(32) Enzo Magari war stolz, auf das, was er in seinem Leben erreicht hatte.

Enzo Magari war stolz, auf das, was er in seinem Leben erreicht hatte. Seine Ausgangslage war sehr dürftig gewesen. Noch fast als Kind hatte er Italien verlassen und alle Arbeiten übernommen, die sich ihm boten. Anfangs auf dem Bau, dann als Eisverkäufer und schließlich als Kellner in Restaurants. Es waren harte und einsame Zeiten gewesen. Da er keine Kontakte mehr zu seiner Familie hatte, brauchte er kein Geld nach Hause zu schicken, sondern konnte alles sparen.
Er fand Camilia, die ihn unterstützte. Sie gebar ihm einen Sohn und als Krönung seines Lebens eröffnete er ein eigenes Restaurant. Die Trattoria San Paolo in der Paulsstraße war kein schickes Lokal, aber man aß gut und die Atmosphäre war sehr gemütlich dort. Wenn er seine Kunden bedienen konnte, seine Frau an der Kasse saß und sein Sohn Giorgio am Pizzaofen stand, dann war für Enzo die Welt in Ordnung. Manchmal, wenn er Lust darauf hatte und die stressigste Zeit des Abends vorbei war, holte er sein Akkordeon aus dem kleinen Büro hinten und spielte den Kunden Lieder aus seiner Heimat.
An diesem Freitag war es kurz nach 22 Uhr, als einige Tische schon wieder leer waren und er etwas Luft hatte. Er nickte seiner Frau zu und sie nickte zurück. Etwas Akkordeonmusik konnte nicht schaden, denn es machte die Trattoria authentischer. Enzo brachte noch den Kaffee an Tisch 11. Dann ging er nach hinten. Als er an der Herrentoilette vorbeigegangen war, hielt er plötzlich inne. Es war ihm, als ob er eine Frau hatte stöhnen hören. Er ging einen Schritt zurück und öffnete die Tür einen Spalt. Er lauschte hinein. Wieder ein Stöhnen. Er ging hinein und schloss leise die Tür hinter sich. Aus einer der Kabinen drang Rascheln und wieder ein leichtes Stöhnen. Enzo wurde rot im Gesicht. Aus der Hosentasche zog er einen Vierkantschlüssel und machte entschlossen die Kabinentür auf.
Auf dem Klo saß der junge Mann von Tisch 13. Seine Hose hing unten an den Schuhen. Auf ihm saß rittlings die nicht mehr so junge Frau von Tisch 17. Ihr Rock war hochgeschoben und Enzo sah auf ihren weißen Hintern. Mann und Frau starrten mit geweiteten Augen Enzo an, der für einen Augenblick nur fassungslos in der Tür stand.
„Ihr seid meine Gäste“, hörte Enzo sich sagen. „Als Gäste benimmt man sich. Habt Ihr denn keinen Anstand? Kein Schamgefühl?“ Er musste tief ein- und ausatmen. „Du“, sagte er zu der Frau, „du gehst jetzt direkt zu meiner Frau, du zahlst und du verlässt auf der Stelle mein Lokal.“ Die Frau nickte verdattert. „Und du“, sagte Enzo zu dem jungen Mann, „ich will keine Schande auf deine Freundin bringen. Du gehst zurück ins Restaurant, Ihr esst das Dessert, das schon am Tisch ist, und Ihr könnt auch noch einen Espresso haben. Aber dann will ich Euch beide nie wieder in meinem Restaurant sehen. Nie wieder! Klar?“
Beide nickten. Enzo machte eine Handbewegung, dass sie sich beeilen sollten, machte aber keine Anstalten, aus der Tür zu treten. Die Frau brachte ihren Rock in Ordnung, zog ihre Unterhose von der Türklinke und ging dann geknickt aus dem Männerklo. Der junge Mann folgte ihr. Als er gerade zur Tür hinausging, trat Enzo ihm noch mit dem Fuß in den Hintern.
Heute würde er keine Lieder aus seiner Heimat auf dem Akkordeon spielen.

(33) Aber Babbo, es waren Gäste!

