(62) Es war genau 17 Uhr, als es bei Theo Grün an der Tür klopfte.

Es war genau 17 Uhr, als es bei Theo Grün an der Tür klopfte. Er schaute auf die Uhr und grinste. „Die Tür ist offen“, sagte er laut und lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück. Miss Sanchez kam herein. Sie trug ein hellgrünes Wickelkleid und einen kleinen Hut schräg auf dem Scheitel. „Herr Grün?“, fragte sie. „Ganz richtig. Soll ich Sie Miss Sanchez nennen?“ Sie kam herein und schloss die Tür hinter sich. Sie stellte sich vor den Schreibtisch und schaute sich um wie eine Katze, die man in eine neue Wohnung gebracht hatte.

„Setzen Sie sich. Wollen Sie etwas trinken…, Miss Sanchez?“ Sie war mit ihrem Blick bei Grüns Gesicht angekommen und fixierte ihn. Er wollte aufstehen, aber dann blieb er doch sitzen, so schwer lastete ihr Blick auf ihm. „Hat Herr Landau Ihnen erklärt, worum es mir geht?“ Grün griff mit einem Finger unter seinen Hemdkragen, der plötzlich enger geworden war.

„Ist das hier ein Bordell, Herr Grün?“ Miss Sanchez stellte die Frage in einer sachlichen Art, aber Grün entging nicht, dass es für sie eine wichtige Frage war. „Nun ja, das hängt jetzt von Ihrer Definition ab.“ Grün bewegte seinen Hintern auf dem Stuhl hin und her. „Das sind ja alles erwachsene Menschen, da unten. Da kann es schon mal vorkommen, dass es dazwischen funkt und dann will ich als Gastgeber natürlich nicht im Wege stehen…“

Miss Sanchez starrte ihn an. „Hat Herr Landau Ihnen gesagt, was ich mache?“ – „Ähm, ja. Das hat er. Er sagte, Miss Sanchez tanzt, ist sexy und witzig zugleich. Das hat er so gesagt.“ – „Und welche dieser Fähigkeiten brauchen Sie hier?“ Grün röchelte etwas, bevor er antworten konnte. „Nun, ich denke alle diese Fähigkeiten sind genau das, was wir hier brauchen. Sie sind wirklich eine Persönlichkeit.“ – „Ich wette, das hat Herr Landau Ihnen auch gesagt.“ Grün nickte beflissen. „Das sagt er nämlich immer, Herr Landau. Er denkt, es wertet mich auf.“ Miss Sanchez ging vor Grün auf und ab. Er folgte ihr mit den Augen und wagte nicht, ungefragt zu sprechen. „Es gibt nur ein Problem hier, Herr Grün.“ Grün hielt den Atem an und erst als Miss Sanchez nichts mehr sagte, atmete er weiter und fragte er nach. „Was denn, Miss Sanchez?“ – Es gibt nur ein Problem hier, Herr Grün“, wiederholte sie. „Ich arbeite nie in einem Bordell und nach meiner Einschätzung ist das hier eindeutig ein Bordell. Habe ich recht?“ Grün bewegte den Kopf unschlüssig hin und her, bis Miss Sanchez ruckartig das Kinn hob und ihn dabei scharf anschaute. Er nickte. Sie kam auf ihn zu und stellte ihre Handtasche auf den Schreibtisch. Daraus zog sie einen Zettel, den sie Grün hinlegte. „Unterschreiben Sie hier.“ – „Was ist das?“, fragte Grün. „Nichts Schlimmes. Es besagt, dass ich hier war, mit Ihnen gesprochen habe und dass Sie mich nicht haben wollen. Ich brauche das für Herrn Landau.“ Grün blickte auf den Zettel vor ihm. „Aber, ich will sie haben. Ich meine, ich will nicht, dass Sie gehen. Auch wenn Sie hier nicht arbeiten wollen. Ich würde sie gerne wieder sehen.“ Miss Sanchez lachte laut auf und zeigte mit dem rot lackierten Nagel ihres Zeigefingers auf die Stelle, an der Grün schließlich unterschrieb.

(63) Nach der Sache mit Grün hatte Silke Sander alias Miss Sanchez ihrem Agenten Magnus Landau gekündigt.

