(52) „Es sind heute Nacht neue Affen angekommen“, sagte Ecki Beier.

„Es sind heute Nacht neue Affen angekommen“, sagte Ecki Beier. Er hatte sich direkt hinter Dr. Bianca Gebenroth positioniert und roch den Duft ihrer frisch gewaschenen Haare. „Ich weiß“, antwortete sie, ohne sich umzudrehen. „Wo ist das Problem?“
Ecki Beier war das Problem. Der Kerl dachte wohl, dass er das Alphamännchen im Labor sei. Wahrscheinlich weil er mehr Körperbehaarung hatte als alle anderen. Inklusive der Affen. Seit er vor zwei Monaten in der Forschungseinrichtung angefangen hatte, stellte er ihr nach und schien außerstande, Ablehnung zu begreifen. Sie würde mit dem Personaler reden, dass er Beier in der Probezeit kündigen sollte. Er nervte einfach nur.
„Gleiche Prozedur wie immer?“, fragte Beier und schaute an Biancas Kittel hinunter auf ihr Hinterteil. „Natürlich antwortete sie, „was sonst?“ – „Gut, Frau Doktor. Dann werde ich mal den Barbier machen.“ Beier trottete davon. Bianca richtete sich auf und entspannte sich. „Affenarsch“, fuhr es ihr durch den Kopf. Dann widmete sie sich wieder dem wirklichen Affen, der vor ihr lag. Unterhalb des Kopfes war das Tier völlig enthaart. Als sie im Labor anfing, hatte sie Bedenken. Dann machte sie sich klar, dass es weitaus schlimmere Labore gab, in denen die Tiere fixiert wurden und Elektroden im Hirn trugen. Im Vergleich dazu war die Teststation für Dermatologie ein Feriencamp. Es war sogar recht warm im Labor, sodass die nackten Affen nicht frieren mussten. Die Versuchskandidaten wurden mit Salben eingerieben und dann stellte sie fest, ob es irgendwelche Nebenwirkungen gab. Sie untersuchte jeden der Affen mindestens einmal in der Woche, bei Auffälligkeiten täglich und trug die Erhebungen in die Formulare ein.
Beier war einer der Hilfsarbeiter, die für sie arbeiteten. Er war für die tierpflegerischen Aktivitäten eines Teils der Affen verantwortlich. Er fütterte sie und hielt ihre Käfige sauber. Und er nahm Neuankömmlinge entgegen und gab ihnen ihre erste Vollrasur. Dazu wurden die Tiere mit Händen und Füssen freistehend an Ketten fixiert, damit der Affenrasierer, Beiers inoffizielle Jobbeschreibung, gut von allen Seiten an sie ran kam.
Lautes Gekreische verriet Bianca, dass Beier sich gerade mit einem der neuen Affen beschäftigte. Das machte einige der anderen Tiere ebenfalls nervös und bald gab es, wie immer, ein lautes Gezeter im ganzen Labor. Eigentlich hatte sie schon seit längerem angeregt, die Affen in einem separaten, schalldichten Raum zu rasieren, aber es gab, sagte man, keinen Platz dafür. Vielleicht hing es auch mit Beier zusammen, der bestimmt kein großes Feingefühl an den Tag legte. Vielleicht sollte man ihn auch rasieren, bevor er aus der Probezeit herausgeschmissen wurde. Es würde seine Resozialisierung draußen bestimmt erheblich verbessern. Über diesen Gedanken musste sie schmunzeln.
Dann widmete sie sich wieder der offenen, nässenden Wunde am Bauch eines Affen. Die neue Rezeptur der Anti-Aging-Cream war immer noch nicht einwandfrei. Es war einfach unsinnig, unter diesen Umständen Massentests durchzuführen.

(53) Die Aktion der Affenbefreiung war von langer Hand vorbereitet worden.

