(10) Morgen müssen wir das Fett austauschen, einen Tag geht noch.

„Morgen müssen wir das Fett austauschen, einen Tag geht noch“, stellte Ida Dobbins fest, als sie in die große Fritteuse schaute. „Diesmal bist du dran, die Eimer zu füllen“, entgegnete Doreen Stubbs und fuhr fort, den glitschigen Boden in dem Fish & Chips-Imbiss zu schrubben. Die beiden Damen waren jenseits der Sechzig und besserten ihre Rente auf, in dem Sie den „Codfather“ nach Ladenschluss sauber machten. Viele Verdienstmöglichkeiten gab es nicht in Biggleswade und deshalb nahmen sie den schmutzigen Job spät am Abend in Kauf.

„Ich frage mich, wie lange wir den Job noch machen können“, sagte Ida. „Jetzt wo Mr Trubshawe nicht mehr lebt, wird das ganze Unternehmen bestimmt verkauft.“ – „Da mache ich mir keine Sorgen, Ida, egal wer die ganzen Restaurants kauft, er wird jemand in Biggleswade brauchen, um den Laden sauber zu halten.“ – „Ich weiß nicht, Liebes, ich bin da nicht so optimistisch. Veränderungen machen mir Angst.“

Ida nahm sich die Kasse vor und wischte mit einem feuchten Lappen das Fett und den Dreck des Tages weg. Doreen hatte hinter der Theke fertig gewischt und richtete sich auf. Der Rücken tat ihr weh. Jetzt musste sie im Besucherbereich weitermachen. Da war es nicht so dreckig und sie konnte schneller wischen.

„Vielleicht können wir ja mal Mr Hoggs fragen, was jetzt mit uns passiert.“ Mark Hoggs war der Geschäftsführer der Filiale Biggleswade der landesweiten Fish & Chips-Kette mit dem Namen Codfather. Gerade als Doreen den Satz zu Ende gesprochen hatte, trat Hoggs in den Laden. Die Türglocke klingelte aufdringlich und Ida krächzte ein raues „Wir haben geschlossen!“ in die Richtung, ehe sie bemerkte, dass es ihr Chef war, der eben hereingekommen war. „Guten Abend, Mr Hoggs. Ich hatte Sie nicht gesehen.“ Hoggs winkte ab. „Habe meine Autoschlüssel vergessen. War noch im Pub. Alles in Ordnung, meine Damen?“ Leider fielen ihm die Namen der zwei Putzfrauen nicht ein. „Alles in Ordnung, Mr Hoggs“, antwortete Ida. Doreen kam näher, in der Hand immer noch den Schrubber. „Es tut uns leid wegen Mr Trubshawe“, sagte sie. Hoggs nickte. „Ja, schlimme Sache. Im Urlaub ausgerutscht und einfach so tot.“ Er schüttelte den Kopf. „Wissen Sie denn, was jetzt mit den Restaurants passiert?“, fragte Ida. Hoggs dachte nach. Er hatte gehört, dass ein Verkauf anstehen sollte und dass man einige Filialen schließen würde, darunter auch die in Biggleswade. Er hatte schon begonnen, nach einem neuen Job zu suchen. Aber Panik in der Belegschaft wäre schlecht. „Ich denke, dass Fish & Chips immer gegessen werden und dass das Leben weitergeht.“ Doreen strahlte. „Das haben Sie sehr schön gesagt, Mr Hoggs. Und das ist ja eine sehr gute Nachricht. Nicht wahr, Ida?“ Ida sah etwas skeptisch aus, aber hob dann doch die Mundwinkel zu einem halbherzigen Lächeln.

Hoggs schaute von einer Frau zur anderen. „Jetzt muss ich aber.“ Er holte seine Schlüssel aus dem Hinterzimmer, verabschiedete sich von den Putzfrauen und hetzte aus dem Restaurant.

(11) Hoggs startete den Wagen und preschte zum Pub zurück.

Hoggs startete den Wagen und preschte zum Pub zurück. Hoffentlich hatte er mit den alten Schachteln nicht zu viel Zeit verloren und Martha war immer noch in Stimmung, mit zu ihm nach Hause zu fahren. Er war schon länger hinter der scharfen Gemeindesekretärin her gewesen, aber bisher hatte sie ihn immer abblitzen lassen. Heute war sie in Stimmung und hatte viel getrunken. Erst als sie ihn fragte, ob sie mal sein Haus sehen könnte, war ihm eingefallen, dass er das Auto beim Restaurant stehen hatte und noch nicht einmal die Schlüssel mitgenommen hatte.