„Aber Babbo, es waren Gäste!“ Giorgio hatte von dem Kellner Alfredo gehört, wie sein Vater den Mann und die Frau behandelt hatte, die er auf der Herrentoilette beim Sex erwischt hatte. Er fand die Reaktion übertrieben. Als sein Vater am nächsten Tag vor der Öffnung des Restaurants in die Küche kam, hatte Giorgio ihn darauf angesprochen. Zuerst hatte Enzo sich stur gestellt und hatte gar nicht darüber reden wollen. Als Giorgio nicht locker ließ, musste Enzo etwas sagen, um das Gespräch zu beenden. „Wir sind ein Familienrestaurant, kein Lupanar! Wenn ich als Gast irgendwo hingehe, dann benehme ich mich entsprechend. Basta!“
Aber Giorgio ließ immer noch nicht locker. Er sagte, dass die Zeiten sich geändert hätten. Er sehe es auch so wie sein Vater, dass Sex in der Herrentoilette eigentlich nicht akzeptabel war. Allerdings hätte aus seiner Sicht eine Verwarnung gereicht. Dann fügte er den unglückseligen Satz hinzu: „Wenn du dich nicht mit der heutigen Zeit anfreunden kannst, dann mach doch eine Pizzeria im Vatikan auf.“ Dabei rammte er das Messer, mit dem er bis dahin Zwiebel gewürfelt hatte, in das Holzbrett vor ihm. Das brachte Enzo zum Überkochen. Er riss das Messer aus dem Brett, packte Giorgio am Kragen und drückte ihn gegen die Tür zum Kühlraum. Das Messer hielt er seinem Sohn in Augenhöhe vors Gesicht.
„Wenn du glaubst, du hättest genug erlebt, um mir zu sagen, wie ich mein Restaurant zu führen habe, dann irrst du dich. Wenn es dir hier nicht gefällt, dann mach doch dein eigenes Restaurant auf!“
Enzo und sein Sohn schauten sich lange Momente direkt in die Augen. Enzo bemerkte währenddessen, dass er einen Fehler gemacht hatte, aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Giorgio wusste, dass er im nächsten Augenblick einen Fehler machen würde, aber es gab nichts, was ihn davon abhalten könnte. Als Enzo Giorgio losließ und das Messer auf das Schneidebrett legte, zog Giorgio die Schürze aus und hängte sie an den schweren Öffnungshebel der Kühlraumtür. Wortlos verließ er das Restaurant.
Enzo musste Camilia gestehen, was vorgefallen war. Sie schimpfte mit ihm. Er wusste, dass sie versuchen würde, Giorgio wieder zur Vernunft zu bringen. Allerdings sagte sie, dass Enzo wie ein Idiot gehandelt habe. Das kränkte ihn, aber er sagte nichts, denn für das Restaurant war es wichtig, dass Giorgio wieder in die Küche zurückkehrte.
Camilia traf sich mit Giorgio und versuchte ihn zu besänftigen. Dabei erfuhr sie auch, dass Enzo mit dem Messer herumgefuchtelt hatte. Das hatte er ihr nicht erzählt. Sie schüttelte den Kopf. Sie sagte Giorgio, dass er für einige Zeit etwas anderes machen solle. „Es wird alles wieder in Ordnung kommen. Aber genieß es. Und bleib für einige Zeit aus der Küche heraus. Wenn es deine Bestimmung ist, wirst du noch viel Zeit darin verbringen. Und ich hoffe, dass du wieder zurückkommst. Dein Vater bewundert dich sehr, aber er ist ein Hitzkopf.“

(34) Giorgio hatte kein Geld und wollte nicht auf die Unterstützung seiner Mutter angewiesen sein.

