(103) Mit Freude sah Mika, dass Donna nach ihrem Auftritt immer noch an der Bar saß.

Mit Freude sah Mika, dass Donna nach ihrem Auftritt immer noch an der Bar saß. Donna bedankte sich für die Widmung des Songs. Sie sagte, dass sie sich mit einem Glas Champagner revanchieren wollte. Mika sah etwas unwillig aus, denn sie machte sich nichts aus Champagner. „Es ist die Marke für die ich arbeite. Probier sie mal. Ich möchte wissen, wie es dir schmeckt nach ‚Ring of Fire‘.“

Sie prosteten sich zu. Der Champagner war gut, aber natürlich nur zweitklassig, wenn man eigentlich Bier wollte. Trotzdem lobte Mika aus Höflichkeit.

„Man sagt ja immer, dass es auf die Größe ankommt“, sagte Donna mit einem Zwinkern. „Diesen Champagner gibt es in vielen Größen. Die größte ist eine 18-Liter-Flasche, die man Melchior nennt.“ – „Interessant“, nickte Mika. Sie redeten weiter über Musik, die Stadt und die Welt. Mika lud Donna auf eine Corona ein und sie redeten weiter. Dann machte die Bar zu und Donna schlug vor, dass sie zu ihr ins Hotel gehen sollten.

Dort schauten sie nach, was es in der Minibar gab. Dann sagte Donna: „Und jetzt will ich mal sehen, was dein Melchior draufhat.“ Sie landeten im Bett.

Natürlich hatte Mika schon bei der Vorstellung bemerkt, dass Donna ein Mann war und natürlich hatte Dirk, denn so hieß Donna wirklich, sofort erkannt, dass Mika eine Frau war. Und erstaunlicherweise gestaltete sich der sexuelle Teil des Abends überraschend frei von Peinlichkeiten. Donna half Mika beim Ablegen der Sporen und Mika war Donna mit dem Hüfthalter behilflich.

Als Dirk alias Donna, dem über Nacht die Bartstoppel nachgewachsen waren, ihr am nächsten Morgen seine Geschichte erzählen wollte, winkte Mika ab. „Tut mir leid, Donnadirk, wir hatten eine tolle Heteronacht zusammen, aber jetzt muss ich mich aufs Pferd schwingen.“

Sie stieg in die Cowboystiefel. Die Sporen ließ sie weg, für den Vormittag schien ihr das unpassend. Sie drückte Dirk einen Kuss auf die Stirn und streichelte kurz seinen Melchior. Beim Hinausgehen hing sie noch das rote Schild an die Klinke außen.

‚Was jetzt‘, dachte sie beim Warten auf den Aufzug. „Frühstück“, sagte ihr Magen. ‚Meinetwegen‘, dachte sie, ‚aber nicht hier im Hotel. Das ist a) teuer und b) voller Leute, die mich in dem Outfit schief ankucken.‘

In der Tat schaute die feine Dame im rosafarbenen Jogginganzug, die im zweiten Stock einstieg, sie aus den Augenwinkeln an. ‚Warum im 2. Stockwerk den Aufzug nehmen, um joggen zu gehen‘, dachte Mika. „Weil meine Kniegelenke nicht mehr zwanzig sind“, antwortete die Dame. Mika nickte beiläufig, wollte aber keine Diskussion über morsche Knochen anfangen. Im Erdgeschoss stürmte sie aus dem Fahrstuhl dem Ausgang zu. Entweder gab es eine Hellseher-Konferenz im Hotel oder Mika hatte die Weiche zwischen Reden und Denken nicht im Griff. Für Letzteres gab es eine Lösung, das TafelnSchluckenPoppen: 24/7 geöffnet, 1A Frühstückskarte und keiner scherte sich darum, was gedacht und/oder gesagt wurde. Auch Sporen an den Stiefeln interessierten niemanden.

(104) Im TafelnSchluckenPoppen war Mika um diese Uhrzeit einer der wenigen Gäste.

Im TafelnSchluckenPoppen war Mika um diese Uhrzeit einer der wenigen Gäste. Sie bestellte das große amerikanische Frühstück und freute sich, als der Kaffee kam. Nach der ersten Tasse fühlte sie sich wieder klarer im Kopf. Was für eine Nacht, dachte sie. Klang wie ein schlechter Witz: Gehen eine Transe und ein Drag King zusammen ins Bett…

„Hey Mika“, hörte sie eine Stimme. Es war Alex Pesel und er sah mager und bleich aus. Sie kannte ihn, weil er von Aushilfejobs lebte und bei kleineren Konzerten oft die Bühnentechnik aufbaute. „Hey Alex“, antwortete sie, „du siehst ja Scheiße aus.“ Alex war außerdem Punk und man konnte Klartext mit ihm reden. Er schwang seine staksigen Beine über die Stuhllehne und setzte sich neben sie. Sie spendierte ihm einen Kaffee und gab ihm auch von Speck und Eiern ab.