Die Aktion der Affenbefreiung war von langer Hand vorbereitet worden. Ferd Schöttner, Petra Mosinski und Ecki Beier hatten sich ganz konspirativ von den anderen Tierschützern abgesondert. Diese Aktion sollte nicht dadurch schieflaufen, dass ein nur am Rande Beteiligter sich verplapperte.
Ecki hatte sich bei der Testfirma beworben und war wohl deshalb genommen worden, weil er angesichts des niedrigen Stundenlohns nicht mit der Wimper zuckte. Es interessierte keinen, dass er schon mal im Zoo gearbeitet hatte und ein Biologiestudium abgebrochen hatte. So war er zum Affenrasierer geworden. Dass dies der inoffizielle Name seiner Position war, verschwieg er Ferd und Petra, denn es klang nach gar nichts. Aber es war ja nur vorübergehend gewesen. Heute war der Tag.
Ecki schob alleine Nachtwache – ein öder Job, dessen Ziel es eigentlich war, Leute wie ihn vom Gelände fernzuhalten. Um zwei Uhr früh schaltete er die Videoüberwachung aus. Dann ging er zum Cargodock, an dem die Affen angeliefert wurden und entriegelte die Tür. Kurz darauf kamen Ferd und Petra herein. Sie waren dunkel gekleidet und erst als sie im Gebäudeinnern waren, zogen sie die Sturmhauben vom Kopf. Er führte die beiden in den großen Raum mit den Affenkäfigen. „Wow“, sagte Petra, „das ist ja krass.“ Ecki nickte. „Es sind 173 Käfige. Wir haben ein schweres Stück Arbeit vor uns. Wo habt ihr den LKW geparkt?“ Er bekam keine Antwort. Ecki schaute Ferd an. „Weißt du Ecki, wir machen das anders. Wir können die Affen ja gar nicht retten… Petra und ich haben vorhin gesagt, dass wir die Affen einfach nur freilassen wollen. Verstehst du? Maximum Chaos veranstalten…“
Ecki war fassungslos. Die Operation war im Detail geplant gewesen und jetzt hatte dieser Volltrottel im letzten Augenblick seinen Sinn für Improvisationen entdeckt. Ohne Lastwagen hatte es keinen Zweck und die Aktion zu verschieben war auch keine Möglichkeit, denn man hatte Ecki bereits gekündigt.
„Na gut“, sagte er äußerst kühl, „dann versuch doch mal, einen Affen aus seinem Käfig zu befreien.“ Ferd zierte sich, aber Ecki bestand darauf. Ferd öffnete einen der Käfige. Der Affe darin starrte ihn nur an. Ferd klopfte auf den Käfig. Nichts geschah. Dann griff er hinein und wollte den Affen am Arm herausziehen. Aber der Affe biss Ferd nur in den Arm, sodass dieser laut aufschrie. Ecki machte den Käfig wieder zu. „Die Affen wollen da nicht raus. Denen wird dann kalt, du Vollpfosten.“
„Was geht hier vor sich, Herr Beier?“ Dr. Bianca Gebenroth stand mitten im Labor. Ecki wusste nicht, wie lange sie schon da war. Der Plan war eh‘ aufgeschmissen. Wenigstens seine eigene Flucht hatte er selbst organisiert, denn er musste sich auf jeden Fall absetzen.
Dr. Gebenroth kam auf ihn zu. Ihre Haare sahen ungewohnt durcheinander aus, fand Ecki. Sie drohte mit der Polizei und nahm ihr Handy aus der Kitteltasche. Als sie es an ihr Ohr hob, griff Ecki blitzschnell ihr Handgelenk und fixierte sie mit einer der Schlaufen, die von der Decke baumelten. Mit der anderen Hand machte er das Gleiche. Sie spuckte ihm ins Gesicht. Dann nahm er den Affenrasierer und bevor Ferd oder Petra eingreifen konnten, rasierte er Frau Dr. Bianca Gebenroth die lockigen Haare vom Kopf.

(54) Bernhard Guberath kannte sich aus bei Aktionen in Tierlaboren.

