(192) Hanna Gerlach hatte nicht damit gerechnet, Juliane Starke im Café anzutreffen.

Hanna Gerlach hatte nicht damit gerechnet, Juliane Starke im Café anzutreffen. Und doch saß sie da, alleine an einem Tisch am Fenster und starrte in ihren Kamillentee. Hanna überlegte, ob sie wieder gehen sollte, aber dann hatte Juliane sie auch schon entdeckt und sie musste sich zu ihr an den Tisch setzen.

Augenscheinlich hatte Juliane in der Zwischenzeit etwas aus ihrem Leben gemacht, schloss Hanna aus ihrer Kleidung. Allerdings sah sie gerade sehr verstört aus. ‚Genauso wie ich‘, dachte Hanna.

Juliane war nie ihre Freundin gewesen, dafür war sie zu sehr auf Schwester Maria Theophila fixiert gewesen. Arschkriecherin wurde Juliane vor vielen Jahren in diesem Café genannt von Hanna und ihren Freundinnen, die sich hier trafen, wenn die Klosterschule wieder einmal unerträglich geworden war. Eigentlich hassten alle Juliane. Alleine schon, weil sie sich immer freiwillig meldete bei Aufgaben, für die andere zwangsverpflichtet werden mussten. Zum Beispiel um Maria Theophilas Kräutergarten umzugraben oder zusammen mit der Schwester die Bibliothek neu zu sortieren.

„Was machst Du hier? Warum bist du nicht in der Schule?“ Mehr brauchte es nicht und schon fing Juliane an, zu weinen. Damit hatte Hanna nicht gerechnet. Sie hatte Juliane damals niemals weinen sehen. Auch nicht, wenn Hanna und ihre Freundinnen ihr Streiche spielten: ihre Kleidung nach dem Sportunterricht versteckten oder, das war einmal passiert und hatte mächtig Ärger gegeben, sie ins Klo sperrten. Aber Juliane hatte es ihnen auch heimgezahlt und alle verpetzt, die sich mit ihr anlegten. Geweint hatte sie nie. Hanna griff nach Julianes Hand, um sie zu trösten. Es war einfach das Richtige, jetzt. Juliane drückte ihre Hand und schluchzte.

„Ich habe meine ganze Schulzeit vergeudet. Nichts ist davon übrig geblieben. Du hast deine Freundinnen. Ihr wart immer zusammen. Ich hatte niemanden. Ich war in der Zeit völlig alleine.“ – „Aber du hattest doch eine so gute Beziehung zu Schwester Maria Theophila, oder?“ – „Überhaupt nicht“, Juliane sah entrüstet aus. „Sie war nur die Einzige, die mit mir redete.“

Hanna wusste nicht, was sie sagen sollte. Jeder hatte wohl eine unterschiedliche Sichtweise auf diese Zeit. „Und warum bist du nicht drüben in der Schule?“ – Juliane schluchzte wieder. „Ich konnte nicht. Es hat mir sofort wieder gezeigt, wie alleine ich damals war. Genauso wie jetzt.“ Hanna wollte sie ablenken. „Hast du nie geheiratet?“ – „Doch. Aber Andreas ist tot.“ Hanna entschuldigte sich. „Das tut mir leid. Was ist denn passiert? Wenn du darüber reden willst…“ – „Ist schon in Ordnung“, antwortete Juliane mit erstickter Stimme. „Es war ein tragischer Motorradunfall…“

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