Giorgio hatte kein Geld und wollte nicht auf die Unterstützung seiner Mutter angewiesen sein. Es war zwar momentan nicht vorstellbar, aber er wusste, dass er früher oder später wieder in die Trattoria zurückkehren würde. Bis dahin brauchte er einen Job. Außerhalb des Kochens war er unqualifiziert. Ein Freund gab ihm den Tipp mit der studentischen Arbeitsvermittlung. Er trug sich ein und da niemand einen Studentenausweis sehen wollte, kreuzte er wahllos ‚Institut für Ethnologie‘ an. Bereits am nächsten Tag rief man ihn an und gab ihm eine Adresse, zu der er hingehen sollte.
So stand er vor einer verwahrlosten Villa und klingelte. Es dauerte einige Zeit, bis ein gut gelaunter Fünfzigjähriger mit runder Nickelbrille die Tür öffnete. Es war Dietram Pitz. „Ein Ethnologe! Ich freue mich sehr. Was ist ihr Spezialgebiet?“ – „Lateinamerika. Anden“, log Giorgio, der sich erst nach dem Ankreuzen über Ethnologie informiert hatte. „Ein Andinist, sehr spannend.“ Es stellte sich heraus, dass Pitz Privatgelehrter war mit dem Schwerpunkt Südsee. Von den Anden hatte er keine Ahnung und befragte Giorgio deswegen nicht weiter.
Pitz erklärte Giorgio, worum es bei der Arbeit ging. Er hatte eine Sammlung von Masken aus der Südsee gekauft und wollte diese sorgfältig katalogisieren. Dabei brauchte er Unterstützung. Giorgio erklärte sich dazu bereit. Die beiden handelten einen Stundensatz aus, der höher war, als die Vermittlungsstelle Giorgio angegeben hatte. „Als Ethnologe kann ich Ihnen mehr zahlen, da ich mir die ganzen Erklärungen sparen kann.“ Giorgio nickte. Es war in der Tat zu spät für Erklärungen.
Am nächsten Tag ging die Arbeit los. Die Masken rochen muffig, als Pitz sie aus den Holzkisten nahm und von der Holzwolle befreite. Er diktierte Giorgio seine Beobachtungen, während er die Masken untersuchte. Vieles waren Abkürzungen, die so klangen, als ob sie jeder Ethnologiestudent kennen müsste. Giorgio gab sich Mühe. Nach drei Stunden war Pitz mit der ersten Maske fertig. Es war eine Tanzmaske aus Neubritannien mit angesetzten Basthaaren und einer weißen Grundfläche, auf der ein Gesicht gemalt war. Pitz nahm die Aufzeichnungen und überflog die Seiten mit Giorgios krakeliger Schrift. Währenddessen schaute Giorgio sich die Maske genau an, so wie es ein Ethnologiestudent zweifellos tun würde. Pitz räusperte sich. „Sie studieren nicht wirklich Ethnologie, habe ich recht?“
Nachdem Giorgio die Wahrheit erzählt hatte, meinte Pitz: „Koch sind Sie also? Sind Sie ein schlechter Koch? Denn sonst ist es nicht vorstellbar, dass Sie einen Beruf mit vielen Möglichkeiten aufgeben und sich ausgerechnet als Ethnologe ausgeben.“ Giorgio versicherte, dass er gut kochen konnte und Pitz meinte, das solle er mal beweisen, damit er den hohen Stundenlohn rechtfertigte. Da Pitz nichts im Haus hatte, ging Giorgio einkaufen und bereitete ein komplettes Mittagessen für Pitz und ihn selbst. Pitz war begeistert. „Versprechen Sie mir, dass Sie Ihr Talent nicht weiter verschleudern und wieder einen Job als Koch suchen. Alles andere wäre doch lächerlich!“

(35) Es war bestimmt schon das zwölfte Mal, dass Dietmar Pitz Papua-Neuguinea bereiste.

Es war bestimmt schon das zwölfte Mal, dass Dietmar Pitz Papua-Neuguinea bereiste. Meistens war er auf Papua unterwegs gewesen, je einmal auch in Bougainville und in New Britain. Diesmal war er auf der anderen Seite der Bismarcksee, nämlich in Neu-Irland. Der Weiterflug nach Kavieng war problemlos verlaufen und das Tree House Hotel hatte ihn vom Flughafen abholen lassen. All das schien ihm ein Vorzeichen, dass er bei seiner Suche Erfolg haben würde.
Als er seinen Koffer in dem Strandbungalow des Hotels abgestellt hatte, rief er Guy Morton an. Morton sollte sich hier am besten mit den lokalen Masken auskennen, hatte ihm sein Kontakt in Port Moresby gesagt. Morton war Brite, lebte aber schon sehr lange in Kavieng. Dabei war er wohl in alle möglichen Aktivitäten involviert. Ein gewiefter Geschäftsmann, hatte man Pitz gesagt. Indigene Masken sollten sein Hobby sein.
Unter Mortons Nummer ging niemand ran. Pitz ging zur Rezeption im größten der Hotelgebäude und fragte den jungen Mann, der die Geschäfte führte, ob er Morton kenne. Der junge Mann bejahte dies, schaute auf die Uhr und meinte, dass Morton üblicherweise in exakt einer halben Stunde ins Hotel kommen würde, um einen Drink einzunehmen.
Pitz setzte sich selbst an die Bar und wartete.
Nach genau einer halben Stunde sah Pitz wie ein Mann, augenscheinlich ein Europäer, in die Hotellobby trat. Der junge Mann vom Empfang begrüßte ihn und wies in Pitz‘ Richtung. Der Mann nickte und kam zur Bar. Er war Ende Fünfzig, hatte einige Kilo zu viel auf den Rippen und trug eine dicke schmierig aussehende Hornbrille. Auf der Schulter seiner Lederjacke wippte ein grüner Papagei. Instinktiv schaute Pitz nach dem Holzbein, aber Morton schien noch alle Gliedmaßen zu besitzen. „Sie sind also dieser verrückte Maskensammler“, begrüßte er Pitz mit ausgestreckter Hand. Pitz lachte und hielt sich zurück, etwas Ähnliches zu entgegnen, denn er war sich nicht sicher, ob Morton einen Scherz gemacht hatte oder nicht. Der Engländer brauchte zunächst einen ordentlichen Gin Tonic. Er trank sein Glas recht schnell und mit großer Konzentration leer. Bevor Pitz das Anliegen seiner Reise erklären konnte, brauchte Morton bereits Nachschub. Erst dann schien er sich zu entspannen und stellte Pitz ein paar Fragen. „Ich habe keine Ahnung von dem Zeug. Ab und zu gibt es diese Malaga-Veranstaltungen, aber ich glaube, das ist nur ein Vorwand zum Saufen.“ Dann erklärte Morton, dass er eine junge Mitarbeiterin habe, die sich besser auskannte und er sie Pitz schicken würde, um ihn zu unterstützen. Pitz bedankte sich und wollte Morton zum Essen einladen. Morton entschuldigte sich, er wolle nur noch ein Glas trinken und dann müsse er weiter.
Als Pitz später aus dem Restaurant kam, saß Morton immer noch an der Bar. Pitz schlich sich nach draußen und hoffte, dass Morton sein Anliegen nicht vergessen hatte.