Er stellte den Wagen vor der falschen Fachwerkfassade des „Cock and Bull“ ab und lief hinein. Langsam kam die Sperrstunde näher, aber der Gastraum war noch sehr gut gefüllt. Die Jukebox spielte „Tunnel of Love“ von den Dire Straits. Barney stand am Zapfhahn und nickte ihm zu. Mark sah sich um. Er konnte Martha Collins nirgendwo sehen. Er ging zwischen den anderen Gästen umher, grüßte zurück, wenn er angesprochen wurde. Als er erfolglos eine Runde gedreht hatte, fragte er eine Frau, die vom Damenklo kam, ob sie Martha gesehen hatte. Auch nichts. Er fragte weiter. Die Männer hatten Martha irgendwann am Abend wahrgenommen, aber keiner wusste, wo sie jetzt war. Mark ging zurück zu Barney an den Tresen. „Vielleicht holt sie gerade Zigaretten“, sagte Barney stoisch. „Ich habe von Trubshawes Tod gehört. Wird der Laden jetzt verkauft?“ Mark schaute weiter um sich. „Ja, wahrscheinlich. Die Familie will nicht weiter machen.“ – „Wäre das nichts für dich?“ Mark musste lachen. „Nee, lass mal. Dafür bin ich nicht der Richtige.“ – „Wäre auf jeden Fall sehr schade, wenn das Restaurant schließen würde. Auch für Biggleswade. Gehörte immer dazu, der Laden.“

Mark war frustriert. „Ich wüsste zu gerne, was mit Martha passiert ist.“ Ein keuchendes Kichern kam vom Tresen hoch. Dort saß Joey Webster, der zahnlose Hausbetrunkene des ‚Cock and Bull‘. „Weißt du was, Joey?“, fragte Mark und beugte sich hinunter. „Die dralle Martha ist mit Sid Skinner weg.“ Sid Skinner war fast 50, Junggeselle und betrieb im Ort einen Autohandel. Jeder kannte Sid. Mark spürte, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten und es wurde ihm ganz heiß im Gesicht. „Sid? Du lügst. Sid ist mein Freund, das würde er nicht machen!“ Mark schaute fragend Barney an, der aber einen neutralen Gesichtsausdruck behielt. Joey war schon wieder eingepennt. „Hey Joey!“ Mark schüttelte den Trinker. Dessen Arm fiel vom Tresenrand und Joey schlug mit dem Kinn auf dem Holz auf. Mark griff sich ein Sodasiphon und sprühte Joey an. Der blubberte, wachte aber nicht auf. „Kein Waterboarding in meinem Pub“, sagte Barney und nahm Mark den Siphon wieder ab. „Wenn du das klären willst, dann musst du mit Sid sprechen. Joey kann nichts dafür.“ Mark schlug die flache Hand auf den Tresen und machte kehrt. Als er die Tür erreichte, schlug Barney die Glocke und rief „Last Call“.

(12) Sid wohnte in einem Haus neben seinem Autohandel.

Sid wohnte in einem Haus neben seinem Autohandel. Mark hielt direkt vor der Einfahrt, die mit einem Drahtzaun verschlossen war und stieg aus. Er öffnete die Gattertür mit dem Schild „Warnung vor dem Hund“ und ging mit schnellen Schritten auf das Haus zu. Im Erdgeschoss war Licht. Billy, der Schäferhund, kam auf ihn zu. Mark tätschelte ihm kurz den Kopf und riss die Haustür auf. Durch den Flur marschiert und dann stand er im Wohnzimmer. Sid war so erschrocken, dass ihm die Bierflasche aus der Hand fiel. Dennoch war er geistesgegenwärtig genug, sie zu retten, bevor allzu viel herausgeflossen war.

„Wo ist Martha?“ Mark schaute sich um. „Ist sie im Bad? Welche fiese Nummer ziehst du hier ab, Sid Skinner, Gebrauchtwagenhändler?“ Sid hatte seine sprichwörtliche Ruhe wiedergefunden und grinste. „Da ist aber jemand aufgebracht. Und ja, ich bin Gebrauchtwagenhändler, na und? Kann gut sein, dass Martha im Bad ist…“ Mark wollte schon die Treppe hochlaufen. „… aber nicht in meinem, Mr Chippy!“ Mark hielt inne und schaute Sid fragend an. Sid ging zum Kühlschrank, der praktischerweise im Wohnzimmer als TV-Möbel fungierte, nahm ein Bier heraus und öffnete die Flasche für Mark. Er erzählte, dass er vorhin gehen wollte und Martha ihn bat, sie nach Hause zu fahren. Ihr war schlecht und sie konnte nicht mehr auf Mark warten, der verschwunden war. „Das Gute daran war, dass sie mir nicht ins Auto gekotzt hat. Dafür aber auf den Scheinwerfer des Jaguars. Kannst es dir gerne draußen ansehen. Vielleicht hängt sie immer noch bei sich über der Schüssel. Kannst auch gerne hinfahren und ihr die Haare aus dem Gesicht halten. Ich bin auf jeden Fall hierher gefahren. Home Sweet Home. Cheers.“