Nach der Sache mit Grün hatte Silke Sander alias Miss Sanchez ihrem Agenten Magnus Landau gekündigt. Um die Trennung zu beschleunigen, sagte sie ihm für einen letzten Job zu: ein Engagement auf einem Kreuzfahrtschiff, The Sea Pearl. Eine Woche Karibik, das war nicht die Welt. Erst als sie unterschrieben hatte, erfuhr sie, dass es eine Clothing Optional Cruise war, bei der die meisten Teilnehmer Swinger waren. Sie hatte Lust, Landau zu ohrfeigen, tat es aber nicht. Eine Woche war schnell vorbei und wenigstens war der Job gut bezahlt.

Theoretisch war diese Kreuzfahrt offen für Paare ab 21 Jahren. In Wirklichkeit gab es keine Passagiere unter 50. Silke, sonst schon berufsmäßig nicht prüde, vermied es außerhalb ihrer Auftritte, mehr Haut zu zeigen, als unbedingt notwendig. Bestimmte Teile des Schiffes, in denen sich die Playrooms befanden, mied sie vollständig. Sie zählte die Tage an Bord und fühlte sich einsam in diesem Gewühl von ledrig braungebrannten Leibern.

Sie hatte an jedem Abend drei Auftritte – so lautete das Engagement. Kurz davor ging sie in die Bar, um sich mit einem Champagnercocktail in Stimmung zu bringen. Natürlich wurde sie angesprochen. Da sie, neben den weiblichen Mitgliedern des Personals, die einzige angezogene Frau auf dem Schiff zu sein schien, übte sie eine magische Anziehungskraft auf die Männer an Bord aus. Anfangs hatte sie sich mit bissigen Sprüchen die Kerle vom Leibe gehalten. Allerdings war sie zu weit gegangen, denn es gab Klagen. Der Entertainment-Chef der Sea Pearl hatte sie eindringlich gebeten, mit den zahlenden Gästen netter umzugehen. „Sie brauchen ja nicht gleich mitzuswingen, aber Sie sollten unsere Gäste nicht bedrohen.“

An dem Tag sprach sie wieder so ein Heini an der Bar an und sie beschloss, es diesmal höflicher angehen zu lassen. Wenigstens war der Mann, ein schmucker Mittfünfziger ohne Bauch und Hängehintern, selbst auch freundlich, sodass es ihr nicht so schwerfiel. „Thilo Bieber“, stellte sich der Mann vor und sagte, dass seine Frau unter fürchterlicher Seekrankheit litt und in völliger Dunkelheit die Kabine hütete. Silke erwartete jetzt, dass der sexuell wahrscheinlich ausgehungerte Swinger mit Nachdruck um sie werben würde, aber Thilo blieb ganz Gentleman. Er lud sie auf einen weiteren Cocktail ein. Da sie noch etwas Zeit vor ihrem ersten Auftritt hatte, willigte sie ein. Immerhin hatte Thilo ihr noch keine Erektion vorgeführt, wie manch andere Herren an Bord. Er breitete sorgfältig sein Handtuch auf dem Barhocker aus und setzte sich neben sie. Während er seine Genitalien sortierte, konnte sie sein ergrautes, sorgfältig geföhntes Kopfhaar bewundern. Er bemerkte es und fuhr mit der Hand durch die Frisur und meinte, dass alles echt sei. „Ich habe nicht daran gezweifelt“, antwortete Silke.

(64) Wider Erwarten fand Miss Sanchez den nackten Thilo Bieber amüsant.

Wider Erwarten fand Miss Sanchez den nackten Thilo Bieber amüsant. Er war verantwortlich für die Entwicklung von Sicherheitskonzepten aller Art. Für Konzerne, Museen oder Freizeitparks. Wenn neue Gebäude oder Parks geplant wurden, war er mit an Bord und beriet die Architekten bei Fragen der geordneten Bewegung von Menschen.

„Crowd Management, heißt das auf Englisch. Und wenn ich amerikanische Kunden habe, dann sage ich immer: ‚Nobody is better at Crowd Management than a Kraut.'“

Als er noch jünger war, hatte Thilo einen Schwerpunkt bei Großkonzerten. „Das ist noch etwas ganz anderes. Wenn Du ein Freiluftkonzert hast, wie bei den Stones, dann ist alles immer neu. Du weißt nicht, wie die gewaltigen Menschenmassen reagieren werden. So was wie Altamont 1969 war eine Katastrophe. In meiner Branche ist das immer noch das Negativbeispiel schlechthin. Das hatte auch jemand wie Keith Richards hart getroffen, was man ja nicht glauben würde.“

Thilo erzählte, dass er mit dem Gitarristen der Stones befreundet sei, seit er die Gruppe 1981 bei ihrer USA-Tournee betreute.

