(17) Was hat er denn?

„Was hat er denn?“ Halling deutete auf den Mann am Tisch vor dem Bandoneonspieler, der in sein leeres Weinglas starrte. Er hatte sich zuerst mit seinem Bier zu Miguel gesetzt und versucht, ein Gespräch zu beginnen. Sein Gegenüber hatte ihn nicht einmal angeschaut. Dann hatte Halling den Tisch gewechselt. „Ich weiß es nicht, ich bin zum ersten Mal hier“, antwortete der Angesprochene. „Carlfriedrich Kleinhempel heiße ich. Aus Carlsfeld im Erzgebirge. Deutschland.“ – „Robert Halling, ursprünglich London, jetzt direkt aus Thailand.“ Er war erfreut, doch noch einen Gesprächspartner zu finden. Kleinhempel war Handelsvertreter von Arnold Bandoneons. „Eigentlich nehme ich nur die Order auf. Den Vertrieb macht fast allein Carlos Gardel für uns“, scherzte er. „Was hat Sie aus Thailand hierher verschlagen?“.

Halling, eigentlich Prof. Halling hätte jetzt Liebeskummer anführen können. Er hatte sich in Thailand in Doro verliebt und nach ihrem Tod brauchte sein gebrochenes Herz einen dringenden Ortswechsel. Prof. Halling war Ornithologe und Doro war ein Doppelhornvogel-Weibchen mit einer schneeweiß gefärbten Iris und langen Wimpern. Sie war zahm und liebte es, auf Prof. Hallings Unterarm zu sitzen und mit ihrem mächtigen Schnabel Beeren aus seinem Mund zu pflücken. Normalerweise werden Buceri bicornis bis zu 40 Jahre alt. Doro starb allerdings nach weniger als einem Jahr in seinem Besitz. Der Ornithologe fühlte sich dadurch zerstört. Wochenlang war er nicht ansprechbar gewesen und seine Kollegen bei dem großen Projekt in Thailand machten sich Sorgen um ihn. Da das Projekt sich nur mit Doppelhornvögeln beschäftigte, wurde Prof. Halling jeden Tag aufs Neue an Doro erinnert.

Hallings Institutsleiter beschaffte ihm die Teilnahme an einem Tukan-Projekt im Nordosten Argentiniens. Er redete zwei Wochen lang auf Halling ein, diese neue Mission anzunehmen. Am Ende sah auch Halling ein, dass seine wissenschaftliche Karriere bei einem Verbleib unter Buceris zu Ende sein würde. Er willigte ein und war gerade in Buenos Aires angekommen. Von dort aus sollte er den Weg nach Nordosten einschlagen, um sich in Posadas, der Hauptstadt der Provinz Misiones, mit dem Expeditionsleiter zu treffen. Prof. Halling erzählte Kleinhempel aber nur von seinem neuen Projekt. Er hätte es würdelos empfunden, mit einem Bandoneon-Vertreter in einer Kneipe über Doro zu reden. Peinlicherweise hätte er sich vielleicht auch noch dazu hinreißen lassen, dem Deutschen Fotos von Doro zu zeigen oder gar die Feder, die er immer bei sich trug. So verabschiedeten sich Kleinhempel und Halling nach zwei Bier voneinander und wünschten sich Glück in ihren jeweiligen Unternehmungen.

Schreibe einen Kommentar