Bernhard Guberath kannte sich aus bei Aktionen in Tierlaboren. Seit die Attacken der Tierschützer zugenommen hatten, waren die Versicherer unsicher geworden, ob sie sich in dieser Branche weiter engagieren sollten. Guberath ermittelte im Auftrag aller einschlägigen Versicherungsunternehmen bei diesen Aktionen. Einen Fall wie den von Dr. Gebenroth hatte er bisher noch nicht erlebt. Sie saß vor ihm in dem Besprechungsraum, den er sich für die Dauer seines Aufenthalts hatte zuteilen lassen. Unter ihrem Kopftuch schauten ihn verheulte Augen an. Sie sah jämmerlich aus. Sie hatte ihm bereits dreimal erzählt, wie Beier auf sie losgegangen war, wie er vorher das Unternehmen infiltriert hatte und wer noch bei der Sache dabei war.
Was Guberath irritierte, war der Mix aus höchster Professionalität bei der Vorbereitung und dann die stümperhafte Art, mit der der Plan ausgeführt worden war. Es passte nicht zusammen. Die Aggression gegen Frau Dr. Gebenroth passte bedingt in das Schema, aber die Art der Ausführung war auch hier zumindest seltsam. Guberath schaute von seinen Notizen zu Frau Dr. Gebenroth auf. Er legte den Plastikkugelschreiber nieder. „Ich weiß, es ist schlimm. Aber ich muss sie bitten, mir ihr… ihren Kopf zu zeigen. Ohne Tuch.“ Sie kniff die Augen wie vor Schmerz zusammen. Guberath hatte Angst, dass sie wieder mit Heulen anfangen würde. „Es muss sein“, wiederholte er.
Mit unsicheren Händen öffnete sie den Knoten am Kopftuch und nahm es ab. Nachdem Beier sie mit dem Affenrasierer traktiert hatte, war sie nicht vollständig kahl gewesen. Dazu hatte er zu unsauber gearbeitet. Der Notarzt hatte ihr zuerst die Kopfhaut und die paar Schnittwunden desinfiziert. Dann hatte sie sich selbst die letzten Haarfetzen wegrasiert. Die sporadischen Büschel, die stehengeblieben waren, mussten weg. Jetzt war sie vollständig kahl und als sie das Kopftuch lüftete, sog Guberath kaum hörbar die Luft ein und verharrte so, seinen Blick auf die nackte Kopfhaut von Dr. Gebenroth gerichtet. Als ob er das Atmen vergessen hätte. Erst als sie ihn fragte, ob sie sich wieder verhüllen konnte, war der Bann gebrochen. Er nickte und hatte einen trockenen Mund. Er trank einen Schluck Wasser, während sie das Kopftuch wieder anlegte.
Guberath war verwirrt. Seit er vor 13 Jahren Versicherungsermittler geworden war, hatte es ihm nie Probleme bereitet, immer das Richtige zu tun. Jetzt kämpfte er dagegen. Er musste sich eingestehen, dass er sich in Dr. Gebenroths Glatze verliebt hatte. Er sagte sich, dass sie als Zeugin für so etwas tabu war. Dass es nur vorübergehend sei, da Dr. Gebenroth voraussichtlich ihre Haare wieder wachsen lassen würde. Aber es ließ tief in ihm drin nicht locker. Er fragte sie ganz unverblümt, ob sie abends etwas zusammen unternehmen könnten. Sie zierte sich zunächst, sagte dann zu seiner Überraschung aber zu. Vielleicht tat ihr die Aufmerksamkeit gut. Sie wollte als Frau, und nicht als Glatze wahrgenommen werden. „Gehen wir ins Kino“, schlug er vor, denn das hatte er sowieso vorgehabt und etwas anderes fiel ihm spontan nicht ein. Sie nickte, fing dann aber zu kichern an. „Blöder Gedanke, achten Sie nicht auf mich. Habe nur gerade gedacht, dass wir Bernhard und Bianca heißen.“ Guberath stutzte, lachte dann aber mit. „Dann passt Kino für uns doch wie die Faust aufs Auge!“

(55) Der Kinobesuch von Bernhard und Bianca stand unter keinem guten Stern.

