(42) Silvester Jules betrachtete seinen mit Marabufedern besetzten Bisammantel wohlgefällig im Juwelierschaufenster.

Silvester Jules betrachtete seinen mit Marabufedern besetzten Bisammantel wohlgefällig im Juwelierschaufenster. Er hatte sein Eigenbild als Pop-Musiker transzendiert. Er war ein wunderbarer Gitarrist, ein begnadeter Sänger und hatte eine unglaubliche Bühnenpräsenz. Das wurde ihm auch von den Kritikern bestätigt. Seine Gegner taten ihn als Mainstream-Musiker ab. Darüber konnte Jules nur lachen. In seiner Eigensicht war er eher der weise Messias, der in allen Dingen, vor allem ästhetischen, das letzte Wort haben sollte. Und weil er Gegenworte nicht ertragen konnte, engagierte er für seine Konzerte und Aufnahmen grundsätzlich immer nur Studiomusiker. Er zahlte ihnen einen Stundenlohn und sie spielten die Noten vom Blatt. Keine Gefahr, dass sie ihm Vorschläge machten, wie er seinen Stil verändern sollte. Die Silvester-Jules-Band gab es nur auf dem Papier und Jules war das einzige ständige Mitglied.
Die hervorgehobene Position, die er in seinen Gedanken einnahm, hatte er immer mehr auch über sein Äußeres zum Ausdruck gebracht. Sein Kleidungsstil definierte quasi den Ausdruck ‚exzentrisch‘. Aber seine wahre Leidenschaft war Schmuck. Dabei hatte er einen einfachen Geschmack: Gold und Diamanten(Ketten, Ringe, Ohrringe und Armbänder). Gelbgold passte sehr gut zu seinem Hautton und Diamanten gaben ihm die nötigen Strahleffekte.
Neben dem Tragen von Schmuck mochte er das Erwerben davon. Es beschleunigte sein Herz und gab ihm dieses Kribbeln im Unterleib, das sich so gut anfühlte. Jetzt stand er in New York in der 47. Straße vor einem Juwelierladen, dem Bellagio Diamond Center, und besah die Auslagen. Die meisten ausgestellten Stücke waren zu filigran für Jules Geschmack. Schmuck war in erster Linie ein Statement und das sollte man auch gleich sehen. Gold diente nicht nur dazu, die Diamanten festzuhalten, sondern es sollte mit seiner schieren Masse sofort sichtbar sein. Viele Juweliere waren einfach zu zaghaft. Einige Stücke im Fenster von Bellagio gaben Anlass zur Hoffnung. Er fand die Ohrclips mit ihren breiten Goldbändern und den darin eingearbeiteten Diamanten recht passabel. Allerdings kamen Clips für ihn nicht in Frage. Das Gold sollte mit seinem Körper verschmelzen. Ein dicker Brillantring fiel ihm ebenfalls ins Auge. Es war anzunehmen, dass Bellagio im Tresor weitere interessante Modelle lagern hatte. Es kam auf einen Versuch an.
Jules raffte seinen Pelzmantel mit dem Marabukragen und klopfte mit dem Goldknauf seines Spazierstocks an die Glastür. Drinnen, in der Schleuse zwischen der Außen- und der Innentür stand ein uniformierter Wachmann und schaute ihn misstrauisch an. Er öffnete die Außentür und befragte Jules nach seinem Namen und seinen Wünschen. Das fand Jules unfreundlich. Er wollte schon gehen, aber dann trat der Wachmann zur Seite und ließ ihn eintreten. „Entschuldigen Sie, Mr Jules, Sir“, sagte er. „Wir hatten am Vormittag einen Überfall durch einen anderen Clown und da muss ich sichergehen.“ Ihre Augen trafen sich. Der Blick des Wachmanns wurde unruhig. „Sir, das klang jetzt falsch. Treten Sie herein. Wir sind einfach noch schockiert wegen heute Vormittag.“

(43) Was für einen Clown schleppst du mir denn heute an, Flo?

