(187) Raimund Horstel arbeitete zwar am Hochofen, aber seine Liebe gehörte der weiblichen Form.

Raimund Horstel arbeitete zwar am Hochofen, aber seine Liebe gehörte der weiblichen Form. Sein Hobby bestand darin, Frauen in schöner Unterwäsche zu fotografieren. Das erzählte er Eva, nachdem sie sich umgezogen hatte. Er zeigte ihr auch Fotos, die er geschossen hatte. „Hattest du was, mit all diesen Frauen?“, fragte Eva. „Nein, wo denkst du hin! Ich schaue nur und mache Fotos.“ Eva fand die Fotos sehr geschmackvoll und sagte es Raimund auch. Er war geschmeichelt und sagte nach einigem Zögern, dass er sie vorhin in dem Body sehr reizend gefunden habe. Ob sie denn Lust hätte, für ihn zu posieren? Dies wiederum schmeichelte Eva, denn Leo hatte nie Fotos von ihr gemacht. Zugegebenermaßen war das mit einer Hand auch nicht so einfach. Sie willigte ein, wollte aber selbst die Wäsche aussuchen, die sie dabei trug.

Am nächsten Tag hatten sie ihre erste Fotosession. Als sie nachher die Bilder auf Raimunds Laptop anschauten, war Eva richtig stolz und Raimund strahlte, als ob er sechs Richtige im Lotto hätte.

Von da an verbrachten sie viel Zeit bei der Planung und Durchführung der Aufnahmen. Eva hatte selbst Ideen und Raimund war sehr offen, das auszuprobieren, was sie vorschlug.

Eines Tages hielt Eva Raimund eine Zeitschrift hin, die von einer Kunstausstellung mit dem Titel ‚Aktmalerei‘ berichtete. Darin war ein Abbild der großen Odaliske von Ingres. „Was wäre, wenn wir in deinen Fotos berühmte Gemälde nachstellten?“ Raimund nahm die Zeitschrift, schaute das Bild an und sagte: „Würdest du mitmachen?“ – „Aber ja!“

Sie fingen gleich an zu planen, was sie zur Dekoration brauchten und wie sie es beschaffen konnten. Eva kümmerte sich um die Stoffe, Raimund bastelte einen Pfauenwedel und eine Pfeife. Als Eva sich schließlich auszog, um sich für Raimund und seine Kamera zu positionieren, spürte sie keine Scham, obwohl es das erste Mal war, dass sie sich Raimund nackt zeigte.

Als sie später die Fotos ansahen, hatten sie das Gefühl, etwas Neuartiges zu vollbringen. Sie beschlossen, mit anderen Gemälden weiterzumachen. Gemeinsam stellten sie eine Liste auf. Darunter war Die Sünde (Franz von Stuck), Die Venus von Urbino (Tizian), Venus mit Spiegel (Velázquez), Die nackte Maya (Goya), Die Odalisque (Boucher), Die Badende von Valpençon (Ingres), Die Quelle (Courbet), Danae (Tizian) und Venus bindet ihr Haar (Godward). Die Toilette der Venus von Rubens und den Ursprung der Welt von Courbet lehnte Eva allerdings ab, wofür Raimund Verständnis zeigte.

Nach einem Jahr harter Arbeit hatten die beiden ein Portfolio zusammengestellt, das sie mit Stolz und Freude erfüllte. „Du solltest die Fotos ausstellen“, sagte Eva. Nachdem sie ihm über Wochen zugeredet hatte, erklärte sich Raimund bereit, das Portfolio Galeristen zu zeigen.

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