Der Kinobesuch von Bernhard und Bianca stand unter keinem guten Stern. Er hatte den Film ausgesucht und sie war bereits vom Kino, einem alten, müffelnden Programmkino, wenig angetan. Als sie dann erfuhr, dass der Film ‚Santo und die Invasion der Marsianer‘ hieß, ahnte sie, dass ihr Kommen keine gute Entscheidung gewesen war. Bernhard erklärte ihr, dass er Underground-Filme über alles schätzte, weil sie nicht so glatt und geleckt daherkamen wie Hollywood-Produktionen. „Sie haben einen besonderen Charme, du wirst sehen“, beschwichtigte er sie. Sie ging erst einmal mit. Als er ihr eine Flasche Bier von seinem mitgebrachten Sixpack anbot, lehnte sie ab. In dem kleinen Kinosaal saßen nur ein halbes Dutzend Zuschauer. Alle waren Männer, die alleine da waren und verstohlene Blicke auf sie warfen. Vielleicht war die blonde Langhaarperücke, die Bianca sich für den Abend gekauft hatte, zu spektakulär ausgefallen.
Es wurde dunkel im Saal und der Filmprojektor ruckelte los. Es war ein mexikanischer Film mit deutschen Untertiteln. Zuerst dachte Bianca, dass sie die Geschichte nicht verstand. Aber dann ging ihr auf, dass die Story wirklich so hanebüchen war.
Die Marsianermänner hatten nackte Oberkörper und trugen glänzende Leggings. Ihre Frauen zusätzlich glänzende Oberteile. Sie wurden angeführt von Argos und kamen nach Mexiko, um die Welt zu einer atomaren Abrüstung zu bewegen. Weil die Erdlinge sie nicht ernst nahmen, besetzten die Außerirdischen einen Park, in dem Santos, der Ringer mit der Silbermaske, junge Knaben im Ringen unterrichtete. Die Marsianer nahmen eine Gruppe von Erdlingen als Geiseln und entführten sie auf ihr Raumschiff. Das machte Santo wütend und er schlug sich mit einem Marsianer, der danach ebenfalls auf das Raumschiff flüchtete.
Bianca schaute öfters zu Bernhard, der dem Film mit einem seligen Lächeln auf den Lippen folgte. Es war unfassbar. Hier saß sie, Dr. Bianca Gebenroth zwar momentan haarlos, aber doch Promotion mit magna cum laude, neben einem Freak und schaute sich in einem abgefuckten Kino einen Film mit maskierten Ringern und Marsianern an. Die nächsten Minuten achtete sie nicht auf den Film, sondern dachte nach, wie sie am besten aus der Nummer herauskam. Mit Bernhard hatte sie noch so lange beruflich zu tun, bis der Einbruch in das Affenlabor geklärt war. Sie wollte ihn deshalb nicht zu barsch abservieren.
Als Santo gerade einen weiteren Ringkampf beendet hatte, flüsterte sie zu Bernhard: „Ich bin mir nicht so sicher, ob ich den Film mag…“ Bernhard nickte, starrte aber weiter wie gebannt auf die Leinwand. „Ich… ich möchte lieber nach Hause gehen…“ Bernhard sagte nur „OK.“ Das machte Bianca wütend. Er gab sich keine Mühe, sie umzustimmen. Er bot nicht an, sie nach Hause zu begleiten, dort vielleicht sogar Sex mit ihr zu haben. Ihretwegen sogar ohne Perücke, denn sie hatte gemerkt, dass er von ihrer Glatze völlig fasziniert war.
Er sagte nur ‚OK‘. Mit einem Ruck stand sie auf und ging an Bernhard vorbei durch die Reihe zum Ausgang. Er versuchte nicht, sie aufzuhalten. Als sie die Tür aufdrückte, glaubte sie zu hören, wie Bernhard eine weitere Flasche Bier öffnete.

(56) Guberath trank einen Schluck von dem Bier und entspannte sich.

Guberath trank einen Schluck von dem Bier und entspannte sich. Die Idee mit dem Kino war nicht besonders gut gewesen. Spontane Eingebungen funktionierten nie bei Frauen, warum lernte er das nicht. Außerdem interessierte ihn bei Bianca nur ihre momentane Haarlosigkeit, die sie jedoch unbedingt verstecken wollte. All das war doch keine Basis für eine Beziehung.
Wenigstens würde er jetzt den zweiten Film des Double-Features ungestört sehen können. Deshalb war er eigentlich da. Es war ein seltener, älterer Sexploitation-Streifen, den er nicht auf Video oder DVD finden konnte und der hier, seiner Meinung nach zum ersten Mal seit der Uraufführung, im Kino gezeigt wurde. Ein legendärer Film, den er schon immer sehen wollte: ‚Das geheime Sexleben des Osterhasen‘. Das wäre erst recht nichts für Dr. Bianca Gebenroth gewesen, dieser verkopfte Blaustrumpf. Ihre Glatze war zwar scharf, aber alles andere uninteressant. Er sollte bei Frauen nicht so sehr auf Äußerlichkeiten achten.
Als Santo das Raumschiff der Marsianer schließlich zur Explosion gebracht hatte, gab es eine kurze Pause, die alle anwesenden Zuschauer zum Erleichtern ihrer Blase nutzten. Manche unterhielten sich über den Stellenwert des eben gesehenen Films innerhalb der Santo-Reihe. Manche Experten fanden, dass dieser Titel gleich hinter ‚Santo gegen die Vampirfrauen‘ rangierte. Dann ging es weiter mit dem zweiten Film des Abends.
‚Das geheime Sexleben des Osterhasen‘ war als Dokumentarfilm aufgezogen, bei dem ein weißbekittelter Brillenträger über den Osterhasen fabulierte. Der Vortrag leitete über zu einem Voiceover mit Bildern von blühenden Wiesen. Der Osterhase, ein recht breitschultriger Mann in einem weiß- und rosafarbenen Plüschkostüm, zog durch das Land. Auf dem Rücken trug er einen Korb und verteilte seine Eier an die weibliche Bevölkerung, die durchweg aus drallen Bauerntöchtern bestand. Immer wieder fragte der Osterhase Frauen, ob sie die Eier in Schokolade oder in Natur haben wollten. Wenn die Frauen sich für Natur entschieden, knöpfte der Osterhase seinen Latz auf und brachte sein beeindruckendes Gemächt zum Vorschein. Dann ging es zur Sache. Der Ablauf war immer gleich.
Bernhard schaute auf die Uhr. Dann hob er den Sixpack an und sah, dass noch genau eine volle Flasche darin war. Er beschloss, nur noch solange zu bleiben, wie er brauchte, um diese Flasche zu leeren. Er war enttäuscht. Enttäuscht von dem Osterhasen-Film, der für ihn zu schematisch und glatt aufgezogen war. Inhaltlich gab es eine Checkliste des Regisseurs, deren Punkte nacheinander abgehakt wurden. Technisch war der Film aber einwandfrei. Jetzt bereute er es, Bianca einfach so ziehen gelassen zu haben. Es war wie bei dem Hund, der zwei Hasen jagen wollte und am Ende keinen erwischte. Er wollte den zweiten Film sehen und hatte Bianca nicht aufgehalten und war ihr auch nicht nachgelaufen. Und der Film war ein Reinfall.
Während der Osterhase eine Frau von hinten rammelte und ihr dabei Schokoladeneier in den verschmierten Mund stopfte, trank Bernhard die letzte Flasche aus. Er unterdrückte halbherzig den logischen Rülpser und stellte die Flasche neben ihre fünf Schwestern. Beim Hinausgehen aus dem Kino überlegte er, ob er nicht doch Bianca anrufen sollte. Vielleicht war ja noch nicht alles verloren. Hinter ihm fragte der Osterhase wieder: „Welche Eier hätten’s denn gern?“