Sie stießen an, Mark trank und murmelte eine Entschuldigung, die Sid annahm. Sie setzten sich. Sid erzählte, dass er einmal eine Affäre mit Martha gehabt hatte, vor langer Zeit. Wie viele am Ort. „Es lohnt nicht, Mark. Sie hat noch keinen, nicht weil sie nicht will, sondern weil sie eine Nervensäge ist. Ich wollte es dir schon länger sagen, aber ich dachte mir, dass die Jugend ihre eigenen Erfahrungen machen sollte.“ Mark ließ die Warnung so stehen. Er erzählte, dass er es schwer hatte, Frauen kennenzulernen. Auch weil er immer ein wenig nach Frittierfett roch.

„Das kann ich verstehen, Mark. Das bleibt immer an einem kleben. Bei mir ist es der Job. Wenn du erzählst, dass du Gebrauchtwagen verkaufst, denken alle du wärst so einer wie Richard Nixon. Man meidet dich. Die ehrbaren Frauen meiden dich, um es genauer zu sagen. Es bleiben nur die Flittchen ohne Moral. Wenigstens geht es bei denen schneller zur Sache.“

Für einen Moment war es still. Billy kratzte an der Tür und Sid ließ ihn herein. Der Schäferhund legte sich neben den brummenden Kühlschrank „Aber ich bin da auch nicht besser“, fuhr Sid fort. „Letztes Jahr, als ich in London bei der Motor Show war, hatte ich eine Frau kennengelernt. Sah gut aus, intelligent, lustig. Ich dachte schon, da ist was faul an der Sache. Der Abend ging dahin und dann kam es raus: Sie arbeitete als Altenpflegerin. Da war es aus bei mir. Ich konnte dann nur noch daran denken, wie sie alten Knackern den kotverschmierten Hintern abputzt. Total unfair, aber wenn du so ein Bild mal im Schädel hast – da kriegst du keinen mehr hoch.“

(13) Jasper Joyner war ein netter alter Herr gewesen.

Jasper Joyner war ein netter alter Herr gewesen. An seinen letzten Lebenstagen war er zwar etwas mürrisch geworden, aber sonst hatte er zu Janes liebsten Patienten gehört. Jane Albright hatte gerade Joyners persönliche Sachen sortiert. Ein Haufen für die Angehörigen, ein Haufen für den Müll. Die Verwaltung hatte eine Adresse, wohin der erste Haufen geschickt werden sollte. Er war recht klein. Ein Packen Fotos, ein paar offizielle Papiere, ein vergoldeter Kugelschreiber und eine Brille. Mehr war da nicht. Als sie zuerst Altenpflegerin geworden war, hatte es sie traurig gestimmt, dass alle Menschen, die sie betreute, in ihrer Obhut starben. Jetzt gehörte es zum Job. Altenpflege war eine Einbahnstraße.

Jane schaute auf die Uhr. Es war Zeit für Germaine Rodgers Bad. Germaine war die dickste Bewohnerin des Cavendish Nursing Home. Alle zwei Wochen musste sie gebadet werden, weil dann auch das stärkste Duftwasser nichts mehr ausrichten konnte.

Jane holte den Krankenlifter aus dem Abstellraum und rollte ihn zu Germaines Zimmer. Das Gerüst des Lifters erinnerte sie an das Gestell, das sie bei Dave gesehen hatte. Er benutzte seines, um abgeschossene Wildtiere kopfüber aufzuhängen. So konnte er sie besser ausweiden. Dave war Berufsjäger, einer von denen, die reiche Touristen zum Wild brachten. Manchmal brachten sie auch das Wild zu den Touristen. Jane hatte ihn über ihren Schwager getroffen, der den Bruder von Dave kannte. Wie das halt so ging, wenn man selbst nicht viel unter die Leute kam. Wenigstens hatte Dave kein Problem mit ihrem Job gehabt. Nicht wie dieser Idiot, den sie mal getroffen hatte und der völlig schlappmachte, als er hörte, dass sie sich um alte Menschen kümmerte. Und der Typ war selbst Gebrauchtwagenhändler! Dave war da anders. Ein stiller Typ, eigentlich ein Naturkerl, dem nichts fremd und keine Aufgabe zu dreckig war. Der hätte auch kein Problem mit Germaine Rogers gehabt, dachte sie als sie den Lifter in Germaines Zimmer schob.

