(2) Du langweilst dich, mein Junge, ich sehe es dir an.

„Du langweilst dich, mein Junge, ich sehe es dir an“, sagte seine Mutter und lächelte ihn bedauernd an. Bert schüttelte den Kopf. „Ich bin gerne hier“, log er. „Es ist schön, zu sehen, dass du so viele Freunde hast.“ – „Hallo Bert“, sagte die Frau neben seiner Mutter. „Kannst du dich noch an mich erinnern?“ Bert konnte auch mit der Stimme nicht mehr anfangen. „Stella Hauser ist unsere frühere Nachbarin“, erklärte seine Mutter. „Wir liefen uns zufällig vorgestern über den Weg und da lud ich sie natürlich ein.“

Im gleichen Augenblick fühlte Bert sich zurückversetzt an einen sonnigen Nachmittag vor sehr, sehr langer Zeit. Seine Mutter hatte weg gemusst, es hatte wahrscheinlich etwas mit Fritz zu tun. Deshalb hatte sie ihn zu Stella gebracht. Bert erinnerte sich, wie er mit Stella auf ihrer Terrasse hinter dem Windschutz aus blauem Segeltuch saß. Herr Hauser war nicht zu Hause gewesen. Sie hatte ihm eine Limonade hingestellt und trank selbst Weißwein, den sie sich aus einer Karaffe in ein Glas einschenkte. Er las einen Comic und sie saß nur mit zurückgelehntem Kopf in der Sonne. Irgendwann ging Stella ins Haus und kam in einem Bikini zurück. Bert fühlte einen Kloß im Hals, als er neben ihr saß und versuchte, nicht zu offensichtlich hinzustarren. Sie hatte eine Schachtel Rosinen mitgebracht und ihn gefragt, ob er Rosinen mochte. Bert hatte stumm genickt. Sie hatte ihm ein paar davon aus der Schachtel auf die linke Handfläche geschüttelt und er hatte sie eine nach der anderen mit der rechten Hand in den Mund geschaufelt. Noch nie zuvor hatte er einfach so Rosinen gegessen. Sie waren köstlich. Stella füllte seine Hand wieder und bediente sich auch daraus. Nach und nach hatten die beiden an dem Nachmittag die ganze Packung Rosinen geleert. Bert füllte immer wieder seine Hand auf und hielt sie vor sich hin, den Ellenbogen auf die Armlehne des Sonnensessels gestützt. Stella und er bedienten sich abwechselnd von den Früchten. Bert freute sich, wenn Stellas Hand sich seiner näherte und er ihre Fingerspitzen auf seiner klebrigen Hand spürte. Irgendwann war die Schachtel leer, die Sonne hinter dem großen Baum verschwunden und Berts Mutter war gekommen, um ihn wieder abzuholen. Kurz darauf kam dann die Scheidung von Fritz. Auch später dachte Bert immer wieder an diesen Nachmittag zurück, wenn er Rosinen aß. Ab und zu, wenn er sich schlecht fühlte, kaufte er eine ganze Packung und vertilgte sie alleine. Immer ging es ihm danach besser. Jetzt stand Stella ihm gegenüber und schaute ihn mit klaren Augen an. Er fragte sich, ob ihr dieser Nachmittag auch noch so präsent war, traute sich aber nicht, danach zu fragen. Sie war kleiner, als er sie in Erinnerung hatte. Er tat so, als ob er sich vage an sie erinnerte, und war dabei sehr höflich zu ihr.

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