat die Bank gegen 14.10 Uhr. Er war bewaffnet und maskiert und forderte unter Vorhalt eines schwarzen Revolvers Bargeld. Eine Bankangestellte händigte ihm einen größeren Geldbetrag aus. Der Täter schien äußerst nervös und schwitzte stark auf der Stirn. Die Bankangestellte bemerkte bei der Übergabe des Bargelds, dass es bei dem Bankräuber infolge der Stresssituation zu einer unwillentlichen Darmentleerung gekommen sein muss.

Bevor der Täter die Bankfiliale verließ, drohte er, dass er draußen warte und jeden erschießen würde, der ihm folgte. Die Bankmitarbeiter wurden bei dem Überfall körperlich nicht verletzt. Sie konnten die Polizei alarmieren, die sich unmittelbar zum Tatort begab. Hier war der Täter jedoch nicht mehr anzutreffen.

Unmittelbar nach Bekanntwerden des Überfalls wurde eine Großfahndung eingeleitet. Darin eingebunden war auch ein Polizeihubschrauber. Im Zuge der Fahndungs- und Ermittlungsmaßnahmen konnte der unbekannte Täter allerdings noch nicht gefunden werden. Die Polizei schließt nicht aus, dass der Mann seine Flucht in einem Auto fortsetzte.

Der noch unbekannte Bankräuber wird wie folgt beschrieben: Ca. 40 Jahre alt, 180 cm groß und schlank. Er hatte eine Glatze und einen grau-melierten Stoppelbart. Bei dem Überfall trug er eine dunkle Hose, ein schwarzes Sweatshirt. Er verbarg sein Gesicht mit einer Sonnenbrille, einem grünen Tuch und einer olivfarbenen Wendekappe mit Ohren- und Nackenschutz. Den Ohren- und Nackenschutz dieser Kappe kann man nach vorne umlegen. Dann erscheint ein orangenfarbener Unterstoff.

Die Polizei fragt:

Wer hat den flüchtenden Bankräuber gesehen oder kann Angaben zu seiner Person machen?

Wer hat an dem fraglichen Tag in der Nähe von Waldmohr einen Mann gesehen, der im Freien seine Notdurft verrichtete?

Wer hat an dem fraglichen Tag oder danach einen Mann bemerkt, der seine mit Fäkalien verunreinigte Hose säuberte?

Wer kennt die beschriebene Kappe oder weiß, wem sie gehört?

Wer hat am Montag, 27. Mai, oder davor einen Mann beobachtet, der ein Auto in Waldmohr abstellte?

Zeugen, die sachdienliche Hinweise zu dem Überfall bzw. dem Täter geben können, werden gebeten, sich mit der Kriminalpolizei in Kaiserslautern oder jeder anderen Polizeidienststelle in Verbindung zu setzen.

(120) Robert Hiepler war sich nicht sicher, ob der Bankraub für ihn ein Erfolg war.

Robert Hiepler war sich nicht sicher, ob der Bankraub für ihn ein Erfolg war. Natürlich beschäftigte es ihn immer noch, denn es war ja noch nicht einmal eine Woche her und es war immerhin sein erster Banküberfall. Seine Frau Kirsten hatte ihn zum Sonntagsspaziergang aufgefordert und vielleicht war es ja auch gut, mit ihr draußen herumzulaufen. Nur als sie vorschlug, nach Landshut zu fahren, hatte er sich gesträubt und schlug stattdessen Saarlouis vor. Rheinland Pfalz wollte er zunächst meiden. Jetzt liefen sie planlos durch die Fußgängerzone von Saarlouis und Robert war in Gedanken ständig in Waldmohr.

Natürlich war es ein Erfolg, den Überfall überhaupt durchgezogen zu haben. Das hatte ihn selbst überrascht, dass er, der immer vorsichtige Robert, dazu in der Lage war. Und auch, dass er die Flucht so perfekt organisiert hatte. Zu Fuß zur Raststätte und dann Hast-Du-mich-nicht gesehen von der Bildfläche verschwunden.

Immerhin 18.000 Euro hatte er erbeutet, das reichte erst einmal, um Kirsten zu verheimlichen, dass er seinen Job in dem Grafikstudio verloren hatte. Er musste aber auf sie achtgeben, denn sie hatte schon gefragt, warum er keine Farbe mehr an den Händen hatte, wenn er nach Hause kam. Er sagte, dass er von der Serigrafie in die Schnittabteilung gewechselt habe. Damit war sie erst einmal zufrieden gewesen.