„Was für einen Clown schleppst du mir denn heute an, Flo?“, scherzte Castor Pokorny, als Detective Flo Lopez mit Eric Krips zur erkennungsdienstlichen Behandlung kam. Sie steuerte ihn mit der Handschellenkette, die sie in der Hand hielt. „Unser Freund hat einen Juwelierladen mit einem Selbstbedienungsladen verwechselt“, sagte Flo. Krips war 1,70m groß und hatte einen recht massigen Körper, dessen Fasstorso in einen dicken Hals überging, auf dem ein übermäßig großer Kopf steckte. Unterhalb der Glatze trug er einen Kranz signalrot gefärbter Haare. Sein Gesicht war wie das eines Clowns geschminkt. Spitze Augenbrauen auf der Stirn, große gemalte Lippen auf einem weitflächig geweißten Kinn und rote Punkte an den Jochbeinen. Ober- und unterhalb der Augen verliefen senkrechte Linien.
Es war ein grauenhaftes Clownsgesicht, fand Pokorny. Krips schien mit den Gedanken woanders. Er sprach nicht, schaute sich nicht um, aber tat genau das, was Detective Lopez von ihm verlangte. Sie zeigte auf den Fotostuhl, der vor einer weißen Papierwand stand. Krips ließ sich auf den Stuhl plumpsen, denn mit den auf dem Rücken fixierten Händen konnte er sich nicht auf die Armlehnen stützen.
Pokorny war stolz auf den aus rohen Brettern zusammengebauten Stuhl, den er mit seinem Vorgänger vor zwanzig Jahren in vielen Schichten gebaut hatte. Die Besonderheit des Stuhls war, dass er auf Rollen gelagert war und von dem Erkennungsdienstbeamten per Fernbedienung rotiert werden konnte. Fast so wie auf der Geisterbahn. Pokorny schaltete die Kamera ein, die auf einem Stativ fest montiert war. Er überprüfte routinemäßig die Einstellungen, aber da immer die gleichen Fotos aus der gleichen Perspektive gemacht wurden, war es eigentlich unnötig. Er drehte die Scheinwerfer hoch und schoss das erste Foto. Dann trat er auf einen Schalter neben dem Stativ und Krips‘ Stuhl drehte sich ruckartig um 90° nach links. Im gleichen Augenblick drückte Pokorny noch einmal auf den Auslöser. Es war seine private Leidenschaft, die Bilder zu sammeln, auf denen die Beschuldigten erschraken, weil der Stuhl sich unter ihnen drehte. Jeder hatte dabei einen seltsamen Blick drauf. Als der Stuhl wieder stand und Krips sich wieder konzentriert hatte, gab ihm Pokorny ein paar Anweisungen zur Kopfhaltung und drückte ein weiteres Mal auf den Auslöser. Schließlich noch das andere Profil. Detective Lopez half Krips auf und geleitete ihn nach nebenan, wo sie ihm mit einem feuchten Lappen die Farbe vom Gesicht wischte. Dann machten sie noch einmal Fotos mit einem leidlich ungeschminkten Krips. Auch diesmal erschrak der Beschuldigte, als Pokorny den Fußschalter betätigte.
Als sie fertig waren, brachte Detective Lopez den Beschuldigten ein Zimmer weiter, wo ihm noch die Fingerabdrücke genommen wurden. „Dann noch einen schönen Abend, Flo“, rief Pokorny ihr hinterher. „Bis ich mit dem Papierkram fertig bin, wird es Mitternacht sein“, antwortete sie ihm und war verschwunden.

(44) Pokorny löschte das Licht in seinem Atelier und ging nach Hause.