(36) Die Sorge war unbegründet, denn am nächsten Vormittag stand Daisy Sokoliss mit dem Geländewagen vor dem Hotel…

Die Sorge war unbegründet, denn am nächsten Vormittag stand Daisy Sokoliss mit dem Geländewagen vor dem Hotel und nahm Pitz mit zu einem Dorf, in dem es einen Schnitzer gab. „Wie viele Malagan-Veranstaltungen haben Sie denn schon miterlebt?“, fragte Pitz die zierliche junge Frau, die neben ihm saß und mit großer Entschlossenheit und Kraft die Gänge des alten Land Rovers wechselte. „Ich kenne sie nur vom Hören-Sagen, denn ich bin erst vor zwei Monaten hierhergekommen.“ Als sie merkte, dass Pitz skeptisch blickte, fügte sie lächelnd hinzu: „Aber ich kenn mich besser aus als Guy, denn der hat nur drei Fixpunkte auf der Insel, zwischen denen er sich die letzten Jahrzehnte hin- und her bewegt hat.“
Pitz erklärte ihr, dass Malagan-Zeremonien unregelmäßig und meistens zu Ehren von Toten abgehalten wurden. Sie konnten Tage andauern und für die Feierlichkeiten wurden spezielle Masken geschnitzt. Früher verbrannte man sie nach der Zeremonie, heute wurden sie aufbewahrt, weil es nur mehr wenige Schnitzer dafür gab. „Genau“, sagte Daisy, „und zu einem davon fahren wir jetzt.“
Nach einer Stunden Fahrtzeit bog sie in eine Schotterpiste ein und hielt dann an einer Baumhütte direkt am Strand. Davor saß ein junger Einheimischer, der gerade dabei war, in einer Kokosnussschale rote Farbe anzurühren. „Fabian Salle“, stellte Daisy vor. Glücklicherweise redete Fabian recht gutes Englisch, sodass die Kommunikation überhaupt möglich war. Neben ihm lag eine fertiggeschnitzte Maske, die aber noch gefärbt werden musste. „Tatanua“, sagte Pitz und zeigte auf die Maske. Salle lächelte und wiederholte, allerdings auf der zweiten Silbe betont: „Tatanua!“. Pitz erklärte Daisy, dass das die wesentliche Maske für eine Totenzeremonie sei und der Kamm, der wie ein Irokesenschnitt aussah, auf die Tradition zurückging, dass bei Trauerfeierlichkeiten die Männer ihre Haare bis auf einen Mittelstreifen abschnitten. Pitz fragte, womit die Farbe hergestellt wurde und Salle zeigte ihm ein rotes Felsstückchen, dass er mit einer Art Mörser zermahlen hatte und jetzt mit Öl vermischte. Pitz nahm etwas von der Paste zwischen die Finger. „Für wen ist die Maske bestimmt?“, fragte er. Salle zeigte mit dem Finger auf Pitz, was Pitz sehr verstörte. Der Ethnologe wurde blass und richtete sich auf. Daisy griff ein. „Nein, das haben Sie jetzt falsch verstanden. Es geht nicht um Ihr Begräbnis, das, wie ich hoffe, noch weit in der Zukunft liegt. Fabian meinte, dass er Ihnen die Maske gerne verkaufen würde.“ Das beruhigte Pitz zuerst, aber dann legte er doch wieder die Stirn in Falten. Er fragte nach bei Salle, der ihm bestätigte, dass er die Masken jeweils auf Vorrat fertigte und dann an Touristen verkaufte. Daisy sah, dass Pitz nicht mit der Antwort zufrieden war und fragte ihn, ob er wieder fahren wollte. Pitz nickte und ging zurück zum Land Rover.

