(72) Minna von Barnhelm mit der Maschinenpistole im Anschlag, das hatte Prof. Kraushaar gefallen.

Minna von Barnhelm mit der Maschinenpistole im Anschlag, das hatte Prof. Kraushaar gefallen. Die Theaterabende mit seiner Frau Brigitte waren sonst immer so langweilig, dass er spätestens nach der Pause in die innere Einkehr gehen musste. Dieses Mal hatte ihn sogar dieses unkaputtbare Schlachtross des Abonnementtheaters fesseln können. Als er nach der Vorstellung mit Brigitte nach Hause fuhr, wagte er es allerdings nicht, seine Freude zum Ausdruck zu bringen. Seine Frau war immer noch schockiert von der Inszenierung und saß düster schweigend neben ihm.

Der Regisseur hatte das Stück gründlich entstaubt. Major von Tellheim war ein kompletter Schlappschwanz, der nicht wusste, was er wollte und nur von Bedenken zerfressen wurde. Minna liebte ihn aus Gründen, die ein Außenstehender nicht nachvollziehen konnte. Aber das war für Kraushaar völlig in Ordnung, denn die Liebe einer Frau zu ergründen, das war einfach unmöglich. Das hatte er vor drei Monaten auch Frank gesagt, als er sich die Leiche eines Mannes angeschaut hatte, den eine verschmähte Geliebte entstellt hatte. Es kam zwar selten vor, dass sich die Gefühle einer Frau derart entluden, aber wenn, dann konnte es in die Fachbücher eingehen.

Minnas Liebe für Tellheim schien Kraushaar deswegen nicht unplausibel. Interessant wurde es, als Minna sich aktiv in den Prozess einmischte, der über Tellheims Schuld oder Unschuld entscheiden musste. Sie tat es, indem sie sich aus der Tellheimschen Waffensammlung, die dieser verpfänden musste, eine Maschinenpistole samt Munition besorgte, und damit einen Rachefeldzug gegen die Beamten startete, die Tellheim vor Gericht gebracht hatten. Erst becircte sie die Männer und ließ sie im Glauben, dass sie mit ihnen schlafen wollte. Den ersten Beamten, den sie aufsuchte, schoss sie in beide Knie und ins Genital, bevor sie ihm den Fangschuss gab. Den zweiten hielt sie zwischen ihren Schenkeln fest und schoss ihm dann den Kopf weg. Alarmiert durch den Schwund bei seinen höheren Beamten, ließ der König sich von den Fällen berichten. Gleichzeitig kam Graf von Bruchsal, Minnas Onkel, hinter die Absichten seiner Nichte und intervenierte beim König. Dieser ließ sich die Akten zu Tellheims Bestechungsfall bringen und verkündete sein Urteil: Tellheim war unschuldig.

Obwohl die Komödie wie bei Lessing ausging, war Brigitte von der Mischung aus Sex und Gewalt verstört. Allerdings war sie auch nicht bereit, vor Ablauf der Vorstellung nach Hause zu gehen, wie Kraushaar es ihr vorgeschlagen hatte, als er bemerkte, dass sie unter der Inszenierung litt.

Als sie zu Hause ankamen, ging Brigitte ohne weitere Worte ins Bett. Kraushaar trank noch ein paar Cognacs und las ein paar Fachmagazine. Am nächsten Tag erwähnte Brigitte das Theaterstück mit keinem Wort. Sie ging danach aber nie wieder ins Theater. Darüber freute sich Prof. Kraushaar.

(73) Prof. Kraushaar hatte hervorragend geschlafen.

Prof. Kraushaar hatte hervorragend geschlafen. In einem Traum hatte er die Obduktion von Marylin Monroe durchgeführt und es war ein erhebender Traum gewesen. Brigitte hingegen musste schon wieder von Minna von Barnhelm geträumt haben. So ging das jetzt schon seit mehreren Nächten. Kraushaar hatte schon darüber nachgedacht, seiner Frau ein paar Tropfen Flunitrazepam in den abendlichen Kräutertee zu mischen.

Während Brigitte missmutig am Frühstückstisch saß, ging Kraushaar mit den beiden Schäferhunden Aldo und Macho spazieren. Der Weg auf dem Deich am Fluss entlang war immer eine gute Gelegenheit, die Gedanken schweifen zu lassen und die Dinge in Perspektive zu setzen. Kraushaar ließ die beiden Hunde von der Leine. Beide waren äußerst friedfertig, nachdem der Hundetrainer sich um sie gekümmert hatte.

