(1) „Der hinkende Uhrmacher“ sollte Danilo Petri den Durchbruch bringen.

„Der hinkende Uhrmacher“ sollte Danilo Petri den Durchbruch bringen. Nach Jahren aufopferungsvoller Teamarbeit bei verschiedenen Tanzkompanien hatte er seine Solokarriere mit diesem selbst geschriebenen Stück begonnen. Dafür hatte er alles riskiert, seine Ersparnisse und seine künstlerische Glaubwürdigkeit.

Bereits nach der Premiere sah es aus, als ob er alles verlieren würde. Die Kritiken waren derart miserabel, dass die anderen Tänzer in den darauf folgenden Tagen kündigten. Die Reservierungen beschränkten sich auf die Abonnenten. Dass die Theaterleitung das Stück nicht sofort abgesetzt hatte, lag nur daran, dass auf die Schnelle kein Ersatz für die restlichen Abende verfügbar war. Und dann kam die letzte Aufführung und Danilo war der einzige verbliebene Darsteller, um den Abend zu bestreiten. Er hatte die Choreografie umgeschrieben und übernahm alle Rollen selbst.

In der Nacht vor der letzten Darbietung hatte er sehr unruhig geschlafen. Er hatte geträumt, dass während seines Tanzes alle Kulissen nacheinander in die Dunkelheit der Hinterbühne umfielen. Kaum war er an ihnen vorbeigetanzt, fielen sie um, als ob er ihren Lebensfaden abgeschnitten hätte. Auch die Zuschauer lösten sich auf, eine Reihe nach der anderen verpuffte in einer kleinen Staubwolke, die silbern im Scheinwerferlicht verschwand.

Der Gedanke an diesen Traum ließ ihm den ganzen Tag keine Ruhe. Am Abend, als er sich in seiner kahlen Garderobe auf den Auftritt vorbereitete, erklärte sich sein Traum, als er gerade sein Suspensorium anzog. Ganz plötzlich hatte er die Gewissheit, dass es außer ihm nichts gab. Die Welt und die anderen Menschen waren nur ein Produkt seiner Einbildung. Danilo Petri fühlte, wie sich die feinen blonden Härchen auf seinen Unterarmen aufrichteten. Es war, als ob ein warmer Wind durch die Garderobe fuhr. Ein magischer Augenblick, der aber nur in seinem Kopf stattfand. Das wusste er jetzt. Er beendete seine Vorbereitungen und stellte sich auf die Bühne, kurz bevor der Vorhang sich hob.

Und er tanzte, wie er noch nie zuvor in seinem Leben getanzt hatte. Seine Schrittfolgen kamen flüssiger denn je, die Sprünge saßen perfekt und seine Haltung war einwandfrei, ohne auch nur einmal während der ganzen Darbietung nachzulassen. Es war, als würde Gott seine Choreografie tanzen. Und er war ja auch Gott in seiner eigenen Welt.

Von dem dunklen Zuschauerraum bekam er nichts mit, er hätte leer sein können oder bis zum letzten Platz gefüllt. Da es für ihn nicht wichtig war, brauchte er sich nicht auszudenken, wie es jenseits der Bühnenkante aussah. Der Zuschauerraum existierte nicht mehr. Auch die Kulissen waren nicht mehr wichtig, sie verschwanden aus seinem Blickfeld. Das Licht brauchte er ebenfalls nicht – er tanzte mit geschlossenen Augen immer weiter. Mit seinen Cabriole-Sprüngen lief er den Bühnenkreis ab. Er selbst war das Licht, das seinen Innenraum erhellte.

(2) Ewald Kreinert war eigentlich kein großer Fan von Tanztheater.

Ewald Kreinert war eigentlich kein großer Fan von Tanztheater. Nur seiner Frau Anna zuliebe begleitete er sie manchmal, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Als Geschäftsführer eine Pharmagroßhandlung war er oft unterwegs und deshalb meistens entschuldigt. Anna fand jedoch, dass Kultur für ihren Ehemann wichtig war, damit er in der Geschäftswelt nicht verrohte, wie sie es ausdrückte.