Natürlich war der Banküberfall aber auch ein Misserfolg gewesen. Die Aktion war weit entfernt davon kaltblütig durchgeführt zu sein. Besonders die Sache mit dem Spontandurchfall war sehr peinlich. Es war kaum zu glauben, aber bei einem Gerichtsprozess hätte er vor dieser Offenbarung am meisten Angst. Nicht, dass er es im Detail noch einmal erzählen müsste. Das hatte die Boulevardpresse schon übernommen. Der Hosenschisserräuber… Konnte es eine erniedrigendere Bezeichnung geben? Diese Frage hatten sich die Journalisten bestimmt auch gestellt und mit sicherem Sprachgefühl die schlimmste Variante gewählt.

Kirsten sagte etwas und er schaute sie fragend an. Sie wollte wissen, ob er unglücklich sei. Robert schwieg, das brauchte er nicht zu sagen, es war ja wohl offensichtlich. Sie hakte nach, er musste vorsichtig sein. Sie fragte, ob es sein Job sei? Das war keine schlechte Idee, dachte er, so konnte er schon mal einleiten, dass sein Job nicht das Gelbe vom Ei war. Früher oder später würde er mit der Wahrheit rausrücken müssen. Also nickte er. Sie sog Luft ein, als ob sie gerade eine interne Wette gewonnen hätte.

„Vielleicht könntest Du ja mal eine Auszeit nehmen“, schlug sie vor. „Der Blumenladen läuft sehr gut und kann uns beide ernähren. Zeit, um ein bisschen Abstand zu bekommen.“ Das klang gut, dachte Robert. Dann bräuchte er ihr den Jobverlust nicht zu gestehen. Allerdings hätte er sich auch dann den Banküberfall sparen können. Deprimiert schüttelte er den Kopf. Kirsten interpretierte es anders. „Du kannst es dir ja noch überlegen. Mein Angebot steht.“

Als sie später wieder zu Hause waren und vor dem Tatort Abendbrot aßen, klingelte es. Robert öffnete, es war die Polizei. „Das ist ein Missverständnis“, rief er Kirsten zu, als sie ihn mit Handschellen aus der Wohnung abführten. Am nächsten Tag triumphierte die Boulevardpresse, dass der Hosenschisserräuber gefasst wurde. Kirsten wurde schlecht, als sie den Artikel las.

(121) „Wie fühlen Sie sich, Herr Hiepler?“, fragte Erika Kübler, die Gefängnispsychologin.

„Wie fühlen Sie sich, Herr Hiepler?“, fragte Erika Kübler, die Gefängnispsychologin. Natürlich fühlte sich Hiepler schlecht. Was sonst. Im Gefängnis war alles schlimmer. Sogar sein Spitzname hatte sich, kaum vorstellbar, verschlimmert. In der Zeitung nannten sie ihn „Hosenschisserräuber“. Im Gefängnis, wo ja alle gewissermaßen Räuber waren, nannten sie ihn schlicht „Hosenschisser“.

Frau Kübler gab ihm zu bedenken, dass es besser war, dass seine Mithäftlinge über ihn lachten, als dass sie ihn brutalisierten. „Sie sind hier in der JVA so eine Art exotischer Vogel, bringen etwas Abwechslung in den grauen Alltag. Glauben Sie mir, das ist durchweg positiv für Sie. Und in dem Zusammenhang möchte ich Ihnen einen Vorschlag unterbreiten.“

Sie berichtete von einem Projekt, das darauf abzielte, Gewalt in Gefängnissen abzubauen. Es gab verschiedene Lösungsansätze. Mit Hiepler wollte man versuchen, ob Humor eine Option wäre. Der Direktor war skeptisch und redete davon, dass er einen Anstaltsclown für falsch hielt. Frau Kübler aber konnte ihn zusammen mit ihrer Vorgesetzten, einer Psychologin aus dem Innenministerium, dazu überreden, mit Hiepler ein Pilotprojekt durchzuführen.

„Wir können Sie natürlich nicht zwingen mitzumachen, Herr Hiepler. Aber ich kann Ihnen versichern, dass es bei der Frage einer frühzeitigen Entlassung eine Rolle spielen würde.“ Hiepler sagte nichts. Eine Entlassung schien nicht wirklich eine Lösung darzustellen, denn Kirsten hatte sich von ihm getrennt, und ließ alle seine Briefe ungeöffnet zurückgehen. Was sollte er draußen? In der Gefängnisdruckerei hatte er wenigstens einen Job gefunden, der ihm Spaß machte. Andererseits war ihm auch nicht danach, der Psychologin zu widersprechen.