(57) Benjamin Gutzeit stellte das Mikrofon auf den Klapptisch vor seine Mutter.

Benjamin Gutzeit stellte das Mikrofon auf den Klapptisch vor seine Mutter. Das Krankenhausbett hatte er so verstellt, dass sie etwas aufrecht sitzen konnte. Die Prognose für sie war schlecht und Benjamin war eingefallen, nachdem er mit dem Arzt gesprochen hatte, dass er eigentlich sehr wenig über seine Mutter wusste.
Hermine Gutzeit hatte sich immer sehr rührend um ihren Sohn gekümmert und er wusste, dass sie hart gearbeitet hatte, um seine Chancen auf ein besseres Leben zu verbessern. Er wusste aber überhaupt nichts über ihr Leben, bevor er dazu gekommen war. Vor allem wusste er nicht, wer sein Vater war. Seine Mutter hatte die Frage mehrmals beiseite gewischt und irgendwann hatte er nicht mehr gefragt. Dies war wahrscheinlich seine letzte Chance. Er hatte daher einen Rekorder mit Mikrofon ins Krankenhaus gebracht und nach etwas Überlegen hatte seine Mutter eingewilligt.
Benjamin hatte eine Reihe von Fragen notiert, die er mit seiner Mutter klären wollte. Er wollte nicht zuerst mit der Kernfrage nach der Identität seines Vaters herausplatzen und fragte sie deshalb, was sie getan hatte, bevor er zur Welt kam.
„Nichts, Benjy. Ich habe vor Dir nichts getan, worauf ich stolz sein könnte. Du hast meinem Leben erst einen Sinn gegeben. Vorher habe ich dies oder jenes gemacht, was man halt tut, wenn man keine vernünftige Ausbildung hat und wenig Glück. Aber ich war auch Filmschauspielerin. (Sie lachte.) Ja, jetzt schau nicht so, das klingt besser als es war. Ich habe damals viel gekellnert und eines Tages, ich war gerade beim Abkassieren, fragte mich ein Mann, ob ich Lust hätte, etwas Geld beim Film zu verdienen. Er sagte, dass es dabei um Kunstfilme ginge. Avantgarde. Das war mir ein Begriff, denn es war eine Künstlerkneipe und da gingen einige junge Leute ein und aus, die bereits einen Namen hatten. Sagte man mir zumindest. Ich zierte mich zuerst, sagte, dass ich keine Erfahrung hatte. Der Mann meinte nur, dass es genau das war, wonach man suchte. Er gab mir seine Karte und ich sollte ihn anrufen. Aus Neugier rief ich an und aus Naivität sagte ich zu, die Rolle einer Bauerntochter zu übernehmen.“
„Und dann?“, fragte Benjamin. „Wurde der Film wirklich gedreht?“
„Ja, der Film wurde gedreht. Allerdings war es etwas anders, als es der Mann gesagt hatte. Es war ein billig gemachter, schwachsinniger Sexfilm. So wie diese Lederhosenfilme, aber vielleicht etwas subtiler. Egal. Den Titel habe ich erst später herausgefunden, als ich die Abrechnung bekam. ‚Das geheime Sexleben des Osterhasen‘. Und es ging wirklich um einen Osterhasen, der Eier verteilte und dabei junge Bauerstöchter flachlegte.“
Es war still im Krankenzimmer. Man hörte nur das laute Ticken des Weckers.
„Es tut mir leid, dir das so sagen zu müssen, Benjy: Der Osterhase war dein Vater. Ich kenne leider seinen richtigen Namen nicht. Sein Künstlername war auf jeden Fall Tom Ferrari.“

(58) Als Benjamin noch ein Kind war, mochte er Musik über alles.