Die alte Dame saß auf dem Bett und protestierte, als Jane ins Zimmer kam. „Es muss sein“, sagte Jane nur. Die Erfahrung hatte gezeigt, dass eine Diskussion zwecklos war. Jane hatte sich angewöhnt, nicht mehr hinzuhören und einfach das zu machen, was gemacht werden musste.

Sie legte das Netztuch neben Germaine auf das Bett. Es war eine mühevolle Arbeit, der alten Dame das Nachthemd und die Windel auszuziehen. Zeitweise musste Jane die Luft anhalten, obwohl sie sonst sehr unempfindlich war. Dann schob sie Germaine das Hebetuch unter, positionierte den Lifter über sie und hob die Patientin an. In der Position würde sie Germaine einseifen und abbrausen können, ohne sie noch einmal hinzusetzen. Sie legte ein großes Frotteetuch über die Fettwülste der Patientin und fuhr dann mit ihr auf den Gang in Richtung Baderaum. Hoffentlich würde Germaine so lange dichthalten, bis sie ihr wieder eine Windel anlegen konnte.

(14) Vorsichtig streckte Dave Spinner sein Bein aus.

Vorsichtig streckte Dave Spinner sein Bein aus. Bei dem langen Warten auf dem Hochsitz tat es gut. Heiko, der deutsche Jagdgast mit dem unaussprechlichen Nachnamen, starrte stoisch hinaus in die Morgendämmerung. Er hatte einen Sikahirsch gebucht und dies war der zweite Tag, an dem sie beim Tagesanbruch auf ein hoffentlich stattliches Trophäentier warteten. Für Oktober war es noch ganz angenehm warm, aber die Nächte waren schon länger geworden. Zwei weitere Tage und Heikos Urlaub war zu Ende. Dann würde Dave Jane wiedersehen. Wenn es bei ihr passte, denn er hatte sie noch nicht gefragt. Sie könnte jemand finden, der viel besser war als er. Ein Naturheini wie er, der sich draußen im Wald ganz gut zurechtfand, aber in der Stadt so unbeholfen war, wie ein Dachs mit einer Angelrute. Der von Kunst und Kultur keine Ahnung hatte, dafür aber einen Hirsch so schnell aufbrechen konnte wie kein zweiter. Was man aber in der Stadt nicht brauchte.

Heiko Taugerbeck saß neben ihm und dachte an seine Frau Henriette. Als er die Jagdreise gebucht hatte, hoffte er, dass sie ihn begleiten würde. Nicht zur Ansitzjagd selbst, das wäre zuviel verlangt gewesen. Aber zumindest nach Gloucestershire, um im Hotel auf ihn zu warten. Den Sikahirsch wollte er unbedingt, danach hätten sie einfach entspannt Urlaub gemacht. Henriette hatte nur gefragt, wie viel die Jagdreise kostete und dann für den gleichen Preis eine Kreuzfahrt gebucht. Es wäre natürlich richtig gewesen, mit ihr zu gehen und den Hirschen irgendwann später zu schießen. Aber Heiko war blockiert gewesen, denn er hatte sich auf die Jagdreise gefreut. So hatte er darauf bestanden, nach England zu fliegen. Und da war er jetzt und konnte sich doch nicht darüber freuen. Er hoffte, dass es Henriette wenigsten genauso erging auf ihrer Kreuzfahrt.

Dann sah er draußen auf der Lichtung eine Bewegung. Etwas Größeres musste es sein. Er blickte zu Dave, der seinen Blick in den Himmel gerichtet hatte. Er schien in Gedanken verloren. Das große Tier kam weiter aus dem Wald heraus und Heiko erkannte, dass es ein Sikahirsch war. Ein stattliches Tier. Es hatte die weißen Flecken fast schon ganz verloren. Nur das Geweih konnte Heiko nicht ausmachen.

Dave reagierte immer noch nicht. Heiko dachte schon, dass er vielleicht eingeschlafen sein könnte, aber er konnte die leichte Reflexion in den Augen erkennen. Der Hirsch stand immer noch da, wie auf einem Servierteller. Es wäre gegen die Regeln, ihn einfach zu schießen, ohne Zustimmung des Wildhüters. Heiko stieß Dave mit dem Fuß leicht an. Der Berufsjäger zuckte zusammen und stieß mit dem Arm die Thermoskanne mit Tee von der Holzbank. Mit einem dumpfen Knall fiel sie auf den Boden des Hochsitzes. Aus den Augenwinkeln sah Heiko nur noch die weiße Farbe des Spiegels an den Hinterläufen des Tieres, bevor es im dunklen Wald verschwand. Dave kniff die Augen zusammen, als ob er litt. Heiko klopfte ihm beruhigend mit der Hand auf das Knie. So ein Patzer konnte jedem mal unterlaufen.

(15) Der Abschuss war Heiko Taugerbeck am folgenden Tag geglückt.