Alex erzählte, dass er zur Zeit auch als Medikamententester arbeitete. „Ich bin das Meerschweinchen. Wird gut bezahlt und man macht sich den Rücken nicht kaputt.“ – „Nebenwirkungen?“ – „Naja, meistens keine. Aber diesmal war heftig. Und dabei war es nicht mal ein Medikament, sondern es ging um so einen kosmetischen Apparillo.“ Mika war interessiert, mehr von ihm zu hören, wollte sich aber das Frühstück nicht mit auslaufenden Körperflüssigkeiten verderben lassen. „Eklig?“ – „Nee.“ – „Dann erzähl.“

Bei der Studie ging es um ein medizinisches Gerät mit dem Strom durch die Haut geleitet wurde, um eine Straffung der Haut zu erzielen. „So eine Art elektrisches Lifting“, erklärte Alex. „Ausgerechnet bei mir. Ab das war wohl diese Stufe in den Tests, wo sie sich Herausforderungen stellen wollten. War gut bezahlt und ich dachte, wenn ich danach besser aussehe, warum nicht. Punk hin oder her.“

Für die erste Stufe der Behandlung wurde Alex an eine Liege festgeschnallt. Eine Krankenschwester nahm einem metallenen Stab, der an einem Ende über ein Kabel mit einer Maschine verbunden war und am anderen eine Kugel von einem Zentimeter Durchmesser trug. „Ein Typ in weißem Kittel stand mit einem Klemmbrett neben der Maschine und schaltete sie ein. Es brummte so elektrisch. Genau konnte ich das nicht sehen, weil mein Kopf und das Kinn ja festgeschnallt waren. Die Krankenschwester setzte dann die Kugel auf mein Gesicht auf. An verschiedenen Stellen, jeweils immer nur für ein paar Sekunden. Damit mussten sie etwas messen, denn die Frau sagte immer Zahlen an den Typ weiter und der notierte alles.“

„Und das war schlimm?“ – Gar nicht, es war angenehm kühl. Außerdem sah die Krankenschwester verdammt scharf aus.“ Mika nickte gnädig. „Aber das war jetzt nicht das Problem, oder? Das klingt doch eher nach einem Softporno.“ – „Das war nur die erste Phase.“ – „Und was war die zweite Phase?“ – „Die zweite Phase war das Problem.“

(105) Sie vertragen die Behandlung sehr gut, Herr Pesel.

„Sie vertragen die Behandlung sehr gut, Herr Pesel“, hatte der Arzt lobend gesagt. Auf seinem weißen Kittel stand in himmelblauen Buchstaben aufgestickt ‚Dr. Opl‘. „Wenn Sie einverstanden sind, können wir zur zweiten Phase schreiten.“ Da die Bezahlung höher war, erklärte sich Alex mit der zweiten Phase einverstanden. Während er das hingehaltene Formular zum Zeichen seines Einverständnisses unterschrieb, erläuterte ihm Dr. Opl, worum es ging. Es war eigentlich sehr ähnlich wie die erste Phase, aber der Strom sollte längere Zeit fließen. Da er gut auf Phase I reagiert hatte, ging man davon aus, dass er auch in der nächsten Phase brauchbare Ergebnisse liefern würde. Und da Zeit Geld war, beschlossen der Arzt und Pesel, dass Phase II noch am gleichen Abend beginnen sollte. „Ausgezeichnet“, sagte Dr. Opl und versprach Pesel, dass er für diesen Tag bereits den vollen Tagessatz erhalten würde.

Abends wurde Pesel im Bett fixiert, damit er im Schlaf die Kabel nicht überdehnen und herausziehen konnte. „Keine Angst“, sagte Dr. Opl, „im Kontrollraum wird die ganze Nacht über Herr Wemmel über Sie wachen.“ Der junge Mann mit den lockigen blonden Haaren, der Pesel fixiert hatte, winkte ihm kurz zu. Pesel nickte zurück, bevor man auch seinen Kopf mit Gurten festzurrte. Dann befestigte Dr. Opl die Kabel mit Klebebändern. „Perfekt“, sagte er, als er geendet hatte. Er wünschte Pesel eine angenehme Nachtruhe, „trotz allem“.

