(188) Die Erben von James Joyce haben etwas dagegen…

„Die Erben von James Joyce haben etwas dagegen, dass ich ein Foto ausstelle, auf dem Marilyn Monroe Ulysses liest?“ Roman Friedrich war entrüstet. Monatelang hatte er daran gearbeitet, eine Ausstellung von Marilyn Monroe-Fotos zusammenzustellen. Er hatte die besten Aufnahmen von Eve Arnold, einer Vertrauten der Schauspielerin, sichern können – und dann das.

Meinolf Lichtschlag war Friedrichs Anwalt, spezialisiert auf Urheberrechte, Versicherungen und alles, was man so brauchte, um im Kunstbetrieb nicht unterzugehen. Er war ein Mann, der mit Anfang Vierzig sehr besonnen aussah und dies nutzte, um in Verhandlungen verwegen gute Ergebnisse zu erzielen.

„Ich weiß nicht, Roman, ob sie etwas dagegen haben, aber sie verbieten es dir. Ich schlage vor, dass wir erst einmal reden, bevor wir ergründen, wie unsere Rechtssituation steht. Ich habe einen Telefontermin ausgemacht und hätte gerne, wenn du dabei zuhörst. Der Termin wäre jetzt. Ist das in Ordnung?“ Roman nickte und überließ Lichtschlag seinen Bürostuhl. Während der Anwalt die Nummer wählte, kam Chiara, Friedrichs Assistentin herein und gab ihm einen Umschlag. „Ein Mann steht draußen, hat das abgegeben und will, dass du einmal reinschaust. Eher geht er nicht weg.“ Roman seufzte und öffnete den Umschlag. Wieder ein Verrückter, der glaubte, dass die Welt nur auf seine Kunst gewartet hatte. Im Umschlag waren Fotoaufnahmen, die eine nicht mehr ganz frische Frau zeigten, die in einem Abklatsch von billiger Dekoration berühmte Aktgemälde nachstellte. Roman war sich nicht sicher, ob die Aufnahmen ironisch gemeint sein könnten. Cindy Sherman im Trümmerschick, vielleicht. Er fragte nach, wie der Mann aussah. „Etwa Fünfzig. Sieht aus wie ein Arbeiter. Ganz normal.“ Angeekelt gab Roman ihr den Umschlag zurück und schüttelte den Kopf. Der Mann meinte es ernst, das ging gar nicht.

In der Zwischenzeit hatte Lichtschlag seinen Gesprächspartner am Apparat und schaltete den Lautsprecher ein. Er erklärte dem Vertreter der Erben von James Joyce, dass sein Mandant eine angesehene Galerie betreibe, die eine Fotoausstellung plane, in der das besagte Foto von Eve Arnold gezeigt werden sollte. Der Erbenvertreter sagte in einer monotonen Stimme, dass man dagegen mit aller Härte vorgehen werde. „Warum?“, fragte Lichtschlag. Weil man das Ansehen des großen irischen Dichters bewahren wolle. „Das verstehe ich nicht“, sagte Lichtschlag. Der Erbenvertreter erläuterte noch einmal seinen Standpunkt, worauf Lichtschlag weiter nachfragte. Das ging einige Zeit so weiter. Während Lichtschlags Stimme immer das gleiche freundliche Timbre hatte, wurde seine Gegenpartei immer gereizter und schrie schließlich ins Telefon: „Weil wir nicht wollen, dass es so aussieht, dass ein Buch von James Joyce von so einer Schlampe gelesen wird, Sie Nazi!“ Lichtschlag zwinkerte Friedrich zu. „Jetzt hören Sie mal, mein guter Mann. Wenn Sie eine solche Sprache an den Tag legen, kann ich Sie ja gar nicht ernst nehmen. Vielleicht sollte ich mit jemand anderem telefonieren. Einen schönen Tag.“ Lichtschlag legte auf. „Jetzt werden wir mal sehen. Erst einmal zermürben. Am Ende wird er das Foto freigeben, einfach um nicht mehr mit mir reden zu müssen.“ Friedrich bedankte sich. „Ich muss los. Kurt Kessler wartet auf mich.“ – „Oh, was hat er dieses Mal ausgefressen?“ – „Er baut einen Moai in Kreuzberg.“ – „Interessant. Soll ich gleich mitkommen oder willst du, dass es noch teurer wird?“ – Nein, Meinolf. Ich hoffe, das wird dieses Mal nicht nötig sein.“ Lichtschlag spitzte ungläubig die Lippen und legte den Kopf zur Seite.

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