Vor dem Besuch des „Hinkenden Uhrmachers“ hatte Kreinert sich nicht drücken können, obwohl die Kritiken sehr schlecht waren. Anna war unerbittlich. Wenn man nicht die schlechten Dinge wahrnahm, konnte man die guten nicht wertschätzen. Die Darbietung war dann aber doch spektakulär gewesen für Kreinert. Vor einem fast leeren Zuschauerraum produzierte sich ein einzelner Tänzer. Kreinert war schnell gefangen von der Intensität und der Selbstversunkenheit des Darstellers. Zum ersten Mal überhaupt war es Anna, die die Vorstellung frühzeitig verlassen wollte und ihr Mann, der sie bat, zu bleiben. Ihr war es unbegreiflich, das Stück war das Grauenhafteste, was je unter der Bezeichnung Tanztheater aufgeführt worden war. Kreinert aber hielt durch, bis zum Ende, als der Tänzer die Arme in die Höhe streckte, seinen Rücken dehnte, kurz verharrte und dann mit einem Schlag zusammenfiel wie ein leerer Sack. Er musste nach der Darbietung erschöpft gewesen sein, denn er erschien auch nicht vor dem Vorhang, um sich zu verbeugen. Viel Applaus hätte es eh nicht gegeben, denn als die Lichter angingen, waren Kreinert und seine Frau alleine im Zuschauerraum. Alle anderen hatten sich schon vorher verabschiedet.

Im Anschluss an die Darbietung gingen Kreinert und seine Frau wie geplant zur Hausparty eines befreundeten Unternehmerpaares. Kreinert war recht still und beteiligte sich nicht wie sonst üblich an den Gesprächen über Steuern, Philanthropie und Golf. Etwas später, als die noch verbliebenen Gäste ausreichend alkoholisiert waren, spielte der Hausherr von seinem iPod tanzbare Musik aus vergangenen Jahrzehnten ab. Zur Überraschung seiner Frau fing Kreinert an, sich mit geschlossenen Augen zu der Musik zu bewegen. Zuerst war es nur ein Zucken in den Beinen, ein rhythmisches Kniebeugen, das man kaum bemerkte. Dann wagte Kreinert ein paar Schritte, drehte sich gar um die eigene Achse. Anna glaubte, dass ihr sonst so beherrschter Mann mehr getrunken hatte, als sie dachte. Sie fragte sich, ob sie eingreifen sollte. Die anderen Anwesenden schauten interessiert Kreinert zu, schienen aber weder besorgt noch alarmiert. Erst als Kreinert auch noch die Arme hob und damit ungelenke Bewegungen ausführte, war es für Anna genug. Sie sprach ihn an, aber er reagierte nicht, tanzte immer weiter. Dann klopfte sie ihm auf die Schulter. Keine Reaktion. Ihr wurde heiß, weil sie sich beobachtet fühlte. Sie packte ihren Mann an den Schultern und versuchte ihn, in seiner Bewegung zu stoppen. Dabei kam er aus dem Gleichgewicht und stürzte gegen ein Ölgemälde an der Wand. Das Gemälde stammte von dem Künstler Vern Tybussek und trug den Titel „Fuck the Poor“, was man zwar dem Inhalt nicht ansah, dafür aber dem Kaufpreis. Das Gemälde hob sich durch Kreinerts Aufprall vom Haken, stürzte auf das Parkett und sprang heraus aus dem Schattenfugenrahmen. Ein Brocken roter Ölfarbe sprang ab und lag neben dem havarierten Rahmen wie eingetrocknetes Blut. Anna wurde es vor Scham schwarz vor Augen.

(3) Anna Kreinert klappte die Sonnenblende herunter und schaute sich im Spiegel an.

