(189) Moais heißen die bekannten Skulpturen auf der Osterinsel.

Moais heißen die bekannten Skulpturen auf der Osterinsel. Die größte aufgerichtete Statue misst 9,8 Meter. Diese Größe wollte Kurt Kessler mit zehn Metern unbedingt übertreffen. Dreieinhalb Meter unter der Erde, sechseinhalb Meter über der Erde. Allerdings wollte er etwas anders machen: „Ich will den Moai vom Fuß auf den Kopf stellen!“ Deshalb sollte der Kopf des Moai unter die Erde und der Rest über die Erde. Von den Proportionen stimmte es. Allerdings, so hatte Roman Friedrich als Galerist des Künstlers eingewendet, war der Kopf bei den Moais das Ausdrucksvollste und daher sei es doch schade, gerade diesen Teil unter die Erde zu stecken. Kessler meinte daraufhin nur: „Bist du der Künstler oder bin ich es?“ Seit seiner Einzelschau in Bilbao war Kessler noch exzentrischer geworden und Friedrich fragte sich nach jedem Treffen, warum er sich das antat.

Als Standort für sein Moai-Projekt hatte Kessler eine Brache in der Cuvrystraße/ Ecke Schlesische Straße gewählt. Es hatte Roman Friedrich viel Zeit gekostet, Kurt Kessler auszureden, den Moai aus einem einzigen Block Wünschelburger Sandstein heraushämmern zu lassen. Man einigte sich auf Stahlbeton, der günstiger war und sich schneller verarbeiten ließ.

Zuerst wurde ein großes sieben Meter tiefes Loch ausgehoben. Seitdem war Kessler mit je einer Gruppe Stahlbauer und Zimmerleute am Werk. Die Stahlbauer errichteten das Gerippe aus Bewehrungsstahl und die Zimmerleute bauten die Verschalung. Gegossen sollte der Beton am Ende in einem Vorgang, um Kessler die Idee zu lassen, dass der Moai aus einem Stück gebaut sei.

Gert Oldenburg, ein sechzigjähriger Polier, der sich im Namen von Roman Friedrich um die Organisation der künstlerischen Baustelle kümmerte, hatte Friedrich angerufen und ihm gesagt, dass die Arbeit wieder einmal ruhe. Friedrich sagte, dass er im Laufe des Tages nach dem Rechten schauen würde.

Als der Galerist auf der Baustelle ankam, standen die Arbeiter um einen Grill herum und aßen Bratwürste. Oldenburg zeigte auf den gelben Baucontainer am Rande der Grube. Friedrich nickte und ging zum Container. Innen war es fast komplett dunkel, denn die Rollläden waren heruntergelassen. Nur durch die offene Tür kam Licht herein. Kessler saß am Tisch, den Kopf auf der Platte. Er schnarchte. Friedrich setzte sich zu ihm und klopfte auf die Tischplatte. Ruckartig richtete sich Kessler auf und schaute Friedrich verdutzt an. Sabber lief ihm aus dem Mund. „Wie geht’s, Kurt?“

Kessler fing an, sich zu beklagen: Die Arbeiter respektierten ihn nicht; der Moai war zu klein; der Standort war schlecht, man sollte die Straßen sperren; Beton war der falsche Werkstoff, es müsste auf jeden Fall Basaltgestein sein…

Friedrich hörte sich die Klagen seines Künstlers an. Niemals hatte Kessler Selbstzweifel. Immer waren es die Anderen, die seine Kunst erschwerten. Aus Erfahrung wusste Friedrich, dass Kessler immer wieder diese Durchhänger hatte und dass sie Teil des Kunstwerks waren, das daraus entstand. Friedrich hatte vieles versucht, um Kessler in diesen Fällen zu reaktivieren. Nichts half, man musste Geduld haben. Er redete dem Künstler zu wie einem Kind, das entmutigt war. Für sich selbst nannte Friedrich diese Gespräche ‚Blue-Sky-Sessions‘. Gerade als er dachte, Kessler wieder aufgerichtet zu haben, fing dieser mit dem ‚Taschen-Projekt‘ an. Das war ein schlechtes Zeichen.

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