Dr. Opl und Wemmel verließen den Raum und löschten das Licht. Pesel lag in völliger Dunkelheit und konnte im Prinzip nur die Augenlider bewegen, aber auch hier merkte er keinen Unterschied. Nach einiger Zeit, fragte er sich, ob er schon eingeschlafen war und ob vielleicht der Morgen schon nahte. Er hatte kein Zeitgefühl. Er konnte nicht einmal die Position der Wände erahnen. Es wäre möglich, dass sie so eng an ihm dran waren, wie in einem Grab. Als ob er lebendig begraben worden wäre.

Dort, wo ihm der Strom unter die Haut drang, verspürte er ein ganz leichtes Brennen, das ihn vielleicht geweckt hatte. Es wäre gut, dachte er, wenn er sich an der Stelle etwas kratzen könnte, aber das war natürlich unmöglich. Dann wurde das Brennen heftiger und er fragte sich, ob er es sich einbildete. Als ihm vor Schmerzen der Schweiß bis in die Augen lief, wusste er, dass das Experiment nicht nach Plan verlief. Er schrie. Als er aufhörte, war der Schmerz noch größer geworden. Sonst passierte nichts. Dann sah er einen roten Lichtschein aus dem Dunkeln auf ihn zukommen. Das Licht fiel von der Decke, wie ein Tropfen. Dann mehr Tropfen aus rotem Licht, die immer nur fielen, ohne ihn zu erreichen. Auch von ihm selbst ging ein roter Schein aus. Es war, als ob er glühte. Das Licht über und in ihm wurde zuerst gelb, dann weiß, immer heller, immer gleißender. Dann wurde es mit einem Schlag dunkel.

(106) Natürlich lag Torsten Wemmels Bestimmung nicht darin…

Natürlich lag Torsten Wemmels Bestimmung nicht darin, für Dr. Opls windige Studien Patienten festzuzurren und zu überwachen. In Wirklichkeit war er ein Songwriter. Und er wollte ein erfolgreicher werden. Auch er war einmal Meerschweinchen bei Dr. Opl gewesen und dann war der Wärterjob frei geworden. Wemmel hatte ihn aus Mangel an anderen Möglichkeiten übernommen. In den langen Nächten, in denen er im Kontrollraum wachte, suchte er nach Inspiration für seine Lieder.

Während im Studienraum Alex Pesel aufgrund der falschen Einstellungen der Kontrollapparatur Höllenqualen litt, bevor ihn die Bewusstlosigkeit erlöste, saß Wemmel im Kontrollraum, kaute auf seinem Bleistift und schrieb an einem Song.

Bisher hatte er nur den Titel im Kopf: ‚Bad Hotel‘. Er war ihm eingefallen, als er Pesel fixiert hatte. Wemmels Ausgangspunkt war: Was, wenn es ein Hotel gäbe, das seine Gäste ähnlich schlecht behandelte, wie Opl seine Versuchskaninchen? Immer wieder aber glitt der Schneepflug seiner Fantasie in den Refrain von Hotel California. Dabei hasste Wemmels die Eagles. Aber er musste zuerst den Refrain schreiben, das war die Seele des Songs. Der Rest ergab sich dann von selbst. Manchmal schrieb Wemmels Songs, bei denen nach einer Intro nur immer wieder der Refrain in wechselnden Tonarten wiederholt wurde. Zugegebenermaßen waren es nicht seine besten Songs, aber immerhin. Er hatte es sich zum Ziel gesetzt, jede Nacht, in der er in Opls Institut arbeitete, einen Song zu schreiben. So kam er sich weniger käuflich vor. Und um dieses Ziel zu erreichen, durfte man nicht immer wählerisch sein.

In der Kladde Nr. 13, die vor ihm lag, hatte er auf Seite 179 bisher nur die Worte ‚Bad Hotel. Bad Hotel‘ aufgeschrieben. Er fügte in der zweiten Zeile hinzu: ‚Such a terrible place.‘ Dann noch einmal ‚Such a terrible place.‘ Er las es noch einmal und schüttelte den Kopf. Nahm den Radiergummi und löschte die beiden letzten Zeilen. Nach kurzer Überlegung auch die erste. Er kaute auf dem Bleistift. Dann schrieb er wieder ‚Bad Hotel.‘ Er starrte an die Decke. Dann schrieb er entschlossen noch einmal ‚Bad Hotel‘, um es dann gleich wieder zu löschen.

Plötzlich hatte er eine Inspiration. Seine Ohren glühten und es war, als ob der kalte Kontrollraum plötzlich in ein warmes Licht getaucht wäre. Wie besessen schrieb er: ‚Bad hotel on a lonely highway/ Bad hotel life don’t work out my way/ I wait alone each lonely night. Bad hotel, bad hotel.‘ Das schien ein brauchbarer Refrain zu sein. Er las es einmal laut vor. Irgendwie kam der Text ihm vertraut vor. Beim fünften Vorlesen fiel es ihm schlagartig auf. Er hatte eben den fast gleichen Text geschrieben wie ‚Blue hotel‘ von Chris Isaak. So etwas Dummes. Er radierte den Refrain aus. Prompt fiel ihm wieder ‚Such a terrible place‘ ein. Heute war kein guter Tag für den Songschreiber in Wemmel. Es war ganz bestimmt keine Grammy-Nacht heute.