Anna Kreinert klappte die Sonnenblende herunter und schaute sich im Spiegel an. In ihrem neuen Mantel sah sie königlich aus. Den Hermelinkragen hatte sie sich verdient. Nach der Blamage mit dem zerstörten Gemälde hatte Ewald keine andere Wahl gehabt, als ihr einen Blankoscheck auszustellen. Den Mantel hatte sie gerade gekauft gehabt, aber es fehlte ihm an Pep. Jetzt mit diesem Kragen aus weißem Hermelinfell mit schwarzen Schweifen war der Mantel ein einmaliges Einzelstück. Sie klappte die Blende hoch und stieg aus dem Wagen. Ewald hatte sie zu der Soiree nicht mitgenommen. Er hatte zwar gebüßt, aber sie wollte ihn zuerst nicht bei sich haben. Strafe musste sein.

Sie musste ein paar Meter zurückgehen zur Hausnummer 349, in der das Event stattfand. Vorher sah sie bereits von Weitem dieses Klappergestell von Lida Ullmann mit ihrem devoten Ehemann aus der anderen Richtung kommen. Anna Kreinert fragte sich gerade, ob sie schneller gehen sollte, um mit den beiden gemeinsam hineinzugehen und Lida mit dem Kragen die Show zu stehlen. Oder besser warten und einen eigenen Auftritt hinlegen. Sie überlegte noch, als das Licht einer Straßenlaterne auf Lida fiel und Anna erkannte, dass sie einen weißen Kragen mit Tupfen am Mantel trug. Er sah aus wie ihrer. Sie stellte sich hinter einen Baum und beobachtete, wie Lida näher kam. Ja, es war ein Hermelinkragen, der aussah wie der Zwillingsbruder ihres eigenen. Annas Gefühle schwankten zwischen Ohnmacht und Wut. Sie fühlte sich betrogen von Kapschinsky, dem Pelzhändler. Außerdem auch von Ewald, der sie in diese missliche Situation gebracht hatte. Trotz ihrer Verzweiflung arbeitete sie im Kopf ihre Handlungsmöglichkeiten durch. Sie durfte sich nicht geschlagen geben und Lida das Feld überlassen. Sie knöpfte den Hermelinkragen ab, rollte ihn auf und stopfte ihn in die Handtasche ganz nach unten.

Als ihr die Haustür geöffnet wurde, stand Lida noch immer im Mantel im Hausflur und präsentierte stolz den Frauen, die sich um sie scharten, ihren Hermelinkragen.

„Schau mal, Anna, ein Hermelinkragen“, sagte die Gastgeberin. Anna schaute kurz hin und meinte, dass der Kragen so schön sei, wie man es sonst nur in Museen sähe. „Museal“, wiederholte sie und schaute dabei Lida fest in die Augen, während sie selbst ihren Mantel abstreifte und ihn Herrn Ullmann, der untätig herumstand, in die Hände drückte.

(4) Oleg Kapschinsky war rot angelaufen und rang nach Worten.

Oleg Kapschinsky war rot angelaufen und rang nach Worten. „Ich hatte nie gesagt, dass es keinen anderen Kragen gibt. Ihr Kragen war ein Meisterstück. Beste Qualität. Da können Sie überall fragen. Aber was soll ich machen, wenn ich nur gute Qualität habe? Ich bin Pelzhändler, Frau Kreinert!“

Die Soiree war natürlich ein Misserfolg gewesen. Lidas Hermelinkragen hatte den ganzen Abend im Mittelpunkt gestanden. Als Anna nach Hause gekommen war, hatte sie sich zunächst noch einmal Ewald vorgeknöpft. Jetzt stand sie vor diesem Wicht Kapschinsky, den sie mit ihren hohen Absätzen um Längen überragte. Immer wieder hielt sie ihm sein ehrloses Verhalten vor. Kapschinsky blieb nichts anderes übrig, als sich bildlich in den Staub zu werfen und Frau Kreinert auf sich herumtrampeln zu lassen. Woher hätte er wissen können, dass die beiden Frauen sich kannten und sich zu allem Überfluss am ersten Tag des Pelzerwerbs über den Weg laufen würden? Er hatte beiden Damen erstklassige Wahl zu einem vernünftigen Preis angeboten und das war der Dank. Als Frau Kreinert eine erneute Salve auf ihn losließ, hielt Kapschinsky die Hände vor Augen und gab vor, zu weinen. Er erzählte ihr von seinen Brüdern in der alten Heimat, Sergey, Alexey und Timofey. Sie hatten ihm geholfen, im Ausland Fuß zu fassen. Jetzt arbeiteten sie hart, um sich mit der Jagd auf Hermeline über Wasser zu halten. Die besten Pelze verkauften sie über dunkle Schmuggelwege an ihn, für seine Kunden. Dann gab es noch die Mutter, Babuschka Olga. Sie war alt, krank und brauchte eine teuere medizinische Behandlung. Oleg Kapschinsky hielt sie alle am Leben. Mit erstickter Stimme bat er Anna Kreinert um Vergebung.

