(162) Wir müssen verhindern, dass dieses Gesetz vom Parlament verabschiedet wird.

„Wir müssen verhindern, dass dieses Gesetz vom Parlament verabschiedet wird.“ Eino Degenhardt schaute den sechs Mitstreitern, die an diesem Abend zum Treffen gekommen waren, nacheinander ins Gesicht. Sie nickten alle. Er wollte gerade fortfahren, um die Möglichkeiten des Protests zu behandeln, als es klingelte. Seitdem ein Treffen von der Polizei ausgehoben worden war, hatte Eino vorübergehend seine Wohnung für Treffen zur Verfügung gestellt. Ein anderes Lokal hatte er nicht finden können. Er schaute durch den Türspion und sah Hardi vor der Tür stehen. Er öffnete ihm. Hardi, den Eino aus vielen Demos kannte, kam rein und setzte sich ohne Umstände zu den anderen, die er anscheinend auch schon alle kannte. Das wunderte Eino, denn er selbst hatte zwei der neuen Typen zuvor noch nie gesehen. Egal. „Wie wollen wir demonstrieren?“, fragte Eino. „Wogegen geht’s?“, wollte Hardi wissen. „Gegen die Gesetze zur Aufweichung der Mieterrechte.“ – „Genau“, sagte Hardi, „wir sind dagegen.“ „Wir alle sind dagegen“, antwortete Eino irritiert, „deshalb sind wir ja hier.“ Er war etwas verärgert, dass Hardi einfach auftauchte und völlig unvorbereitet war. Hardi glaubte wohl, dass er mit seiner zugegeben langen Demoerfahrung alles wettmachen konnte.

„Welche Möglichkeiten sehen wir?“ Einer der neuen, der sich als Marlon vorgestellt hatte, schlug vor, Barrikaden aufzuschichten und ein paar Autos in Brand zu setzen. „Das ist nicht schlecht“, Eino wollte nicht zu negativ sein, um das Interesse des Neulings nicht schon im Keim zu ersticken, bevor er etwas beitragen konnte, „allerdings würde ich das eher in der zweiten Phase der Revolution sehen, wenn uns die Unterstützung von breiten Bevölkerungsmassen sicher ist.“

Der Neuling nickte, Eino lächelte, denn bei manchen Leuten ergaben sich aus ähnlichen Wortwechseln abendlange Diskussionen, weil die Leute einfach nicht einsehen wollten, dass sie unrecht hatten.

Hardi sagte: „Ich denke, wir sollten eine ganz einfache spontane Eier-drauf-und-weg-Aktion daraus machen.“

Für die Neulinge erklärte Eino: „Hardi meint, wir sollten zum Parlamentsgebäude gehen, dort mit rohen Eiern und Flugblättern auf das Wachpersonal werfen und bevor die wissen, wie ihnen geschieht, wieder verschwinden.“ Eino überlegte kurz und sagte, dass er die Idee nicht schlecht fand. An der transparenten Wachkabine vor dem Parlament würden die Schlieren aus Eiweiß und Dotter bestimmt gut aussehen. Wenn er vorher ein paar ausgewählte Journalisten informieren würde, wäre das schon eine Meldung in den Abendnachrichten wert.

Marlon streckte tatsächlich die Hand aus, um seine Wortmeldung anzukündigen. „Hier gibt es keine Wortmeldung, Marlon“, sagte Eino, „du kannst einfach sagen, was du denkst.“ – „Wie wäre es, wenn wir faule Eier nehmen würden? Das stinkt noch dazu.“ Hardi schüttelte den Kopf. „Nein, das ist zu kompliziert. Man bekommt einfach keine faulen Eier. Außerdem soll das ja spontan sein und da kannst du nicht vorher Eier bunkern und faulen lassen.“ Marlon nickte, denn er hatte wieder etwas gelernt. Gleichzeitig musste es doch möglich sein, althergebrachte Demomethoden aufzufrischen. Vielleicht gab es ja eine Möglichkeit, Unterstützer zu finden.

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