Brigitte hingegen war über die Jahre immer schwieriger geworden. Als er sie kennengelernt hatte, war sie ein unkompliziertes, junges Ding gewesen, das sein Leben erfrischte. Wäre die Aufführung des Lessing-Stücks damals gewesen, sie hätte sich mit ihm über die verletzten Spießer amüsiert. Heute war sie selbst so eine Spießerin geworden.

Im Institut lief es auch nicht so gut. Nach zwanzig Jahren, davon dreizehn als Leiter, war das nicht mehr so spannend. Sein Assistent war auch nicht immer eine Hilfe. Eine Leiche hatte er verloren. Ja und? Wo Leichen aufgeschnitten und aufgeteilt wurden, da gab es schon mal Schwund. Wer will da noch wissen, ob alle Einzelteile zusammen genommen wieder eine ganze Leiche ergaben oder nicht? Keiner.

Es fehlten Kraushaar die Herausforderungen. Gut, es war schön, dass die Leute ihn schon so sehr kannten, dass sie selbst vorbei kamen, um ihre Körper anzudienen, wie dieser seltsame Vogel neulich. Aber es war keine Herausforderung mehr.

Damals hatte er noch Neuland beschritten. Der Kraushaar-Schnitt zur Öffnung von Thorax und Abdomen hatte weltweit für Aufsehen gesorgt. Ja, die Deutschen. Niemand schaffte es, so effizient Leichen aufzuschlitzen, wie die Deutschen. Und Prof. Kraushaar war darin ein Meister. Das hatte man ihm auf vielen Kongressen bestätigt. Jetzt war es natürlich sinnlos, über diese Schnitttechnik noch einen Vortrag zu halten. Die Yamairgendwas-Technik war natürlich auch nicht schlecht, aber sie war halt nicht von ihm.

Kraushaar war mittlerweile an seiner Wendemarke, einer roten Fahrrinnentonne, angekommen und blieb stehen. Er starrte über den braunen, schnell fließenden Fluss auf die andere Uferseite. Er pfiff nach den Hunden. Macho kam schuldbewusst angeschlichen. „Wo ist Aldo?“, fragte Kraushaar. Macho sah betroffen aus. Kraushaar pfiff noch einmal. Erfolglos. Wann hatte er Aldo zum letzten Mal gesehen? Eigentlich nicht mehr, seit er den Hund von der Leine gelassen hatte. Er seufzte und klipste den Karabinerhaken an Machos Halsband. Jetzt auch noch Schwund bei den Hunden. Kraushaar machte sich auf den Heimweg.

(74) Macho war ein schrecklicher Schisser.

Macho war ein schrecklicher Schisser. Schon seit längerer Zeit hatte Aldo mit seinem Bruder über die große Flucht geredet. Macho hatte immer nur Gründe hervorgebracht, warum sie es nicht tun sollten. Der Zwinger und die Hütte waren ganz angenehm, das Fressen war in Ordnung, es gab genügend Freiheit… Aber Aldo war anderer Meinung. Warum sollte diese Freiheit nur auf ein paar Stunden pro Woche beschränkt sein? Warum konnten sie nicht immer nach Herzenslust durch die Wiesen tollen? Es war nicht einzusehen. Und es würde, da war sich Aldo ganz sicher, niemals besser werden. Das hatte ihm Kuno erzählt, ein alter Hund, der manchmal auch auf dem Deich herumlief. Er hatte auch geglaubt, es würde noch einmal eine bessere Zeit kommen, aber sie kam nie. Nur er veränderte sich und wurde alt und schwach.

Macho hatte manchmal gesagt, dass er bei der großen Flucht mitmachen würde, denn er wollte seinen Bruder nicht alleine lassen. Dann hatte er wieder kalte Pfoten bekommen. Zwischendurch hatte er auch versucht, Aldo davon abzubringen, sogar mit Petzen hatte er gedroht. Aber er wusste, dass er damit bei Aldo nicht durchkam.

Deshalb hatte sich Aldo auch mit Milko, einem quirligen Jack-Russell-Terrier zusammengetan, um den gewichtigen Schritt zu wagen. Macho hätte bis zum letzten Augenblick mitkommen können, aber er musste ja dem Herrchen weiter nachlaufen. Selber schuld.