Eigentlich waren Sergey, Alexey und Timofey nur seine Cousins und in der Regel so betrunken von illegal hergestellten Fusel, dass sie nicht einmal in der Lage waren die Mäuse zu fangen, die mit ihnen in ihrer heruntergekommenen Wohnung hausten. Aus Anhänglichkeit schickte Kapschinsky ihrer Mutter Olga jeden Monat Geld und er hatte den Verdacht, dass Olga nur einen Teil davon für sich selbst behielt. Zumindest konnte er damit sein schlechtes Gewissen beruhigen, seine Familie im Stich gelassen zu haben.

Frau Kreinert war immer noch nicht am Ende ihrer Vorwürfe angekommen. Sie schilderte noch einmal die extreme Erniedrigung, die sie am vorherigen Abend erleiden musste. Sie bezichtigte Kapschinsky erneut der Ehrlosigkeit. Kapschinsky bettelte um Gnade, beim Leben seiner Mutter Olga. Erst als er ihr einen exklusiven Zugriff auf eine Lieferung von 151 Bargusinischen Zobelfellen versprach, den er ihr zu einem günstigen Preis anbieten würde, wurde sie milder gestimmt. „Bargusinischer Zobel?“, fragte sie. „Ja, der Beste. Wird auch Kronenzobel genannt. Das Beste vom Feinsten. Unbeschreiblich“, antwortete Kapschinsky. Er zeigte ihr ein paar Fotos, die sein Zwischenhändler ihm aus Ulan-Ude per E-Mail zugeschickt hatte. Es war natürlich ärgerlich, dass er Frau Ullmann diese Fotos auch schon gezeigt hatte, aber die Situation in der Pelzbranche war so schwierig geworden, dass er darauf keine Rücksicht nehmen konnte.

„Wann erwarten Sie die Felle, Herr Kapschinsky?“, fragte Frau Kreinert. „Aber glauben Sie ja nicht, dass Sie damit vollkommen entschuldigt sind!“

(5) Mit großer Neugier verschlang die alte Dame die Fotos der Schönen und Reichen…

Mit großer Neugier verschlang die alte Dame die Fotos der Schönen und Reichen, wie sie sich in Moskaus Nachtleben tummelten. Sie befeuchtete ihren Daumen und blätterte fasziniert in der Zeitschrift. Sie begutachtete und verglich die Abendkleider, den Schmuck, und natürlich auch die Kavaliere. Auch wenn sie nicht so jung waren wie ihre Begleiterinnen, so strahlten sie doch Kraft und Männlichkeit aus. Sie waren voller Leben. Babuschka Olga seufzte, gerade als die Eieruhr neben der Trockenhaube schnarrte.

„Na Babuschka, schaust du dir wieder die Superpromis an?“, fragte Alexandra, als sie ihre Kundin von der Haube befreite. „Oh ja“, antwortete die alte Dame. „Das ist einer der Gründe, warum ich immer gerne zu dir komme. Ich kann mir das alles in aller Ruhe ansehen.“

Alexandra fragte nicht weiter. Sie wusste, dass Babuschka Olga ihre drei nichtsnutzigen Söhne zwar fest im Zaum hatte, aber ein einfaches Leben war es nicht. Die wöchentlichen Frisörbesuche waren der einzige Luxus der alten Dame und Alexandra freute sich schon immer auf sie. Sie sprachen dann immer über den neuesten Tratsch aus der Hauptstadt, die aktuellen Liebschaften der reichsten Männer und die unglaublichen Kleider ihrer Gespielinnen. In ihren Gesprächen herrschte eine Mixtur aus Bewunderung und Kopfschütteln.