„Die Stones sind nicht so mein Fall“, meinte Silke. „Ich stehe mehr auf David Bowie.“

Thilo sagte, dass er David Bowie zum ersten Mal in 1983 in New York getroffen hatte. „Das war bei einer Party, ich weiß nicht mehr wo. Ich kam im Schlepptau von Keith an, der sich aber vor allem um seine Flasche Jack Daniels kümmerte. Tina Turner war auch noch da. Und David Bowie. Keith konnte ihn nicht ausstehen. Er sagte, dass es bei Bowie nicht um Musik ginge, sondern nur um das Posieren. Aber hey, Keith ist schon eine harte Nummer. Ich glaube, er war vor allem neidisch auf Bowie, weil der gerade das Let’s Dance-Album herausgebracht hatte und damit mordsmäßig Erfolg hatte. Bei den Stones war es 1983 ja nicht so toll und Mick und Keith hatten immer mehr Probleme untereinander.“

Silke nickte. Musikerstories interessierten sie immer. Thilo praktizierte zwar schamloses Namedropping, aber in einer Art, dass man seinen Geschichten glauben konnte.

Als er sie fragte, ob er ihr noch einen Drink spendieren konnte, bemerkte sie, dass es für sie höchste Zeit war, sich für ihren Auftritt zurechtzumachen. Thilo sagte, dass er an der Bar auf sie warten würde. „Wir werden sehen“, sagte Silke. Es war auf jeden Fall besser, als zwischen den Auftritten in der engen Garderobenkabine zu sitzen und Kreuzworträtsel zu lösen.

(65) Nach ihrem Auftritt warf sich Silke nur einen Bademantel über das Bühnenkostüm und ging zurück an die Bar.

Nach ihrem Auftritt warf sich Silke nur einen Bademantel über das Bühnenkostüm und ging zurück an die Bar. Das war der Vorteil bei einer Clothing Optional-Kreuzfahrt, man brauchte sich keinen Kopf zu machen, was man trug.

Thilo lächelte ihr schon von weitem gewinnend zu und hatte bereits einen weiteren Champagnercocktail bestellt, als sie sich neben ihn setzte. „Keinen Alkohol mehr“, sagte sie. „Ich hatte vorhin schon einen zu viel und wenn ich dann singe, bekomme ich Kopfschmerzen, so wie jetzt.“ Thilo gab sich besorgt und änderte die Bestellung in ein Glas Mineralwasser kit Aspirin.

„Als ich jünger war, hatte ich lange Zeit schreckliche Kopfschmerzen“, erzählte Thilo. „Immer wenn ich in einer großen Stadt war, suchte ich die besten Spezialisten auf, aber keiner konnte mir helfen. Es war einfach der Stress, die viele Verantwortung… Einmal war ich in Sidney und ich hatte solche Schmerzen, dass ich nicht mehr aus dem Hotelzimmer rauskam. Ich lag nur noch im Bett mit einem feuchten Umschlag auf der Stirn. Der Concierge, den ich von früheren Besuchen kannte, meinte, er habe genau das Richtige für mich. Er schickte mir dann einen Aborigine-Heiler aufs Zimmer. Ich hatte bis dahin nur von Traumpfaden gehört und dachte, dass ich für so etwas wirklich keine Zeit hatte. Der Australier kam aber mit seinem Didgeridoo, Du weißt, dieses Musikinstrument. Sieht aus wie ein kleines Alphorn. Er stand neben meinem Bett und blies in das Didgeridoo. Ich musste die Öffnung des Instruments halten oder er legte sie mir auf die Stirn. Das geht einem durch Mark und Bein. Ich habe nicht daran geglaubt, aber es hat wirklich funktioniert. Sehr schnell sogar. Ich konnte noch am gleichen Tag wieder normal arbeiten. Später habe ich mich weiter damit beschäftigt und herausgefunden, dass es wohl die niederfrequenten Töne sind, die einen positiven Einfluss auf die Hirnaktivität nehmen. Sensationell.“

Er habe sich dann später selbst ein Didgeridoo gekauft und das Spielen erlernt. Er sei zwar nicht so gut wie der australische Heiler, aber fast.

„Du hast das Instrument bestimmt nicht bei dir, hier?“, fragte Silke. Thilo tat so, als ob er seine unsichtbaren Taschen danach abklopfte und schüttelte den Kopf. Das brachte Silke zum Lachen.

Thilo beugte sich dann zu ihr herüber und sagte: „Ich weiß noch etwas, das bei Kopfschmerzen immer hilft.“ Silke schaute ihn fragend an und er hob kurz die linke Augenbraue. „Sex. Das funktioniert immer.“ Jetzt hob er die rechte Augenbraue.

