(185) Im Prinzip liebte Lutz Kunz seine Tochter Eva über alles.

Im Prinzip liebte Lutz Kunz seine Tochter Eva über alles. Deshalb hatte er auch eingewilligt, als sie diesen einhändigen Apotheker heiraten wollte. Schon damals kam Leo Warnke ihm wie Fallobst vor. Immerhin hatte Kunz damit gerechnet, dass er sie ernähren konnte, der Herr Akademiker. Für Mathilde war es ja das Tollste überhaupt, dass ihre Tochter etwas Besseres heiratete. Etwas Besseres! Das war nur der Schein. Warum sollte ein Apotheker besser sein als ein Hochofenarbeiter? Aber, wie gesagt, er liebte seine Tochter, denn sie sollte es einmal besser haben.

Das war auch der Grund gewesen, warum er ihr seine Ersparnisse anvertraut hatte, als ihr Mann sich eine neue Niere kaufen wollte. Das war der größte Fehler überhaupt gewesen. Hätte der Herr Apotheker doch krepieren sollen, das hätte seine Tochter eine Zeitlang betrübt, aber dann hätte sie einen besseren Kerl gefunden. Aber so? Das Aas bekam eine neue Niere, war plötzlich fein raus. Übermütig wurde er, als er nicht mehr zur Dialyse musste und nicht mehr Diät halten brauchte. Bumste seine Assistentin und wollte sich scheiden lassen, weil Eva ihm nicht mehr gut genug war! Eva ließ sich abspeisen mit der Wohnung und die 200.000 Euro, die Kunz ihr für die Niere geliehen hatte, waren einfach weg. Eva hatte keinen Job, Altersversorgung versaut. Mathilde geschockt von der ganzen Sache. War gehemmt, mit ihren Bekannten darüber zu reden. Alle tuschelten hinter ihrem Rücken. Natürlich musste sie zu einer anderen Apotheke gehen, sie konnte es nicht aushalten, Leo oder seiner Schnalle unter die Augen zu kommen.

Kunz hatte daran gedacht, Leo anzuzeigen, denn die Nierensache war natürlich völlig illegal gewesen. Samt der OP, die mit ihren seltsamen Umständen in der Türkei stattfand. Aber dann hatte Eva ihn gebeten, nichts zu tun, denn sie hatte den Kontakt zu dem Vermittler geknüpft. Sie wäre genauso darin verwickelt gewesen wie Leo. Und diese Organhändler waren bestimmt nicht zimperlich. Da kam es bestimmt auf eine Leiche mehr oder weniger nicht an. Einer hatte eine neue Niere bekommen und alle anderen hatten verloren. So war das.

Das einzige, was Kunz noch für seine Tochter machen konnte, war, ihr einen Untermieter zu vermitteln. Raimund Horstel war Vorarbeiter am Hochofen, unverheiratet und suchte eine neue Bleibe, nachdem seine bisherige Vermieterin verstorben war. Evas Wohnung war groß genug und Kunz dachte auch daran, dass seine Tochter und Horstel aneinander Gefallen finden könnten. Das Gehalt eines Vorarbeiters war nicht schlecht und damit wäre es zumindest nicht völlig ausgeschlossen, dass ein Teil des Kredits zurückgezahlt würde.

Eines Tages, nach Ende der Frühschicht, kam Kunz mit Horstel auf einen Kaffee bei Eva vorbei. Kunz hätte sich gewünscht, dass Eva sich etwas herausgeputzt hätte, anstatt im Jogginganzug auf dem Sofa abzuhängen. Aber Horstel schien das nicht zu stören. Er schaute sich das Zimmer an, das Bad und das Klo und als er neben Eva aus dem Sofa saß und Kaffee trank, zeigte er sich interessiert, das Zimmer zu beziehen. Kunz führte die Preisverhandlung, wobei er einerseits darauf achtete, ausreichend Miete zu erzielen, damit Eva davon leben konnte, andererseits es aber nicht überziehen wollte, denn immerhin war Horstel Vorarbeiter und damit Kunz vorangestellt. Horstel akzeptierte die Vorstellung von Kunz, was diesen zu der verspäteten Erkenntnis brachte, dass er auch mehr hätte verlangen können. Es war zu spät. Die Männer schlugen ein und Eva lächelte Horstel an.

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