„Was macht denn Ihr Neffe im fernen Ausland?“ Olgas Augen erhellten sich. „Ihm geht es gut. Er hat das Richtige getan. Es ist schade, dass meine Schwester das nicht mehr erleben konnte. Seine Geschäfte laufen fantastisch. Er ist so gut zu mir. Ohne ihn könnte ich ja gar nicht zu dir kommen, Alexandra.“

Die Frisörin begann die Lockenwickler aus den Haaren der Babuschka drehen. Die Strähnen waren sehr dünn und zerbrechlich. Sie ging ganz vorsichtig damit um.

Babuschka Olga dachte an etwas und kicherte leise. „Was gibt es zu lachen, Babuschka? Teile es mit mir“, sagte Alexandra. „Oleg hat mir geschrieben, dass er gerade eine ganze Lieferung Bargusinischen Zobel verkauft hat. Ein sehr gutes Geschäft für ihn.“ Alexandra lachte mit. „Oh ja, ein hervorragendes Geschäft. Den Zaren gibt es zwar schon lange nicht mehr, aber der Kronenzobel wird alles überdauern. Der gute Bargusinische Zobel…“

Beide Frauen lachten zusammen, bis Olga die Zeitschrift von dem Perlonkittel auf den Boden glitt und Alexandra der Kamm aus der Hand rutschte. Die Frisörin hob beides auf und legte der alten Dame die Zeitschrift wieder über das Knie. Dann fuhr sie mit ihrer Arbeit an den Lockenwicklern fort.

(6) Als Alexandra nach Ladenschluss zu Hause ankam, stand das Geschirr vom Frühstück immer noch in der Spüle.

Als Alexandra nach Ladenschluss zu Hause ankam, stand das Geschirr vom Frühstück immer noch in der Spüle. Ilja, ihr Mann, saß auf der Couch und schaute fern. Er hatte in der Wohnung geraucht, obwohl sie ihm noch gestern das Versprechen abgenommen hatte, es sein zu lassen. Wenigstens war er nicht betrunken. Er sagte nichts und schaute weiter angestrengt auf den Bildschirm, als ob es um Leben und Tod ginge. Demonstrativ öffnete sie das Fenster zum Lüften. Später, als sie ihn aufforderte, das Gemüse zu schälen, tat er es ohne größeren Widerwillen. Nach dem Essen waren beide besser aufgelegt. Er fragte nach ihrem Tag und sie berichtete über Babuschka Olga und den Partys der Oligarchen, von denen sie in den Zeitschriften gelesen hatte. Die Partys erwähnt zu haben, bereute sie aber gleich wieder, weil Ilja sofort anfing, über die neureichen Verbrecher zu schimpfen. Seitdem das Stahlwerk, in dem er gearbeitet hatte, von Bazarov gekauft und geschlossen worden war, versäumte er es nie, sich über diese neue Klasse von Sozialschmarotzern aufzuregen.

„Igor Grigorewitsch Bazarov!“ Jedes Wort sprach Ilja aus, als ob es ausspuckte. Alexandra seufzte und fing an, den Tisch abzuräumen. Warum hatte sie nicht darauf geachtet, was sie sagte? Bis Ilja sich wieder beruhigt hatte, würde es länger dauern, als sie zum Abwasch brauchte.

„Deine Kunden amüsieren sich über Leute wie Bazarov. Die geile Glitzerwelt der Reichen. Die Partys, Autos, Frauen, Juwelen… Das kommt alles von Leuten wie mir, aus denen sie das rausgepresst haben. Deine Kunden amüsieren sich auf meine Kosten.“

Alexandra ließ den Teller wieder zurück ins Spülwasser gleiten und drehte sich zu Ilja um. Das Wasser tropfte von ihren gelben Gummihandschuhen auf den Linoleumboden.

