(163) Tilo Kaufmann war von dem Hühnerbaron Luitfried Buchholz als Manager zur besonderen Verwendung eingestellt worden.

Tilo Kaufmann war von dem Hühnerbaron Luitfried Buchholz als Manager zur besonderen Verwendung eingestellt worden. Mit anderen Worten: Er sollte den Absatz von Hühnereiern erhöhen, gerne auch mit unorthodoxen Methoden. Zum Beispiel hatte sich Kaufmann mit dem Verband eingetragener Zirkusclowns in Verbindung gesetzt und angeregt, die bei Auftritten so beliebten Tortenschlachten, durch den Wurf roher Eier zu ersetzen. Dazu hatte es zunächst Pilotversuche gegeben, die aber seitens der Clowns nicht positiv verliefen. Man bemäkelte besonders, dass die Restspuren von Eiern sehr viel schwieriger von Clownskostümen zu entfernen waren als Sahnereste. Erst als Kaufmann einen Vertreter der Waschmittelindustrie in die Gespräche einbrachte, fand sich eine Lösung, die allen Beteiligten zusagte.

Zugegebenermaßen war der Eierverbrauch aller angeschlossenen Clowns gering im Vergleich zum Gesamtverbrauch, aber Luitfried Buchholz setzte auch auf den Multiplikatoreffekt. Er dachte in langen Zeiträumen und war daher auch besonders erfreut über die Bezeichnung „Hühnerbaron“, denn diese Nähe zum Adel war ein Sinnbild für die Ausdauer seiner Bestrebungen.

Bei ihrem wöchentlichen Jour fixe tauschten sich Kaufmann und Buchholz über neue Ideen aus.

„Ich glaube“, erklärte Kaufmann, „dass ich gerade ein ganz besonderes Potenzial an der Angel habe.“ Er erklärte, dass er von einem Vertreter der Punk- und Demoszene angesprochen worden war. Der Vertreter mit dem Decknamen Marlon gab zu verstehen, dass bei Demos der Einsatz von faulen Eiern vorteilhaft sei, aber die Planung und Hortung von Hühnereiern über längere Zeiträume gegen den Gedanken einer spontanen Demonstration lief. Die Idee war daher, dass die Buchholz-Gruppe jeweils ein Kontingent an Eiern aufbewahrte und diese nicht dem Verzehr zuführte, sondern bei Bedarf der Punk- und Demoszene für spontane Aktionen verkaufte.

„Das hat etwas“, meinte Buchholz anerkennend. „Die jungen Leute machen sich Gedanken, das gefällt mir. Wir könnten damit Restposten verwerten, anstatt sie kostspielig zu entsorgen. Die Lagerkosten schlagen eigentlich kaum zu Buche, da wir im Zentrallager Überkapazität haben. Hygienisch kein Problem, solange wir alles auseinanderhalten und natürlich keine befruchteten Eier einlagern. Ich denke, wir können diesen jungen Leuten unsere Produkte unter den Umständen mit einem Rabatt von bis zu 50% verkaufen. Versuchen Sie zunächst 25% Rabatt, Kaufmann. Und dann sehen wir, wo wir landen. Gute Arbeit, Kaufmann, ich wusste, dass Sie der richtige sind. Erst die Sache mit den Clowns, jetzt die Punks. So einer wie Sie hat der Eierwirtschaft lange gefehlt. Wenn ich Sie sehe, denke ich an mich, als ich noch jung war.“ Kaufmann strahlte. Er fühlte, dass er einen Lauf hatte. Er musste jetzt weiter dran bleiben, denn Buchholz hatte keine Nachkommen.

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