Der Abschuss war Heiko Taugerbeck am folgenden Tag geglückt. Danach hatte er keine Ruhe mehr gehabt und war frühzeitig wieder nach Hause geflogen. Um Präparation und Versand der Trophäe des Sikahirschs kümmerte sich der Veranstalter. Ein weiteres Teil, das er nur in der Jagdhütte sehen würde, denn Henriette duldete keine toten Tiere im Haus.

Als Taugerbeck zu Hause aus dem Taxi stieg, wunderte er sich über die fremden Autos, die davor standen. Henriette war noch auf ihrer Kreuzfahrt und Michael, ihr gemeinsamer Sohn, müsste eigentlich an der Uni sein. Als Taugerbeck den Schlüssel ins Schloss schob hörte er laute Musik mit verzerrten elektronischen Tönen. Er ging hinein und stellte seine Kleidertasche und den Gewehrkoffer ab. Er ging ins Wohnzimmer.

Dort sah es auf wie nach einer Explosion. Die Möbel waren alle gegeneinander verschoben. Die Sitzgarnitur war umgekippt und oben drauf lagen Kissen wie Burgzinnen. Auf der anderen Seite lag der Couchtisch, auch umgekippt. Dahinter waren auf beiden Seiten zwei langhaarige Freaks und in den Händen hielten sie, Heiko spürte wie sich sein Hals zuschnürte, seine Waffen! Er sah die F3 Game, den Drilling 37 von Heym und das Smith & Wesson Modell 59. Und vor allem seine geliebte AYA No. 53! „Schluss!“, schrie er. Vier Augenpaare schauten ihn entgeistert an. Die Freaks legten die Waffen auf die Möbel und hoben absurderweise die Hände. „Macht diesen Krach aus!“. Taugerbeck zitterte vor Wut. Einer der Freaks drückte einen Knopf auf einem großen Kasten, aus dem die Musik herauskam. Es war plötzlich still. „Und nehmt die Hände runter. Alle Waffen auf den Boden legen. Aber vorsichtig, ich warne euch!“ Sorgfältig legten sie die Schusswaffen nieder.

„Herr Taugerbeck, es tut uns leid…“ Der junge Typ mit der lockigen Mähne und dem lächerlichen Schnauzbart schien der Anführer zu sein. Zumindest war er der Einzige, der redete. Die anderen standen nur blöde glotzend hinter ihren Kissenforts. Taugerbeck hatte nicht übel Lust, sie alle abzuknallen. „Wer seid Ihr Arschlöcher?“ – „Wir sind Kommilitonen von Michael. Wir wollten nichts Böses. Nur ein bisschen feiern…“ – „Wo ist Michael?“ – „Oben, er schläft. Ihm war nicht gut.“ Taugerbeck schaute von einem zum anderen, als wollte er sich ihre Gesichtszüge genau einprägen. „Macht dass Ihr verschwindet. Jetzt!“ Sie stolperten an ihm vorbei. Er stand dazwischen wie ein Fels in der Strömung. Innerhalb von ein paar Sekunden waren sie draußen. Die Haustür klappte zu, man hörte die Autos starten. Dann war es still.

Taugerbeck sammelte die Waffen ein und überprüfte sie. Sie waren nicht geladen und er sah keine Beschädigungen an ihnen. Er nahm sie mit in sein Arbeitszimmer. Der Waffentresor stand offen. Michael kannte die Kombination. Taugerbeck würde sie ändern müssen. Wenigstens war das Innenfach mit der Munition immer noch verschlossen. Nicht auszudenken. Er stellte die Waffen zurück und schloss den Tresor. Dann ging er nach oben.

Michael lag angezogen im Bett. Taugerbeck berührte ihn, erst leicht, dann fester. Er fühlte nach dem Puls und fand ihn. Er schüttelte Michael, aber er wachte nicht auf. Taugerbeck dachte nach und griff dann zu seinem Mobiltelefon, um den Notarzt zu rufen.

(16) Es war ein langer, tiefer Fall gewesen.

Es war ein langer, tiefer Fall gewesen. Aber Michael hatte nicht geschrien und er war auch nicht aufgewacht. Den Aufprall hatte er gar nicht gespürt. Er lag nur da im Sand, die Sonne schien und ein leichter Wind fachte Staubkörnchen an. Der Wind wurde stärker und rauschte. Er zerrte an ihm, hin und her. Aber Michael blieb einfach liegen. Dann war es wieder still.

Nach einer Weile stand er auf. Er hatte Hunger und Durst, aber sonst fühlte er sich gut. Die Sonne stand bereits tiefer und er bewegte sich auf sie zu. Nach Westen zu gehen war immer das Beste. Neben ihm rollten die Steppenläufer vorbei, getrieben vom Wind, der auch ihn antrieb. Sein Mund war recht trocken. Sein Bauch grummelte. Er hätte wirklich Proviant mitnehmen sollen. So reiste er wie ein Anfänger durch diese unwirtliche Gegend.