„Ich würde eher sagen, dass du dich hier auf meine Kosten amüsierst. Den ganzen Tag nur Rumsitzen und Dreckmachen. Und mir dann Abends vorhalten, dass meine Kunden sich auf deine Kosten amüsieren.“

Noch bevor sie den letzten Satz beendet hatte, war Ilja mit seinen Zigaretten auf den Balkon geflüchtet. Sein Gesicht im Licht des Streichholzes hatte keinen Ausdruck. Er warf das Streichholz über die Brüstung und sah dem schnell verlöschenden Feuerschweif nach. Ilja brauchte unbedingt einen Job. Vielleicht könnte er ja Olgas Neffen dabei helfen, Bargusinischen Zobel zu fälschen.

(7) Ursprünglich hatte Igor Grigorewitsch Bazarov Geschichte studiert.

Ursprünglich hatte Igor Grigorewitsch Bazarov Geschichte studiert. Sein Spezialgebiet war die mexikanische Geschichte von Cortés bis Cárdenas. Dann zerfiel die Sowjetunion und über einen Onkel, der für die Regierung arbeitete, war Bazarov über Nacht der Eigentümer einer Industriegruppe mit Erzminen und Verarbeitungsindustrien geworden. Deswegen musste er seine Doktorarbeit, eine Untersuchung der Erschießung von Maximilian I., Kaiser von Mexiko, abbrechen.

Erstaunlicherweise bekam er den Konzern sehr schnell unter Kontrolle. Er analysierte die Zahlen, traf die notwendigen Entscheidungen und überwachte deren Ausführung. Die weiterverarbeitenden Fabriken waren fast alle unprofitabel und er ließ sie schließen. Die Minen hingegen warfen viel Geld ab und er ließ sie ausbauen. Sein Onkel brachte ihm bei, wie man mit Geschäftsfreunden und Offiziellen umging. Bazarov lernte, dass man nur eine klare Reihenfolge befolgen musste, um das zu bekommen, was man wollte: zuerst erklären, dann zahlen und erst am Ende einschüchtern.

Eigentlich war es einfach. Jetzt lief der Konzern reibungslos, die Kontakte zu allen wichtigen Stellen waren abgedeckt. Der Onkel saß mit seiner Familie in einer Art Schloss auf Zypern. Bazarov hielt sich aus der Politik heraus, war aber immer bereit, ein gutes Wort für die Herrschenden einzulegen und sich für die Beibehaltung des politischen Systems einzusetzen. Seine geschäftlichen Aktivitäten konnte er zurückfahren auf das Minimum, das notwendig war, um den Status quo beizubehalten. Da er kein Interesse an den Aktivitäten seiner Oligarchen-Kollegen hatte, spielte er mit dem Gedanken, seine Doktorarbeit wieder aufzunehmen und in Geschichte zu promovieren.

Durch die Geldmittel, die ihm nun zur Verfügung standen, war er in der Lage, die Erschießung von Maximilian I. durch die Truppen von Juárez viel genauer zu untersuchen, als er es sonst gekonnt hätte. Maximilian, ein Habsburger, war von Napoleon III. von Frankreich 1864 als Kaiser nach Mexiko geschickt worden. Er sollte dort die Interessen Frankreichs vertreten. Napoleon hatte ihm vorgeschwindelt, den Mexikanern wäre nichts lieber, als von einem Habsburger regiert zu werden. Allerdings zogen die Franzosen zwei Jahre später ihre Truppen ab und 1867 wurde Maximilian von Präsident Juárez gefangen genommen, vor ein Kriegsgericht gestellt und zum Tode verurteilt. Das berühmte Gemälde von Manet, ‚Die Erschießung Kaiser Maximilians‘, hält das Ende des Kaisers fest.

Privatdetektive, die Bazarov nach Mexiko geschickt hatte, fanden Anzeichen, dass die Exekution nur zum Schein erfolgt war. Maximilian hätte keine Schwierigkeiten gemacht und Juárez (übrigens waren beide Freimaurer) hätte ihn daher nach El Salvador bringen lassen. Dort habe der Ex-Kaiser bis 1936 unter dem Namen Justo Armas weitergelebt.

(8) Bazarov legte die Lupe weg, mit der er das Foto von dem aufgebahrten Maximilian betrachtet hatte.

