(2) Sepp Brandel räusperte sich…

Sepp Brandel räusperte sich und raschelte mit dem Tagesspiegel. Er hatte die Zeitung angehoben, als wollte er der Welt draußen vor der Windschutzscheibe die Schlagzeile des Tages verkünden: ‚Queen Mum im Alter von 101 Jahren verstorben‘.

Hubert Schwarz nahm die Zigarette aus dem Mund und strich sich über den Stoppelbart, während er den Rauch zum Seitenfenster hinaus blies. „Warum die Straße komplett sperren? So ein Schwachsinn.“ – „Brennen tut‘s draußen, nicht bei uns. Es läuft nix davon.“ – „Wir haben heute noch viel zu tun.“ – „Da, jetzt geht es doch weiter. Kein Grund zum Stress.“

Hubert schmiss die Zigarette aus dem Fenster. Der Feuerwehrmann, der den Verkehr gestoppt hatte, nahm es kopfschüttelnd wahr, trat aber zur Seite und gab die Straße wieder frei.

Zehn Minuten später kamen sie am Wertstoffhof an. „Fahr nach hinten durch“, befahl Sepp, „zwischen Holz und Papier. Da ist was frei.“ Hubert manövrierte den Lieferwagen in Stellung. Sepp zog sich die Handschuhe an und ging um den Wagen. Er öffnete die Doppeltür und schaute prüfend ins Innere. „Du nimmst die Bettteile, die kommen in den Sperrmüll“, wies er Hubert an. „Die Stühle auch. Die Kommode nehmen wir gemeinsam danach. Ich schau nochmal die Bücher durch, ob davon noch etwas zu gebrauchen ist.“

Hubert hatte schon angefangen, die Seitenteile des Betts aus dem Stapel zu ziehen und neben dem Wagen aufzustellen. Sepp öffnete die Schiebetür an der Seite und beugte sich über die Bananenkiste mit den Büchern des alten Herrn. Einige hob er heraus, fächerte sie auf, schüttelte sie und legte sie zur Seite. Beim dritten Buch fiel ein Foto heraus und flatterte auf den Asphalt. Sepp hob es auf. Ein alter Abzug, in Schwarz-Weiß und ziemlich vergilbt. Rechts ein Mann mittleren Alters im dunklen Anzug mit feiner dünner Krawatte, einer runden Brille, den Arm etwas angewinkelt, in der Hand eine qualmende Zigarette. Er grinste wie ein Schuljunge, den man bei etwas Verbotenem erwischt hatte. Er schaute zwar in die Kamera, aber das Grinsen musste mit der Frau links neben ihm zu tun haben. Sie war viel jünger als er. Sie trug einen schulterfreien, tief ausgeschnittenen schwarzen Samtbody, weiße Manschetten an den Handgelenken, am Hals einen Kragen mit angedeuteter Fliege und auf dem Kopf einen Haarreifen mit Hasenohren. Sie zeigte ein offenes Lächeln und schien glücklich.

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