Pokorny löschte das Licht in seinem Atelier und ging nach Hause. Nach den Aufnahmen mit Krips hatte er die Fotos noch entwickelt und hatte dann Feierabend. In einem Umschlag trug er die Fotos, die er für sich selbst gedruckt hatte. An dem Tag hatte er sieben Beschuldigte behandelt, von Krips gab es zwei Sets. Also 8×4 Fotos im Umschlag.
Auf dem Nachhauseweg holte er sich ein Pastrami-Sandwich, das er sich einwickeln ließ. Zuhause holte er es aus der Papiertüte und legte es auf den Teller, den er dazu bereits am Tag vorher verwendet hatte und der auf der Spüle stand. Er goss sich ein großes Glas Milch ein und setzte sich im Wohnzimmer an seinen Schreibtisch. Er biss in das Sandwich, kaute und spülte den Bissen mit einem großen Schluck Milch hinunter. Dann schaltete er die helle Schreibtischlampe ein und nahm die Fotos aus dem Kuvert. Er ordnete sie in acht Haufen, zuerst frontal, dann die Profile, dann das Überraschungsfoto. Das Letztere studierte er mit einer großen Lupe. Er schaute sich die kleinsten Regungen im Gesicht genau an. Dann betrachtete er das Foto mit ausgetrecktem Arm. Zwischen jedem Set biss er ein weiteres Stück von seinem Pastrami-Sandwich ab und trank einen Schluck Milch. Als das Sandwich aufgegessen und das Glas leer war, hatte er alle Sets durchgeschaut und teilte sie in drei Haufen: ein Set, das von Krips in Clownschminke, war sehr gut (Kategorie A), ein anderes ausreichend (Kategorie B) und der Rest war schlecht. Die Fotos in der letzten Kategorie zerriss er und warf sie in den Papierkorb unter dem Schreibtisch. Er trug den Teller und das Glas in die Küche. Das Glas spülte er aus und stellte es in den Aufguss. Der Teller kam wieder an seinen Platz neben der Spüle.
Im Wohnzimmer nahm er zwei Fotoalben aus dem Regal und legte sie auf den Tisch. Im Regal 29 Alben der Kategorie A und 61 der Kategorie B. Es waren Einsteckalben mit säurefreiem Fotokarton und Einstecktaschen. Auf jeder Seite waren drei Taschen, in die er die Setfotos einordnete. An der Seite notierte er das Datum und den Namen des Beschuldigten.
Sein Traum war es, seine spezielle Art der Porträtfotografie in einem Buch zusammen zu stellen, das er bei seiner Pensionierung veröffentlichen würde. Er wollte zeigen, dass er genug Talent hatte, um auch in der unkreativsten Ausprägung des Fotografentums, gute und anspruchsvolle Werke zu vollbringen. Eigentlich ging es beim Erkennungsdienst ja gerade darum, den Zufall als Bildgestalter auszuschließen. Jedes Foto sollte so neutral wie möglich sein und den Beschuldigten in gleicher Pose, gleichem Licht und gleicher Regungslosigkeit darstellen. Es gab eigentlich keine künstlerische Freiheit, genauso, wie es für die Beschuldigten in der Regel am Tag der Festnahme auch keine Freiheit gab. Trotzdem fand Pokorny, dass viele Bilder auch seiner eigenen Kritik standhalten konnten. Es waren verdammt gute Porträts. Was ihn manchmal beschäftigte, war, dass er voraussichtlich weder von seinem Arbeitgeber und auch nicht von den Abgelichteten die Erlaubnis bekommen würde, die Fotos zu veröffentlichen. Pokorny schlug das aktuelle Kategorie B-Album zu und stellte es wieder ins Regal. Die Freigabe war nicht wirklich die Schwierigkeit. Immerhin hatte er auch noch niemand getroffen, der an einer Publikation Interesse hatte. Aber auch das war ja nichts Neues.

(45) Mit großen Träumen im Gepäck hatte Pokorny Prag verlassen…

Mit großen Träumen im Gepäck hatte Pokorny Prag verlassen und war damit in der Neuen Welt angekommen. Sein Vorbild war Edward Steichen gewesen. Auch für Pokorny bestand Fotografie nicht nur darin, Kunst zu schaffen, sondern er wollte damit auch Erkenntnisse über den Menschen sammeln. Sein Startkapital in New York bestand aus einer alten Leica und einer Sammlung von Aufnahmen, die er in Prag gemacht hatte. Die besten daraus stellte er in einem Portfolio zusammen, mit dem er hausieren ging. Schon nach wenigen ablehnenden Gesprächen bei Galeristen und Zeitschriften war klar, dass seine Bilder aus Europa niemanden interessierten. Einerseits zu verschieden. Andererseits nicht verschieden genug, um exotisch zu wirken.
Mit großem Eifer stürzte sich Pokorny in das New Yorker Leben um ein neues, besseres Portfolio zu erschaffen. Er hatte seine Barschaft eingeteilt und gab sich drei Wochen Zeit, um etwas Verwertbares zu erstellen. Weil es günstiger war, fotografierte er ausschließlich auf der Straße. Ein Landsmann, Karel Smejkal, bei dem er wohnte, erlaubte es ihm, das winzige Badezimmer als provisorische Dunkelkammer zu nutzen.
Nach drei Wochen zeigte Pokorny seinem Gastgeber, was er hatte. Smejkal war beeindruckt. Viele Orte, an denen Pokorny fotografiert hatte, waren Smejkal trotz der zehn Jahren, die er jetzt in New York lebte, noch unbekannt geblieben. Wahrscheinlich lag es daran, dass er Elektriker im Hauptquartier der New Yorker Polizei war und immer nur zwischen Center Street und der Wohnung in der 49. Straße hin- und herpendelte. Von Tür zu Tür knapp eine halbe Stunde mit dem R Train.
Allerdings hatte Smejkal aber auch keine Ahnung, was Galeristen und Bildredakteure sehen wollten. Sie fanden nämlich, dass Pokornys Aufnahmen zu gewöhnlich seien. Ein Galerist meinte, dass er solche Bilder als Dämmmaterial in seinem Ferienhaus auf Long Island verwendete.
Pokorny war am Boden zerschmettert. Aus Mitgefühl öffnete Smejkal eine Flasche Becherovka und sie verbrachten einen doch angenehmen Abend in Gesellschaft der grünen Flasche. Dann fiel Smejkal plötzlich ein, dass ja auch bei der Polizei fotografiert wurde. Erst vor Kurzem hatte er sich um die Entsorgung von Laborchemikalien kümmern müssen, die bis dahin einfach nur in den Abfluss gekippt wurden. Er versprach seinem Untermieter, sich umzuhören.
Am nächsten Tag kam er freudestrahlend nach Hause und eröffnete Pokorny, dass eine Stelle als Assistenzfotograf im Erkennungsdienst frei war. Er hatte gleich einen Vorstellungstermin verabredet.
Pokorny bekam den Job und dachte, dass es nur vorübergehend sein würde. Er fand eine eigene Wohnung; zog mit dem NYPD in das neue Gebäude in 1 Police Plaza um. Smejkal feierte seinen Ruhestand und kurz darauf war Pokorny bei seinem Begräbnis dabei. Die Zeit war verflogen und alles, was er vorweisen konnte, waren 21 Fotoalben mit interessanten Fotos, die nach seinem eigenen Ableben in den Müll wandern würden.

