(171) Rob brauchte ein Verlobungsgeschenk für Viktor Leitner, seinen besten Freund.

Rob brauchte ein Verlobungsgeschenk für Viktor Leitner, seinen besten Freund. Deshalb ging er in einen Geschenkeladen. Er stöberte herum und entschied sich schließlich für eine Salatschüssel samt Besteck. So etwas besaß Viktor nicht. Kein tolles Geschenk, nur irgendetwas Nützliches zum Auspacken.

An der Kasse fand er eine Postkarte, die aber das Geschenk in seinen Augen aufwertete. Rob blinzelte der Kassiererin schmunzelnd zu, als er alles auf den Kassentisch legte. Auf der Postkarte saß ein Mann im Anzug neben einem Bett, auf dem sich eine sehr leichtbekleidete Dame räkelte. Der Mann schien ihr etwas zu erklären, das er ablas von einem Papier, mit der Überschrift ‚Lebensversicherung Police‘. Auf der Postkarte selbst stand: ‚Er war nicht nur ein unvergleichlicher Frauenheld, sondern auch ein Versicherungsvertreter ohnegleichen.‘

Rob fügte ein paar persönliche Worte hinzu und legte das verpackte Geschenk am Abend der Verlobungsfeier auf den Präsentetisch. Am nächsten Tag packten Olga und Viktor die Geschenke gemeinsam aus. Die Salatschüssel interessierte Viktor nicht, aber er musste sehr über die Postkarte lachen. In der Tat hielt er sich für einen hervorragenden Versicherungsvertreter und Schlag bei den Frauen hatte er auch. Lachend reichte er die Postkarte weiter an Olga. Sie las Robs Widmung, schaute die Karte an und fing an zu weinen. Viktor, der schon das nächste Geschenk auspackte, noch ein Toaster, bemerkte es zuerst nicht. Als er es bemerkte, hatte er die Karte schon vergessen.

Er drängte Olga zu einer Erklärung. Sie weinte weiter. Viktor fragte sich, was der Auslöser sein könnte, aber ihm fiel nichts ein. Auch auf erneutes Fragen erhielt er keine Antwort von ihr. Irgendwann schluchzte Olga: „Ist es wirklich so, wenn du arbeitest?“ Viktor wusste nicht, was sie meinte. Schließich hielt sie ihm die Postkarte hin. Langsam verstand Viktor. Olga hatte keine Ahnung vom Alltag eines Versicherungsvertreters. Stattdessen war sie dem romantikverfrachteten Klischee verfallen, das immer wieder in schlechten Witzen bemüht wurde. Der Vertreter, der vereinsamte Hausfrauen besuchte, ihnen Policen verkaufte, die sie nicht brauchten und dafür von ihnen Sex bekam, den die Kundinnen selbst am Meisten benötigten. Früher war das vielleicht einmal so. Er dachte an die Witwen von Spätheimkehrern, die sich mit Versicherungsvertretern, Milchmännern oder Postboten emotional über Wasser hielten.

Viktor nahm Olga in den Arm und erzählte ihr von den muffigen Wohnungen, in denen er von unförmigen Matronen empfangen wurde. Er berichtete von beinamputierten Ehemännern, die in Wohnküchen stumm zusahen, wie er die zerknitterten Geldscheine für die Versicherungsprämien einstrich. Die unfreundlichen Worte, die man an ihn richtete, weil ein Schaden, „der erste seit dreißig Jahren“, nicht anerkannt worden war, weil der Vorsatz zu sehr erkennbar war.

„Das ist die Realität“, sagte er, „und sie sieht nicht schön aus.“ Langsam trockneten ihre Tränen. Nachher zerfetzte Viktor die Postkarte und warf sie in den Mülleimer.

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