Als Benjamin noch ein Kind war, mochte er Musik über alles. Wenn er nach der Schule nach Hause kam, war da keine Mutter, die ihn erwartete, so wie bei anderen Kindern. Seine Mutter war bei einem der mehreren Jobs, die sie genommen hatte, damit das Geld bis zum Ende des Monats reichte.
Aber auch ohne die Aufsicht seiner Mutter war Benjamin fleißig und erledigte, was zu tun war. Zuerst kümmerte er sich um Hausarbeiten. Dafür hatte er einen Plan, auf dem stand, was er an welchem Wochentag erledigen musste. Montag einkaufen. Dienstag Waschen. Mittwoch Bügeln. Donnerstag Staubwischen. Freitag Bad putzen. Samstag Boden wischen. Am Sonntagabend kochte seine Mutter etwas Feines und er machte danach den Abwasch.
Danach erledigte er seine Schulaufgaben. Er hatte keine Mühe damit, das, was er in der Schule gelernt hatte, auch selbstständig anzuwenden. Die Hausaufgaben waren schneller gemeistert, als die Hausarbeiten.
Dann bereitete er sich das Abendbrot zu. Beim Essen stellte er das Radio ein und hörte Musik. Er konnte einen Sender empfangen, der vor allem Popmusik in Arrangements von klassischen Orchestern spielte. Das war der Höhepunkt seines Tages. Er schätzte ganz besonders Mantovani, Fiedler und die Boston Pops sowie Jake Jones und sein Salonorchester.
Irgendwann kam seine Mutter nach Hause, klagte über ihre Rückenschmerzen und Benjamin ging ins Bett.
Seine Mitschüler mochten ihn nicht, weil er mühelos schnell lernte und weil er zusammengewachsene Augenbrauen hatte. Für beides konnte er nicht, aber er musste die Hänseleien dennoch ertragen. Manchmal war es egal, was er sagte, denn sie machten sich immer über ihn lustig. Einmal wurde in der Schule über Musik geredet und die Lehrerin fragte die Kinder nach der Art von Musik, die sie gerne hörten. Als Benjamin die Frage mit „Jake Jones und sein Salonorchester“ beantwortete, wussten die anderen Kinder nicht, was er meinte. Als die Lehrerin ungläubig nachfragte, ob er nicht zu jung für Jake Jones sei, denn die einzigen Fans von Jake Jones, die sie kannte, waren ihre Eltern. Die Klasse lachte hämisch und fortan nannten sie ihn ‚Jake Jones‘.
In seiner ganzen Schulzeit hatte Benjamin Gutzeit keine Freunde, aber jedes Mal, wenn er vor dem Radio saß und Jake Jones und sein Salonorchester hörte, war er mit der Welt versöhnt.

(59) Jakob Jeschke fluchte und warf den Hörer auf die Gabel.