(46) Milena Koubek lehrte am Astronomischen Institut der Prager Karlsuniversität.

Milena Koubek lehrte am Astronomischen Institut der Prager Karlsuniversität. Ihre Helden waren Brahe und Kepler. Als sie Jiří Pokorny, ein Beamter der KSČ, der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei, kennenlernte, hatte sie den Gedanken an Kinder fast schon aufgegeben. Sie heiratete Pokorny und setzte es sich in den Kopf, Kinder zu bekommen, denen sie die Namen Castor und Pollux geben konnte. Das erste Kind war ein Mädchen und Milena nannte sie Mebsuta, nach einem anderen Stern im Bild der Zwillinge. Dann folgte ein Sohn, der den Namen Castor erhielt. Das dritte Kind war wieder ein Mädchen und wurde Alhena genannt, nach einem weiteren Stern der Zwillinge. Danach hatte Pokorny keine Lust mehr, vielleicht auch weil das Sternbild der Zwillinge aus 35 Sternen bestand, wovon 9 Namen trugen.
Milena widmete sich wieder ihrer Lehre und überließ Pokorny die Erziehung der Kinder.
Mebsuta war intelligent, ordentlich und besorgt um andere Menschen; Castor war ein Träumer, der in den Tag hinein lebte und Alhena war die Überfliegerin, der alles zufiel. Als sie älter wurde, war Mebsuta die tragende Säule im Haushalt. Sie achtete darauf, dass Castor nicht zuviel naschte und seine Hausaufgaben machte oder dass Alhena nicht nur Klavier spielte, sondern ab und zu auch mal an die frische Luft ging. Als Castor sich mit 15 Jahren für Fotos interessierte, gab sie nicht eher Ruhe, bis ihr Vater ihm zu Weihnachten eine sündhaft teure Leica schenkte. Dann hatte Alhena ihr erstes Konzert als Pianistin und wurde gefeiert. Als sie von Gustáv Husák, dem Generalsekretär der KP, empfangen wurde, platzte Pokorny fast vor Stolz. Milena erlitt einen Schlaganfall und Mebsuta pflegte sie zu Hause. Castor studierte und Alhena wurde zu einer Musterstudentin am Prager Konservatorium.
An einem Tag im Sommer rief Pokorny seine beiden Töchter in Milenas Zimmer. Milena saß mit rot geweinten Augen im Bett und schluchzte. Pokorny erklärte, dass Castor versucht hatte, aus der Tschechoslowakei zu flüchten, dass er aber in der Nähe von Cheb von einer Patrouille der Grenzwachenbrigade erschossen worden sei.
Als die schreckliche Nachricht etwas eingesackt war, fragte Mebsuta, ob sie Castor sehen könnte. Der Vater erwiderte rasch, dass dies nicht möglich sei und er auch nichts tun könne. Noch Jahre später fragte sich Mebsuta, warum Castor ihr nichts von seinen Plänen erzählt hatte. Sie verstand es nicht.
Ein paar Monate später hatte Milena einen weiteren Schlaganfall, den sie nicht überlebte. Alhena unternahm Konzertreisen, zuerst im Ostblock und dann in der ganzen Welt. Mebsuta blieb zurück in Prag, wo sie den Haushalt des Vaters weiter führte und auch ihn pflegte, als er altersdement wurde. Die Samtene Revolution hatte er nicht mehr bewusst mitbekommen.

(47) Alhena Koubek, die begnadete Pianistin, hatte vor ihrer ersten Reise in den Westen Durchfall.

