(190) Das ‚Taschen-Projekt‘ schleppte Kurt Kessler schon lange mit sich herum.

Das ‚Taschen-Projekt‘ schleppte Kurt Kessler schon lange mit sich herum. Friedrich fand es völlig undiskutabel. Immer wenn Kessler nicht vorankam oder sich vor der Arbeit drücken wollte (was oft genau dasselbe war), fing er mit dem Taschen-Projekt an. Vielleicht machte er es auch nur, weil er damit Friedrich quälen konnte.

Das Taschen-Projekt bestand darin, einen Taschendieb zu verpflichten. Es musste ein sehr guter, erfahrener Taschendieb sein. Zusammen mit dem Künstler, einem Fotografen und einem Träger würde der Taschendieb durch die Straßen einer Großstadt gehen. Der Künstler würde Passanten auswählen und dem Taschendieb zeigen. Als Zusatzinformation wurde dem Dieb ein Aufbewahrungsort genannt, zum Beispiel Hosentasche vorne linke oder Handtasche usw. Der Taschendieb würde dann der Zielperson folgen und etwas aus der betreffenden Tasche entwenden. Alternativ konnte der Taschendieb, sofern möglich, auch die ganze Tasche stehlen. Parallel dazu würde der Fotograf eine Aufnahme der Person vor und nach dem Diebstahl machen. Außerdem war es notwendig, auch den Moment festzuhalten, in dem die Hand des Taschendiebes in der Tasche des Passanten steckte. Jeder Versuch, bei dem der Fotograf dies nicht schaffte, zählte nicht.

Jeder Fund wurde separat in einer Plastiktüte verpackt und dem Träger übergeben. Nach vier Stunden dieser Teamarbeit traf sich das Team an einem sicheren Ort, um die Beute zu sichten. Dafür gab es ein paar Regeln:

  • Alle Gegenstände wurden einzeln auf einer weißen, immer identischen Unterlage fotografiert.
  • Sofern ein Gegenstand aus unterschiedlichen Einzelteilen bestand, wurden diese voneinander getrennt und selbst auch fotografiert. Dies geschah so oft es notwendig war, bis der Gegenstand in seine existenziellen Teile zerlegt war. Allerdings durfte kein Gegenstand dauerhaft zerstört werden.
  • Bargeld wurde zwischen den vier Mitgliedern des Teams verteilt. Es diente, die Zeitaufwendung und die Auslagen zu decken. Gab es allerdings normabweichende Merkmale, zum Beispiel auf Geldscheinen, dann wurden diese genau wie Gegenstände behandelt und dem Kunstwerk integriert.
  • Ausweise, Schmuck, Geld-, Kreditkarten und andere Wertgegenstände wurden aufbewahrt und vom Künstler nach Gutdünken eingesetzt.
  • Alle anderen Gegenstände wurden nach dem Fotografieren zerstört, es sei denn, der Künstler fand eine alternative Verwendung dafür.

Nach Ablauf der Aktion standen dem Künstler für jedes Opfer Fotos vor, während und nach der Tat zur Verfügung sowie Fotos der entwendeten Gegenstände sowie einzelne Gegenstände selbst. Abwechselnd meditierte der Künstler über den so gewonnenen Erkenntnissen und entwickelte eine Geschichte zu jedem Opfer. Jede Geschichte wurde aufgezeichnet, stenografiert, korrigiert und auf große Ausstellungskarten aufgezogen. So hing die Geschichte neben den Fotos und Gegenständen in der Ausstellung.

Es war nicht geplant, die Opfer über den Kunstakt aufzuklären, sie zu entschädigen oder auch nur zu informieren. „Warhol war ein Trottel“, sagte Kessler. „Ich schenke dem Menschen die weitest mögliche Anonymität im Rahmen der Diktatur der Kunst. Man wird mir noch auf Knien danken.“

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