(37) „Es ist alles kontaminiert“, jammerte Pitz, als sie wieder auf der Asphaltstraße fuhren.

„Es ist alles kontaminiert“, jammerte Pitz, als sie wieder auf der Asphaltstraße fuhren. Er klagte darüber, dass ethnologische Beobachtungen zunehmend durch die Globalisierung erschwert wurden. „Als Nächstes wird es die Tatanua-Masken wahrscheinlich in Plastik geben.“ Er schaute verdrossen aus dem Fenster zur Seite. „Ich verstehe Sie sehr gut“, antwortete Daisy. „Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen meine Geschichte erzählen. Es gibt Parallelen.“ Pitz nickte und drehte sich etwas zu ihr.
„Meine Reise nach Kavieng begann seltsamerweise mit einem Zelturlaub in Spanien. Ich war mit meinem Freund und noch ein paar anderen Leuten zum Campen hingefahren. Wir hatten Fahrräder gemietet und zelteten mal auf regulären Plätzen und manchmal auch wild. Es waren schöne Frühlingstage und ich hatte den Eindruck, dass ich nie zuvor eine schönere Zeit erlebt hatte. An einem Abend war es schon etwas später und es war kein Campingplatz in der Nähe. Wir hielten an einem reißenden Bergbach an und schlugen unsere Zelte auf. Da wir vom Radfahren völlig erschöpft waren, schliefen wir gleich ein. Plötzlich wurde ich panisch von meinem Freund geweckt. Als ich aus dem Zelt kam, war es schon ein wenig hell geworden und ich sah, dass der Bergbach mächtig angeschwollen war, über die Ufer getreten war und unser etwas erhöhter Platz wie eine Insel aus dem Wasserlauf herausragte. Allerdings nicht mehr viel. Wir markierten den Wasserstand mit Stöckchen und sahen, dass der Pegel immer weiter stieg. Die Strömung würde uns wegreißen und wir würden vielleicht ertrinken, bevor wir ans Ufer gelangen konnten.“
Sie blieb an einer Kreuzung stehen und schaute nach herankommenden Autos. „Und dann, was geschah?“, fragte Pitz. Daisy bog ab und schaltete die Gänge wieder hoch.
„Ich dachte, ich würde sterben. Die anderen suchten nach irgendwelchen Lösungen, aber ich war wie gelähmt. Als ob ich die Gewissheit hätte, dass dies mein letzter Tag sein würde. Dann fasste ich die Entscheidung, dass ich mein Leben ändern wollte, wenn ich aus dieser Lage wieder heil herauskommen würde. Es war nichts mit Beten, oder so. Es war eine Feststellung, die ich für mich machte. Wenn ich lebend aus dieser Situation herauskommen würde, dann würde ich mein Leben ändern.“
Sie schwieg, als ob sie wollte, dass ihm die Tragweite dieser Aussage stärker bewusst wurde. Er sagte nach einer angemessenen Zeit: „Nun, Sie wurden augenscheinlich gerettet. Was geschah dann?“ – „Das Wasser stieg immer weiter, bis die Zelte und die Fahrräder mitgerissen wurden. Wir hatten uns zusammengestellt auf dem höchsten Punkt. Um uns herum der reißende Bach. Dann stieg das Wasser nicht mehr und begann zuerst langsam, dann immer schneller zu sinken. Nach etwa vier Stunden war die eine Seite wieder passierbar und wir konnten uns aufs Trockene retten. Das war richtig krass.“

(38) Und wie haben Sie dann Ihr Leben verändert?