Alhena Koubek, die begnadete Pianistin, hatte vor ihrer ersten Reise in den Westen Durchfall. Es war, als ob sie noch nie ein Konzert gegeben hätte. Dabei war sie routiniert und selbst bei den schwierigsten Concerti hatte sie nur mäßig Lampenfieber. Als sie in Paris vor ihrem ersten Auftritt in der Garderobe saß, war es ihr, als ob sie nicht in der Lage sein würde, die schwarz-weißen Tasten zu befehligen. Der Parteiobmann, der sie begleitete, musste zum Äußersten greifen: Er ließ sie ein Glas Champagner trinken. Dann war Alhena ruhig genug, um sich hinter dem noch verschlossenen Vorhang hinter den Flügel zu setzen. Der Alkohol hatte den Teil ihres Gehirns betäubt, der sie verkrampfte. Der Rest funktionierte noch tadellos. Ihr Auftritt wurde ein sensationeller Erfolg. Danach ging ihre Tournee nach Deutschland, England und in die USA. Ihre zweite Auslandsreise sehnte sie herbei, bei der dritten überlegte sie, dass sie am liebsten im Westen bleiben wollte.
Bei der vierten Reise lernte sie Pierre Dumas kennen, einen französischen Architekten, der sie schon dreimal in Konzerten gesehen hatte und sich in ihre Garderobe schmuggelte, um ihr seine Liebe zu erklären. Er reiste ihr bis nach Japan nach. In Yokohama schliefen sie zum ersten Mal miteinander. Ihre fünfte Reise endete in Paris, weil sie dort um Asyl bat. Kurz darauf heiratete sie Pierre Dumas an einem verregneten Novembertag. Pierres Familie mit den vielen schrulligen Onkeln und Tanten war sehr lustig und sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie jetzt erst wirklich eine Familie gefunden hatte.
Pierre war die Liebe ihres Lebens. Allerdings stellte sich heraus, dass er sehr eifersüchtig war und es nicht ertragen konnte, wenn sie alleine in der Welt umherreiste, um Konzerte zu geben. Sie blieb deshalb bei ihm und wurde Klavierlehrerin. Das war am Anfang schwer, dann weniger und irgendwann überkam sie nur noch sporadisch Trauer deswegen. Später erkrankte Pierre an Lungenkrebs. Die Krankheit war bereits fortgeschritten und nachdem alle brachialen Versuche nicht halfen, wurde Pierre zum Sterben nach Hause entlassen. Er bekam Morphium und war die ganze Zeit in einem Dämmerzustand und nicht ansprechbar.
Alhena verbrachte Zeit mit ihm. Sie saß am Kopfende und hielt seine Hand, die manchmal im Schlaf zuckte. Dabei starrte sie das Foto an, das Pierre auf seinem Nachttisch stehen hatte. Es zeigte Alhena bei ihrem ersten Auftritt in der Salle Pleyel. Mit dem Champagnergrinsen im Gesicht sah sie dämlich aus. Pierre röchelte im Schlaf und Sabber lief ihm an der Wange herunter. Sie schaute resigniert durch das Fenster nach draußen. Wieder ein regnerischer Novembertag. Bald war ihr Hochzeitstag.
Alhena stand auf und verließ das Krankenzimmer. Sie nickte der Krankenschwester zu, die gerade Pause machte und eine Klatschzeitschrift las. Alhena ging in ihr Musikzimmer, stellte das Telefon auf den Flügel und zögerte. Dann nahm sie den Hörer ab und wählte Mebsutas Nummer. Ihre Nummer. Die Nummer ihrer Kindheit.

(48) Pierre Dumas stand allein oben auf der Anhöhe und sah zum See hinunter.