Silke verzog den Mund. Da war es wieder, dieses widerliche Begattergehabe. Thilo war nicht besser als die anderen Gockel, die herumliefen. „Na, dann kümmer dich doch erst mal um deine Frau, du Armleuchter“, sagte sie Thilo und rutschte vom Barhocker.

„Bei Seekrankheit funktioniert das nicht. Fördert nur den Brechreiz“, erklärte Thilo unbeirrt.

Silke ließ ihn sitzen und ging in die Künstlergarderobe. Es gab keine leeren Kreuzworträtsel mehr. Noch zwei Tage Kreuzfahrt.

(66) Miss Sanchez saß in ihrer Garderobe und hatte vor ihrem nächsten Auftritt noch eine halbe Stunde Zeit totzuschlagen.

Miss Sanchez saß in ihrer Garderobe und hatte vor ihrem nächsten Auftritt noch eine halbe Stunde Zeit totzuschlagen. Das Gespräch mit Thilo hatte sie am Ende nur frustriert. In solchen Fällen half nur ihr Schuhkoffer. Sie stellte ihn vor sich auf den Boden und klappte ihn auf.

Darin war eine Auswahl der Schuhe, die sie für ihre Auftritte mitgenommen hatte. Zu Hause hatte sie noch viel mehr davon. Wenn Sie auf Tournee ging, war es immer schwer, sich zwischen allen Modellen zu entscheiden. Bei längeren Tourneen kamen auch immer noch Exemplare dazu, die sie unterwegs kaufte. In diesem Koffer waren nur High Heels. Viele klassische Pumps, ein paar Slings, ein Peep Toe und zwei Paar hochhackige Stiefeletten. Damit konnte sie auf allen Bühnen der Welt etwas anfangen.

Sie nahm die schwarzen Lackpumps heraus und streichelte darüber. Sie hatte diese Schuhe vor vier Jahren in einem Geschäft in der Rue de Rivoli in Paris gekauft. Es war ein regnerischer Tag im November gewesen und sie hatte etwas Glanz gebraucht. Sie zog die Schuhe an und hielt die Füße hoch, um sie anzuschauen. Sie machten ihr einen sehr schmalen Knöchel – das gefiel ihr. Bei allen Schuhen, die sie besaß, konnte sie sich ganz genau erinnern, wann, wo und unter welchen Umständen, sie sie gekauft hatte.

Natürlich konnte sie sich auch erinnern, wie sie ihr erstes Paar High Heels gekauft hatte. Sie hatte die Schuhe im Schaufenster gesehen und dann wochenlang gespart, bis sie genug Geld dafür zusammen hatte. Sie hatte sich die Schuhe selbst zum 18. Geburtstag geschenkt. Der Schuhverkäufer war ein etwas traurig wirkender Mann von Mitte Dreißig mit einer dicken Haartolle auf dem Kopf. Er hatte sie sehr respektvoll bedient. Das kannte sie sonst nicht. Es war ein seltsames Gefühl gewesen, wie seine warme Hand ihre Fessel ergriff und dabei ihren Fuß in den neuen Lackschuh einführte. Wie er über ihren Fuß strich, um sicherzugehen, dass alles passte. Es war ein schönes Gefühl. Als sie auf und ab ging und er auf den Knien sitzenblieb und zu ihr aufschaute, war ihr fast etwas schwindelig zumute. Er gab ihr einen Rabatt, als sie die Schuhe kaufte, und dann lud er sie zum Essen ein. Das hatte sie völlig auf dem falschen Fuß erwischt, aber sie sagte zu. Daraus wurde ihre erste Beziehung. Vor ihrer Familie und ihren Freunden hielt sie es geheim.

Mit Fred Bichler war sie so lange zusammen, wie es brauchte, dass er ihr sieben Paar Schuhe schenkte. Dann stritten Sie sich über seine Haare, die sie als nicht akzeptabel befand, und das war es dann gewesen. Es war eine Episode in ihrem Leben und sie dachte immer noch gern daran zurück.

Es klopfte an der Tür. „Fünf Minuten“, sagte eine Stimme draußen. „Alles klar!“, antwortete Miss Sanchez und strich noch einmal über das kühle Lackleder, das, obwohl es sehr glatt war, ihren Fingerspitzen doch Widerstand bot.

(67) Widerwillig lief der Boxerhund dem Stöckchen nach.