Er sah neben sich eine Straße aus dem staubfarbenen Einerlei auftauchen. Im Verlauf kam sie auf ihn zu und er ging dann auf ihr weiter. Irgendwohin musste sie ja führen, denn sonst gäbe es sie ja nicht. Es musste noch jemand anders geben.

Dann sah er Weitem das Hinweisschild einer Tankstelle. Dahinter ein zweites Schild mit ‚Turner’s Snacks & Provisions‘. Na also. Michael beschleunigte den Schritt. Doch als er sich den Häusern näherte, erkannte er, dass die Fenster und Türen mit Brettern vernagelt waren. Nur ein Windrad drehte sich mit einem immer wiederkehrenden Kreischen in der mäßigen Brise. Der Ort war verlassen, schon vor langer Zeit. Michael setzte sich auf die Veranda vor dem Imbiss, legte den Kopf auf die Knie und weinte. Er sah sich schon hier an dieser Stelle tot im Staub liegen.

Als er ein Scharren im Sand hörte, schaute er langsam auf. Zuerst sah er ihre roten Stiefel, in denen ihre makellosen Beine steckten. Auf Kniehöhe fing das rote Cape an, dann der rote Minirock, der gelbe Gürtel, das blaue Top mit dem Superman-Logo… Vor ihm stand Supergirl und schaute ihn mit vor der Brust verschränkten Armen an.

„Ich bin Supergirl“, sagte sie. „Ich bin hier, um dich zu retten.“ Ihre langen blonden Haare glänzten in der Sonne. Das Licht war so hell, dass Michael ein Auge zukneifen musste. Er wollte ihr in die Arme laufen, aber er fühlte sich gelähmt. Auch als sie ihm die Hand ausstreckte, konnte er seinen Arm nicht bewegen.

„Ich verstehe“, sagte sie. Sie kam auf ihn zu und hob ihn hoch. Das schien ihr nicht schwerzufallen, aber schließlich war sie ja auch Supergirl. Sie trug ihn von der Veranda ins Freie, stieß einen Arm in die Höhe und schon spürte Michael, wie sie abhoben. Als er nach unten schaute, war das Schild von Turner’s Snacks & Provisions bereits sehr klein unter ihnen. Obwohl er Höhenangst hatte, fühlte er sich bei Supergirl geborgen. Er legte seinen Kopf an ihre Brust und schloss die Augen.

(17) Haben Sie denn noch Ihr Supergirl-Kostüm von damals?

„Haben Sie denn noch Ihr Supergirl-Kostüm von damals?“, fragte der Reporter erwartungsvoll. Polly Cunningham schaute den jungen Mann mit der dunklen Lockenmähne etwas streng an, bevor sie antwortete. „Sie haben da ganz falsche Vorstellungen. Ich habe in der Rolle nur diesen einen Film gedreht. Der Dreh hat drei Wochen gedauert und danach hatte ich nichts mehr damit zu tun. Ich habe den Film danach nicht einmal angesehen. Außerdem ist das 30 Jahre her.“

Sie fragte sich, ob der junge Mann, der sich als Danny Stamp vorgestellt hatte, wirklich zuhörte. Nervös schaute er nach, ob das Aufnahmegerät, das er auf Pollys Couchtisch zwischen sie gelegt hatte, auch wirklich funktionierte. Er hatte gesagt, dass er für ein Comic-Magazin schrieb.

Natürlich hätte sie lieber über ihre Bühnenrollen gesprochen oder über ein paar wirklich wichtige Filme, bei denen sie in der Besetzung war. Zugegebenermaßen waren das viel kleinere Rollen gewesen. Aber all das schien keinen mehr zu interessieren.

Vor zwei Jahren hatte irgendein fanatischer Filmfreak herausgefunden, wo die Darstellerin von Supergirl wohnte, und hatte sie mit Briefen und Anrufen bombardiert. Als sie sich eine Geheimnummer hatte geben lassen, war er irgendwann persönlich aufgetaucht. Zuerst dachte sie, dass es der Paketbote sei. Dann erkannte sie die Stimme, schlug die Haustür zu und rief den Sheriff.

Dieser Freak hatte aber irgendwo einen Artikel veröffentlicht und danach kamen noch mehr Briefe. Die Leute im Postamt waren so nett und teilten ihre Post schon auf, sodass sie das meiste gleich wieder wegwerfen konnte. Und dann kam der Anruf von Danny Stamp. Er wollte nicht sagen, wie er die Telefonnummer herausgefunden hatte. Als er ihr versprach, die Geheimnummer nicht weiter zu geben und auch ihre Adresse nicht zu veröffentlichen, hatte sie einem Interview zugestimmt.