Pierre Dumas stand allein oben auf der Anhöhe und sah zum See hinunter. Ein unglaublicher Ort, dachte er. Hier müsste man ein Haus bauen. Er wandte sich um und da stand es. Eine Villa. Das ebenerdige Geschoss war vollständig verglast, nur von drei Säulen aus Natursteinen unterbrochen. Darüber lag ein komplex gefaltetes Dach mit großen Mansarden in unterschiedlichen, aber harmonisch abgestimmten Größen. Dazwischen lag das Dach auf einer weiteren Schicht von Natursteinen auf. Dumas erkannte, dass er das Haus entworfen hatte, es war seine Handschrift. Er konnte sich aber nicht erinnern, wann das gewesen war und dass es wirklich umgesetzt worden war. Nach allem was er gelernt hatte, war dies das Haus, das er als Krönung seines Werkes durchgehen ließ. Würde man es Pierre-Dumas-Haus nennen, so wäre das nur gerecht.
Wind kam auf und die Pappeln, die das Haus umsäumten, rauschten. Dumas ging auf das Haus zu und wollte hineinschauen. Aber die Fenster wurden milchig, als er sich ihnen näherte, als ob sie schamhaft waren. Er hielt die Hand an das Glas und versuchte, in deren Schatten hindurchzuschauen, aber es war zwecklos. Als er sich umdrehte, um das Haus zu umrunden, bemerkte er, wie sich weiße Girlanden von den Pappeln nach unten abrollten. Sie wehten mit dem Wind in Richtung des Hauses. Zuerst sah es festlich aus, wie die Dekoration bei einem Weißen Ball. Dann wurden die Papierstreifen aber immer länger und verwickelten sich ineinander. Teile davon rissen ab und wurden vom Wind gegen das Haus gedrückt. Wirbel entstanden an den Ecken des Hauses und wickelten die Bänder zu Papierkugeln auf, die immer größer wurden. Dumas gefielen diese Kugeln nicht. Sie brachen mit der klaren Linie der Architektur und es sah einfach sehr unordentlich aus. Wer auch immer dieses Fest geplant hatte, wusste nicht, wann es genug war. Diese Orgie an Girlanden war eine Verschwendung und ein Krebs für die Augen.
Die Papierbälle bekamen jetzt eine orangefarbene Färbung. Dumas schaute sich um, woher dieses Licht kam. Es kam aus dem Inneren des Hauses. Irgendeine Lichtquelle dort strahlte dieses Licht ab und es diffundierte an den milchigen Fenstern. Es strahlte auf die weißen Bänder und färbte sie ein. Ein guter Effekt, dachte Dumas. Aber es war einfach zu unordentlich für seinen Geschmack. Eigentlich war es eine Beleidigung an seinem Werk. Das Haus musste hinter der Dekoration zurücktreten, und das war nicht akzeptabel.
Der Lichtschein wurde stärker, weil die Milchigkeit der Scheiben nachließ. Gleichzeitig bewegte sich das Licht. Mit großen Augen sah Dumas, dass es im Haus brannte. Das Feuer schien sich nicht von einer Sache zu nähren, sondern hing frei in der Luft, mitten im Erdgeschoss der Villa. Wie eine kleine Miniatursonne. Gebannt starrte Dumas in die Helligkeit hinein. Die Farbe wechselte langsam von Orange zu Dunkelgelb, dann zu Hellgelb. Der Feuerball wurde größer. Jetzt trat auch Rauch neben den Fenstern aus dem Haus heraus. Dumas hustete und trat ein paar Schritte nach hinten.
Die Flammen hatten jetzt auch das Dach erreicht. Es knackte bedrohlich. Dumas konnte sich nicht vom Fleck rühren. Papierkugeln hatten sich an seine Beine geheftet und hielten ihn fest. Das Fenster vor ihm zerbrach und die Flammen griffen nach ihm. Das Papier brannte lichterloh und er wollte schreien, um endlich aus diesem Albtraum zu erwachen. Aber dann wurde nur das Bild milchig, dann weiß. Es flackerte kurz und ging dann aus.

(49) Die Flammen waren gelöscht und es qualmte nur noch an wenigen Stellen.