Aldo konnte auch nicht verstehen, warum das Herrchen immer nach Fleisch roch, aber nie irgendetwas davon mitbrachte. Er wollte wohl alles für sich haben, in der Zeit, wenn er nicht zu Hause war. Das war eigentlich eine einzige Quälerei. Und das Frauchen ging gar nicht mehr spazieren mit Macho und ihm. Früher tat sie das gern und nahm die beiden überall mit. Aber jetzt geschah gar nichts mehr. Vielleicht hing es auch mit Macho zusammen. Er war in den letzten Jahren immer ängstlicher geworden und rastete bei Kleinigkeiten aus. Ein lauter Knall, schon ging das große Gekläffe los. Sicherheit ging Macho über alles. Er wollte immer nur seine Ruhe. Am liebsten gar nicht mehr aus dem Zwinger raus. Aber so ging das nicht. Aldo konnte sich nicht vorstellen, den Rest seines Hundelebens in so einer Umgebung zu verbringen. Es reichte jetzt.

Am Treffpunkt wartete bereits Milko. Aldo freute sich darauf, mehr aus Milkos spannendem Leben zu hören. Der Jack-Russell-Terrier war weit gereist und hatte schon mehrfach das Herrchen gewechselt. Das war ein Hund, der sich nicht alles gefallen ließ. Von ihm würde Aldo noch viel lernen.

„Hey Milko“, sagte Aldo. „Hey Aldo. Das hat ja gut geklappt. Willkommen im Club der freien Hunde.“ Aldo hechelte freudig. Gemeinsam pinkelten sie gegen eine Buche. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

(75) Milko brachte Aldo zu seiner Höhle, einem niedrigen Ausbruch in einer Felswand direkt am Fluss.

Milko brachte Aldo zu seiner Höhle, einem niedrigen Ausbruch in einer Felswand direkt am Fluss. Gemütlich lagen sie in der Dunkelheit zusammengerollt hinter einem Felsbrocken. Im Hintergrund gurgelte der Fluss beruhigend. So hatte Aldo sich die Freiheit vorgestellt. Er hatte zwar etwas Hunger, aber man konnte am ersten Abend nicht alles erwarten. Es war schade, dass Macho nicht dabei war.

Milko erzählte von einer Episode in seinem Leben, als er in einem Fischrestaurant lebte.

„Es war Zufall, dass ich dort unterkam“, erzählte Milko. „Ich kannte mich am Hafen nicht so gut aus, weil dort vorher Gunnar lebte, ein fieser Dobermann, den ich unbedingt meiden musste. Aber das ist eine Geschichte, die ich dir ein anderes Mal erzählen werde. Als ich hörte, dass Gunnar von einem Lastwagen überfahren wurde, machte ich mich auf, um das Gebiet zu erkunden. An der Anlegestelle gab es ein Fischrestaurant, dessen Fassade komplett rot gestrichen war. ‚Fischers Fritz‘ hieß es. Ich weiß nicht, wie es bei dir ist, Aldo, aber ich bin kein wirklicher Fischliebhaber. Schon allein wegen der Gräten. Aber der Geruch von den Mülltonnen neben dem Restaurant war schon sehr anziehend, wie du dir vorstellen kannst. Als ich in die Nebenstraße einbog, stand ich einer Gang von fünf oder sechs Katzen gegenüber. Keine fluffigen Muschikätzchen, sondern brutale Streetfighter mit zerkratzten Gesichtern und rasiermesserscharfen Krallen. Diese Viecher hatten nichts zu verlieren. Sie fingen auch gleich an zu fauchen und zu buckeln. Das ganze Programm halt. Aber Milko lässt sich so etwas nicht gefallen. Ich auf sie drauf, ohne langes Nachdenken. Wie wild biss ich um mich und konnte gleich im ersten Ansturm drei von ihnen vertreiben. Von den Übrigen war einer der Anführer. Ein schwarz-weiß gefleckter Kater, der alle schmutzigen Tricks drauf hatte. Es war am Ende ein Kampf er gegen mich.“ Milko machte eine Kunstpause, bis Aldo fragte, wie es weiterging. „Nun, um es kurzzufassen, ich habe ihn besiegt. Ich blutete zwar an der Schnauze, aber ich hatte gewonnen. Das gefiel dem Restaurantbesitzer, der ein Problem mit der Gang hatte. Er stellte mich ein und gab mir zu fressen. Mit großem Vergnügen stellte ich fest, dass das Restaurant auch Steaks servierte. Das gefiel mir. Es war ein schönes Leben. Was mir nicht so gefiel, war der Ablauf im Restaurant selbst. Der Besitzer hatte sich eine Attraktion ausgedacht, die aber sehr peinlich war. An einem Moment am Abend mussten sich die Kellnerinnen als Hummer verkleiden und den Gästen einen Tanz vorführen. Den Hummertanz.“ – „Nein, wie unangenehm“, sagte Aldo. „In der Tat. Jeden Abend dasselbe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es den Gästen gefiel. Zumindest war es laut und ich nutzte immer diesen Augenblick, um bei den Mülltonnen nach dem Rechten zu suchen und die Katzengang aufzumischen.“

(76) Der Lobstertanz kostete ihn Umsatz, die Zahlen waren eindeutig.