„Wie hat denn die Rolle des Supergirl ihr Leben verändert?“ Pollys Augen schweiften ins Leere. Dann gab sie sich einen Ruck und sagte: „Nun, es hat mir danach natürlich viele Türen geöffnet.“ Sie sah sofort, dass Danny jetzt erleichtert war, endlich das zu hören, was er schon immer vermutet hatte. „Nun ja“, fuhr sie fort, „Supergirl ist eine sehr selbstbewusste, schöne Frau. Sie hat eine gewisse Art, mit Männern umzugehen. Nachdem der Film herausgekommen war, war es aber nicht nötig, dass ich mein Benehmen änderte, das machten die Männer ganz von alleine. Eigentlich hat die Rolle nicht mich verändert, sondern die Art, wie meine Umwelt mich wahrgenommen hat.“ – „Interessant!“, sagte Danny und wischte sich insgeheim die feuchten Handflächen an seiner Jeans trocken. „Was war das denn für ein Gefühl, so über Nacht die Traumfrau aller Männer geworden zu sein?“

(18) Jemand pochte drei Mal mit der Faust an die Tür des Wohnwagens.

Jemand pochte drei Mal mit der Faust an die Tür des Wohnwagens. „Harry, wir haben ein Problem mit der Beladung der Zeltplane!“ – „Ich komme, trinke noch meinen Kaffee zu Ende.“

Die Schritte im Kies entfernten sich. Harry Nitschke riss die Seite mit dem Supergirl-Foto aus der Zeitschrift, schaute es noch einmal genau an. Dann faltete er die Seite zusammen und legte sie in seine Brieftasche. Nach der letzten Vorstellung hatte die Zeitschrift im Zuschauerraum gelegen und das Wort „Supergirl“ auf dem Titel hatte ihn gleich angezogen. Den Text des Interviews hatte er nur kurz überflogen. Er war nichtssagend. Auch das Foto von Polly Cunningham als ältere Dame, die sie jetzt war, interessierte ihn nicht. Es war das Supergirl-Foto von damals, das Erinnerungen in ihm hochkommen ließ. Der Film hatte Harrys Bild seiner Idealfrau geprägt. Sie sollte genau so sein und aussehen wie Supergirl. Natürlich gab es solche Frauen in Wirklichkeit nicht, das wusste er schon damals. Aber er hegte immer die Hoffnung danach und war nicht zu Kompromissen bereit gewesen. Damals schien es nur schlüssig zu sein, dass Supergirl noch am ehesten auf dem Rummelplatz zu finden sei. Und so hatte er in einem Jahrmarktbetrieb angeheuert und war mit auf Tournee gegangen.

Zuerst half er beim Auf- und Abbau. Dann hatte er kleine Auftritte als Starker Mann mit Gewichten und Ketten. Dabei fühlte er sich aber nicht so wohl. Es war nicht in seinem Blut, im Scheinwerferlicht zu stehen. Zeitweise vertrat er auch den Conférencier bei der Ansage der Darbietungen, aber dafür war er nicht verkäuferisch genug. Er konnte die Zuschauer nicht anheizen. Aber, er war ein guter Organisator und darin bestand seine Aufgabe jetzt. Den Auf- und Abbau des großen Zeltes zu leiten, junge Leute einzuführen, die vielen praktischen Probleme zu lösen, die sich bei der Herumreiserei immer stellten – das war es, was er am besten konnte.

Eine Frau, die auch nur annähernd so war wie Supergirl, hatte er nirgendwo getroffen. Manche sahen fast so schön aus, andere waren ähnlich selbstbewusst oder stark. Aber keine vereinte alle diese Eigenschaften auf sich selbst.

Harry trank den Rest des Kaffees und schraubte den Deckel wieder auf die Thermosflasche. Er zog die karierte Jacke mit dem Schaffellkragen an und knöpfte sie fest zu. Es war sehr kalt draußen und der Wind blies um die Ecken. Die Zeitschrift steckte er in die Mülltüte, die er zuband und mit nach draußen nahm. Wer viel reist, sollte so wenig Ballast wie möglich dabei haben. Das war einer der Sprüche, den er jungen Leuten, die ein Leben auf dem Jahrmarkt beginnen wollten, immer als Erstes mit auf den Weg gab. Er verließ den Wohnwagen und warf den Müllsack in einen Container. Dann ging er in Richtung des Sattelschleppers, der die Zeltplane aufnehmen sollte.

(19) Meine hoch verehrten Damen und Herren!