Die Flammen waren gelöscht und es qualmte nur noch an wenigen Stellen. Das Dach war eingestürzt, viele Wände standen noch aufrecht da. Der Rauchgestank biss in der Nase. Paul Eisermann trat aus dem völlig zerstörten Haus. Der Feuerwehrmann stellte den Käfig nieder und legte das Atemschutzgerät ab. Er schaute sich nach den Kindern um. Er sah Nico und Marie unter einer der Pappeln stehen. Der Zehnjährige hielt seine zwei Jahre jüngere Schwester in den Armen und tröstete sie. Eisermann nahm den Käfig wieder hoch und ging zu den Kindern. „Hallo“, rief er von weitem und hob den Käfig hoch, als die Kinder schauten. Marie kam auf ihn zugelaufen. Nico brauchte etwas länger, bevor er sich in Bewegung setzte.
„Es geht ihnen, glaube ich, gut“, erklärte Eisermann der Kleinen, als sie in den Käfig schaute. „Bibi“, rief das Kind begeistert. „Bibi und Billy“, wiederholte es. Die beiden Goldhamster sahen für Eisermann völlig identisch aus. Er hatte sie genau dort gefunden, wo Marie es gesagt hatte. Es war etwas knifflig gewesen, denn die Decke drohte einzubrechen, aber Eisermann hatte sich bis zur Küche durchgekämpft und den Käfig gefunden. Die Hamster schauten neugierig nach oben und schienen keinesfalls traumatisiert. Eisermann hätte allerdings auch nicht gewusst, wie ein traumatisierter Goldhamster aussah. Vielleicht waren die beiden ja völlig am Ende, bewahrten aber die Fassade abgeklärten Goldhamstertums. Was wusste man denn schon über das Seelenleben von überzüchteten Luxusnagern?
Nico kam dazu und schaute in den Käfig. Eisermann hätte ein Dankeschön erwartet, fand es aber auch unpassend, danach zu fragen. Er ging wieder zurück zu den Kollegen, die damit angefangen hatten, die Schläuche wieder einzurollen.
Nico öffnete den Käfig und packte einen der Hamster am Nacken. Er zog ihn heraus. „Das ist Bibi!“, entrüstete sich Marie. „Das ist meiner!“ – „Unsinn“, entgegnete Nico. „Das ist Billy! Meiner!“ – „Nein“, schrie Marie. Sie griff in den Käfig und nahm den anderen Hamster heraus. Sie befühlte seine Beine. „Das ist Deiner! Ich kann die dicken Stellen fühlen.“ Vor einem Jahr hatte Nico einen seiner Tobsuchtsanfälle gehabt und dabei Billy mit einer dünnen Metallstange geschlagen. Der Hamster hatte ein Bein gebrochen und es war für den Tierarzt gar nicht so einfach gewesen, dem Hamster eine Schiene und einen Gipsverband anzulegen. Aber Billy war ein sehr umgänglicher Nager und hatte alles über sich ergehen lassen. Der Bruch war verheilt und außer, dass er beim Laufen etwas hinkte, merkte man ihm nichts an.
Marie setzte Billy auf die Erde und wollte Nico Bibi aus den Händen nehmen. Unbemerkt von allen ergriff Billy seine Chance und lief, so schnell seine Beine ihn tragen konnten, in die hohen Gräser um die Pappeln. Nico wandte sich ab von Marie, um ihrem Zugriff zu entgehen. Seit er Ritalin einnahm, waren seine Wutanfälle seltener geworden, aber er war immer noch ein schwieriger Zehnjähriger geblieben.
Die Untersuchungen der Feuerwehr waren nicht eindeutig, aber es blieb der Verdacht, dass das Feuer im Einfamilienhaus das Ergebnis von Brandstiftung war. Nico wollte nicht einmal mit seinem Therapeuten darüber sprechen.

(50) Billy der Hamster machte sich Vorwürfe.

Billy der Hamster machte sich Vorwürfe. Er hatte Bibi im Stich gelassen. Jetzt würde alle Grausamkeit der beiden Kinder Bibi alleine treffen. Und sie hatte niemand, der sie trösten konnte. Das waren die ersten Gedanken, als Billy im hohen Gras neben dem Stamm der Pappel lag. Langsam konnte er wieder ruhig atmen und sein Herz schlug nicht mehr so schnell, als ob es aus ihm herausbrechen wollte. Er traute sich nicht, zwischen den Halmen zurückzuschauen. Er war jetzt frei. Frei und voller Schuldgefühle. Er sollte sich besser noch weiter entfernen, denn wenn sie erst nach ihm suchten, wäre seine Flucht erschwert. Hinkend entfernte er sich weiter vom Haus. Alles war für ihn unbekannt. Es war das erste Mal, dass er überhaupt draußen war, wenn man einmal davon absah, dass er ab und zu im Käfig ins Auto und zurück getragen wurde.
Wie er darüber nachdachte, gab es einiges, was ihm nicht einleuchtete. Zum Beispiel hatte er Hunger und Durst. Aber wo würde er Futter finden, denn das gab es nur im Käfig, und den hatte er für immer hinter sich gelassen. Gab es noch weitere Hamster hier draußen? Seit er als Kind verkauft worden war, hatte er außer seiner Schwester Bibi niemanden sonst gesehen. Was wohl mit den anderen geschehen war? Es waren so viele gewesen und er war sich nicht sicher, ob er alle wiedererkennen würde. Vielleicht würde er auf seinen weiteren Reisen die Geschwister wiedersehen. So groß war die Welt doch auch nicht. Schnell kam er nicht voran mit dem Bein. Außerdem war es mühsam. Deshalb lief er auch nicht viel im Rad. Nicht wie Bibi, die davon nicht genug bekommen konnte. Jetzt hatte sie das Rad vollständig für sich alleine. Und die viele Nahrung, auch hier brauchte sie nicht zu teilen. Dafür war Billy frei. Er gähnte, denn es wurde langsam dunkel. Mit der Zeit hatte er sich den Tagesrhythmus der Menschen angewöhnt. Aus der Kindheit wusste er noch, dass er eigentlich nachtaktiv war, aber Billy hatte sich noch nie in Schubladen stecken lassen. Das war eher der Fall bei Bibi. Es war wahrscheinlich ganz gut, dass er jetzt weg war. So richtig hatte er noch nie in diesen Käfig hineingepasst.
Billy trug ein paar Blätter zusammen und legte sich darauf. Der weite dunkle Himmel über ihm machte ihm Angst und er stellte sich vor, dass es nur eine schwarze Wolldecke war, die über dem Käfig hing. Die Augen fielen ihm zu und er schlief ein.
Billy träumte davon, dass er sich in einen Jungen wie Nico verwandelte. Sein Fell wurde dunkel, sein Körper dehnte sich und sein Gesicht und der Körper waren nur noch von rosafarbener Haut bedeckt. Billy schüttelte seinen Arm und stellte freudig fest, dass der Bruch vollständig geheilt war. Vor Freude ballte er die Faust und stieß den Arm in den Himmel, wie er es bei Nico gesehen hatte. Der Nico, der sich jetzt vor Billys Augen in einen kleinen Affen verwandelte. Billy hatte diese Tiere im Fernsehen gesehen und fand, dass sie eigentlich wie stark behaarte Menschen aussahen.

