(195) Ärzte, Versicherungsvertreter, Anwälte… Vorvernissagepublikum vom Feinsten.

‚Ärzte, Versicherungsvertreter, Anwälte… Vorvernissagepublikum vom Feinsten‘, dachte Carly, als sie in einem Zug alle Räume der Ausstellung durchschritt. Künstler waren hier nicht zu finden, nur Leute, die selbst schon museal waren und nur als Alternative zu Oper oder Lions-Club hierherkamen. Um eine noch feinere Abstufung der gesellschaftlichen Strahlkraft zu erreichen, würde es bald auch die Vor-vor-Vernissage geben. Sie holte ihren Mantel wieder an der Garderobe ab und zog ihn über ihr schwarzes Kleidchen. Der Besuch war kurz und ohne Vergnügen gewesen.

Auf der Straße sah sie gerade, wie Domenik Schrader, genannt ‚Dodo‘, in ein Taxi stieg. Sie schubste seinen Hintern in hellbraunen Cordhosen hinein und drängte sich hinter ihm in den Wagen. Erstaunt blickte er sie an und sagte dann: „Carly, wie schön. Fährst du auch zu Schönberg?“ – „Hallo Dodo“, antwortete sie, „natürlich, lass mich dir Gesellschaft leisten.“

Dodo war eine Legende, ein gescheiterter Alkoholiker mit Kunstproblem, wie er der Klischeekiste eines Boulevard-Journalisten hätte entstiegen sein könnte. Immer noch eine spitze Zunge und keine Angst vor niemandem. ‚In der Gosse liegen und die Sterne gucken‘, war sein Motto. Sie stiegen bei der Galerie Schönberg aus und waren gleich im Vernissage-Getümmel.

Schönberg war gerade beim letzten Absatz seiner Künstlerlobhudelei angekommen, denn er hielt nur noch eine seiner blauen Karteikarten in der Hand.

„Neugier und Ehrgeiz sind zwei der wichtigsten Werkzeuge seines Schaffens. Sein Ziel ist es nicht, Ordnung zu formen, sondern es ist seine Absicht, dem Chaos und seiner sich verändernden Energie Gesta1t zu geben.“

Dodo trat auf Schönberg zu, packte seine Hand, näherte seinen Mund Schönbergs Ohr und schrie, dass es jeder im Raum hörte: „Höschenschnüffler! Du bist der Höschenschnüffler der Kunst!“ Schönberg hielt sich schmerzverzerrt das Ohr zu und stieß Dodo kopfschüttelnd weg. Einige andere alte Recken schlugen Dodo lachend auf die Schulter, worauf er sich zu ihnen wandte und schrie „Ihr seid auch nicht besser! Ihr habt kein Geld und malen könnt ihr auch nicht.“

Carly hatte schon während Schönbergs Rede Augenkontakt mit dem Künstler aufgenommen. Sie stand jetzt neben ihm und teilte eine Zigarette mit ihm. Er könnte, so dachte sie, ein weiteres Stück in ihrer persönlichen Sammlung werden.

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