Jakob Jeschke fluchte und warf den Hörer auf die Gabel. Unter seinem Künstlernamen Jake Jones war er der Inbegriff von Leichtigkeit und Eleganz. Privat, konnte er auch ganz anders. So wie jetzt. Sein Hausverwalter Hansdieter Balkhausen hatte ihm gerade mitgeteilt, dass der Bahnhof in der Nähe des von ihm erworbenen Mietshauses, aus der Stadtplanung verschwunden sei. Jeschke fluchte noch einmal und zündete sich ein Zigarillo an. Er brauchte dringend Geld. Das Mietshaus hatte er mit einem kurzfristigen Kredit gekauft, weil ihm ein Stadtabgeordneter einen Tipp mit dem Bahnhof gegeben hatte. Der Kredit würde bald fällig werden und Jeschke hatte momentan keine Liquidität. Und sein Banker saß ihm im Nacken und wollte wissen, ob es mit der Tilgung alles seine Richtigkeit hatte.
Er überdachte seine Optionen. Das Mietshaus würde er nur im äußersten Notfall verkaufen, denn er würde dabei Geld verlieren, wenn er überhaupt so schnell einen Käufer finden würde. Tantiemen oder andere Einkünfte hatte er sobald nicht zu erwarten. Leichte Salonmusik war nicht mehr so sehr in Mode, dass eine künftige Schallplatte mit Geld beliehen werden konnte.
Jeschke bekam ein Blitzen in die Augen. Er sog am Zigarillo. Warum eigentlich nicht? Es reichte, wenn der Banker, dieser Oswald Ericke, daran glaubte, dass eine Platte Geld in die Kassen spülen würde. Dann musste er den Kredit doch verlängern. Alternativen sah Jeschke jedenfalls nicht. Es musste ein Thema sein, dessen Erfolgsaussichten so offensichtlich aussahen, dass sogar jemand wie Ericke darauf abfuhr. Was konnte das sein? Jeschke hatte in seiner Karriere alle Musikrichtungen geschröpft und Geld damit gemacht. Von Rock bis Salsa, von Oper bis Volksmusik. Keine Stilform hatte er ausgelassen. Er hatte die Originalmusik in seinen Arrangementwolf gesteckt und daran gedreht, bis der Sound von Jake Jones herauskam und sich in die Ohren schraubte. Das war aber auch das Problem, denn es gab nichts, was er nicht schon getan hatte und die neuen Manager in der Plattenfirma hatten keine Lust, neue Platten herauszugeben, die Vorheriges nachahmten. Sie hielten Jake Jones eh für ein Auslaufmodell.
Jeschke seufzte und griff nach der Zeitung, die seine Sekretärin auf den Beistelltisch neben das Telefon gelegt hatte. Das große Thema war der Eurovision-Wettbewerb. Jeschke ignorierte diesen Wettbewerb schon seit Jahren, nachdem niemand ihn fragte, ob er teilnehmen wollte. Vor Jahren hätte er gerne mitgemacht, aber jetzt nicht mehr.
Am Samstag hatte eine schwedische Gruppe mit dem Namen ABBA gewonnen. Es gab bisher eine Platte von ihnen, eine zweite war unmittelbar in Vorbereitung. Waterloo, Hmm. Vielleicht ließe Ericke sich davon beeindrucken. Er musste sich die erste Platte der Gruppe mal anhören, um zu sehen, ab es für den Jake Jones-Touch ausreichte. Er rief seinen Agenten Magnus Landau an, damit er ihm die Platten besorgte.

(60) Jeschke hasste es, wenn andere ihn warten ließen.

Jeschke hasste es, wenn andere ihn warten ließen. Er sagte sich dann immer, dass er die Anderen nicht so behandelte, aber das stimmte natürlich nicht.
Jetzt saß er in einem sterilen Besprechungsraum in der Bankzentrale und starrte Löcher in den grauen Nadelfilzteppichboden. Er wartete auf Ericke, seinen Kundenbetreuer. Vor ihm auf dem Tisch lag ein Umschlag und darin befand sich ein druckfrischer Entwurf für das Cover seiner neuen Platte. ‚Waterloo – Jake Jones goes ABBA“ war der Titel und optisch war das Design ein Duett von Gold und Silber. Jeschke hoffte, dass Ericke darin Wohlstand für alle erkennen würde.
Endlich ging die Tür auf, aber es war nur die Sekretärin, die ihn abholte, um ihn zu Ericke zu führen. Welche Erniedrigung, dachte Jeschke und ließ die Schultern hängen. Als er zu Ericke ins Zimmer geschickt wurde, richtete er sich wieder auf und ging erhobenen Hauptes hinein.
Kurze Zeit später kam er wieder mit hängenden Schultern heraus. Ericke war zwar freundlich gewesen und hatte das Cover bewundert. Als Jeschke ihn aber darauf ansprach, die Laufzeit des Kredites für das Mietshaus zu verlängern, hatte Ericke nur traurig den Kopf geschüttelt. Eigentlich ein Affront, aber was sollte Jeschke tun? Ericke hatte ihm künstlerisch alles Gute gewünscht und ihn noch einmal an das Fälligkeitsdatum des Kredits erinnert.
Vor der Bankzentrale fand Jeschke eine Telefonzelle und rief von dort aus Balkenhausen an. „Jeschke hier. Suchen Sie einen Makler für das Haus, ich muss es doch verkaufen. So schnell, wie es geht.“
Balkenhausen war recht aufgeregt. „Ich habe seit Stunden versucht, Sie zu erreichen. Ein Verkauf wird jetzt nicht einfach sein.“ – „Wie meinen Sie das?“ – „Im Nachbargrundstück wurde eine Fliegerbombe entdeckt. Der Sprengstoffexperte war hier. Alles sehr kompliziert. Das Haus wurde evakuiert und jetzt wird beratschlagt, wie es weitergeht.“
Jeschke wurde kalt auf der Stirn. „Besteht denn Gefahr?“ – „Es ist ein Riesentrumm und es ist nicht klar, ab das Ding scharf ist oder nicht. Liegt direkt an der Außenwand Ihres Hauses.“ – „Und wenn die Bombe losgeht, dann…“ – „Dann“, ergänzte Balkenhausen, „wird das Haus wahrscheinlich einstürzen. Es tut mir leid. Da hilft nur hoffen und beten.“
Jeschke wurde es ganz heiß, als ihm einfiel, dass er aus Kostengründen die Versicherung gekündigt hatte. Ihm wurde schwarz vor Augen und er lehnte sich gegen die Glasscheibe der Zelle. Der Umschlag fiel ihm aus der freien Hand auf den staubigen Boden der Zelle und der Coverentwurf rutschte daraus hervor. Als der Musiker darauf schaute, erkannte er die Worte ‚Waterloo – Jake Jones‘.