„Und wie haben Sie dann Ihr Leben verändert?“, fragte Pitz Daisy. „Das war nicht so einfach. Sie werden mich auslachen.“ Pitz erklärte, dass er Ethnologe sei und daher keine Gefahr bestünde, dass er über ihre Handlungen lachen würde.
„Ich suchte etwas, das meinem Leben mehr Tiefe geben würde. Einen Sinn. Zelten in Spanien ergibt an sich keinen Sinn. Zumindest nicht mehr für mich und nicht an diesem Punkt meines Lebens. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber Lebensweisheit war für mich immer mit Asien verbunden. Von Buddhismus bis Mutter Teresa, alles zeigte auf Asien.“
Pitz dachte, dass es nicht angebracht sei, an dieser Stelle anzumerken, dass Mutter Teresa Albanerin war. Stattdessen fragte er: „New Ireland gehört geografisch ja nicht zu Asien. Wie kamen Sie hierher?“ – „Ich weiß. Genauso wie Mutter Teresa keine Asiatin ist. Aber so funktioniert nun mal das menschliche Gehirn.“ Sie warf Pitz einen strengen Blick zu. „Ich weiß“, sagte er entschuldigend. „Wie kamen Sie denn hierher?“
„Ein Fall von Serendipität. Sie wissen schon, man sucht eine Sache und findet etwas völlig anderes. Purer Zufall. Ich suchte nach Erleuchtung in Asien und finde ein Job-Angebot von Guy Morton im Internet. Titel des Angebots war: ‚Möchten Sie mal etwas ganz anderes machen?‘. Zwei Wochen später war ich hier.“ – „Und?“ – „Es ist anders als Zelten in Spanien, das ist sicher. Aber ansonsten war es ein Reinfall. Morton ist, falls Sie es noch nicht selbst bemerkt haben, ein Trinker. Er suchte jemand, der seine diversen Aktivitäten irgendwie managed, denn zu 90% der Zeit ist er dazu nicht selbst in der Lage. Ich bin eine von vielen Studentinnen, die er sich immer wieder herholt, bis sie dann merken, was los ist.“ – „Aber er missbraucht sie nicht, oder?“ – „Nicht ausgeschlossen, aber bei mir hat er bisher noch nichts versucht. Und nachts schließe ich hinter mir ab.“ Pitz schaute zu dem Strand hinüber, an dem sie gerade vorbei fuhren. „Es geht mich ja nichts an und ich werde morgen auch wieder abreisen, denn ich komme zu spät hierher. Aber, Sie sollten hier nicht bleiben.“ – „Ach was“, grinste sie. „Wollen Sie mich unter Ihre Ethnologenfittiche nehmen?“ – „Nein, ich versuche nur, Ihnen einen guten Rat zu geben.“ Daisy griff in die Innentasche ihrer Cargojacke und zog einen Flugschein halb heraus. „Keine Sorge. Es ist schon alles geplant. Ich reise übermorgen nach Hause. Aber Morton weiß noch nichts davon, es soll eine Überraschung werden. Behalten Sie es für sich?“ Pitz nickte. Auch er fühlte sich enttäuscht von Morton. Die Globalisierung verschlang die Insel und Morton interessierte sich nur für seine Gin-Tonics. „Kann ich Sie denn heute Abend zum Essen einladen?“, fragte er Daisy. Sie schüttelte den Kopf. „Jetzt werden Sie nicht zu freundlich, Herr Pitz. Nichts für ungut, aber ich gehöre nicht zu den Souvenirs dieser Insel.“ Er wollte sagen, dass er nichts von ihr wollte, aber sie winkte ab. „Und was machen Sie, wenn Sie wieder zu Hause sind?“, fragte er sie schließlich.