Der Lobstertanz kostete ihn Umsatz, die Zahlen waren eindeutig. Fritz Mehlan hatte die minutengenauen Abrechnungen der Kasse an verschiedenen Tagen miteinander verglichen und war sehr nachdenklich geworden. Weil ihn ein Stammgast darauf ansprach, hatte Mehlan am Tag davor spontan entschieden, den Lobstertanz der Kellnerinnen ausfallen zu lassen. Er wollte die Umsatzentwicklung vergleichen. Jetzt saß er, wie an jedem Vormittag, an der Bar, trank einen Caffé latte und schaute die Abrechnungen durch.

In der Aufstellung vom Vortag verlief die Umsatzkurve sehr gleichmäßig durch den ganzen Abend. Ständig gab es Bestellungen, keine besonderen Vorkommnisse. An anderen Tagen gab es immer einen Abfall der Bestellungen, wenn die Kellnerinnen ihre Lobsterkostüme anzogen und dann darin tanzten. Mehlan hatte erwartet, dass die Bestellungen einfach später aufgegeben wurden und viele Gäste durch diesen Tanz angeregt wurden und länger blieben, vielleicht noch ein Dessert bestellten oder einen Digestif tranken. Jetzt hatte er die Vergleichswerte vor sich liegen. An den Tagen, an denen ein Tanz aufgeführt wurde, war der Pro Kopf-Umsatz geringer als an dem gestrigen Abend. Am Vortag waren die Gäste länger geblieben und hatten mehr bestellt. Sonst war es ein Abend wie jeder andere. Mehlan war sich bewusst, dass er noch weitere Versuche machen musste. Vielleicht gab es doch eine Besonderheit, die ihm nicht sofort auffiel. Aber er musste sich ebenfalls damit beschäftigen, ob der Lobstertanz als Kundenbindungsmaßnahme nicht einfach überaltert war. Er musste sich etwas Neues ausdenken. Es traf sich gut, dass die Lobsterkostüme etwas in die Jahre gekommen waren und er sie auf jeden Fall auswechseln musste. Vielleicht eine gute Gelegenheit etwas Neues zu probieren.

Mehlan trank aus der großen Tasse und schaute dabei auf den Fluss, der von hinten am Restaurant vorbeifloss, bevor er sich direkt daneben in das Meer ergoss. Die Landzunge war ein hervorragender Platz für das Restaurant. Gerade für ein Fischrestaurant.

Dann hatte er eine Idee: Was wäre, wenn er als Attraktion eine ganze Flotte von Tretbooten einsetzte, die alle in Gestalt von Lobstern daher kämen? Man könnte damit die Kinder ködern oder auch Liebespaare. Das wäre eine Attraktion für den frühen Abend und dann blieben die Leute für das Abendessen. Er stellte sich eine ganze Reihe von roten Pedalos mit erhobenen Zangen vor. Vielleicht war das zu martialisch, zu furchterregend für Kinder. Schwäne!, das wäre bestimmt besser, freundlicher. Auch hatte er schon einmal Tretboote in Schwanenform gesehen. Das war bestimmt günstiger, als Sonderanfertigungen von Lobstern. Man müsste es einmal ausrechnen, dachte Mehlan. Wie lange würde er die Tretboote nutzen können? Wie viele brauchte er, zu welchem Preis? Konnte man sie vielleicht leasen? Dann war es eine ganz einfache Kosten-/ Nutzenanalyse. Auf jeden Fall würde es erst einmal keine weiteren Lobstertänze geben, um sicher festzustellen, ob sie wirklich dem Umsatz abträglich waren.

(77) Meinetwegen nehmen wir diesen Motivationstrainer der Bundeswehr.

„Meinetwegen nehmen wir diesen Motivationstrainer der Bundeswehr.“ Dietmar Tollkamp schob das Papier mit den verschiedenen Alternativen zurück an Elke Solak, die Office Managerin von Tollkamp Senft & Partner. Sie hatte schon seit Monaten immer wieder ihren Chef bearbeitet, ein Motivationsseminar für das Team durchzuführen. Endlich hatte er zugestimmt.