(61) Miss Sanchez ist eine Bombe, Herr Grün.

„Miss Sanchez ist eine Bombe, Herr Grün. Es wird Sie umwerfen, und ich verspreche nicht zu viel.“ Magnus Landau telefonierte mit Theo Grün, dem Besitzer eines halbseidenen Nachtlokals mit dem Namen ‚Theo’s Safari Pub‘. Darin fanden müde Männer alles, was ihre Moral nach einem harten Arbeitstag heben konnte. Alkohol, Frauen und zur Not einen Barkeeper, der so tat, als ob er sich mit Anteilnahme ihre Geschichten anhörte.
Grün hatte das Gefühl, dass das Niveau in seinem Laden am Sinken war. Er machte es am Verhältnis Anzahl Faustkämpfe zum Umsatz fest. Die Faustkämpfe holten auf und das war nicht gut fürs Geschäft. Zur Aufwertung seines Programms suchte Grün nach einer Showeinlage. Ursprünglich hatte er nur eine Frau gewollt, die die Kerle heißmachte und von Schlägereien abhielt. Da Landau schon seit einiger Zeit die Burlesque-Tänzerin Silke Sander alias Miss Sanchez in seiner Kartei führte, hatte er Grün davon überzeugt, dass er in Wirklichkeit eine Burlesque-Tänzerin brauchte. Landau war nicht sicher, ob Grün überhaupt verstand, worum es bei Burlesque ging, aber sein Job war es, Talente zu vermitteln und nicht, das Allgemeinwissen seiner Kunden aufzufrischen.
„Wie sieht die Miss denn aus?“, fragte Grün, „ist sie dünn?“ Landau dachte kurz nach. „Nun ja, diese Burlesque-Tänzerinnen sind ja in der Regel nicht so mager. Eher Rasseweiber, wenn Sie verstehen, was ich meine… Magere Weiber machen ja auch keinen richtig heiß, oder?“ – „Und sie reißt Witze, sagen Sie?“ Landau rollte mit den Augen. „Sie hat Comedy-Elemente in ihrer Routine, aber man muss das alles live gesehen haben. Was ich Ihnen versichern kann, ist, dass die Show sexy, witzig und sehr unterhaltsam ist. Miss Sanchez ist eine wahre Persönlichkeit. Sie müssten sie halt mal treffen.“
Grün war still. Landau gluckste innerlich, als er sagte, dass Miss Sanchez eine Persönlichkeit sei. Er nahm einen Spiegel aus der Büroschublade und überprüfte sein Gebiss. Mittags aß er gerne einen Salat und für seinen anschließenden Termin wollte er sicher sein, keine Blätter zwischen den Zähnen zu haben. Er hatte zwar vorhin schon seine Sekretärin befragt, aber er hatte den Eindruck, dass sie ihm nicht gerne in den Mund schaute. Eigentlich war auch das beunruhigend, denn seine Zähne waren Landau wichtig.
„Na gut“, sagte Grün am anderen Ende der Leitung. „Ich schau sie mir mal an. Man wird ja nicht dümmer. Kann ich sie denn mal für ein paar Abende im Lokal testen?“
Landau spitzte indigniert den Mund, legte den Spiegel in die Schublade zurück und schloss diese mit einer energischen Handbewegung. „Ungern, lieber Herr Grün. Für Miss Sanchez habe ich noch andere Anfragen vorliegen und ich muss darauf bestehen, dass wir gleich Nägel mit Köpfen machen.“ – „Schon gut, Herr Landau, es war ja nur eine Frage. Kann die Lady heute um fünf bei mir im Club vorbeikommen? Da freue ich mich immer besonders über Damenbesuch. Hehe, kleiner Scherz, Herr Landau.“