(107) Das, Frau Wernecke, ist das schlechteste Hotel, in das Sie mich je einquartiert haben!

Das, Frau Wernecke, ist das schlechteste Hotel, in das Sie mich je einquartiert haben! Hier stimmt gar nichts. Das Zimmer ist in einem total verlotterten Zustand: Die Badetücher lagen auf dem Bett und das Fenster war geöffnet. Es hat Ewigkeiten gedauert, bis endlich mein Koffer kam. Der Boy, wenn man ihn so nennen darf, war schon über achtzig oder sah zumindest so aus. Überhaupt das Personal. Der Idiot am Empfang hat mich absichtlich warten gelassen und mit einer Kollegin getuschelt. In dem Aufzug riecht es und man bekommt Platzangst.“

Urban Koch lief aufgestachelt in seinem Hotelzimmer auf und ab. Er telefonierte mit Birgit Wernecke, seiner Sekretärin. Da sie noch in der Probezeit war, musste sie diese Tirade über sich ergehen lassen. Der Mitarbeiter in der Personalabteilung, der sie einstellte, hatte ihr gesagt, dass Koch ein schwieriger Chef sei und damit hatte sie auch kein Problem gehabt. Aber Koch war in einer Art schwierig, die sie sich nicht hatte vorstellen können. Er fand an allem, was sie tat, etwas auszusetzen. Nicht nur, dass er ihr seine Unzufriedenheit mitteilte, er wurde dabei auch aggressiv. Seine Stimme überschlug sich fast. Obwohl sie per Telefon keine physische Angst vor ihm haben musste, war sie dennoch aufgeregt und das Herz hüpfte ihr fast zum Hals hinaus.

Koch selbst hatte auf diesem Hotel bestanden, weil es in der Nähe des Unternehmens lag, das er besuchen wollte. Sie hatte ihn explizit darauf aufmerksam gemacht, dass das Hotel nur drei Sterne hatte, anstatt der fünf, an die Herr Koch gewöhnt war. Aber er hatte ihren Einwand beiseite gewischt und hatte ihr befohlen, ihm genau dieses Hotel zu buchen. Bei dem Preis könne das ja nicht schlecht sein. Der Preis war allerdings der großen Viehzuchtmesse Tier-Stall-Produktion geschuldet und deshalb waren die Hotelpreise insgesamt viel höher als sonst ortsüblich.

„Ich habe versucht, mich selbst zu beschweren, stellen Sie sich vor. Ich bin mir auch dafür nicht zu schade, Frau Wernecke. Aber wissen Sie, was die gemacht haben? Sie haben mir nur gesagt, dass alles in Ordnung sei. Und da stand ich dann wie der Ochse vor dem Berg.“ – „Das tut mir leid, Herr Koch.“ – „Davon, Frau Wernecke, kann ich mir rein gar nichts kaufen. Gar nichts. Machen Sie etwas. Wenn ich nicht im Büro bin, sitzen Sie doch eh nur rum und drehen Däumchen.“

Koch nahm einen Apfel aus der Willkommensobstschale und biss hinein. Der Apfel war mehlig. Er spuckte den Bissen in den Papierkorb und schmiss den Apfel hinterher.

„Jetzt sorgen Sie dafür, dass ich etwas Besseres bekomme. Und ich brauche Sie wohl nicht daran zu erinnern, dass Sie immer noch in der Probezeit sind.“

„Ja, Herr Koch. Ich kümmere mich sofort darum und melde mich.“

Zufrieden beendete Koch den Anruf und fischte die Banane aus der Willkommensobstschale. Bevor er sie aufschälte, drehte er sie nach allen Seiten und schaute sich die Schale genau an.

(108) Jobst Löbe legte gerade eine Salamischeibe in das Brötchen…

Jobst Löbe legte gerade eine Salamischeibe in das Brötchen, als das Telefon klingelte. Der Nachtportier erhielt als Nachtspeisung immer Reste vom Frühstücksbüffet. Zwar waren die Lebensmittel nicht mehr taufrisch, aber Löbe mochte die Salami sehr und am Abend, wenn er sie bekam, war sie durch die Verdunstung etwas härter geworden. Löbe schätzte das kleine Vergnügen. „Hotel Penta, Nachtportier“, meldete sich Löbe.

