(30) Warum mussten Sie den Mann erschießen?

„Warum mussten Sie den Mann erschießen?“, fragte der Polizeipsychologe die junge Polizistin, die zusammengesunken ihm gegenüber am Tisch saß. Vor ihr stand eine Schachtel mit Discount-Kleenex, über dem Tisch summte eine Neonlampe. Es war das dritte Gespräch, das er mit Doris Kaplan führte und es schien, als ob sie jetzt bereit war, sich zu öffnen. Nach und nach konnte er sie dazu bewegen, den Vorgang aus ihrer Sicht zu schildern. Es hatte einen Notruf gegeben und man hatte sie zu einer Sportanlage geschickt, wo ein Amokläufer wüten sollte. Als sie ankam, stellte sich heraus, dass es ein baufälliger Hangar war, vor dem sie von neun, nur mit Badehose bekleideten Männern erwartet wurde. Vier der Männer hatten blutende Bisswunden am Körper. Sie erzählten, dass sie in dem Hangar Bityou gespielt hatten, als ein Mitspieler, ein Neuling, eine Art Psychose erlitten hatte und anfing, entgegen der Regeln, bis aufs Blut zu beißen. Der Mann, ein Harald Bremer, hatte sich in einen Blutrausch gesteigert. Sie hatten den Hangar verlassen, die Tür versperrt und die Polizei gerufen.

Doris beschloss hineinzugehen, um den Mann zur Vernunft zu bringen. Ihr Kollege sicherte von außen den einzigen Zugang. Im Hangar war es dunkel und chaotisch. Instinktiv nahm sie ihre Pistole aus dem Holster und schaute sich vorsichtig um. Immer war sie bedacht, eine Deckung von hinten zu haben. Sie rief den Mann mit Namen. Sie erklärte, dass alles in Ordnung sei und er nichts zu befürchten habe. Sie sei da, um nach ihm zu sehen. Sie spürte, dass jemand sie beobachtete, konnte aber nichts sehen oder hören. Mitten im Hangar stand ein großer gelber Bagger, als ob ihn jemand einfach stehengelassen hätte. Der Führerstand war leer. Sie nutzte das Ungetüm als Schutz und ging um das Fahrzeug herum, den Blick ins Halbdunkel gerichtet. Dann ging alles sehr schnell. Als sie aus der Deckung der Ketten herauskam, stürzte hinter der Schaufel ohne Warnung und geräuschlos ein nackter Körper heraus in ihre Richtung. Ohne nachzudenken hatte sie ihre Pistole auf ihn gerichtet und dreimal abgedrückt. Ein Schuss ins Herz war sofort tödlich.

In ihrer Aussage bei dem Psychologen erwähnte Doris Kaplan mehrfach, dass sie sich wie in einem Horrorfilm vorgekommen war und, während sie um den Bagger herumging, Visionen von Blut gehabt hatte. Unterbewusst war sie darauf konditioniert gewesen, dachte der Psychologe, bei der geringsten Auffälligkeit zu schießen. Wäre sie nicht in einer solchen Drucksituation gewesen, hätte sie die Gefahr bestimmt erkannt und wäre aus dem Hangar hinausgegangen, bevor es zum Schießen kam. Es bestand keine akute Gefahr und das kurz darauf eintreffende SEK hätte die Situation ohne Probleme klären können, der Mann war nackt und unbewaffnet. Aber es war für Doris eine Stresssituation und sie war nicht in der Lage gewesen, rational zu denken.

Einen Fehler hatte sie begangen, eine Schuld traf sie aber nicht. So das Ergebnis der internen Untersuchung. Allerdings schien sie nicht für diese Art Polizeidienst geeignet zu sein. Das war auch der Grund, den sie kurze Zeit später angab, als sie den Polizeidienst quittierte. Am Ende blieb nur eine Schlagzeile in der Boulevardpresse: „Die Beißer-Killerin schmeißt hin.“

(31) Doris Kaplan fand eine Stelle bei der Hundesteuerverwaltung.

Doris Kaplan fand eine Stelle bei der Hundesteuerverwaltung. Im Vergleich zur Arbeit einer Streifenpolizistin war dieser Job nicht besonders anspruchsvoll, was ihr sehr entgegenkam. Selbst Monate nach dem Schuss hatte sie immer noch Erinnerungsblitze an den Tag. Dabei sah sie auch immer die Fotos des toten Harald Bremer. Darauf schien er sehr friedlich, aber in ihren Träumen riss er jedes Mal plötzlich die Augen auf, dann den Mund und stürzte sich mit spitzen, bluttriefenden Zähnen auf sie. Das wühlte sie immer stark auf und sie konnte dann nicht weiter an der Hundedatenbank arbeiten.

Eines Abends saß sie in einem Restaurant. Alleine, denn sie konnte es nicht ertragen, dass im Gespräch mit anderen plötzlich ein Flashback sie erwischte. Schräg gegenüber saß ein junges Paar zusammen. Der Mann erinnerte sie an Harald Bremer. Es brachte ihr Herz zum Klopfen, aber sie hielt es aus. Es war eine positive Aufregung. Der junge Mann sah unglücklich aus. Er beteiligte sich kaum am Gespräch, seine Schultern hingen und seine Augen waren von großer Traurigkeit erfüllt. Nach der Hauptspeise legte er seine Serviette auf den Tisch und schien sich zu entschuldigen. Er stand auf und ging in Richtung der Toiletten. Ohne nachzudenken, stand Doris ebenfalls auf und folgte ihm. Ohne zu zögern, überschritt sie die Schwelle der Männertoilette. Der junge Mann stand vor dem Urinal und öffnete gerade den Reißverschluss seiner Hose. Er sah sie im Spiegel auftauchen, drehte sich reflexartig um. Sie griff ihn am Jackett und zog ihn in die Kabine daneben, drückte die Tür mit dem Fuß zu und küsste den jungen Mann auf den Mund. Er küsste zurück.

Der Sex in der Toilettenkabine war unbequem und für sich alleine genommen unbefriedigend. Aber Doris spürte, wie sie von ihm Energie erhielt und dass auch sie etwas bei ihm bewirkte. Als er fertig war, schien er unsicher, aber gleichzeitig auch glücklicher. Er küsste sie ein letztes Mal auf den Mund, dann öffnete er die Kabinentür und ging hinaus. Während sie ihr Kleid richtete, hörte sie, wie er sich die Hände wusch und nach draußen ging. Bevor sie ins Restaurant zurückkehrte, schlüpfte sie noch in die Damentoilette, um ihr Make-up zu richten. Zurück an ihrem Tisch sah sie, dass das junge Paar beim Nachtisch war. Der junge Mann lächelte seine Begleiterin an. Erst als Doris gezahlt hatte und den Mantel zum Gehen anzog, trafen sich ihre Blicke noch einmal. Doris spürte so etwas wie Dankbarkeit in seinen Augen.

Seitdem hielt sie in Restaurants immer wieder die Augen offen nach unglücklichen jungen Männern und verführte sie auf Herrenklos. Es war, als ob sie ihre Bestimmung im Leben gefunden hätte und endlich mit Harald Bremer ihren Frieden schließen konnte.