(193) Nichts liebte Andreas Hunold mehr als Motorradfahren.

Nichts liebte Andreas Hunold mehr als Motorradfahren. Bei langen Ausflugsfahrten, die er alleine unternahm, konnte er vollständig abschalten. Das brauchte er auch, denn sein Beruf als Psychotherapeut war oft sehr hart. Natürlich zog er eine Linie zwischen Arbeit und Freizeit. Aber es gelang ihm oft nicht. Allein die Tatsache, dass er Juliane geheiratet hatte, war ein Beleg dafür, denn Juliane war als Patientin zu ihm gekommen.

Aber wenn Andreas auf seiner Yamaha TDM900A unterwegs war, hatte er den Job hinter sich gelassen. Oft blieb er für ein ganzes Wochenende weg, übernachtete in einer billigen Pension und fuhr am nächsten Tag wieder nach Hause. Juliane verstand es, dass er diese Auszeiten brauchte. Natürlich hatte er ein schlechtes Gewissen, sie alleine zu lassen, denn damit hatte sie besonders Schwierigkeiten. Aber wenn er im Sattel saß, vergaß er es schnell.

An diesem Wochenende war er wieder einmal seine Lieblingsstrecke gefahren, die 56 Kehren der Hochalpenstraße zum Großglockner hinauf. Übernachtet hatte er danach in der Tauernstüberlpension in Zell am See. Jetzt war er auf dem Nachhauseweg.

Was Andreas Hunold zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnte, war, dass er sich am Vortag beim Mittagessen in einer Autobahnraststätte einen Norovirus eingefangen hatte. Der heimtückische Virus lauerte in einem Schmierfilm auf einer Ketchup-Flasche, die Hunold anfasste. Nachdem er Pommes mit Fingern gegessen hatte und sich danach diese Finger ableckte, kam der Virus in seinen Mund und richtete sich in Hunolds Körper häuslich ein.

Während Hunold auf der Autobahn mit 191 Stundenkilometern heimwärts unterwegs war, kämpfte sein Körper gegen den Eindringling, ohne dass es Hunold bewusst war. Er genoss das schöne Wetter, den angenehmen Fahrtwind und das geringe Verkehrsaufkommen auf der Autobahn. Als sich sein Zwerchfell kurz verkrampfte, fragte er sich, woher jetzt dieser Schluckauf herkam. Dann fühlte es sich an, als ob sein Magen sich zusammenballte und dann ruckartig expandierte. Der Schließmuskel der Speiseröhre erschlaffte. Der gesamte Mageninhalt von Andreas Hunold wurde unter großem Druck nach oben gepresst und schoss von innen gegen das Visier seines Nolan N71-Motorradhelms.

Hunold bremste, konnte aber nicht mehr erkennen, wie schnell er noch fuhr und wo er hinsteuerte. Er versuchte, das Visier nach oben zu schieben, musste aber wieder beide Hände an den Lenker legen, weil er spürte, dass er das Gleichgewicht verlor. Sein Magen ballte sich wieder zusammen. Das Erbrochene brannte ihm in den Augen.

Er steuerte das Motorrad an die rechte Seite und testete mit dem Fuß, wie schnell er noch war. Allerdings begann an der Stelle eine Brücke und Hunold fuhr genau auf die Stelle zu, hinter der eine Böschung 30 Meter in die Tiefe führte.

Er war auf der Stelle tot.

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