Eine Frau Wernecke meldete sich am anderen Ende der Leitung. Sie klang verzweifelt, fand Löbe und legte das Salamibrötchen aus der Hand. Es ging um einen Gast, Urban Koch von Zimmer 307, vor dem ihn schon sein Tagespendant gewarnt hatte. „Querulant. Immer nur ich, ich, ich“, hatte ihm der Kollege erzählt. Koch war der Chef von Wernecke und mit seiner Unterbringung unzufrieden. Frau Wernecke sagte Löbe, dass er sie retten müsste, denn anderenfalls verliere sie den Job. Löbe fragte, ob das angesichts von Herrn Kochs Wesen eine schlimme Sache sei. Frau Wernecke verstummte, weil sie über seinen Einwurf erst nachdenken musste. Löbe lachte trocken, denn er scherzte nur sehr selten und normalerweise bemerkten seine Gesprächspartner nie, dass er überhaupt einen Witz gemacht hatte. Sein Lachen brachte sie auf die richtige Spur. „Naja, haha“, antwortete Frau Warnecke, „da hätten Sie mal nicht so unrecht. Aber es gibt hier nichts anderes und das Unternehmen, bei dem ich arbeite, ist zwar sehr streng, aber dann auch verlässlich darin.“

Frau Wernecke bat Löbe inständig darum, dass er ihrem Chef ein Upgrade geben sollte. Dazu war Löbe zwar nicht befugt, allerdings war gerade eine Junior Suite frei geworden, weil ein Gast ins Krankenhaus übergewechselt hatte, nachdem ihm auf der Landwirtschaftsmesse ein Pferd mit dem Huf das Schlüsselbein gebrochen hatte. Löbe würde den Tausch im System vollziehen können, ohne dass jemand etwas davon merkte. Er hatte Mitleid mit Frau Wernecke. Er kannte diese präpotenten Businessmänner, die das Hotel bevölkerten und so taten, als ob die Sonne aus ihrem Hintern auf die Welt schien.

Löbe sagte Frau Wernecke, dass er eine Lösung finden würde und sie getrost schlafen gehen konnte. Nachdem er aufgelegt hatte, ging Löbe zu Zimmer 307 hoch und entschuldigte sich für die Unannehmlichkeiten. Koch leckte sich die Lippen, als ob er Löbes Worte genoss. Der Nachtportier sagte, dass man Herrn Koch kostenlos ein Upgrade anbieten wollte. Er zeigte Koch das neue Zimmer. Der Geschäftsmann nickte beiläufig, nachdem er sich seine neue Behausung im Detail angeschaut hatte.

Als der Umzug vollzogen war, ging Löbe wieder zurück an seinen Platz. Er loggte sich im Computer mit den Daten des Hoteldirektors ein und veränderte die Belegung. Er hatte die Zugangsdaten des Chefs zufällig gesehen und fotografieren können, als der Direktor seine Brieftasche liegen ließ. Am nächsten Morgen, bevor er nach Hause ging, buchte Löbe noch einen PayTV-Streifen auf Kochs Zimmerrechnung. Aus der Liste der Filme im Abrechnungssystem wählte er Nummer 277 aus. ‚Tittorama – Monstermöpse in Aktion‘ ließ keinen Spielraum für Zweifel. Dann klickte er noch auf ‚Volltitel in Rechnung anzeigen‘.

„Perfekt“, sagte sich Löbe, als er seinen Feierabend antrat. Gerade vorher hatte er die Rechnung gedruckt und per Fax an Frau Wernecke geschickt. Löbe fragte sich, wie lange es dauern würde, bis Kochs Filmgeschmack in der ganzen Firma bekannt sein würde. Und auch wenn er es leugnete, das Brandzeichen würde Koch so schnell nicht loswerden.

(109) Dir ist schon bewusst, dass Kühe nur einen Euter haben?

„Dir ist schon bewusst, dass Kühe nur einen Euter haben“, hatte Jessie Marschall den Regisseur gefragt. Hansjochen Pfleger, der sich im Vorspann Hank Thunderstick nannte, hatte nur etwas von künstlerischer Freiheit gemurmelt. Als ob es bei diesem erbärmlichen Billigporno um Kunst ging. Der ganze Film (Arbeitstitel: ‚Tittorama – Monstermöpse in Aktion‘) war um ein Kuhkostüm herum konzipiert. Sie fragte sich, wo Hansjochen das wieder aufgetrieben hatte. Jessie schnüffelte an dem Silikon, konnte aber nichts Verdächtiges erkennen. Sie seufzte und begann, das Kostüm anzulegen. Es bestand aus mehreren Teilen. Zuerst zog sie das Höschen an. Es war nach außen gewölbt und trug vier Zitzen daran, wie ein Euter. Im Schritt war es offen. Das Oberteil hatte an beiden Seiten an den Körbchen zwei weitere Zitzen. Insgesamt sah es aus, als habe Jessie drei Euter mit insgesamt acht nach vorne gerichteten Zitzen. Es sah völlig lächerlich aus. Durch die prallen Euter war sie nicht so wendig und das würde die Anzahl der möglichen Positionen einschränken.