Bazarov legte die Lupe weg, mit der er das Foto von dem aufgebahrten Maximilian betrachtet hatte. Er verglich es mit einem Bild des noch lebendigen Habsburgers. Obwohl Maximilian den Mitgliedern des Erschießungskommandos Gold gegeben und sie gebeten hatte, ihm nicht ins Gesicht zu schießen, hatte ein Schuss ihn direkt ins Auge getroffen. Man hatte dann ein Glasauge aus einer Marienstatue genommen und in die leere Augenhöhle gestopft. Das veränderte einen Menschen natürlich. Das und natürlich der Tod… Es war schwer zu sagen, ob es das gleiche Gesicht war. Bazarov hatte seine Leute schon beauftragt, DNA-Proben von diesem Justo Armas zu beschaffen. Vielleicht musste die Geschichte umgeschrieben werden.

Es klopfte und Peter Parkinson, sein Privatsekretär, kam herein. Parkinson war Mitte Dreißig und ein guter Organisator. Er war in Eton und Cambridge gewesen, hatte aber nicht genug Schneid, um selbst etwas im Leben zu erreichen. Einen Mann wie Peter als Privatsekretär zu beschäftigen empfand Bazarov als ein großes Privileg.

„Peter, besorgen Sie mir einen dieser Typen bei der Polizei, die sich mit der Identifizierung von Leichen beschäftigen. Rekonstruktion von Gesichtern, so was. Ich will, dass ein Experte die Fotos vergleicht und mir sagt, ob das Maximilian war oder nicht.“ – „Ja, das erledige ich, Mr Bazarov. Darf ich sie erinnern, dass in einer halben Stunde der Staatssekretär aus dem Rohstoffministerium hier sein wird.“ – „Ich weiß, Peter. Die Goldhenne. Was haben Sie vorbereitet?“

Parkinson zückte sein Notizbuch und schlug es mit dem Lesebändchen auf. „Es gibt ein französisches Drei-Gänge-Menü auf dem Goldservice. Dazu Mouton Rothschild 1994.“ – „In Ordnung. Was haben wir für Geschenke für unseren Freund?“ – „Das Etikett des Weines ist von Karel Appel entworfen. Ich habe entsprechend ein Werk auf Papier von Karel Appel besorgen lassen.“ – „Sehr einfallsreich. Gute Arbeit, Peter. Unsere Goldhenne ist musisch interessiert, das wird ihm gefallen. Gleichzeitig braucht er auch die körperliche Stimulation. Welche Frauen haben wir?“ Peter blickte wieder in sein Notizbuch. „Odilia, blond, jung aber erfahren. Maja, brünett, etwas drall und voller Enthusiasmus. Beide sind schon da und werden gerade eingekleidet. Ist das nicht in Ordnung?“ Peter merkte gleich, wenn sein Chef unzufrieden war. „Wo ist Elvira?“ Peter räusperte sich. „Sie war nicht verfügbar.“ Bazarov runzelte die Stirn. „Sie war doch erst vor ein paar Tagen hier. Beim Dinner mit diesem Spinner, diesem Schotten. Der wusste ja nachher gar nicht mehr, wo ihm der Kopf stand, so sehr hatte sie ihn eingewickelt.“ Peter wechselte von einem Bein auf das andere. „Das war Hugh Trubshawe. Nun, Elvira… so wie es aussieht, ist sie mit Trubshawe in die Karibik geflogen…“

Bazarov überdachte die Nachricht einen Augenblick und sagte dann nur „Oh, ja dann. Wie unprofessionell. Und, Peter, bitte sorgen Sie dafür, dass der Schotte seinen Kaviarvertrag nicht bekommt. Ich hatte es ihm zwar versprochen, aber das war, bevor er mir wertvolle Angestellte stahl.“

(9) Elvira bereute es nicht, dass sie Hugh überredet hatte, im Hotel zu essen.