Es war nicht so, dass Dietmar Tollkamp nicht merkte, dass es in der Online-Agentur nicht rund lief. Seit Kris Senft, der zweite Gründungspartner, die Agentur verlassen hatte, war auch die gute Laune weg. Die Mitarbeiter erledigten zwar weiterhin ihren Job und es gab auch keine Klagen von den Kunden. Aber es war alles viel verkrampfter und die Energie im Unternehmen floss nicht mehr so frei, wie das mit der Frohnatur Senft gewesen war. Tollkamp selbst war eher introvertiert und überließ die Probleme eher sich selbst, als dass er sie mit Schwung angegangen wäre. Am liebsten war es ihm, wenn seine Mitarbeiter die Dinge unter sich klärten. Die unterschiedlichen Auffassungen waren auch der Grund, warum Senft ausgeschieden war. Kurz darauf hatte er eine neue Firma gegründet und gleich auch noch ein paar Kunden mitgenommen. Aber das konnte man ja nicht verhindern. Dafür waren die verbliebenen Kunden umso loyaler.

„Gut“, fasste Elke Solak zusammen. „Ich buche also diesen Leutnant Hanno Stein und seinen Kurs ‚Team or bust‘. Die Zimmer in Fischers Fritz sind gebucht. Vor dem Abendessen könnten wir noch eine gemeinsame Tour mit den Tretbooten des Hotels unternehmen. Das geht den Fluss hoch und soll sehr gesellig sein. Was meinst Du?“

Tollkamp starrte auf seinen Bildschirm. Er war mit den Gedanken schon woanders und Elke wiederholte ihre Frage. „Ich weiß nicht. Passt das denn in das Programm von diesem Leutnant? Vielleicht solltest du dich mit ihm abstimmen. Ich bin auf jeden Fall einverstanden.“

Elke hatte begriffen. Er gab ihr freie Hand bei der Organisation, wollte selbst aber nicht damit behelligt werden. Damit konnte sie leben.

„Gut, ich kümmere mich um das Weitere und schicke dann einen Plan an alle raus. Oder willst du das übernehmen?“ – „Nein, mach nur. Ich habe diese Tage auf jeden Fall bei mir geblockt.“

Das wäre ja noch schöner, dachte Elke und ging aus dem Büro, um diesen Ex-Leutnant der Spezialeinheiten anzurufen. Sie hatte von ihm in einer Fachzeitschrift für Psychologie gelesen. Er war wohl in der Lage, auch die schwierigsten Teams zusammen zu schweißen. Genau das, was Tollkamp Senft & Partner gerade brauchte. Und wenn das nicht helfen würde, konnte sie sich immer noch bei Kris Senft bewerben. Wie sie gehört hatte, stellte er ständig weitere Leute ein.

(78) Hanno Stein stand vor dem Flipchart, auf dem er seine Grundsätze aufgeschrieben hatte.

Hanno Stein stand vor dem Flipchart, auf dem er seine Grundsätze aufgeschrieben hatte. Die Gruppe, die sich vor ihm in ihren Stühlen fläzte, schien gelangweilt. Zivilisten, dachte er verächtlich, ließ sich aber nichts anmerken. Er setzte die Füße zwanzig Zentimeter auseinander, nahm die Hände auf den Rücken und kam zur Zusammenfassung seines Vortrags.

„Meine Damen und Herren. Ein Team ist wie eine Kette, die immer nur so stark ist, wie ihr schwächstes Glied. Entweder es gelingt, dieses Glied zu verstärken, oder es muss aus der Gruppe ausgeschlossen werden. Manchmal ist es besser, weniger, aber gute Leute zu haben, als viele, von denen einige nicht auf der Höhe ist. Nur so können taktische Aktionen durchgeführt werden. Ich erinnere daran, dass die Taktik darin besteht, dass Befehle umgesetzt werden. Und was ist ein Befehl? Das ist die Anweisung zu einem bestimmten Verhalten, die vom Vorgesetzten schriftlich, mündlich oder in anderer Weise, allgemein oder für den Einzelfall und mit dem Anspruch auf Gehorsam erteilt wird. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass es einen Anspruch auf Gehorsam gibt. Immer. Außer bei einem Nichtbefehl, aber das sollte uns hier nicht weiter beschäftigen.“

Hanno Stein wippte auf den Zehenballen und fühlte sich von seiner Zuhörerschaft angeekelt. Es war widerlich, dass er nach dem Ausscheiden aus dem Heer sein Geld mit solchen demütigenden Kursen verdienen musste. Für solche Memmen hatte er sein Leben aufs Spiel gesetzt? War es das wert gewesen? Egal, er hatte den Auftrag angenommen und er würde auch dieses Seminar zu Ende bringen. Hoffentlich ohne Verluste.