Widerwillig lief der Boxerhund dem Stöckchen nach. Als er sah, dass es in die auslaufenden Wellen fallen würde, blieb er stehen und machte kehrt. Fred Bichler schüttelte den Kopf. Buddy hatte einen Dickschädel und weigerte sich ins Meer zu laufen. Er hatte eigentlich vorgehabt, den Urlaub an der Ostsee zu nutzen, um seinen Hund mehr zu fordern. Buddy hatte aber andere Prioritäten und verweigerte sich allem, das er nicht auch zu Hause machte. Bichler konnte ihn verstehen, denn in jedem Sommerurlaub kam der Moment, an dem er bereute, nicht in seinem Schuhladen zu stehen. Er sah lange Zeit auf das Meer hinaus und ging dann weiter auf der Strandpromenade. Buddy schloss sich ihm an.

Als die Promenade wieder in die Straße mündete, hatte Bichler einen dieser kleinen Schocks, die das Gedächtnis aus der hintersten Ecke hervorholte, wenn man am wenigsten darauf vorbereitet war. Er stand vor einem Aufsteller, der für einen Zirkus warb, den Topolino Show Palast, zu Gast in Warnemünde. Auf dem Plakat war das Bild einer jungen Frau, die Bichler zu kennen glaubte. Sie saß auf einem Elefanten und breitete in Artistenmanier die Arme aus. Ihren Namen hatte Bichler nicht sofort präsent, aber sie sah aus wie eine der vielen jungen Frauen, die er über die Jahre geliebt hatte. Er hatte ihnen Schuhgeschenke gemacht und sie hatten es toleriert, dass er sie als seine Freundinnen ausgeben konnte. Silke Sander, jetzt fiel ihm der Name wieder ein. Sie war ihm besonders präsent, weil sie nicht so ein passives Pflänzchen gewesen war. Sie hatte zu allem und jedem eine Meinung und war auch immer bereit, sich dafür zu streiten. Er hatte ihr vor vielen Jahren ihre ersten High Heels verkauft, ein Paar schwarze Slingpumps von Gabor. Größe 37. Er hatte ihre schlanken Fesseln in der Hand gehalten und ihr die Schuhe angezogen. Dieser Griff, den er in einer Woche mehrere dutzendmal anwendete, war meistens völlig belanglos für ihn. Manchmal aber war es wie eine heilige Handlung, die er vollführte. Es geschah immer wieder. Und dann war er ein paar Monate mit ihr zusammen gewesen. Irgendwann hatte es bei einer anderen Kundin gefunkt und es war aus mit Silke. Aber er konnte sich noch sehr gut an sie erinnern. Was wohl aus ihr geworden war? Unwahrscheinlich, dass sie jetzt beim Zirkus war. Die Frau auf dem Plakat sah auch so jung aus, wie Silke damals war. Mittlerweile würde sie anders aussehen und ihre Fesseln würden sich auch anders anfühlen. Silke hatte bestimmt studiert, so intelligent wie sie war. Und dann einen guten Job bekommen, einen tollen Mann geheiratet. Wahrscheinlich konnte sie sich heute Casadei-Schuhe leisten.

Buddy hatte den Aufsteller beschnüffelt und hob jetzt das Bein gegen das Plakat. Wenigstens traf er nur das Wort ‚Palast‘, dachte Bichler. Die junge Frau auf dem Bild sah wirklich aus wie Silke. Er würde sich den Zirkus mal ansehen. Vielleicht hatte er Glück und sah ihre Fesseln. Auf dem Bild sah man ihre Beine nicht hinter den Ohren des Elefanten. Und vielleicht waren ihre Fesseln genauso attraktiv wie die von Silke, damals.

(68) Als Bichler und Buddy zum Zeltplatz kamen, war das Zirkuszelt fast fertig errichtet.

Als Bichler und Buddy zum Zeltplatz kamen, war das Zirkuszelt fast fertig errichtet. Die Arbeiter waren gerade dabei die Planen zu befestigen. Ein Mann stand unten vor dem Zelt und gab Anweisungen. Bichler blieb stehen und schaute sich um.

„Sie können hier nicht mit dem Hund herumlaufen!“ Der Mann kam auf Bichler zu. „Hier sind andere Tiere, das gibt nur Ärger.“ Bichler nahm Buddy an die Leine. Der Boxer war darüber nicht erfreut, denn es gab hier viele völlig neue Gerüche, denen er nachgehen wollte.

