(192) Jetzt war es an Christian, seine Brieftasche hervorzuziehen…

Jetzt war es an Christian, seine Brieftasche hervorzuziehen und ein Foto auf den Tisch zu legen. Es zeigte ein junges, blondgelocktes Mädchen mit einem Samtumhang um die Schultern, einem Diadem auf der Stirn und einem Zepter in der Hand. „Eine Prinzessin? Der Traum der Kapitalisten?“, fragte Wassili mit hochgerissenen Augenbrauen.

Christian erzählte von Heike, seiner Jugendliebe. Auf dem Foto war sie gerade Schönheitskönigin geworden in ihrer Heimatstadt. Er hatte Heike lange vorher gekannt und mit ihr auch seine Unschuld verloren. Für ihn war sie auch heute noch die perfekte Frau: schön, zärtlich, aber auch witzig und sehr zuverlässig. Na ja, zumindest bis sie Schönheitskönigin wurde. Dabei hatte Christian ihr überhaupt vorgeschlagen, bei der Wahl mitzumachen. Anfangs wollte sie nicht, aber dann ließ sie sich von ihm überreden.

Sie gewann. Danach stieg ihr der Ruhm zu Kopf. Viele Männer interessierten sich für sie und sie genoss es, im Scheinwerferlicht zu stehen. Auf einmal war Christian ihr nicht mehr genug. Er war damals blind vor Liebe gewesen und es mangelte ihm an Selbstrespekt.

Irgendwann hatte Heike keine Lust mehr, ihn mit Ausreden abzuspeisen, sondern sie sagte ihm, dass er in ihren Augen nur ein Würstchen sei, nichts im Vergleich zu den Männern, die sie jetzt kennen lernte. Erst da begriff er, dass er sie verloren hatte.

„Ja, die Monarchie ist Ausbeutung, das sagte schon Lenin“, pflichtete Wassili ihm bei. „Was geschah dann mit deiner Heike?“ Christian wusste es nicht, sie waren nicht in Kontakt geblieben. „Du trägst immer noch ihr Foto in deiner Brieftasche, sie bedeutet dir noch etwas. Geh‘ und suche sie. Vielleicht wirst du sie aus dem Weltraum entdecken und ihr zuwinken.“ – „Und du“, entgegnete Christian, „was würdest du mit Patty Hearst machen, wenn sie zu dir käme?“ – „Natürlich kapitalistische Banken überfallen. Nastrovje!“

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