(51) Nico hatte die Falle nicht bemerkt.

Nico hatte die Falle nicht bemerkt. Weil er den Anschluss zu seiner Gruppe verloren hatte, war er unvorsichtig geworden. Jetzt baumelte er in einem Netz hoch oben in den Baumwipfeln. Zuerst war er panisch geworden, hatte wild gekreischt und versucht die Seile, die die Maschen bildeten, durchzubeißen. Aber das ging nicht. Dann arbeitete er daran, die Schlaufe, durch die er in den großen Beutel hineingerutscht war, wieder zu öffnen, um zu entkommen. Auch das ging nicht, denn der Eingang war fest verschlossen. Langsam beruhigte er sich, da er ohnehin nichts machen konnte. Als er ruhig war, befiel ihn wieder Panik und er unternahm die gleichen Befreiungsversuche noch einmal.
So ging es zwei Tage und zwei Nächte lang. Er hatte Hunger und Durst und gab schließlich auf. Dann kamen die Männer, um ihn mitzunehmen. Er biss in den Arm, der ihn aus dem Netz herausholen wollte, aber da war nur dicker Stoff, der seinen Speichel aufsaugte. Sein Fänger lachte nur und schlug ihn mit einem kleinen Holzknüppel auf den Kopf. Nico verlor das Bewusstsein.
Als er wieder zu sich kam, war es dunkel um ihn herum und er hörte andere Affen in seiner Nähe. Sie wimmerten, kreischten manchmal oder atmeten nur in einer Art, wie es nur Resignierte tun. Es roch nach Angst und Verzweiflung. Weiter weg konnte er ein dumpfes Stampfen ausmachen, das nicht aufhören wollte. Nico stieß einen klagenden Schrei aus, aber keiner ging darauf ein. Alle waren nur mit sich selbst beschäftigt. Nico griff um sich herum. Er fühlte Gitterstäbe und ein paar Bananen, die davor hingen. Er griff danach und löste erst einmal das Hungerproblem. In seinem Käfig fand er eine Leitung, aus der Wasser in einen Trog tropfte. Hier konnte er seinen Durst stillen. Sein Käfig schwankte und es wurde ihm schlecht. Die meiste Zeit schlief er.
Nach langer Zeit wurde es hell. Männer, andere Männer, kamen herein und fingen an, die Käfige abzutransportieren. Auch den von Nico. Sie wurden alle in eine große Kiste gesteckt und dann wurde es wieder dunkel. Sie hatten sich bereits daran gewöhnt, keiner klagte. Nico spürte, dass alle nur hinter ihren Gitterstäben ängstlich darauf warteten, was mit ihnen passieren sollte. Manchmal schwankte alles und Nico wurde wieder schlecht. Kurz nachdem es still geworden war, ging die große Kiste wieder auf und es wurde hell. Männer in weißen Kitteln kamen herein und trugen die Käfige in einen großen, weißen Raum. Nicos Käfig wurde an einen anderen Käfig gehalten und ein Mann mit einem schwarzen Bart gab ihm einen Stoß mit einer Holzstange, damit Nico den Käfig wechselte. Als der Bärtige die Sicht wieder freigemacht hatte, sah Nico, dass ihm gegenüber eine ganze Batterie von identischen Käfigen aufgebaut war. Darin saßen andere Affen, deren Köpfe genauso aussahen wie seiner, die er aber noch nie gesehen hatte. Allerdings, und das war für Nico ein richtiger Schock, hatten alle unterhalb des Halses keine Haare mehr. Ihm gegenüber saß eine ganze Bande unbehaarter Affen. Apathisch schauten sie in seine Richtung. Falls sie ihn sahen, ließen sie es sich nicht anmerken.