Dazu trug sie halterlose schwarze Strümpfe, silberfarbene Sandaletten und ein durchsichtiges, vorne offenes Negligé. Als Krönung kamen dazu noch rosa Kuhohren und weiße Hörner, die an einem Haarreif befestigt waren.

Hansjochen war begeistert, als sie aus dem Wohnwagen herauskam. Sie musste sich breitbeinig vor ihn stellen, damit er nachsehen konnte, ob der Schlitz in der Hose ausreichend ihre Genitalien zeigte. Sie klappte die Silikonlappen etwas nach innen und dann war es für ihn ok.

Hansjochen führte sie in den Stall und zu der Box, in dem der ganze Film sich abspielen würde. Er erklärte ihr kurz die Handlung. Sie war eine glückliche Kuh, die in ihrer Box stand und Heu mampfte. Dann kam der Knecht, ein junger Mann, der so neu in der Branche war, dass keiner seinen Namen kannte. Der Knecht war heimlich in die Kuh verliebt und streichelte sie. Dabei hatte er einen erotischen Tagtraum, bei dem er sich in den mythologischen Minotaurus verwandelte. Ein weiteres Kostüm, das Hansjochen irgendwo her beschafft hatte. Der Tagtraum zeigte, wie der Knecht als Minotaurus die Kuh bestieg. Spontan benannte Hansjochen ihre Rolle als ‚Bessy Holstein‘. „Das macht es persönlicher“, sagte er. Jessie rollte mit den Augen. Der Minotaurus trieb es also in allen erdenklichen Spielarten mit Bessy Holstein. Nach dem Money Shot im Traum, erwachte der Knecht und fand, dass Bessy ihm den Hosenschlitz geöffnet hatte. Dann kam eigentlich noch einmal der gleiche Ablauf mit allen erdenklichen Spielarten – mit dem einzigen Unterschied, dass der Knecht jetzt kein Minotauruskostüm trug.

„Alles klar, soweit?“, fragte Hansjochen. „Whatever“, antwortete Jessie. Sie fragte sich, welche Männer sich einen solchen Streifen anschauen würden, dabei eine Erektion bekamen und sich einen runterholten. Aber es konnte ihr egal sein. Wenigstens zahlte Thunderstick Productions pünktlich die Gagen.

(110) Wendelin Papke war ein Busen-Connaisseur.

Wendelin Papke war ein Busen-Connaisseur. Wenn seine Frau Hanne mal wieder zu Besuch bei ihrer Mutter war, konnte er seine Leidenschaft ausleben. Schon Tage vorher besorgte er sich einen Pornofilm, der Brüste zum Thema hatte. Wenn seine Frau weg war, holte er sich seine geheime Kiste aus der Garage und machte es sich auf dem Sofa im Wohnzimmer gemütlich.

In der geheimen Kiste, einem Karton mit der Aufschrift ‚Teva Specialty Pharmaceuticals‘ bewahrte er, neben diversen DVDs und Spielzeugen, seinen Schatz auf. Es war ein Büstenhalter mit eingearbeiteten Silikonbrüsten. Körbchengröße C. Die Träger des BHs waren aus durchsichtigem Material und daher fast unsichtbar. Natürlich waren die Brüste einige Hauttöne rosiger als Papkes graue schlaffe Haut und natürlich passte die grau melierte Brustbehaarung dazwischen nicht wirklich zu den umgeschnallten Prothesen. Aber all das konnte Papke ausblenden. Er zog Hemd und Unterhemd aus und legte sich den kühlen Silikonbusen an. Zufrieden strich er sich über die falschen Nippel und hob die Brüste leicht an, um sie wieder fallenzulassen und ihr Gewicht zu spüren. Er legte die neu erstandene DVD in den Player. Während der Vorspann lief, schaute er sich noch einmal das Cover an. Darauf eine Frau mit drei Eutern und acht Zitzen. ‚Tittorama – Monstermöpse in Aktion‘. Herrlich, dachte Papke und lehnte sich zurück.