Elvira bereute es nicht, dass sie Hugh überredet hatte, im Hotel zu essen. Er hatte den größten Teil der drei Flaschen Wein getrunken und nachher noch ein paar Whiskeys. Auf dem Weg zum Aufzug war sein Gang nicht mehr ganz stetig. Sie wusste nicht, ob er ihr den Arm aus Vorfreude oder zur Sicherheit um die Taille gelegt hatte. Als sie in der Suite ankamen, wollte Hugh auf den Balkon. Sie begleitete ihn. Der frische Wind, der vom Meer herein blies, tat ihnen beiden gut. Elvira löschte das Licht in der Suite und mit dem Swimming Pool, der blau von unter heraufleuchtete, war es sogar etwas romantisch. Trotz Hughs unterdrücktem Aufstoßen.

Sie hatte den fünfzigjährigen Schotten bei einem Abendessen von Bazarov kennengelernt. Elvira wurde öfters von Bazarovs Leuten engagiert und die Bezahlung war immer gut. Manchmal hatte sie Sex mit einem oder mehreren der Gäste des Oligarchen, das wurde immer extra und großzügig bezahlt. Manchmal war sie nur da als Dekoration, damit es nicht nur um Geschäfte ging. Soweit sie verstanden hatte, war Hugh ein Fischgroßhändler und verhandelte mit Bazarov über eine Ausfuhrlizenz für Kaviar. Bei dem Abendessen hatte es sehr viel und sehr guten Kaviar gegeben. In der allgemeinen Alkoholseligkeit sagte Bazarov Hugh zu, ihm die Lizenz zu verschaffen, gegen entsprechende Bezahlung. Nach dem Essen hatte sie den Schotten ins Hotel begleitet. Aber das Gemächt des Fischhändlers hing an ihm herunter wie eine frittierte Schillerlocke. Er war zu nichts mehr fähig gewesen. Sie war über Nacht geblieben, weil es so ausgemacht war. Am nächsten Tag hatte Hugh sie selbst engagiert und spontan auf eine Karibikreise eingeladen. Zuerst hatte sie gezögert, ob sie Bazarov fragen müsste, hatte aber dann beschlossen, ihr Glück in die eigenen Hände zu nehmen. In der Karibik war es sonnig und warm, Hugh zahlte gut – was sollte daran falsch sein.

Jetzt stand sie mit Hugh auf dem Balkon, hoch über dem Swimming Pool. Hugh sagte, dass ihm heiß sei und er zog Hemd und Hose aus. „Findest du, dass ich gut aussehe?“, fragte er sie. Sie nickte, denn es gab niemand, der ihr widersprechen würde. „Keinen Tag älter als 30“, schmeichelte sie ihm. Er ging ins Zimmer und holte eine Flasche Champagner aus der Minibar. Mit Expertise öffnete er die Flasche, der Korken poppte und flog im Bogen nach unten in den Pool. Sie tranken beide abwechselnd aus der Flasche.

„Weißt du“, sagte er, „durch den Deal mit Bazarov werde ich wahrscheinlich nach Russland ziehen und dort einen großen Teil meiner Zeit verbringen. Und vielleicht auch viel Zeit mit dir, Elvira. Na, wie wär’s?“ – „Du bist doch verheiratet, Hugh.“ Er wurde plötzlich ernst. „Das stimmt, aber wir können trotzdem viel Spaß haben, du und ich. Glaubst du mir nicht?“ Sie nickte. „Ich glaube dir.“ Er schaute hinunter. „Wenn ich hier vom Balkon in den Pool springe, glaubst du mir dann?“ Sie lachte, weil sie nicht glaubte, dass er es wagen würde. Als er dann aber mit nackten Füßen auf die Brüstung stieg und sich am zusammengerafften Sonnenschirm festhielt, lachte sie nicht mehr. „Komm herunter, das ist gefährlich.“ Jetzt lachte er. „Und glaubst du mir jetzt?“ Dann sprang er, mit den Füßen voran. Wenn er sich ein wenig mehr abgestoßen hätte, wäre der Sprung vielleicht geglückt. So aber drehte er sich im Fallen etwas nach hinten und sein Kopf schlug mit dem dumpfen Knall einer Wassermelone auf der Kante des Überlaufs auf. Hirnmasse spritzte über die Fliesen, er war sofort tot.