„Und hier, meine Damen und Herren, ist die zentrale Botschaft meines Seminars. Wenn es diesen bedingungslosen Gehorsam gibt, dann haben wir kein Thema mit Motivation. Dann sind wir alle motiviert und tun alles, was wir tun müssen, um die Taktik umzusetzen. Deshalb: Wer gehorsam Befehle ausführt, der ist motiviert. Wer aufmuckt, hat nichts im Team verloren. Ja?“

Martin Balzer, der Technikchef hatte den Finger gehoben. „Ich bin überzeugt, dass man mit Ihrer Vorgehensweise ganze Regimenter in den Tod schicken kann, aber in einem Unternehmen hat das nichts verloren.“

Es war still im Seminarraum. Stein beobachtete seine Zuhörer mit zusammengekniffenen Lippen. Heidi Strömer, dieser blonde Marilyn-Verschnitt nickte Balzer wimpernklimpernd zu. Keiner hatte etwas hinzuzufügen.

„Herr… Balzer“, antwortete Stein, nachdem er auf das Namenschild auf Balzers Pulli geschaut hatte, „ich bin froh, dass Sie diese Frage stellen, denn sie illustriert vorzüglich, was ich eben gesagt habe. Ihre Fragestellung unterminiert die Bereitschaft des ganzen Teams, die taktischen Vorgaben umzusetzen. Ich sage, wo es lang geht und Sie sperren sich dagegen. Sie sind daher das schwächste Glied in dieser Gruppe und daher müssen Sie sich fragen, was zum Teufel Sie in dieser Gruppe verloren haben.“ Aus den Augenwinkeln bemerkte Stein, wie Tollkamp, der Chef der Gruppe, sein Gesicht in den Händen vergrub. Ein Waschlappen, dachte Stein. Kein Wunder, dass die Gruppe ratsuchend zu ihm gekommen war.

(79) In der Kaffeepause nahm Dietmar Elke beiseite.

In der Kaffeepause nahm Dietmar Elke beiseite. „Was hast du dir dabei gedacht? Das soll ein Motivationskurs sein?“ Elke entschuldigte sich. Sie hatte zwar keine konkreten Vorstellungen gehabt, wie Leutnant Stein bei seinem Vortrag vorgehen würde, aber so etwas hatte sie keinesfalls erwartet. Sie schlug Dietmar eine Programmänderung vor. „Einverstanden. Alles ist besser als dieses Geschwafel.“

Elke zog Stein in ein Nebenzimmer und schloss die Tür. „Danke für die Ausführungen, Leutnant Stein. Ich denke, die Gruppe hat die wesentlichen Grundzüge verstanden. Wir würden gerne das Programm etwas abändern.“

Stein schaute sie mit versteinerter Miene an. Sie wiederholte ihre Bemerkung und fügte hinzu: „Könnten wir etwas machen, das etwas… wie soll ich sagen… praktischer, konkreter ist?“

„Hören Sie, gute Frau. Sie haben bei mir einen Kurs gebucht und den führe ich auch durch. Das ist hier kein Wunschkonzert. So nach dem Motto, wasch mich, aber mach mich nicht nass. Diesen Vortrag sauge ich mir ja nicht aus den Fingern. Den habe ich schon in Brüssel bei der NATO gehalten. Da war ein General dabei und der fand meine Ausführungen so gut, dass er mich bat, ihm mein Skript zu schicken.“

„Nun ja, Leutnant Stein. Wir sind aber hier nicht bei der NATO, sondern bei der Agentur Tollkamp Senft & Partner. Und Herr Tollkamp ist nicht ganz zufrieden mit dem Ablauf. Er zahlt die ganze Veranstaltung und deshalb kann er auch sagen, wenn er etwas ändern möchte, oder?“

Leutnant Stein starrte an Elke vorbei auf die Tür. Es war, als ob er sich überlegte, jetzt durch diese Tür zu treten und Tollkamp im Nahkampf zur Strecke zu bringen.