„Meine hoch verehrten Damen und Herren! Ich habe jetzt die große Ehre und die Freude Ihnen einen der besten Magier aller Zeiten vorstellen zu dürfen: den Großen Zappei!“ Harry Nitschke ging zur Seite und der Vorhang öffnete sich. Nach kurzer Zeit trat ein Magier im schwarzen Umhang und mit Zylinder auf die Bühne. Die Zuschauer klatschten etwas gelangweilt. Nitschke lächelte wissend.

Der Große Zappei, dessen Gesicht von einem gepflegten, spitz zulaufenden Vollbart in Schwarz dominiert wurde, befreite sich von Cape und Zylinder. Darunter trug er einen Frack. Er begann seine Nummer. Nitschke musste sich immer wieder eingestehen, dass der Mann einfach gut war und eine Aura hatte, mit der er in Kürze den gesamten Raum unter der Zeltplane in seinem Bann hatte. Jedes Mal nahm Nitschke sich vor, etwas zu lernen und es selbst anzuwenden, aber dieses Etwas war einfach nicht zu isolieren.

„Die Welt redet von der Erschaffung eines künstlichen Menschen. Ich aber, ich habe ihn bereits geschaffen“, dröhnte Zappei und ließ seinen Worten ein teuflisches Lachen folgen. Es wurde kurz dunkel, eine Zündkapsel explodierte mit Schwefelgestank, die Nebelmaschine lief kurz auf Volltouren und dann stand das Faktotum auf der Bühne. Ein Raunen ging durch die Menge, denn es handelte sich um eine Person in Darth Vader-Kostüm. Der Helm war natürlich das Augenfälligste. Sonst trug die Person ein schwarzes Cape und darunter eine schwarze Ledermontur. Natürlich hatte es deswegen auch bereits Briefe von Rechtsanwälten gegeben und natürlich waren sie bei Nitschke gelandet. Aber der visuelle Effekt war einfach zu gut und zu prägnant. Da die Truppe ständig in Bewegung war, war eine ernst zu nehmende Verfolgung durch Industrial Light & Magic gar nicht so einfach. „Wer traut sich denn schon, einen Magier zu verklagen“, hatte Zappei höhnisch gemeint und die Freistellungserklärung mit Bravado unterzeichnet.

„Sie sehen hier einen künstlichen Menschen. Möge er bitte einmal durch das Publikum gehen.“ Das Faktotum ging die Treppe hinunter zu den Zuschauern, einen Aufgang hoch bis zu den Rängen, dann hinten herum zu dem zweiten Aufgang wieder herunter zurück auf die Bühne. Alle hatten sich davon überzeugen können, dass sich aller Wahrscheinlichkeit nach ein Mensch unter der Kostümierung verbarg. Darth Vader stellte sich wieder neben Zappei auf.

„Ich werde jetzt zeigen, aus welchen Teilen dieser künstliche Mensch zusammengesetzt ist.“ Zappei fixierte das Faktotum an den Gliedmaßen, der Brust, dem Hals und dem Kopf mit dicken schwarzen Kabelbindern an eine Gitterwand, die auf der Bühne stand. Mit sehr dramatischen Bewegungen und Erklärungen begann er, die einzelnen Gliedmaßen vom Rumpf zu trennen und zu zeigen, dass es sich um Prothesen handelte. Ein Bein zeigte er in der ersten Reihe sogar aus nächster Nähe und ließ sich bestätigen, dass es ein künstliches Gliedmaß war. Als das Faktotum nur noch mit Torso und Kopf an dem Gerüst hing, trennte Zappei mit einem Handgriff den Unterleib ab und zeigte, dass darin nur ein Zahnradmechanismus enthalten war. Währenddessen, das Publikum atmete kollektiv und mit einem Ruck ein, bewegte sich der Brustkorb und der Kopf schüttelte sich, als ober er sich befreien wollte. Zappei zog den Brustkorb auf Halshöhe nach unten weg und zeigte, dass auch darin Zahnräder waren. Er stellte das Teil ab. Jetzt hing nur noch der Helm mit dem Kopf darin am Gerüst. Der Suchscheinwerfer war voll darauf gerichtet. Zappei nahm den Helm ab, dann noch eine Klappe und neigte dann den Kopf des Faktotums nach vorne, sodass die Zuschauer sehen konnten, dass darin ein nass glänzendes Gehirn lag. Als Zappei hineingriff, hielt das Publikum den Atem an. Der Magier hielt das Hirn in beiden Händen, es schien sogar zu zucken. Er brachte es nach vorne und zeigte es den Zuschauern. An dieser Stelle kam es immer wieder vor, dass Zuschauerinnen in Ohnmacht fielen. Deshalb hatte Nitsche den Zuschauerraum fest im Blick, jederzeit bereit, den Sanitäter hinaus zu schicken.