„Tut mir leid“, sagte Bichler und stellte sich vor. „Fabiano Ferro. Nichts für ungut, aber Hunde und Elefanten, das kann völlig daneben gehen.“ – „Ich verstehe“, antwortete Bichler. „Kommen Sie morgen, dann gibt es hier die erste Vorstellung.“ Bichler nickte. Als Ferro sich wieder umwandte, fasste er sich ein Herz. „Herr Ferro? Eine Frage noch. Ich habe auf dem Plakat eine Frau gesehen, die auf einem Elefanten reitet. Ich glaube, ich kenne die noch von früher.“ Ferro kam zurück. „Ellen? Das kann ich mir kaum vorstellen. Woher denn?“ – „Wir waren… befreundet“, druckste Bichler herum, denn er wusste nicht, ob er Ferro eifersüchtig machte. „Ellen sagen Sie? Ist das ihr Künstlername? Ich kenne sie als Silke.“ Ferro schüttelte den Kopf. „Nein, sie heißt wirklich Ellen und sie ist meine Frau. Aber ich glaube, ich weiß, wo das Missverständnis herkommt.“

Ferro erzählte, dass die Plakate aus der Insolvenz eines anderen Zirkus stammten. Wie üblich war der Hintergrund schon bedruckt, der Text aber noch nicht, weil die Orte und Attraktionen sich immer schnell änderten. Diese wurden in letzter Minute dann in Schwarz eingedruckt. Die Frau auf dem Bild war gar nicht Ellen. Ferro hatte keine Ahnung, wer die Frau war. Er erklärte aber, dass es günstiger war, die Haare von Ellen zu verändern, damit sie dem Bild ähnlichsah, als umgekehrt. „Oh, ich verstehe“, sagte Bichler. „Das ist also Ellen, aber auch nicht Ellen.“ – „Ganz genau, Sie haben es verstanden. Und es ist auf jeden Fall meine Frau, klar?“

Bichler wollte Ferro gerade zustimmen, als hinter dem Zelt ein Elefant hervorkam. Auf ihm saß eine Frau in der gleichen Art wie auf dem Plakat, aber sie sah wirklich etwas anders aus. Bichler wollte dies gerade erklären, als Buddy anfing zu bellen wie ein Wahnsinniger. Er bäumte sich an der Leine auf und versuchte, sich loszureißen. Bichler hielt ihn mit zwei Händen und unter Einsatz seines ganzen Körpergewichts fest. Die Frau auf dem Elefanten reagierte schnell, sprach ein paar beruhigende Worte zu dem Elefanten, der wendete und wieder hinter das Zelt ging.

Ferro atmete erleichtert aus. „Da haben Sie Glück gehabt. Wenn Ellen es nicht geschafft hätte, dann hätte Olli Milkshake aus Ihrer Töle gemacht. Nichts für ungut.“ – „Danke.“ Bichler war der Schweiß ausgebrochen. „Wir gehen dann besser mal. Ich nehme an, Hunde dürfen auch nicht mit in die Vorstellung, oder?“

Ferro zog die Augenbrauen zusammen. „Ja, was wohl?“

(69) Fabiano? Weißt du, wo mein Bruder ist?

„Fabiano? Weißt du, wo mein Bruder ist? Wir müssen noch für heute Abend proben!“ Wieder einmal stand Josef Kara direkt hinter Fabiano, ohne dass dieser ihn gehört hatte. Vor Schreck zuckte er zusammen, wandte sich dann aber verständnisvoll um. „Nein, Josef, ich habe Johannes nicht gesehen. Warum setzt du dich nicht auf die Bank da drüben und wartest auf ihn?“ – „Danke, Fabiano, das werde ich tun“, antwortete Josef und trottete hinüber. Von hinten sah er in seiner schlotternden Jeans, dem Holzfällerhemd und der Baseballmütze wie ein Teenager aus. Von vorne aber verrieten die leeren Augen, der eingefallene Mund und der faltige Hals eine andere Geschichte.

Bis vor zehn Jahren waren die Brüder Josef und Johannes Kara ein sehr erfolgreiches Akrobatenduo gewesen. Sie waren spezialisiert auf die Ikarischen Spiele. Johannes war der Antipodist und lag unten mit dem Rücken auf der Trinka, der gepolsterten Liege. Mit den Füßen jonglierte er über sich den leichteren Josef, den Flieger, der in der Luft verschiedene Sprungkombinationen vollbrachte.

Die fliegenden Karas waren gute solide Artisten, die den Zuschauern den Atem stocken ließen. Bei den Kollegen waren sie sehr beliebt, weil sie immer hilfsbereit waren und weil es bei ihnen keine Intrigen oder Falschheit gab.