Frau Kübler fuhr fort. „Wir würden Sie in eine Zelle verlegen zu einem Insassen, der besonders unter Mobbing leidet. Wir wollen versuchen, ob Ihre Anwesenheit gewisse Spannungen löst. Sie haben ja insgesamt einen sehr positiven Einfluss auf Ihr Umfeld. Das würden wir unter etwas erschwerten Bedingungen testen wollen.“ Sie versuchte, aus Hieplers Körpersprache herauszulesen, was er dachte. Aber Hiepler wirkte in allen Situationen wie ein unbeschriebenes Blatt. Das Projekt war für Frau Kübler eine Möglichkeit, etwas im Bereich der Haftpsychologie zu publizieren. Für Beförderungen würde es hilfreich. Sie überlegte, was sie ihm sonst anbieten konnte. Er hatte in einem der ersten Gespräche gesagt, dass er gerne Schokolade aß. „Wenn Sie mitmachen, Herr Hiepler, spendiere ich Ihnen jede Woche eine große Tafel Schokolade.“

Als sich sein Gesicht erhellte, wusste sie, dass sie ihn erreicht hatte. „Trauben-Nuss?“, fragte er und musste unwillkürlich schlucken. Pawlow, dachte Frau Kübler und sagte: „Ja, Trauben-Nuss, Herr Hiepler. Machen Sie mit?“

(122) Erling Kugelmann war ein Härtefall erster Güte.

Erling Kugelmann war ein Härtefall erster Güte. Er war wegen Kindsmord verurteilt worden und daher ständig das Ziel von Aggressionen durch Mithäftlinge. Es war kein Sexualdelikt gewesen und es war auch völlig unklar, warum er das fünfjährige Mädchen im Wald erdrosselt haben sollte. Er hatte nie gestanden und seine Verurteilung beendete einen langen Indizienprozess. Im Gefängnis hatte er aus Sicherheitsgründen keinen Zellengenossen und er konnte auch nicht am Umschluss teilnehmen. In der Häftlingsgemeinschaft war er ein Paria. Es war der Plan der Gefängnispsychologin, ihn mithilfe von Hiepler zu resozialisieren und, im günstigen Falle, am restlichen Anstaltsleben teilnehmen zu lassen.

Kugelmann und Hiepler waren beide eher verschlossene Typen. Frau Kübler wertete es schon als Erfolg, dass es bereits am ersten Tag zu einem Gespräch kam. Am zweiten Tag bot Hiepler Kugelmann ein Stück Schokolade an und am dritten Tag spielten sie eine Partie Mensch ärgere Dich nicht. Hiepler kannte die Vorgeschichte von Kugelmann und hatte dazu keine eigene Meinung, wie er sagte. Auch die nächtlichen Albträume von Kugelmann schienen ihn nicht zu stören.

Jede Nacht wurde Kugelmann vom Bild einer Puppe heimgesucht, die im Schlamm eines Bachlaufs lag. Der psychiatrische Gutachter hatte dies im Verfahren aufgezeigt und in Anbetracht dessen, dass die Leiche des kleinen Mädchens neben seiner Puppe an einem solchen Bachlauf gefunden worden war, hatte der Albtraum im Indizienprozess eine große Rolle gespielt. Der Pflichtverteidiger hatte zwar versucht, den Traum aus der Beweislage tilgen zu lassen, war aber zu unerfahren und so war der Traum nicht nur in Kugelmann, sondern auch in der Aktenlage verblieben.

Frau Kübler verfolgte den Fortschritt der Sozialisierung von Kugelmann durch Gespräche mit den beiden Zellengenossen sowie der betreuenden Vollzugsbeamten. Natürlich hätte sie am liebsten eine kleine Kamera in die Zelle installieren lassen, aber das war dem Direktor zu heiß. „Wenn das rauskommt, dann sehen wir alle sehr alt aus“, pflegte er zu sagen, wenn er irgendwelchen Maßnahmen nicht zustimmte. Infolgedessen nannten ihn alle, sowohl Mitarbeiter als auch Insassen nur „Alter“.

Bei den anderen Häftlingen hatte es sich herumgesprochen, dass der Hosenschisser mit dem Kindsmörder zusammengelegt worden war. Nach Ansicht der Vollzugsbeamten, mit denen Frau Kübler sprach, hatte sich das soziale Standing von Hiepler nicht verändert, aber das von Kugelmann hatte sich etwas verbessert. Das Projekt entwickle sich erfolgversprechend, berichtete sie ihrer Vorgesetzten im Innenministerium. Die beiden Frauen beschlossen, noch eine Woche zu warten und dann die beiden Zellengenossen mit anderen Häftlingen zusammen zu führen. Der Anstaltsdirektor riet davon ab und ließ sich schon einmal vorneweg eine Bescheinigung geben, dass er für alle Vorfälle, die sich aus dem Projekt ergaben, keine Verantwortung trug. Zur Sicherheit nahm er sich für die fragliche Woche Urlaub und fuhr zum Zelten ans Totenmaar in die Eifel.