(39) Ralf hatte den Sack mit Schmutzwäsche in der Waschküche ausgeleert…

Ralf hatte den Sack mit Schmutzwäsche in der Waschküche ausgeleert und seine Mutter hatte schon mit dem Sortieren begonnen. Das schien ihr Spaß zu machen. Für Ralf Söllner war das vorteilhaft, denn Wäschemachen, so schätzte er, würde ihm keine Freude bereiten. Er legte den zusammengefalteten Sack auf die Waschmaschine und wollte wieder in seine Studentenbude zurück radeln. Gerade als er schon in der Kellertreppe war, rief sie ihn noch einmal zurück.
„Kannst du dich an Daisy erinnern?“ – „Ja“, antwortete er, Sie waren gemeinsam zur Schule gegangen und Daisy hatte nicht studiert. „Sie ist wieder zurück aus Australien.“ Seine Mutter hielt Ralf immer auf dem Laufenden, was ehemalige Schulfreundinnen betraf. Insbesondere, wenn es um Daisy ging, denn mit der Mutter von Daisy hatte Ralfs Mutter einen regen Austausch, wann immer die beiden Damen sich auf der Straße oder beim Einkaufen trafen. Seine Mutter hatte Ralf auch von dem Beinahe-Unfall beim Campen in Spanien erzählt und hatte ihn darüber informiert, mehrmals sogar, bevor Daisy zu diesen Inseln geflogen war. Sie hatte wohl die Hoffnung, dass durch diese ständigen Wiederholungen sein Interesse an Daisy geweckt werden würde. „Wie lief es denn in Australien?“ – „Ich weiß es nicht“, sagte die Mutter. „Warum rufst du sie nicht mal an und triffst dich mit ihr. Das wäre doch schön.“ – „Ich überlege es mir“, murmelte er und lief die Kellertreppe hoch. Daisy, dachte er, als er durch die Haustür ging und auf seinem Rad davonfuhr. An der Kreuzung musste er stehenbleiben, weil die Tram der Linie 43 kreuzte. Die siebte Heegner-Zahl. Daisy, dachte er noch einmal, als er weiterradeln konnte. Unerreicht und unerreichbar. Der einzige Berührungspunkt war, dass er ihr mal bei Hausaufgaben geholfen hatte. Und einmal hatte er einen linkischen Annäherungsversuch bei einem Schulfest unternommen. Allerdings war der Versuch derart verkrampft gewesen, dass ihn Daisy nicht mal als solchen wahrgenommen hatte. Ralf fuhr an dem ExpressSushi113 vorbei, dessen große orangefarbene Werbung ihm immer ins Auge sprang. Die Summe von zwei aufeinanderfolgenden Quadraten, 7 und 8, dachte er, wie immer, wenn er das Schild sah. Auf dem Schulfest hatte er es länger als normal für ihn ausgehalten. Er hatte sich vorgenommen, etwas Unerhörtes zu wagen. Allerdings war ihm nicht klar, was und wie. Er hatte sie die ganze Zeit im Auge behalten. Es war schon dunkel geworden und die Schulband hatte mit ihrem lauten Konzert angefangen. Er hatte zwei Flaschen Bier gekauft und war zu Daisy hinübergeschlendert. Sie stand mit zwei Freundinnen an der Hauswand gelehnt. Er bot ihr ein Bier an und zu seiner Überraschung nahm sie es. Ab dort hatte er improvisieren gemusst, denn seine Fantasien hatten nicht weiter gereicht. Er wusste nicht mehr, wovon er redete. Nach einer Ewigkeit, die seitens Daisy damit verstrich, dass sie das Bier trank, während er vor sich hin sabbelte, drückte sie ihm das leere Bier in die Hand, schob ihn zur Seite und ging auf die Tanzfläche. Eigentlich hatte er nichts weiter gewünscht, denn er konnte sich nicht vorstellen, wie es sonst weitergegangen wäre. Auf die Tanzfläche wäre er nicht gegangen, denn das war nicht seine Welt. Genausogut hätte er in einem Lavastrom schwimmen können.

(40) Als Ralf wieder in seiner Wohnung war, hatte er Daisy immer noch im Kopf.

Als Ralf wieder in seiner Wohnung war, hatte er Daisy immer noch im Kopf. Eigentlich wollte er weiter an dem mathematischen Modell des Thompson-Spencer Postulats arbeiten, aber er konnte sich nicht konzentrieren.
In solchen Fällen ging er online und schaute sich auf Flickr Fotos an, die in einer Primzahlen-Gruppe zusammengestellt waren. Das fokussierte seine Aufmerksamkeit auf jeden Fall.
Ein Rennwagen in rasanter Kurvenfahrt, bei dem Steine zur Seite wegspritzten. Startnummer 269 auf der Motorhaube. – Der 269. Tag eines Nicht-Schaltjahres war der 26.9.
Ein unheimliches Haus in einem Schneegestöber. Davor eine Reihe von fünf Mülltonnen. Auf der mittleren war ‚193‘ mit weißer Farbe aufgepinselt. – Der Unterschied zwischen Produkt und Summe der ersten vier Primzahlen.
Eine alte Straßenbahn der städtischen Verkehrsbetriebe irgendeiner Stadt. Auf dem unteren olivgrün gestrichenen Teil des Wagens in Gelb die Zahl 359. – Kordemskis 359 Moskauer Rätsel. Eines von Ralfs Lieblingsbüchern.
Eine Petrischale, in der schwarze Einschlüsse in der Nährlösung zu sehen waren. Mit Filzmarker war die Oberfläche mit ‚137‘ beschriftet. „Ha“, dachte Ralf verzückt, „hier haben wir die Feinstrukturkonstante und das Feynmanium gleichzeitig. Eine schöne Zahl.“ Er klickte weiter.
Ein verschwitzter Marathonläufer mit Haarausfall an der Stirn, die von einem breiten Stirnband überquert wurde. Über dem Bauch war ein weißes Tuch mit Sicherheitsnadeln befestigt, darauf die Zahl 311. – Die kleinste dreistellige Primzahl, die die Summe war von drei weiteren dreistelligen Primzahlen, nämlich 101, 103 und 107.
Ein Schlüssel, der an einem Haken hing, und in dessen Kopf die Zahl ’79‘ eingraviert war. – 79 war die Differenz zwischen zwei hoch sieben und sieben hoch zwei.
Eine riesige Stahlplatte, die von einer mächtigen Kette am Haken gehalten wurde. In großen weißen Zahlen stand darauf ‚223‘ gemalt. – Die Summe von sieben aufeinanderfolgenden Primzahlen, nämlich von 19 bis 43.
Bei dem nächsten Bild war er zuerst verdutzt. Es stellte eine Zeichnung dar, von einem gefolterten Christus, dem die Unterarme fehlten und der in einem Blutmeer stand, in dem andere Köpfe schwammen. Daneben stand „Slayer“ und „Christ Illusion“. Es war wohl das Cover einer Schallplatte. Was Ralf aber zum Stirnrunzeln brachte, war die Zahl auf Christus‘ Brust, die 666. Jemand musste das Foto versehentlich zu den Bildern mit Primzahlen einsortiert haben. Er schreib dem Besitzer des Fotos einen Kommentar, dass 666 natürlich keine Primzahl sei und er das Bild doch aus der Primzahlen-Gruppe entfernen möchte. Außerdem, das schrieb er natürlich nicht, war die 666 eine gewöhnliche Zahl, ohne großen Charme. Zwar war es die 36. Dreieckszahl und ein Zahlenpalindrom, mehr aber auch nicht.