Eines Tages, während einer Probe, löste sich ein schwerer Scheinwerfer in der Kuppel und fiel herunter. Die Sicherung war aus unerklärlichen Gründen nicht richtig eingehängt gewesen. Josef wurde seitwärts am Kopf getroffen und einfach weggeschleudert. Johannes aber bekam das große Gehäuse frontal auf Stirn und Gesicht. Er war in der Trinka festgenagelt wie ein Käfer auf einer Schautafel. Er war sofort tot.

Josef lag längere Zeit im Koma und als er wieder aufwachte, hatte er seine Geschicklichkeit und sein Kurzzeitgedächtnis verloren. An den Unfall selbst konnte er sich nicht erinnern, aber an alles, was vorher passiert war. Sein Bruder war für ihn einfach mal weggegangen. Er suchte ständig nach Johannes und wenn man ihm erklärt hatte, was vorgefallen war, dann suchte er spätestens nach zehn Minuten wieder nach seinem Bruder. Josef blieb beim Zirkus, weil er immer noch gut anpacken konnte und weil es für ihn kein anderes Zuhause gab. Meistens waren die Kollegen sehr freundlich zu ihm. Manche erklärten ihm immer wieder, dass sein Bruder tot sei und wie es dazu kam. Andere sagten ihm nur, dass Johannes bald wieder da sei. Fabiano hatte die Erklärungen aufgegeben, weil er Josef nicht ständig den gleichen Schmerz zufügen wollte. Manchmal, wenn die Lage stressig war, wie zum Beispiel beim Auf- und Abbau, wurde Josef im Affekt schon einmal angeschrien, weil er wichtige Vorgänge mit der ständigen Fragerei nach seinem Bruder aufhielt. Aber auch das war nicht schlimm, denn spätestens nach zehn Minuten hatte er die Abfuhr wieder vergessen.

(70) Prof. Kraushaar, wir haben eine Leiche verloren.

„Prof. Kraushaar, wir haben eine Leiche verloren.“ André Frank vergrub seine Hände in den Taschen des weißen Kittels und blieb zunächst in der Tür stehen. Er wollte zuerst die Reaktion von Prof. Dr. Benno Kraushaar abwarten, bevor er näher trat. Prof. Kraushaar war sein Chef und gleichzeitig der Leiter des anatomischen Instituts. Er war ausgewiesener Choleriker und es kam vor, dass er mit Gegenständen warf, die gerade greifbar waren. In einem anatomischen Institut zählten Leichenteile zu Gegenständen. Auf seinem Schreibtisch hatte Prof. Kraushaar natürlich keine Leichenteile herumliegen, dafür aber eine Reihe von robusten Bronzeskulpturen, die er sammelte.

Prof. Kraushaar las weiter in dem Vertrag, der vor ihm lag. Sein Füllfederhalter war bereits aufgeschraubt und mit einer Hand ließ er ihn über dem Papier kreisen. Als er ausgelesen hatte, setzte er seine schwungvolle Unterschrift auf das Dokument und schraubte zufrieden den Füllfederhalter zu. Er sah seinen Assistenten an.

„Eine Leiche fehlt? Hmm… Ich nehme an, es sind aber immer noch genug da für die Kurse, oder?“ Frank kam herein und drückte die Tür hinter sich zu. Prof. Kraushaar war guter Laune.

„Es gibt keinen Mangel an Leichen.“ – „Gut so, Frank. Denn ohne Leichen kann man ein anatomisches Institut wahrlich nicht führen.“ Dagegen hatte Frank auch nichts einzuwenden, schließlich musste er die Medizinstudenten auf die Leichen aufteilen unter besonderer Berücksichtigung des Stoffes, den sie gerade durchnahmen. Eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe, die er aber sehr gut meisterte. Wofür er von Prof. Kraushaar auch manchmal ein wohlwollendes Brummen einheimste.

„Wo ist denn das Problem, Frank?“ – „Die Leiche wurde letzten Freitag eingeliefert und ich wollte sie für den Kurs in Unfallchirurgie einteilen, aber sie ist weg.“ – „Haben Sie überall geschaut?“ – „Ja, Herr Professor. Ich habe das Haus von oben bis unten durchsucht, in jede Kühlkammer, unter jedes Tuch habe ich geschaut. Uns fehlt eine Leiche.“ – „Hmm… Also weggelaufen wird sie wohl nicht sein.“

Frank sagte nichts. Es hatte sich nie ausgezahlt, über Prof. Kraushaars dünne Witze zu lachen. Sie infrage zu stellen auch nicht. Schweigen war die beste Antwort. „Was war es denn?“