„Gut“, sagte er schließlich, denn er hatte noch nicht einmal eine Anzahlung erhalten. „Was schwebt Ihnen vor?“

Elke dachte nach. „Ich weiß nicht… Vielleicht… Wir haben für nachher eine Bootsfahrt geplant. Die könnte man vielleicht vorziehen und dabei militärische… taktische Elemente mit einbringen…“

So kam es, dass die Urlauber, die sich auf der Sonnenterrasse des Fischers Fritz hingelegt hatten, die Patrouille eines Geschwaders von Tretbooten in Schwanengestalt zu sehen bekamen. Leutnant Stein war zwar eigentlich vom Heer, aber das spielte hier keine Rolle. Er ordnete die Zivilisten und ihre Tretboote in eine V-Formation mit ihm an der Spitze. So fuhren sie um die Landzunge herum in den Flusslauf und dann weiter flussaufwärts.

Ein musikbeflissener Urlaubsgast rief von der Sonnenterrasse hinunter zum Fluss: “ Am Kettlein, das ich um ihn wand, ersah ich wohl, wer jener Schwan: Es ist der Erbe von Brabant!“

Es war ein erhebender Anblick. Das fand auch Martin Balzer, der sich geweigert hatte auch nur einen Fuß ins Pedalo zu setzen. Er hatte sich an die Bar verzogen und genehmigte sich den ersten Jim Beam des Tages. Durch das Fenster prostete er der Schwanenarmada zu.

(80) Zum Abendessen war Balzer bereits voll wie eine Haubitze.

Zum Abendessen war Balzer bereits voll wie eine Haubitze. Nur sein langjähriges Training erlaubte es ihm, ohne aufzufallen, am Tisch zu sitzen. Leutnant Stein hatte sich entschuldigen lassen, nachdem Elke Solak mit ihm einen 50%igen Preisnachlass ausgehandelt hatte.

Dietmar Tollkamp saß am Kopfende und schaute die Tafel hinunter in die Gesichter seiner Mitarbeiter. Das Seminar war ein völliger Misserfolg gewesen, aber wenigstens war jetzt nur noch das Abendessen durchzustehen und dann konnte er auf sein Zimmer gehen.

Das Essen verlief ohne besondere Vorkommnisse. Heidi Strömer flirtete so heftig mit Martin Balzer, als ob er der letzte auf Erden verbliebene Mann wäre. Elke dachte nach, ob sie Kris Senft schon am nächsten Tag einfach mal so anrufen sollte. Tollkamp schaufelte das Essen in sich hinein, kippte zum allgemeinen Amüsement noch einen Schnaps, was er sonst nie tat. Dann verabschiedete er sich. Der Rest der Mannschaft verstreute sich. Manche gingen noch am Strand entlang spazieren, einige verzogen sich auch auf ihr Zimmer, der Rest stand an der Bar.

Als der Barkeeper die letzte Runde verkündete, waren nur noch Heidi Strömer und Martin Balzer übrig geblieben. Martin stützte Heidi, die auch zu viel getrunken hatte und weniger Übung hatte. Martin hingegen sah man nicht an, dass sein Promillewert mittlerweile in dem Bereich war, in dem sogar bei Tötungsdelikten eine verminderte Schuldfähigkeit angenommen wurde.

Als die Bar geschlossen hatte, wollte Heidi Martin mit auf ihr Hotelzimmer nehmen. Martin wollte allerdings noch mal schnell in den Swimmingpool hüpfen. „Nackt!“, sagte er und grinste lüstern. Heidi ging mit.

Der Pool lag abseits des Hotels und war abends mit einem beweglichen Gitterzaun gesichert. Martin verschob ein Element und verschaffte sich und Heidi Einlass. Sie schmiegte sich eng an ihn und legte ihren Kopf an seine Brust. Martin aber suchte nach dem Unterwasserlicht, damit es richtig romantisch werden konnte.

Heidi wartete, während er in der Abstelllaube rumorte, um den Lichtschalter zu finden. Nach einiger Zeit kam er heraus und erschreckte Heike ganz kräftig. In der Laube hatte er ein Lobsterkostüm gefunden und es angezogen. „Damit kann man bestimmt besser schwimmen, als ohne, was, Heidi? Die Biester leben ja schließlich unter Wasser.“

Martin sprang vom Beckenrand in den Pool und machte ein paar Schwimmbewegungen. Heidi überlegte sich, was sie machen wollte und weil es auf dem Liegestuhl so bequem war, schlief sei ein.