Der Film begann mit einem Blick auf eine Landschaft, die Papke vage an den Niederrhein erinnerte. Die Kamera zeigte einen Bauernhof, dann einen Stall und war schon im Stall drinnen. Boxentür, Box. Dann die gleiche Frau wie auf dem Cover, in ihrem Kuhkostüm mit halterlosen Strümpfen im Heu. Mit Kennerblick sah Papke, wo das Silikon der Verkleidung in die natürliche Haut der Schauspielerin überging. Es war gut gemacht, er hatte schon viel Schlimmeres gesehen. ‚Jessie Marschall‘ hieß die Schauspielerin. Ein Name, den er sich merken würde. Er streichelte sich über den Silikonbusen und fühlte sich erregt. Die langen rosigen Zitzen sahen aus wie erigierte Glieder, dachte Papke. Er fragte sich, ob es solche Silikoneuter wirklich zu kaufen gab oder ob es eine Sonderanfertigung war. Er stellte sich vor, wie es wäre, ein solches Teil zu tragen und dabei über die langen harten Zitzen zu streicheln. Das Gleiche tat Jessie Marschall eben auch. Mit einer Hand spielte sie mit den Zitzen, mit der anderen Hand fummelte sie sich im Schritt. Aha, der Schritt war offen. Papke hielt vor Erregung den Atem an. ‚Natürlich war der Schritt offen‘, sagte er sich, ‚wie sollte sie sonst Sex haben, Dummkopf‘.

Er sah Jessie zu und griff mit beiden Händen an seinen Busen. Ob er vielleicht doch ein weiteres Modell kaufen sollte, diesmal mit Körbchengröße D? Es würde sich bestimmt lustvoller anfühlen. Andererseits war der Karton jetzt schon voll und einen zweiten wollte er sich nicht in die Garage stellen. Mehr Kartons, höhere Wahrscheinlichkeit, von Hanne entlarvt zu werden. Spontaner Vorstoß von ihr, das Chaos in der Garage aufzuräumen. Was würde er dann sagen?

Jetzt kam ein Stallbursche ins Bild. Auch er schien sich an den Eutern zu ergötzen. Er streichelte Jessie und sie schaute ihn unter langen Wimpern liebevoll an. Papke stöhnte lustvoll.

(111) Wendelin Papke war wenig begeistert von der Einladung bei den Dambachs…

Wendelin Papke war wenig begeistert von der Einladung bei den Dambachs, aber Hanne ließ ihm keine Wahl. Horst Dambach wollte immer besonders cool wirken und machte schlechte Witze ohne Ende. Seine Frau Gerlinde hingegen hatte keinen Sinn für Humor und saß immer nur sauertöpfisch rum. Zu essen gab es immer kalte Platte mit Pommes. Papke ergab sich seinem Schicksal.

Seine Stimmung hob sich allerdings, als er das dritte Ehepaar sah. Heiner Honsel war zwar auch ein Miesepeter, aber seine Frau Patrizia war schon eine Granate. Körbchengröße D und sie zeigte freizügig, was sie hatte. An diesem Abend trug sie ein T-Shirt mit einem tiefen Ausschnitt. Unter dem Stoff konnte Papke einen roten Spitzen-BH ausmachen. Rot, so etwas würde Hanne niemals tragen.

Das Essen war natürlich vorhersehbar. Papke lachte pflichtbewusst bei Horsts Witzen, die er alle schon mal besser woanders gehört hatte. Er lobte Gerlindes kalte Platte. Wofür eigentlich: Es war alles gekauft und nur hingelegt? Hanne unterhielt sich mit Heiner über die Läuseplage bei den Rosen und ob Spritzen oder Florfliegenbesatz besser seien. Heiner war ein absoluter Verfechter von Florfliegen und erklärte ihr, wo sie Fliegeneier kaufen konnte. Patrizia erzählte von ihrer Pilatesgruppe, zu der sie dreimal in der Woche ging. Gerlinde tat interessiert, war es aber nicht.

