(163) Du darfst dir keine Gedanken machen, Francine.

„Du darfst dir keine Gedanken machen, Francine. Manche Leute hier sind so. Wenn die Afrika hören, dann ist das für die so groß wie Klein-Kleckersdorf. Alles nebeneinander.“ Björn half ihr vom Motorrad und nahm ihr den Helm ab. Er hatte Francine zu sich nach Hause eingeladen, weil er bei ihr Anzeichen von Lagerkoller erkannte. Sie musste im Lager leben, während ihr Asylantrag bearbeitet wurde, obwohl sie im Kongo sehr gut Deutsch gelernt hatte. Aber auch die Sprache hatte sie nicht auf das Leben in Deutschland vorbereitet. Wenigstens war es für Francine kein Problem gewesen, als er ihr erzählte, dass er noch bei seiner Mutter lebte. Bei deutschen Frauen war das ein heikler Punkt, meistens sogar ein Beziehungskiller. Dabei war es bei ihm nur reine Bequemlichkeit.

Er klingelte kurz an der Wohnungstür und öffnete dann mit dem Schlüssel. „Hallo Mutter, wir sind hier.“ Er hörte es im Bad rumoren. Er zeigte Francine das Wohnzimmer und ging in die Küche, um Getränke zu holen. Als er zurückkam, stand seine Mutter im Flur und starrte ihn an. Sie war im Bademantel und hatte eingedrehte Lockenwickler im Haar. „Jetzt schon?“, stammelte sie. „Sechs Uhr, wie gesagt. Hallo Mutter.“ Er gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Komm hallo sagen. Doch, doch, sie beißt nicht. Francine, meine Mutter. Mutter, das ist Francine Bemba.“ Die beiden Frauen begrüßten sich. Frau Eisermann genierte sich wegen ihrer Aufmachung und kehrte erst einmal ins Bad zurück, um sich fein zu machen, wie sie sagte.

Bevor sie das Zimmer verließ, gab sie Francine ein Fotoalbum und sagte verschwörerisch: „Erklärungen nachher.“ Als sie hinausgegangen war, fragte Francine: „Was ist das?“. Jetzt war Björn an der Reihe, geniert zu sein. „Es ist ein Fotoalbum mit meinen Kinderfotos. Das musst du dir nicht ansehen…“ – „Aber sehr gerne“, antwortete Francine und schlug das Album auf. Es begann mit einem Foto von Björn als Baby nackt in einer Plastikwanne. Später Björn mit seinem Lieblingsschubkarren. Dann Björn, der dem Weihnachtsmann ein Gedicht aufsagte. Irgendwann Björn bei der Erstkommunion. Francine deutete auf die Kerze und fragte ganz ernst: „Ist das ein Fruchtbarkeitssymbol?“ Erst als Björn keine Antwort darauf einfiel, lachte sie ihn aus.

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