Als sie wieder aufwachte, war ihr kalt. Der Mond stand jetzt hinter einer Wolke. In der Dunkelheit konnte sie nichts sehen und torkelte schließlich zum Hotel zurück. Sie legte sich alleine in ihr großes gemütliches Bett und schlief gleich wieder ein.

(81) Wer hat den Toten im Hummerkostüm gefunden?

„Wer hat den Toten im Hummerkostüm gefunden?“ Kommissar Siegfried Uhlenberg beobachtete den Gerichtsmediziner Arved Kuhlmann bei der Arbeit. „Das war Herr Mehlan, Fritz Mehlan, der Besitzer des Hotels“, antwortete Kuhlmann und deutete mit seiner Pinzette auf einen Mann am anderen Ende des Pools. Mehlan hielt sein Handy ans Ohr gepresst und ging auf und ab. „Schon irgendwelche Erkenntnisse?“ – „Er war noch lebendig, als er ins Wasser gelangte. Ganz nach Hummerart. Bisher habe ich keine Fremdeinwirkung festgestellt. Tippe auf Ertrinken.“

Uhlenberg wartete, bis Mehlan mit Telefonieren fertig war, und ging dann zu ihm. Der Hotelbesitzer erklärte, dass er jeden Morgen einen Rundgang durch das Anwesen machte und dabei die Leiche im Lobsterkostüm im Swimmingpool entdeckt hatte. Der Tote war ein Gast, Martin Balzer. „War es sein Kostüm? Haben Sie gerade eine Veranstaltung für Lobsterliebhaber im Hotel?“ – „Nein, das Kostüm gehört dem Hotel. Wir hatten mal Darbietungen des Personals in Lobsterkostümen. Er muss den Anzug irgendwo gefunden haben. Es ist eine Katastrophe für das Hotel! Lobster sind unsere Spezialität.“ Uhlenberg nickte und dachte, dass die Welt der Reichen unbekanntes Terrain für ihn war.

Der Obduktionsbericht würde mehr ergeben. Tote Lobster waren in seiner Berufspraxis völlig neu, allerdings hatte er oft mit Menschen zu tun, die im Rausch verrückte Dinge taten.

Das traf aber bestimmt nicht auf Anton Ruffing zu, dessen Foto er aus seiner Innentasche zog und Mehlan vor die Nase hielt. „Haben Sie diesen Mann schon einmal gesehen?“ Mehlan schaute genau hin und schüttelte den Kopf. „Meinen Sie, der hat etwas mit dem toten Lobster zu tun?“ – „Nein, das glaube ich nicht, der Herr ist Vegetarier. Völlig anderer Fall. Der Mann ist verschwunden und wenn ich schon mal hier bin, kann ich Sie auch danach fragen.“

Anton Ruffing war ein sechzigjähriger Hausarzt aus der nächsten kleinen Stadt. Vor einer Woche war er einfach verschwunden, kam nicht von seinen Hausvisiten zurück. Überwachungskameras hatten ihn noch an Bankautomaten gefilmt, wo er einen größeren Geldbetrag abgehoben hatte. Es war aber nicht klar, ob er das freiwillig oder unter Druck getan hatte. Uhlenberg hatte beim Sichten der Bankdaten gesehen, dass es über die letzten zwei Monate eine ganze Reihe von derartigen Abhebungen gegeben hatte. Ruffings Frau Thekla konnte diese auch nicht erklären. Eine Geliebte schloss sie aus. Überhaupt war Ruffing ein Muster an Mustermensch. Er trank nicht, rauchte nicht, war überall beliebt, leitete den Männerchor der Gemeinde und, und, und. Vielleicht war ihm seine Hilfsbereitschaft zum Verhängnis geworden, das war eine Mutmaßung, die Uhlenberg mehrfach hörte. Jemand bat ihn um Hilfe, Ruffing tat genau das und dann schnappte die Falle zu.

Uhlenberg erklärte Mehlan, dass der Pool bis zum Ende der Spurensuche geschlossen sein würde. Dann verlangte er, Balzers Zimmer zu sehen. Mehlan sollte auch die Kollegen des Toten in einem Raum zusammenbringen, damit er sie im Anschluss befragen konnte. „Das ist kein Problem. Kann ich Sie um eines bitten, Herr Kommissar? Könnten Sie es vermeiden, der Presse mitzuteilen, dass der Tote ein Lobsterkostüm trug?“ Uhlenberg fand die Bitte eigentlich lustig, versprach aber sein Bestes zu tun.