Nach dem Essen sagte Horst, dass er eine Überraschung habe. Mit Zwinkern in Richtung Honsel und Papke legte er eine Schachtel mit dem Twister-Spiel auf den Tisch. Gerlinde protestierte, weil es nach dem Essen nicht gut sei, aber Horst ließ nicht locker. Er erklärte Patrizia das Spiel. „Also hier gibt es eine Matte mit farbigen Feldern.“ Er breitete das Tuch auf den Boden aus. „Dann gibt es hier eine Tafel mit einem Drehpfeil. Der Schiedsrichter dreht den Pfeil, so zum Beispiel. Und dann kommt dann zum Beispiel „rechte Hand – Rot“ heraus. Der Spieler, der an der Reihe ist, muss dann seine rechte Hand auf ein rotes Feld platzieren. Das geht dann reihum und wer umfällt, der scheidet aus.“ Nach einigen Diskussionen einigte man sich darauf, es eine Runde auszuprobieren. Gerlinde wollte nicht mitspielen und wurde deshalb Schiedsrichterin: Sie sollte den Pfeil drehen. Die erste Runde war einfach. Die zweite Runde ebenfalls, aber man merkte bereits, dass es bei fünf Mitspielern eng werden würde. Bei der dritten Runde fiel Hanne um und schied aus. Horst musste zwischen Patrizias Beinen durchgreifen und Heiner hatte seinen Kopf an Papkes Hinterteil. Dann war Papke dran, „Linke Hand, gelb“. Papke schaute, was seine Optionen waren. Es wurde ihm etwas heiß, als er merkte, dass es einen gelben Kreis gab, den er erreichen konnte und bei dem er direkt an Patrizias rechter Brust vorbeigreifen musste. Er streckte den Arm aus und konzentrierte sich darauf, genau zu erspüren wie es war, als er mit der Länge seines nackten Unterarms an ihrer Brust vorbei glitt.

(112) Nachdem er die Rosen inspiziert hatte, legte sich Heiner Honsel nachdenklich in die Hängematte.

Nachdem er die Rosen inspiziert hatte, legte sich Heiner Honsel nachdenklich in die Hängematte. Schon wieder Läuse an den Rosen. Kein Wunder, die Florfliegen waren abgehauen. Er würde neue Eier besorgen müssen. Immer dieselben Handlungen, um an denselben Problemen zu scheitern. Es hörte nicht auf. Hamsterrad. Teufelskreis. Anstatt sich in die Hängematte zu legen, könnte er noch schnell zum Gärtner fahren und Florfliegeneier besorgen. Vielleicht sollte er auch noch einmal den Rasen mähen. Es war gerade so bequem in der Hängematte, aber er wusste, dass das nie eine Ausrede sein durfte.

Das hatte ihm sein Vater eingebrockt. Niemals untätig rumsitzen. Wenn etwas getan werden konnte, dann musste es getan werden. Müßiggang ist aller Laster Anfang. Immer wieder hatte Reinhard Honsel dieses Sprichwort benutzt. Manchmal hatte Heiner sich darüber lustig gemacht. Stuhlgang ist aller Lasten Abgang, hatte er geantwortet. Aber am Ende hatte sein Vater ihn doch so geprägt, dass es kein Entfliehen gab. Hätte Heiner Kinder, er würde ihnen bestimmt auch immer sagen, dass Müßiggang aller Laster Anfang war. Aber Patrizia wollte ja keine Kinder. Dabei sahen ihre Möpse immer aus, als ob sie stillen würde. Alle glotzten immer auf Patrizias Möpse. Kein Wunder, sie zeigte auch alles, was sie hatte. Oder beinahe. Sogar diesem widerlichen Papke. Und dann wundert sie sich, dass er bei diesem idiotischen Twister-Spiel ihr an die Möpse langte. Ja klar. Impuls halt. Was gibt es Intuitiveres, als nach einer hingehaltenen Brust zu greifen?. Ein Wunder, dass Papke sich nicht daran festgesaugt hatte.

Zurück zu den Florfliegen. Fahren oder nicht fahren? Mähen oder nicht mähen? Oder beides? Er schüttelte das Handgelenk, um seine Armbanduhr in Blickrichtung zu drehen. In einer guten Stunde sollte er Patrizia beim Friseur abholen. Mit den Florfliegen klappte es bestimmt nicht mehr, denn um diese Uhrzeit waren nur Idioten auf der Straße. Auch etwas, das er von seinem Vater hatte. Immer war er zu früh dran, hatte Angst sich zu verspäten. Natürlich würde er am Ende eine Viertelstunde vor dem Termin auf Patrizia warten und sie würde eine Viertelstunde später aufkreuzen. Aber so war es halt.

Natürlich müsste es möglich sein, vorher noch die Florfliegen zu holen. Allerdings wollte Patrizia nach dem Friseur oft noch irgendwohin fahren. Um sich zu zeigen, die eitle Pute. Würde den Eiern bestimmt nichts anhaben, aber er wollte nicht, dass die Larven im Wagen schlüpften. Alle Florfliegen im Auto und die Läuse feierten weiter Party. Theoretisch war es zumindest denkbar. Er schaute noch einmal auf die Uhr. Den Rasen mähen, das wäre auf jeden Fall noch möglich. Müßiggang ist aller Anfang. Ha. Ein voller Erfolg diese Hängematte, ein Geburtstagsgeschenk von Patrizia. Damit er mal etwas runterkommen würde. Langsamer machen. Nicht in diesem Leben. Nicht solange er die Stimme seines Vaters im Ohr hatte.