(191) Hanna Gerlach hatte lange überlegt, was sie anziehen sollte.

Hanna Gerlach hatte lange überlegt, was sie anziehen sollte. Sie entschied sich für Rock und Bluse in der Art der alten Schuluniform. Das fand sie passend für den Tag der Offenen Tür an ihrer alten Schule. Sie hatte die Nonnenschule seit damals nicht mehr besucht. Es waren keine schönen Jahre gewesen. Jetzt hatte ihr Therapeut ihr geraten, die Gelegenheit anzupacken und ihre Ängste zu konfrontieren. Am meisten Angst hatte sie vor Schwester Maria Theophila, ihre Klassenlehrerin, die mehr als einmal mit dem Lineal auf ihre Hände eingedroschen hatte.

Schon als Hanna sich der Pforte näherte, hatte sie Herzklopfen. Als sie erkannte, dass hinter der Tür ein Tisch stand und an diesem Tisch Schwester Maria Theophila saß, brach ihr der Schweiß aus. Vor der Schwester stand eine Sammelbüchse, davor ein Schild mit ‚Spende‘. Natürlich wurde immer noch jede Gelegenheit genutzt, um Geld einzutreiben. Dann stand Hanna vor dem Tisch. Maria Theophila musterte sie. „Guten Tag, Schwester“, sagte Hanna. Maria Theophila schaute sie wortlos an. Um die Zeit zu überbrücken, fummelte Hanna in ihrer Handtasche und suchte nach der Geldbörse, konnte sie aber nicht finden. Sie nahm die Handtasche von der Schulter und suchte. Den Inhalt auf den Tisch auskippen konnte sie ja nicht. Aber auch so: Die Geldbörse war verschwunden. War sie gestohlen? Was würde Maria Theophila sagen? Hanna hatte die Vision, wie die Nonne das Lineal hervorzog und Hanna vor sich knien ließ. „Hanna, Hanna Gerlach!“, sagte die Schwester dann. Ihr Gesicht hatte sich zu einem Lächeln umgeformt. „Jetzt hat es aber lange bei mir gedauert. Wie schön, dich wiederzusehen!“ Hanna war verwirrt. „Meine Geldbörse ist gestohlen worden“, stammelte sie. Aber die Schwester war aufgestanden und hatte sie in die Arme genommen. „Ich habe vor ein paar Tagen noch an dich gedacht und mich gefragt, ob du kommen würdest, Hanna.“

Die ehemalige Schülerin musste erzählen, was sie jetzt so machte und Maria Theophila schien sich wirklich zu freuen, sie zu sehen. Dann kam eine andere Schwester, die so jung war, dass Hanna sie nicht mehr kannte. Sie sagte, dass der Herr Prälat jetzt ein paar Worte sagen würde und dass sie doch bitte in die Aula kommen sollten.

Hanna sagte, dass sie nur noch schnell ein paar Meter zurückgehen wollte, um zu sehen, ob sie ihre Geldbörse verloren hatte. Sie würde nachkommen.

Als sie wieder vor der Pforte war, ging sie eine Straße weiter, zu einem Café, das sie schon damals verbotenerweise mit Freundinnen besucht hatte. Sie zitterte am ganzen Körper. Maria Theophila war vielleicht altersmilde geworden und hatte alles vergessen, was sie Hanna damals angetan hatte. Aber das machte es für Hanna noch schlimmer. Es war, als ob sie jetzt auch noch wegen ihrer Angst ausgelacht wurde.

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