(41) Noch zwei Stunden bis zum Auftritt von Tear/Slash&Plunder, der angesagten Trash Metal Band.

Noch zwei Stunden bis zum Auftritt von Tear/Slash&Plunder, der angesagten Trash Metal Band. Die Multifunktions-Arena war ausgebucht, die Zuschauer hatten schon mit der Party begonnen und der Verkauf von Fanartikeln lief beständig.
In einer guten Stunde würde die Vorgruppe loslegen. Rick Delvecchio, der Gitarrist und Sänger von Tear/Slash&Plunder und Stiff Richter, der Bassist, saßen in der Garderobe und tranken Bier aus der Flasche. Sie trugen bereits ihre Bühnenklamotten aus Leder mit den Ketten und den rostigen Nägeln. Das Blut und Mehl-Makeup legte sie immer erst im letzten Augenblick auf, denn sonst hielt es nicht durch bis zum Ende des Auftritts. Dan Russo, der Schlagzeuger, schlief noch im Tourbus, wie er es immer vor Auftritten tat. Es verbesserte seinen Rhythmus, wie er sagte. Aber Schlagzeuger hatten ja immer irgendeine Macke.
„Ich habe letztlich etwas Interessantes gelesen“, sagte Rick. Stiff nickte ihm aufmunternd zu und bewegte das Ende seines Kettengürtels, das ihm zwischen den Beinen hing, in Schlangenlinien. „Ich habe immer gedacht, dass The Number of the Beast, also die 666, einfach nur eine Marke sei. Etwas um den Teufel zu erkennen, wenn man ihn sieht. Wie der Mercedesstern, in etwa.“ – „Und?“, fragte Stiff. „Nun, es stellt sich heraus, dass die 666 in der Bibel eine besondere Bedeutung hat. Das hat damit zu tun, dass hebräische Buchstaben auch immer Zahlen darstellen.“ – „Du meinst, so wie bei einem Geheimcode?“ – „Ja genau. So wie der Buchstabe A eine Eins darstellt, B eine 2 und so weiter. Da gibt es eine ganze Wissenschaft dazu. Die heißt Gematrie. Ganz verrückt.“ Stiff schaute skeptisch und wirbelte das Kettenende in einem kleinen Kreis. Es klirrte leicht, wenn es an der Bierflasche entlang glitt.
„Auf jeden Fall steht 666 für Kaiser Nero, habe ich gelesen. Nero ist der Teufel und man hat die Botschaft damals verschlüsselt, um der Zensur zu entkommen. Verstehst Du?“ Stiff antwortete nicht. „Die hatten damals mit der Bibel die gleichen Probleme wie wir. Sie hatten eine wichtige Botschaft, aber sie durften sie nicht veröffentlichen. Deshalb mussten sie sie verschlüsseln.“ – „Wir verschlüsseln doch nichts“, antwortete Stiff. „Bei uns heißen Gehirnstückchen in einer Blutlache Gehirnstückchen in einer Blutlache. Es gibt keine Zensur. Du klingst ja so wie all die durchgeknallten Satanistenfreaks da draußen. Immer eine Bedeutung suchen. Durchgeknallt. 666 ist einfach nur ein geiles Bild. Das ist ein phallisches Symbol, die 6. Und drei davon ist dreimal phallisch. Das ist Sex Sex Sex, Mann.“ – „Bullshit“, antwortete Rick. „Du hast eine total vereinfachte Sicht der Welt. Wenn du damit hausieren gehen willst, dann kannst du gleich in einem Konzert von Silvester Jules auftreten.“