Frank nahm die dünne Akte aus der Kitteltasche. „Ein Johannes Kara. Zirkusakrobat. Ihm ist ein Schweinwerfer ins Gesicht gefallen. Ich hatte ihn bei der Aufnahme noch gesehen. Die ganze Gesichtsfläche war quasi eine Trümmerfraktur. Daher Unfallchirurgie.“

„Zirkusakrobat, ja?“ Prof. Kraushaar dachte nach. „Kein Zauberkünstler?“ Frank schüttelte den Kopf. Prof. Kraushaar seufzte. „Dann weiß ich es auch nicht. Schreiben Sie doch einfach in die Akte, dass wir ihn“, er schaute auf die Uhr, „heute begraben haben. Und wenn Sie ihn irgendwann doch finden, dann lassen wir ihn halt wieder auferstehen. Wir sind ja eine Uniklinik hier.“ Prof. Kraushaar stand auf. „Ich muss jetzt los, meine Frau will, dass ich mal wieder ins Theater gehe. Ha, wenn die wüsste.“

(71) Als Prof. Kraushaar auf dem Institutsparkplatz zu seinem Wagen trat…

Als Prof. Kraushaar auf dem Institutsparkplatz zu seinem Wagen trat, stand ein alter Mann an die Mauer gelehnt neben dem Schild mit der Aufschrift ‚Prof. Dr. Kraushaar‘. Als er Kraushaar kommen sah, trat er hervor und der Professor musste sich mit ihm beschäftigen, denn er stand vor der Fahrertür des BMW 733i. „Was kann ich für Sie tun?“, fragte Kraushaar vorsichtig. „Prof. Dr. Kraushaar?“ In der Hand hielt der Mann eine Flasche mit Orangensaft. „Vielleicht… Worum geht es denn? Ich bin in Eile.“

„Es geht schnell“, sagte der Alte. „Ich wollte Ihnen etwas zeigen.“ Instinktiv trat Kraushaar zwei Schritte zurück. Es gab so viele Verrückte auf der Welt. Am Ende wollte er ihn mit Orangensaft begießen.

Der Alte stellte die Orangensaftflasche neben das Auto auf den Asphalt. Dann legte er die Handfläche seiner rechten Hand auf den Schraubverschluss der Flasche und ließ sich nach vorne fallen. Allerdings fiel er nicht, sondern er fing sich mit der Hand auf. Er lag jetzt praktisch parallel zum Boden und hielt sich nur mit seinem rechten angewinkelten Arm in der Schwebe. Sein linker Arm lag eng am Körper und überhaupt war sein ganzer Körper steif wie ein Brett. Kraushaar wusste nicht, was er sagen sollte. Nach ein paar Momenten klemmte er seine Aktenmappe unter den Arm und applaudierte. Der Alte war schon rot im Gesicht, aber erst als er den Applaus von Kraushaar hörte, setzte er die Füße wieder auf den Boden und richtete sich auf. „Na, wie war ich?“, fragte er. „Ganz toll“, antwortete Kraushaar. „Eine reife Leistung. Sie sollten zum Zirkus gehen. Ich habe gehört, man sucht noch Akrobaten. Aber jetzt muss ich wirklich los. Ganz toll.“

„Ich will Ihnen meinen Körper vererben.“ Der Alte schaute Kraushaar erwartungsvoll an. Jetzt fiel der Groschen beim Professor. „Aber so weit sind Sie doch noch gar nicht“, beschwichtigte er. „Sie werden noch auf meinem Grab tanzen. Vor allem, wenn meine Frau mich umbringt, weil ich zu spät dran bin.“

Der Alte schien etwas enttäuscht und stand immer noch vor der Fahrertür. Kraushaar wollte ihn nicht anfassen, aber auch nicht den Pförtner holen. „Also gut, schicken Sie mir einen Brief mit den Einzelheiten. Ich werde sehen, was ich tun kann. So ein Angebot bekommt man ja nicht alle Tage.“ Der Alte strahlte. „Das will ich meinen, Herr Professor Dr. Kraushaar.“ Er trat weg von der Fahrertür. Kraushaar stieg ein und warf die Aktentasche auf den Beifahrersitz.

Beim Ausparken achtete er darauf, dass der Alte keinen Unfug anstellte, wie zum Beispiel sich im Überschwang unter das Auto zu werfen. Der Alte blieb aber nur an der Stelle stehen. Als Kraushaar die Schranke passierte und sich noch einmal hinwandte, winkte ihm der Alte zu. Kraushaar hob vage die Hand und brauste davon.