(170) Der Notar und der Pfarrer hatten gemeinsam nach ihm gesucht.

Der Notar und der Pfarrer hatten gemeinsam nach ihm gesucht. Es war nicht wirklich schwer gewesen. Erst fand Louis Niemeyer eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter, dann folgte das Telefonat mit Pfarrer Heber.

Was Heber ihm über seinen Vater erzählte, passte nicht mit Louis‘ Erinnerungen zusammen. Für ihn war sein Vater ein Mann, der ständig unter Strom stand und für den Gewinnen und Profitmachen die oberste Maxime war. Louis war überzeugt, dass es ihn gebrochen hätte, wenn es nicht zu der Scheidung von Cordt und Mia gekommen wäre. Natürlich war er bei Mia geblieben, mit einer Abfindung recht komfortabel abgesichert.

Anscheinend hatte sich sein Vater im Laufe der Zeit sehr verändert. Der Mensch, von dem Heber sprach, schien Louis gar nicht unsympathisch. Vielleicht hätte er doch den Kontakt suchen sollen. Am Anfang, als er noch selbst suchte, wäre es fatal gewesen. Aber als er den Verlag gegründet hatte und stabil auf eigenen Füßen stand, hätte er es sich erlauben sollen. Nicht dass sein Vater ihn für die Gründung eines Verlags für Spaßpostkarten bewundert hätte. „Postkartenverlag?“, hätte er geschnaubt, „das ist doch nicht dein Ernst?“ Immerhin war es für Louis eine Verbindung zwischen einer vage künstlerischen Beschäftigung und einem Verdienst. Anspruchsvoll war seine Produktion nicht, dafür aber erfolgreich.

Jetzt war er mit einem Schlag sehr reich geworden. Der Pfarrer hatte ihm gesagt, dass es ein Testament gäbe und er der einzige Erbe sei. Diese Möglichkeit hatte er all die Jahre verdrängt. Der Tod seines Vaters war eine biologische Notwendigkeit, aber nicht in Louis‘ Lebensplan vorgesehen. Auf jeden Fall hatte sein Vater an ihn gedacht. Oder er wollte bloß vermeiden, dass alles an den von ihm verhassten Staat gehen sollte. Vielleicht hatte er noch einen Brief an seinen Sohn geschrieben? Er würde hinfahren und sich alles ansehen. Louis fühlte sich verunsichert und war deswegen erstaunt. Er hatte gedacht, dass diese Vergangenheit für immer abgeschlossen sei.

Sollte er Mia davon erzählen? Wenn sie einen lichten Augenblick hatte, würde er es versuchen. Meistens dämmerte sie nur vor sich hin, gehalten von den strengen Ritualen der Einrichtung. Zumindest würde er sie jetzt in ein besseres Pflegeheim bringen können. Zumindest dafür war das Vermögen seines Vaters gut. ‚My father just died and all I got was this lousy postcard‘, ging es ihm durch den Kopf.

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